2.46 (feh1p): Nr. 46 Staatssekretär Albert an den Reichskanzler. 7. August 1920

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Nr. 46
Staatssekretär Albert an den Reichskanzler1. 7. August 1920

1

RK Fehrenbach befand sich zu dieser Zeit auf Urlaub.

R 43 I/161, Bl. 86–87

[Betrifft: Politische Lage]

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Es tat mir sehr leid, daß Sie unter dem unmittelbaren Eindruck ernster politischer Spannung abreisen mußten. Wie ich mir erlaubte, Ihnen schon bei der Abreise zu sagen, sah ich die Situation weniger ernst an, als dies nach den Zeitungsnachrichten erschien. Diese Auffassung scheint sich immer mehr zu bestätigen.

Innerpolitisch sind allerdings die Wogen der Beunruhigung sehr hoch gegangen. Die „Rede Simons“ über die Flaggenaffäre hat eine große Beunruhigung hervorgerufen insofern, als das Ruhrgebiet, und zwar die Arbeiterschaft, fürchtete, ein neuer Einmarsch stünde bevor, während andererseits die amerikanischen Journalisten mich überliefen und mir die Situation in den[111] schwärzesten Farben schilderten2. Die Beunruhigung des Ruhrgebiets kam bei mir in telefonischen Anrufen aus Essen zum Ausdruck, außerdem veranstaltet die Arbeiterschaft in den nächsten Tagen Versammlungen in Essen. Ich habe nach Fühlungnahme mit der sozialdemokratischen Partei Beruhigungstelegramme an Herrn Husemann geschickt, den ich von den Verhandlungen über die Überschichten her kenne. Er ist der Vorsitzende der freien Gewerkschaften der Bergarbeiter. Die Telegramme haben neben der Beruhigung zugleich den Zweck, später einmal als Ausweis zu dienen, wenn die Franzosen behaupten sollten, die gegenwärtige Aufregung der Bergarbeiter sei künstlich von der Regierung hervorgerufen3.

2

Gemeint war hier die Rede, die der RAM am 5. 8. im RT gehalten hatte und in der er die Gefahr einer all. Intervention angedeutet hatte (RT-Bd. 345, S. 199 ). Siehe dazu auch Dok. Nr. 45, Anm. 3.

3

Zu diesen Telegrammen s. Dok. Nr. 45, Anm. 4.

In gleichem Sinne wird auf die Arbeiterschaft in Berlin versucht einzuwirken.

Größer scheint mir die Gefahr einer Entgleisung von rechts zu sein. Es wird behauptet, daß General Watter im Einvernehmen mit Ludendorff Werbungen gegen die Bolschewisten begünstige. Ich glaube nicht recht daran; immerhin [gibt] die Nachricht zu denken. Eine militaristische reaktionäre Entgleisung gegenüber dem Osten würde für unsere Neutralität natürlich ebenso unerwünscht und gefährlich sein wie eine zu starke Engagierung zugunsten der Sowjets4.

4

In nationalen Kreisen um General Ludendorff und den Industriellen Rechberg bestanden Pläne, gemeinsam mit den Alliierten gegen Sowjetrußland Krieg zu führen; auch Stresemann stand diesen Kreisen nahe. Siehe dazu die Telegramme Lord Kilmarnocks vom 14. 7., 24. 7. und 7. 8. an den brit. Außenminister Curzon, DBFP, 1st Series, Vol. X, p. 272, 277 und 287.

Die außenpolitische Situation scheint sich ja insofern zu entspannen, als England mit Rußland weiter verhandelt; England weiß warum5. Die englische Weltmachtstellung ist durch die Siege der Bolschewisten in Asien bedroht. Persien und Indien sind für England wertvoller als Polen. An unmittelbare Waffenhilfe kann weder England noch Frankreich denken; ich halte daher die Durchmarschgefahr und Bedrohung unserer Neutralität nicht für sehr erheblich.

5

Russ.-brit. Verhandlungen hatten vom 4.–6.8.1920 in London stattgefunden. Siehe dazu DBFP, 1st Series, Vol. VIII, p. 669 f.

Viel größer ist meines Erachtens die Gefahr, daß die Franzosen, wenn Polen als östliches Gegengewicht Deutschlands wegfällt, politische Garantien im Westen verlangen und daher die Gelegenheit zur Besetzung des Ruhrgebiets vom Zaune brechen. Gleichwohl hoffe ich, daß auch diese Gefahr nicht so ernst ist, wie sie theoretisch erscheint. Das Gegengewicht Englands bleibt nach wie vor bestehen. Daß unsere Situation überaus gefährlich ist, ist ja nichts Neues; daran gewöhnt man sich schließlich schweren Herzens. Jedenfalls hat der englische Geschäftsträger Lord Kilmarnock Herrn v. Haniel beruhigende Erklärungen abgegeben.

In der heutigen Kabinettssitzung wurden drei Vorlagen des Ernährungsministers erledigt (Beseitigung der Fleischkarte – Formalität –, Herabsetzung[112] der Preise für Schlachtvieh und Verordnung über die Kartoffelwirtschaft). Daneben wurden Personalien erledigt. (Minister Heinze saß vor)6.

6

Zu dieser Kabinettssitzung s. Dok. Nr. 45.

[…]7

7

Ausgelassen worden sind hier einige Angaben StS Alberts über den Geschäftsgang der Rkei während der Abwesenheit des RK.

Mit den angelegentlichsten Empfehlungen und den besten Wünschen für recht gute Erholung habe ich, sehr verehrter Herr Reichskanzler, die Ehre zu sein

Ihr

Ihnen aufrichtig ergebener

Albert

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