2.52 (feh1p): Nr. 52 Der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen an den Reichsminister des Innern. Königsberg, 17. August 1920

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[123] Nr. 52
Der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen an den Reichsminister des Innern. Königsberg, 17. August 1920

R 43 I/2731, Bl. 52–54 Abschrift1

1

Es handelt sich hier um eine Abschrift des Schreibens des OPräs., die dieser mit einem Anschreiben vom gleichen Tage dem RK zugesandt hatte (R 43 I/2731/Bl. 51).

Dieses Schreiben des OPräs. ist eine Stellungnahme zu dem Schreiben des Landeshauptmanns der Einwohnerwehren Bayerns, Escherich, das dieser am 27.7.1920 an den RK gerichtet hatte (Dok. Nr. 35). Dieses Schreiben Escherichs hatte der RIM dem OPräs. am 4. 8. abschriftlich übersandt und hatte ihn um eine Stellungnahme gebeten (R 43 I/2731, Bl. 51).

Streng vertraulich!

Betr.: Ausdehnung der Organisation Escherich auf Ostpreußen.

Meine Stellungnahme zu dem Ableger der Organisation Escherich, wie er sich in Ostpreußen organisiert hat, ist bereits aus meinen Berichten vom 22. 7. 20, vom 26.7.20 und vom 31.7.20 bekannt2. Wenn ich ganz kurz zusammenfassen darf, stellte sich die Sachlage in Ostpreußen folgendermaßen dar:

2

Diese Berichte waren in R 43 I nicht zu ermitteln.

Während im übrigen Reiche die Einwohnerwehren entweder aufgelöst oder doch in ihrem Bestande zum mindesten stark erschüttert waren, hatten sie sich in Ostpreußen in voller Organisation in einer Stärke von immer noch rund 50 000 eingeschriebenen Mitgliedern erhalten3. Die Kreisräte waren vorhanden. Ein Oberkreisrat beim Oberpräsidium leitete die Einwohnerwehr4. Der offizielle Auflösungsbefehl hatte hieran nicht viel geändert, da gemäß ausdrücklicher Verfügung des Herrn Preußischen Ministers des Innern den einzelnen Einwohnerwehrmitgliedern ihre Waffen zu belassen waren. Es hätte also eine völlig in den Händen der Staatsgewalt befindliche Ergänzung für Reichswehr und Sicherheitspolizei zur Verfügung gestanden, wenn nicht gerade in dieser Zeit die Organisation Escherich den dringenden Wunsch gehabt hätte, Ostpreußen zu retten und sich in die hiesigen, ganz anders liegenden Verhältnisse einzumischen.

3

Zur Auflösung der Einwohnerwehr s. Dok. Nr. 44, Anm. 6. Zur Erhaltung der Einwohnerwehren in Ostpreußen s. Dok. Nr. 29, P. 4 und Dok. Nr. 50, P. 1.

4

Die Kreisräte waren für die Orts- und Grenzwehr in den Kreisen zuständig, der Oberkreisrat für die Wehren in der ganzen Provinz (Erlaß des OPräs. über die Bildung von Ortswehren in Ostpreußen v. 7.8.1920, R 43 I/1849, Bl. 46).

Ich weiß nicht, ob der Anstoß hierzu von Herrn Escherich selbst ausgegangen ist oder ob aus Ostpreußen heraus der Ruf nach ihm erhoben wurde. Jedenfalls gestaltete sich die Organisation recht eigenartig. Aus bisher nicht geklärten Quellen waren plötzlich so starke Mittel vorhanden, daß über 30 ehemalige Offiziere mit sehr erheblichen Monatsgehältern (einer angeblich 4000 M, andere 2000 und 1000 M monatlich neben freier Wohnung und Verpflegung) angestellt wurden. Diese angestellten Kräfte, unter denen sich 28 aus der Sicherheitspolizei durch den Polizeipräsidenten Lübbring entlassene Sicherheitspolizeioffiziere befanden, wurden einzeln oder zu zweien in je einen Kreis der Provinz Ostpreußen gesandt. Hier erklärten sie den Wehrführern der Einwohnerwehr, daß die Entente eine staatliche Einrichtung wohl zu sehr behindere, daß es deshalb[124] zweckmäßig sei, einen privaten Selbstschutz zu bilden und daß sie die Berufenen dazu seien, um diesen Selbstschutz zu organisieren. In diesem Stadium der Organisation wurde mir die Sache bekannt. Ich ersah sofort, daß es sich gar nicht darum handelte, mit Mühe und Arbeit etwas Neues zu schaffen und aus Vaterlandsliebe Männer zusammenzubekommen, die für die Heimat Gut und Blut einzusetzen bereit waren, sondern darum, den Staatsbehörden die amtliche Organisation, so wie sie vorhanden war, aus den Händen zu winden. Ich habe dann einige Gegenmaßnahmen getroffen, die auf Grund meiner Berichte bekannt sind. Ich mußte im Verlauf der ganzen Angelegenheit nunmehr, wie im Bericht vom 16. 8. vorgetragen, dazu übergehen, selbst die Organisation einer Orts- und Grenzwehr in die Hand zu nehmen5, damit nicht die Gegensätze zwischen Rechts und Links – genährt durch die unglückliche Art dieses Ablegers der Escherichbewegung in Ostpreußen – dazu führten, daß die Bevölkerung sich selbst zerfleischte, während die Provinz auch von außen her sich in einer äußerst gefährlichen Lage befand.

