2.219 (feh1p): Nr. 219 Der Preußische Staatskommissar für öffentliche Ordnung an den Reichskanzler. 26. März 1921

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Nr. 219
Der Preußische Staatskommissar für öffentliche Ordnung an den Reichskanzler. 26. März 19211

1

Gleiche Schreiben gingen an das Büro des RPräs., an den RKom. für Überwachung der öffentlichen Ordnung und an den PrIM.

Auf dem linken Rand des Schreibens findet sich die handschriftl. Notiz MinR Brechts: „Sofort Herrn Reichskanzler vorzulegen.“ Der RK zeichnete das Schreiben ab.

R 43 I/2712, Bl. 28–29

[Betrifft: Lage in Mitteldeutschland, im Ruhrgebiet, in Hamburg und in Bremen am 26.3.1921]

Sofort!

Über die Lage in Mitteldeutschland2 sind im Laufe des heutigen Vormittages folgende amtliche Meldungen eingegangen:

2

Zur Entstehung der Unruhen und zum bisherigen Verlauf vgl. Dok. Nr. 208, Anm. 1 und die dort angegebenen Denkschriften. Vgl. dazu ferner Schultheß 1921, I, S. 105–107.

In Eisleben fand gestern ein Sturm auf das Rathaus statt. Der Angriff wurde zurückgeschlagen. Die Verluste der Aufständischen betragen über 20 Tote, viele Verwundete und viele Gefangene. Eigene Verluste: 2 Tote und 3 Verwundete. Erbeutet sind 6 schwere Maschinengewehre, 3 Kisten Dynamit und 30 Gewehre. Die Villa des Generaldirektors Heinhold von der Schieferbautreibenden Gewerkschaft wurde in die Luft gesprengt, ebenso wurde versucht, das Wohnhaus[610] des dirigierenden Arztes des Krankenhauses anzuzünden. In Eisleben ist jeder Verkehr, auch der Radfahrerverkehr, nach 7 Uhr abends gesperrt. Eine Stadtverordnetenversammlung mit dem einzigen Punkt der Tagesordnung: „Zurückziehung der Polizeitruppen und Protest gegen die Belegung der Schulen mit Polizeitruppen“ wurde verboten. Die Aktion des Grafen Poninsky von Hettstedt aus hat heute früh, 9 Uhr 30, begonnen3.

3

Am 24.3.1921 hatte der RPräs. den zivilen Ausnahmezustand über die pr. Provinz Sachsen verhängt. Noch am gleichen Tage war der RegPräs. von Merseburg mit der einheitlichen Leitung der Niederwerfung des Aufstandes beauftragt worden; zu diesem Zweck war ihm die Schutzpolizei zugeordnet worden. Der Plan der Polizeibefehlshaber sah vor, zunächst den Aufruhr in Eisleben und im Mansfelder Seekreis zu beenden und dann von dort aus auf die Leunawerke, das Hauptwiderstandszentrum der Aufständischen, zu marschieren. Im Rahmen dieses Planes hatte die Polizeitruppe Graf Poninski den Auftrag, von Sandersleben über Hettstedt bis zur Linie Mansfeld-Kloster Mansfeld vorzurücken. Das Ziel wurde am Abend des 26.3.1921 erreicht (Denkschrift des PrIMin., S. 11, R 43 I/2712, Bl. 179).

In Leuna hat sich die Situation verschärft. Die Straßenzugänge sind von bewaffneten Arbeitern besetzt. Passanten werden von bewaffneten Kommunisten angehalten. Es haben Plünderungen in der Kolonie Roessen stattgefunden. In der Nacht um 1 Uhr und 2 Uhr 30 Min. Angriffe der Leuna-Kommunisten gegen die Stadt Merseburg. Sämtliche Angriffe durch Vorkehrungen der Schutzpolizei abgewiesen. Der Bahnhof Leuna ist von aufständischen Arbeitern besetzt.

In Hettstedt ist sehr wichtiges Aktenmaterial gefunden, das den Aufzug der Roten Armee mit allen Plänen enthalten soll. Das Material soll nach Magdeburg geschafft werden. Um einstweilige vertrauliche Pressemitteilung wird gebeten

Bei Hettstedt sind starke rote Armeen festgestellt. Starke Bewaffnung mit Maschinengewehren. Fast jeder Gefangene hat Dynamit bei sich.

In Halle herrscht Ruhe.

In Torgau wurden Angriffe auf die Eisenbahnbrücke von der Reichswehr zurückgeschlagen4. Auf beiden Seiten 2 Tote. Die Aufständischen haben schwere Verluste.

