2.55 (feh1p): Nr. 55 Bericht der Preußischen Gesandtschaft München an das Auswärtige Amt. München, 23. August 1920

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Nr. 55
Bericht der Preußischen Gesandtschaft München an das Auswärtige Amt. München, 23. August 19201

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Diesem Bericht der Pr. Gesandtschaft war folgender Vorgang vorausgegangen. Am 16.8.1920 hatte der pr. StKom. für die Überwachung der öffentlichen Ordnung in einem Schreiben an den RK mitgeteilt, daß eine sehr ernste Persönlichkeit aus Bayern berichtet habe, daß dort von Frankreich kurzerhand das Angebot gemacht worden sei, man wolle der bayer. Einwohnerwehr die Waffen belassen, falls Bayern eine Lockerung des Verhältnisses zum Reich vornehme. General Ludendorff selbst habe dem Gewährsmann diese Nachricht bestätigt (R 43 I/411, Bl. 192).

Auch das AA hatte dieses Schreiben des pr. StKom. erhalten. StS v. Haniel vom AA hatte daraufhin das Schreiben dem Pr. Geschäftsträger in München, dem Grafen Zech, mitgeteilt und hatte um einen Bericht gebeten (R 43 I/411, Bl. 206).

R 43 I/411, Bl. 207–208 Durchschrift2

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Eine Durchschrift des vorliegenden Berichts übersandte das AA am 25. 8. der Rkei (R 43 I/411, Bl. 208).

[Betrifft: Angebliche französische Angebote über die Nichtentwaffnung der Einwohnerwehren in Bayern]

Die Agenten Frankreichs, die auf die Abtrennung Bayerns vom Reich hinarbeiten, operieren schon seit geraumer Zeit mit dem Argument, die Entente würde Bayern so viel Reichs- und Einwohnerwehr lassen, wie es nur haben wolle, wenn die Mainlinie wieder aufgerichtet würde. Eine irgendwie rechtsverbindliche Erklärung der Französischen Regierung in diesem Sinne liegt aber, soviel hier bekannt ist, bis jetzt noch nicht vor. Dieses Fehlen einer bindenden Erklärung ist von der Gesandtschaft wiederholt in der Presse verwertet worden, und zwar namentlich in den kleinen bäuerlichen Provinzzeitungen, deren Leser für die Entwaffnungsfrage und alles, was damit zusammenhängt, besonderes Interesse zeigen. Unter Hinweis darauf, daß zwischen Versprechungen unverantwortlicher Franzosen und dem Halten solcher Versprechen durch die Französische Regierung ein erheblicher Unterschied bestehe, wurde davor gewarnt, daß Bayern auf die nur im Interesse Frankreichs liegenden Rheinbundpläne hereinfalle. Immerhin bin ich auch der Ansicht, daß es notwendig ist, in der[135] Entwaffnungsfrage Bayern gegenüber vorsichtig zu sein. Das Land hat in der Rätezeit bösere Erfahrungen gemacht wie die meisten anderen Teile Deutschlands und verspürt wenig Lust, diese Erfahrungen zu wiederholen. In bürgerlichen Kreisen glaubt man, daß die Radikalen über eine gut zusammengefaßte und gut ausgerüstete Organisation verfügen, und man will die Macht, die man mühsam errungen hat, nicht wieder preisgeben. So kommt es, daß die Lockungen französischer Agenten, wenn sie als Gegengabe gegen die Lostrennung Bayerns Entgegenkommen in der Entwaffnungsfrage in Aussicht stellen, selbst in solchen Kreisen auf fruchtbaren Boden fallen, die sonst mit Separatismus nichts zu tun haben wollen; und dies um so mehr, als die Überzeugung hier sehr weit verbreitet ist, Norddeutschland werde doch dem Bolschewismus zum Opfer fallen, und dann könne Bayern nur durch eine möglichst starke bewaffnete Macht in der Hand der bürgerlichen Organisationen vor der Ansteckung bewahrt werden3.

3

Siehe dazu weiter Dok. Nr. 76.

gez. Zech

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