5

Zu diesem Bericht s. Dok. Nr. 51.

Ich habe diese kurze Zusammenfassung der Wirkung der Organisation Escherich in Ostpreußen vorausgeschickt, damit daraus sich für ostpreußische Verhältnisse ein Bild ergibt, in welchem Sinne der Brief von Herrn Escherich an den Herrn Reichskanzler vom 27. Juli 1920 aufzufassen ist. Ich bin über den Verlauf der Organisation Escherich im übrigen Reiche nicht genügend unterrichtet, um auch dort ein Urteil abgeben zu können. Daß die Organisation in Bayern als Gegenwirkung gegen den kommunistischen Aufruhr Gutes geleistet hat und dort zweckmäßig sein mag, ist eine ganz andere Frage. In Bayern wirkt auch noch der Gesichtspunkt mit, daß dort die Mitglieder des Zentrums in weitem Maße Anhänger der Organisation Escherich sind und daß im Zentrum infolge der eigenartigen Struktur dieser Partei sich neben Arbeitgebern eine sehr große Zahl von Arbeitnehmern befindet. Die Organisation Escherich in Bayern ist also von vornherein nicht ausschließlich Arbeitgeberorganisation mit einigen Konzessionsschulzen. Hier in Ostpreußen muß ich in dem schweren Gefühl meiner Verantwortung für diese bedrängte Provinz das Einmischen eines mit den Verhältnissen in keiner Weise vertrauten Mannes auf das schärfste und entschiedenste ablehnen. Solange ich die Ehre habe, an der Spitze der inneren Verwaltung dieser Provinz zu stehen, werde ich selbst diejenigen Schritte im Einvernehmen mit meinen vorgesetzten Dienststellen in Berlin und mit der Reichsleitung ergreifen, die notwendig und die nach den gegebenen Verhältnissen und unter dem Drucke des Versailler Friedensvertrages noch möglich sind. Daß aber der Regierung ein Mann, der zum mindesten in den nicht bayrischen Gebieten lediglich Privatmann ist, zuverlässige, kampferprobte und verfassungstreue Männer aus allen Gauen zur Verfügung stellt bzw. sich selbst so einschätzt, daß er hierzu in der Lage sei, kann ich vom Standpunkte eines Regierungsbeamten, der auf seine Autorität auch nur noch im geringsten hält, nicht verstehen. Hier in Ostpreußen ist jedenfalls die Wirkung dieser Selbstüberhebung und dieser Sucht nach Macht eine schwere Störung des inneren Friedens[125] der Provinz, eine weitere Verschärfung der Gegensätze und des inneren Mißtrauens gewesen. Ich werde lange daran arbeiten müssen, bis diese Scharte wieder ausgewetzt ist. Für Ostpreußen bitte ich jedenfalls darum, das Angebot des Herrn Escherich auf das entschiedenste zurückzuweisen und sich seine Einmischung in Dinge, die ihn nichts angehen, aufs energischste zu verbitten. Ich wäre dankbar, wenn auch die Berliner amtlichen Stellen in diesem sehr gegen meinen Willen in die Provinz hineingetragenen Kampfe mir nach wie vor energische und unzweideutige Unterstützung zuteil werden ließen, da eine etwa schwankende Haltung das Übel nur ins unerträgliche steigern müßte. Ich würde es daher begrüßen, wenn zu erwartende Proteste einzelner Orgeschgruppen aus Ostpreußen dort nachdrücklichst zurückgewiesen und die etwaigen Protestler auf die verhängnisvollen Folgen hingewiesen würden, die die von ihnen in die Provinz hineingetragene Unruhe und Zersplitterung für Ostpreußen haben kann6.

6

Siehe dazu weiter Dok. Nr. 54, P. 2.

gez. Siehr

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