2.192 (feh1p): Nr. 192 Der Reichsminister des Auswärtigen an den Reichspräsidenten. London, 4. März 1921

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Nr. 192
Der Reichsminister des Auswärtigen an den Reichspräsidenten. London, 4. März 1921

R 43 I/18, Bl. 79–71 Abschrift1

1

Die Abschrift dieses Briefes war an StS v. Haniel gerichtet; über diesen ist sie offenbar in die Akten der Rkei gelangt.

[Betrifft: Bericht des RAM über die ersten Tage der Londoner Konferenz]

Sehr verehrter Herr Reichspräsident!

Das bisherige Gang der Verhandlungen auf der Londoner Konferenz2 hat[516] die Auffassung bestätigt, mit der wir unsere Reise antraten: daß jedes deutsche Angebot von den Alliierten mit Entrüstung zurückgewiesen werden mußte, wenn es nicht Briand erlaubte zu sagen, die Gesamthöhe der Pariser Forderungen sei von den Deutschen angenommen und nur etwa die Art der Zahlung geändert. Auf diese Weise konnte aber der deutsche Gegenvorschlag nicht frisiert werden, wenn wir nicht sofort den Boden für die Abwehr der übermäßigen Ansprüche unserer Gegner verlieren wollten. Diese Konferenz wird die Reparationsfrage nicht endgültig lösen, schon weil sie vor der Abstimmung in Oberschlesien und vor dem Regierungswechsel in Washington begonnen hat3; sie kann höchstens zu einer Verständigung über die deutschen Leistungen während der nächsten Jahre führen. Wir haben kein Interesse daran, gerade jetzt auf eine Beschleunigung der Hauptentscheidung zu drängen.

2

Zum bisherigen Gang der Londoner Konferenz s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 137  f. und DBFP, 1st Series, Vol. XV, p. 216 f. Siehe dazu ferner Dok. Nr. 188 und Dok. Nr. 189.

3

Die Übernahme der amerik. Präsidentschaft durch Harding erfolgte am 4.3.1921 (Schultheß 1921, II, S. 204); die Abstimmung in Oberschlesien sollte am 20.3.1921 stattfinden (Schultheß 1921, II, S. 281).

Es hat in Deutschland Befremden erregt, daß die Delegation in ihre Gegenvorschläge nicht den sogenannten Besserungsschein aufgenommen hat4. Die Gründe hierfür sind die folgenden:

4

Im Rahmen der dt. Gegenvorschläge für die Londoner Konferenz war unter dem Buchstaben B vorgeschlagen worden, die Alliierten an einer wirtschaftlichen Besserung Dtlds. zu beteiligen. Die Ausfuhr wurde von dt. Seite jedoch als ungeeigneter Maßstab für die Besserung der Wirtschaftslage bezeichnet. Stattdessen sollte nach dt. Ansicht eine Kommission damit beauftragt werden, ein Indexschema auszuarbeiten, das die Besserung der Wirtschaftslage in Dtld. richtiger erfaßte. Siehe dazu Dok. Nr. 181, Anm. 9.

In dieser Fassung hatte RAM Simons den Vorschlag eines Besserungsscheins mit nach London genommen; in der endgültig überreichten Fassung der dt. Vorschläge war der Besserungsschein dann jedoch nicht mehr enthalten gewesen. Siehe dazu u. Anm. 6.

Am Abend des 28. setzte sich der Botschafter Sthamer in einer Delegationsbesprechung sehr lebhaft dafür ein, daß wir nicht sofort unsere äußersten Vorschläge machen sollten. Das sei völlig gegen die englische geschäftliche Gepflogenheit, auch schienen ihm die deutschen Angebote an sich äußerst weitgehend. Ich erwiderte, daß ich an den zahlenmäßigen Vorschlägen, soweit sie das Kabinett bestimmt habe, nichts ändern könne, daß aber der Vorschlag, eine Kommission zur Beratung über den Besserungsschein einzusetzen, zurückgehalten werden könne, weil hier ja ein materieller deutscher Gegenvorschlag überhaupt nicht vorliege. Diese Ansicht fand den Beifall der ganzen Delegation, und auch Staatssekretär Bergmann erklärte sich damit einverstanden, da die Abwälzung eines Teiles der Zinspflichten und der ganzen Amortisationspflichten auf die späteren Jahre von 1926 bis 1951 ohnehin schon eine Vorwegnahme des künftigen wirtschaftlichen Aufschwunges bedeute5. In dieser Fassung sind dann die Gegenvorschläge am 1. März übergeben worden6. Die Rede, mit der ich sie begründete, mußte ich zum Schluß sehr stark abkürzen, weil ich bei der vorgerückten Zeit und der Aufregung der Franzosen die Geduld der Konferenz nicht ohne Gefahr eines sofortigen Zusammenstoßes länger hätte in[517] Anspruch nehmen können. So ist der Gedanke der deutschen Mitarbeit an dem Wiederaufbau der zerstörten Provinzen noch nicht öffentlich zu seinem Recht gekommen. Die Franzosen sind in diesem Punkt besonders empfindlich, und ich bringe ihn deshalb zunächst inoffiziell an sie heran7.

5

Siehe dazu jedoch die Darstellung, die Bergmann über diese Delegationsbesprechung gibt. C. Bergmann, Der Weg der Reparation, S. 87.