4

Zur Verwendung der Reichswehr vgl. Dok. Nr. 221, Anm. 2 und Dok. Nr. 222, Anm. 2.

Aus sehr vielen Kreisen der Provinz erscheinen Deputationen der Betriebsräte und der Gewerkschaften, die den Oberpräsidenten um Abhilfe der Lage bitten. Die Deputationen versprechen nach Klarstellung der Lage, daß sie diesen Machinationen der bezahlten Agitatoren der russischen Bolschewiken nicht Folge leisten werden und ihrerseits alles tun werden, die Arbeiterschaft aufzuklären.

In Delitzsch sind gestern Aktionsausschüsse eingesetzt.

In Querfurt ist das Landratsamt von Kommunisten besetzt.

In Bitterfeld ist Generalstreik. Im übrigen alles ruhig.

Ferner liegen aus dem Reich folgende Nachrichten vor:

Münster5 : Die am 25. März 1921 im Ruhr-Revier durch Presse und Flugblätter ausgegebene Generalstreikparole ist heute zum Teil befolgt worden,[611] und zwar vornehmlich in den Betrieben, wo die Kommunisten maßgebenden Einfluß haben. Die Freien Gewerkschaften haben Gegenparole ausgegeben. Es steht zu erwarten, daß die Teilstreiks kurzfristig zusammenbrechen. Bis jetzt sind Zwischenfälle nirgends gemeldet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß örtliche Teilputsche sich entwickeln. Im übrigen gibt die Lage zu allgemeiner Besorgnis keine Veranlassung.

5

Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet war es bei Beginn der Ereignisse in Mitteldeutschland zunächst ruhig geblieben. Erst nachdem in der kommunistischen Presse mehrere Artikel erschienen waren, die zur Unterstützung des mitteldeutschen Aufstandes aufgerufen hatten, hatte die Aufstandsbewegung auch auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet übergegriffen. Am 25.3.1921 war für den nächsten Tag durch Flugblätter und Pressemitteilungen zum Generalstreik aufgerufen worden (Denkschrift des RKom., S. 20–26, R 43 I/2712, Bl. 212–215; dort finden sich in den Anlagen 52–57 auch Beispiele für solche Flugblätter).

In Remscheid ist heute morgen der Generalstreik ausgebrochen. An dem Streik nehmen etwa 3–4000 Arbeiter teil. Grund ist Sympathiestreik für Mitteldeutschland und Hamburg.

Auf der Zeche Werhofen ist heute morgen die Belegschaft in Stärke von 3000–3500 Mann nicht angefahren. Grund ist ebenfalls Sympathiestreik für Mitteldeutschland und Hamburg. In Essen streiken eine ganze Anzahl Zechen. Die genaue Zahl ist noch nicht bekannt.

Hamburg6:

6

Auch in Hamburg war es erst zu Unruhen gekommen, nachdem die kommunistische Presse am 19., 21. und 22.3.1921 zur Besetzung der Betriebe und zum Sturz der Regierung aufgerufen hatte. Am 23. 3. waren hier zwei große Werften von der Menge besetzt worden, doch gelang es der Polizei noch am gleichen Tage, die Werften zurückzuerobern und zu besetzen.

Auch in Bremen war es zu kleineren Unruhen gekommen (Denkschrift des RKom., S. 27–29, R 43 I/2712, Bl. 216–217).

Etwa 1500–2000 Kommunisten haben sich in den Besitz der Dynamit-Fabrik Geesthacht, etwa 10 Kilometer südöstlich Bergedorf a. Elbe, gesetzt (gehört zum Hamburger Freistaat). Der Bahnhof ist von den Kommunisten besetzt, der Wasserschutz ist entwaffnet. Kommunisten, ausgerüstet mit schweren Maschinengewehren, haben in der Umgegend von Groß-Hamburg, und zwar in Lauenburg und Bergedorf, Kampfstellungen bezogen. Ein Kommando der Hamburger Schutzpolizei in Stärke von 4 Hundertschaften und eine halbe Hundertschaft der Fliegerstaffel Lübeck und 3 Panzerwagen sind nach Geesthacht unterwegs, um die Lage wiederherzustellen. Die Ausdehnung des Ausnahmezustandes auf die Kreise Stormarn und Lauenburg ist vom Oberpräsidenten in Kiel verfügt worden7.

7

VO des RPräs. vom 26.3.1921, RGBl. 1921, S. 343 .

In Bremen ist heute alles ruhig.

I.A.

Knöppel

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