2.223 (feh1p): Nr. 223 Der Preußische Minister für Handel und Gewerbe an das Auswärtige Amt. 30. März 1921

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 3). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

   Das Kabinett Fehrenbach  Konstantin Fehrenbach Bild 183-R18733Paul Tirard und General Guillaumat Bild 102-01626AOppeln 1921 Bild 146-1985-010-10Bild 119-2303-0019

Extras:

 

Text

RTF

Nr. 223
Der Preußische Minister für Handel und Gewerbe an das Auswärtige Amt. 30. März 1921

R 43 I/355, Bl. 6–7 Abschrift1

1

Es handelte sich hier um eine Abschrift des Schreibens, die der PrHandM am gleichen Tage an den RK gerichtet hatte. Auch das PrStMin. hatte eine Abschrift erhalten.

[Betrifft: Notierung der polnischen Währung und oberschlesischer Aktien an der Berliner Börse nach der Abstimmung in Oberschlesien]

Am 21. und 22. d. Mts. brachte die Tagespresse Mitteilungen, daß an der Berliner Börse die polnischen Noten wesentlich höher bewertet worden seien.[619] In der Tat sind auch polnische Noten, für die amtlich an der Berliner Börse Kurse nicht festgestellt werden, an diesem Tage höher bezahlt worden. Diese Tatsache sowie der Kursrückgang oberschlesischer Werte an diesen Tagen sind von verschiedenen Stellen zum Anlaß genommen, gegen die Berliner Börse den Vorwurf zu erheben, sie habe in einer die vaterländischen Pflichten verletzenden Weise die Wirkung des von der Reichsregierung als günstig bezeichneten Abstimmungsergebnisses erheblich abgeschwächt2.

2

Am 20. 3. hatte in Oberschlesien die Abstimmung stattgefunden. Dabei hatten sich ca. 707 000 Oberschlesier für Dtld. und ca. 480 000 für Polen gestimmt.

Daß es nicht möglich ist, dem Handel vorzuschreiben, wie er vom kaufmännischen Standpunkte Tagesereignisse zu bewerten hat, bedarf keiner Ausführung. Sowohl der Handel in oberschlesischen Werten wie in polnischen Noten hat sich, wie mir berichtet worden ist, an den in Frage kommenden Tagen in den Räumen der Berliner Börse in Formen abgespielt, die den amtlichen Börsenorganen zum Einschreiten Veranlassung nicht geben konnten. Eine künstliche Beeinflussung des Marktes von irgendeiner Seite lag nicht vor.

Allerdings ist zuzugeben, daß es durchaus unerwünscht war, daß, während anläßlich des in Oberschlesien erzielten Abstimmungsergebnisses in Berlin geflaggt wurde und während die Presse in ihrem politischen Teil amtliche und halbamtliche Auslassungen der Reichsregierung über die günstigen Erfolge der Abstimmung verbreitete, die Berichterstattung des Handelsteils von der durch die Abstimmung eingetretenen „Gefährdung einiger wichtiger Kreise“ und der allgemein schwachen Haltung der Börse sprach.

Inwieweit seitens Vertretern der Reichsregierung Erörterungen mit den Pressevertretern über die Bewertung des Abstimmungsergebnisses stattgefunden haben, ist mir nicht bekannt. Wenn jedoch beabsichtigt war, außenpolitisch das Ergebnis der Abstimmung als günstig besonders hervorzuheben, so kann es, wie die Entwicklung gezeigt hat, nicht genügen, daß allein der politische Teil der Tageszeitungen dem Rechnung trägt. Wenn eine starke Wirkung erzielt werden sollte, so hätte es auch einer Stellungnahme zu dem wirtschaftlichen Teil der Tageszeitungen bedurft. Da selbstverständlich nicht in Frage kommen kann, daß die Zeitungen wirtschaftliche Vorgänge, wie sie z. B. an der Börse objektiv beobachtet werden, falsch wiedergibt, so hätte eine Wirkung nur erzielt werden können, wenn eine Stützung der in Frage kommenden Märkte selbst rechtzeitig vorbereitet worden wäre. Eine Fühlungnahme mit dem Reichsbankdirektorium, das sich polnische Noten rechtzeitig hätte beschaffen und durch deren Abgabe am 21. und 22. d. Mts. den Preis ohne Schwierigkeiten hätte beeinflussen können, sowie eine Verständigung mit den Großbanken mit dem Zweck der Intervention in schwachen Märkten hätte die Märkte der oberschlesischen Werte und der polnischen Noten in den ersten Tagen nach der Abstimmung mit Erfolg wohl so beeinflussen können, daß eine schwache Haltung der Berliner Börse kaum in die Erscheinung getreten wäre.

Im übrigen sind die Tagesberichte über die Berliner Fondsbörse am 21. und 22. d. Mts., wie mir scheint, zum Teil außerordentlich ungeschickt gewesen. Wenn [es] in einer Tageszeitung bei der Darstellung des Devisen- und Notengeschäfts[620] vom 21. heißt: „Eine Ausnahme machte die polnische Valuta, die einen beträchtlichen Gewinn zu verzeichnen hatte“, und vom 22: „Eine Ausnahme machte wiederum die polnische Valuta, die ihre Aufwärtsentwicklung fortsetzte“, so sind das Fassungen, die, wie mir scheint, einen starken Mangel an wirtschaftlichem und politischem Verständnis für das Gebot der Stunde erkennen lassen.

Ich darf ergebenst anheimstellen zu erwägen, inwieweit die bezeichneten Gesichtspunkte dort etwa in ähnlich wichtigen Fällen verwertet werden können3. […]

3

Weitere Einzelheiten waren in R 43 I nicht zu ermitteln.

Fischbeck

Extras (Fußzeile):