6

Zu der von RAM Simons in London überreichten Fassung der dt. Vorschläge s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 149 –151.

7

Zu der Rede, mit der RAM Simons am 1. 3. die dt. Gegenvorschläge übergeben hatte, s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 137 –145 und DBFP, 1st Series, Vol. XV, p. 216–223.

Die Vorstellung, als wäre die Antwort der Alliierten auf unsere Gegenvorschläge anders ausgefallen, wenn wir den allgemeinen Gedanken eines Besserungsscheins in sie aufgenommen hätten, halte ich für völlig verfehlt. Das, was die Gegner von uns hören wollten, nämlich die grundsätzliche Zustimmung zu den Pariser Beschlüssen, fehlt in dem einen wie in dem andern Falle. Wir würden also lediglich unser letztes Pulver verschossen haben, während wir jetzt noch die Möglichkeit besitzen, vor der Anwendung der Zwangsmaßnahmen unser Entgegenkommen zu zeigen. Schon deshalb halte ich die hier eingeschlagene Taktik für die richtige. Sie ist es aber auch noch aus einem andern Grunde.

Die deutschen Gegenvorschläge belasten uns für die Zeit nach 1926 auch ohne Besserungsschein mit einer Jahresleistung von 2–3 Milliarden Mark Gold. Es ist mir ohnehin unverständlich, wie wir bis dahin zu dem Ausfuhrüberschuß gelangen sollen, durch den man solche Zahlungen würde leisten können. Die wirtschaftliche Denkschrift unserer Sachverständigen beweist eigentlich das Gegenteil8. Es ist nach meinem Gefühl nicht ehrlich, unter solchen Umständen den Gegnern die Beteiligung an noch größeren wirtschaftlichen Überschüssen freiwillig anzubieten; man würde uns mit Recht den Vorwurf der Vorspiegelung falscher Tatsachen machen. Beharren aber unsere Gegner, den Denkschriften zum Trotz, auf ihrer phantastischen Idee von dem künftigen wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands, so tragen sie die Verantwortung für das Unredliche einer solchen Vereinbarung, und auf ihre Gefahr können wir den Vorschlag mit gutem Gewissen machen.

8

Zu dem Gutachten der Sachverständigen s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 28 –39.

Die gestrige Rede von Lloyd George war teilweise auf das deutsche Publikum, ganz besonders aber auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Amerika berechnet und läßt nach dieser Richtung den bekannten pychologischen Scharfblick des britischen Premiers erkennen9. Sonst enthält sie außerordentlich viele Angriffspunkte, und es wäre ein Leichtes gewesen, sie sofort tatsächlich und rechtlich zu zerpflücken. Ich habe aber vorgezogen, lediglich die Verdächtigung der deutschen Absichten zurückzuweisen und die Drohung mit Zwangsmaßregeln als unbegründet zu kennzeichnen, damit die Möglichkeit weiterer Verhandlungen hinter den Kulissen noch nicht verbaut würde. Kommt es nicht mehr zu solchen Verhandlungen oder führen sie zu keinem Ergebnis, so wird es freilich die Pflicht der Delegation sein, am Montag den Gegnern in aller Ruhe die Wahrheit zu sagen.

9

Zu der Rede Lloyd Georges vom 3. 3. s. RT-Drucks. Nr. 1640, Bd. 366, S. 153  f. und DBFP, 1st Series, Vol. XV, p. 257 f. Siehe dazu auch Dok. Nr. 188, Anm. 5.

Wegen Oberschlesiens und wegen der Notwendigkeit, Harding für seine politische Einstellung Zeit zu lassen, würde ich die letztere Alternative sehr bedauern und werde deshalb gewiß alles tun, um sie zu vermeiden. Auf die[518] Dauer aber läßt sich in dieser Weise nicht weiter Politik machen. Einmal muß doch den Versuchen der Gegner, durch die Drohungen mit Zwangsmaßnahmen immer mehr über den Friedensvertrag hinaus aus Deutschland herauszupressen, ein Halt geboten werden, auch auf die Gefahr großer Opfer. Ich habe den Eindruck, daß die Gegner selbst außerordentlich fürchten, dieses Halt könnte jetzt ausgesprochen werden. Auf der anderen Seite brauchen sie wirklich äußerst dringend Bargeld für Frankreich, und das können sie ohne unsere Unterschrift nicht in genügendem Maße bekommen. Wir sollten deshalb das Spiel nicht zu früh verloren geben. Die vorsichtige Art der gestern angedrohten Sanktionen beweist die Unsicherheit, in der sich die Alliierten befinden.

Selbstverständlich sind die Sanktionen10 auch in dieser Form völlig rechtswidrig, und wir wären wohl befugt, daraufhin die Beziehungen zu den an ihnen beteiligten Mächten abzubrechen. Einstweilen aber möchte ich zu einem solchen Vorgehen nicht raten, da es unsere Lage gegenüber dem oberschlesischen Problem und den bevorstehenden Verhandlungen mit Amerika zu sehr belasten würde.

10

Zu den Sanktionen s. Dok. Nr. 188, Anm. 6.

Indem ich Sie bitte, Herr Reichspräsident, mich Ihrer sehr verehrten Frau Gemahlin angelegentlichst zu empfehlen, verbleibe ich mit dem Ausdruck größter Ehrerbietung

gez. Dr. Simons

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