2.66 (feh1p): Nr. 66 Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Juli 1920. [7. September 1920]

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Nr. 66
Bericht des Reichswirtschaftsministers über die Wirtschaftslage im Juli 1920. [7. September 1920]

R 43 I/1147, Bl. 224–225 Umdruck1

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Solche monatlichen Berichte über die wirtschaftliche Lage hatte der RWiM auf Anordnung des RPräs. vom 17.2.1919 regelmäßig an diesen zu übersenden. Die Rkei und die übrigen Mitglieder des Kabinetts erhielten Abdrucke dieser Berichte. Der hier abgedruckte Bericht war auf den 7.9.1920 datiert (R 43 I/1147, Bl. 223–224).

Die seit April herrschende Absatzkrise dauerte im Juli unvermindert an. Ein Umschwung schien sich nur vereinzelt bemerkbar zu machen, z. B. in der Textilindustrie, während auf anderen Gebieten die Absatzstockung sich noch erheblich verschärfte. Die Rückwirkung auf die Produktion setzte sich infolgedessen schärfer durch. Es kam in größerem Umfange zu Betriebseinschränkungen, teilweise zu Arbeiterentlassungen. Ziemlich allgemein war das Bestreben, den verminderten Inlandsabsatz durch verstärkte Ausfuhr auszugleichen und auf diese Weise dem von der inländischen Marktlage geforderten Preisabbau[169] nach Möglichkeit zu entgehen. Im Zusammenhang hiermit wurde von den Interessenten auf fast allen Gebieten die Herabsetzung der Ausfuhrabgaben gefordert und in erheblichem Umfange auch erwirkt2.

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Das RWiMin. hatte am 20.12.1919 eine VO erlassen, nach der eine Ausfuhrabgabe zugunsten der Reichskasse erhoben wurde; der Ertrag dieser Abgabe, die auf 10% festgesetzt worden war (RT-Bd. 345, S. 712 ), war zur Förderung sozialer Aufgaben bestimmt (§ 6 der VO über die Außenhandelskontrolle, RGBl. 1919, S. 2128 ).

Siehe dazu auch die Anfrage van den Kerkhoff zur Ausfuhrabgabe (RT-Drucks. Nr. 143, Bd. 363 ) und die Antwort des RWiMin. (RT-Drucks. Nr. 1475, Bd. 365 ).

Die Kohlenförderung zeigte ein günstiges Bild. Im Juni wurde die höchste Fördermenge seit Oktober 1918 erreicht; für Juli wird voraussichtlich ein kleiner Rückgang zu verzeichnen sein, weil weniger Überschichten verfahren wurden. Die Kohlenversorgung der Industrie war im allgemeinen ausreichend; insbesondere konnten die Eisenbahnen so stark beliefert werden, daß eine Vorratsbildung möglich war. Die Kohlenbestände der deutschen Eisenbahnen entsprechen zur Zeit etwa dem Bedarf von 3–4 Wochen. Die verhältnismäßig günstige Lage der Industrieversorgung wird durch die Wirkung des Kohlenabkommens von Spa künftig unzweifelhaft beeinträchtigt werden, insbesondere ist zu befürchten, daß die Eisenerzeugung sich nicht in dem bisherigen Umfange aufrechterhalten läßt. Die Wirkungen zeigen sich naturgemäß augenblicklich nur in geringem Maße, werden aber in immer fortschreitendem Grade sich bemerkbar machen.

Der Umschwung, der sich Ende Mai auf dem Eisenmarkte angedeutet, sodann im Juni in voller Wirkung eingesetzt hatte, hat sich im Juli verschärft. Der Markt war von einer außerordentlichen Zurückhaltung der Käufer beherrscht. Es bestand allgemein Mangel an Aufträgen; Bestellungen wurden in großem Umfange rückgängig gemacht. Eine Folge dieser Marktlage war eine Preissenkung für Roheisen, Halbzeug und Walzwerksfabrikate um durchschnittlich 10–15%. Außerdem wurde die Ausfuhrquote durchschnittlich für die nächsten 2 Monate auf 35% der Erzeugung erhöht. Die Lage der Eisenerzeugung blieb im wesentlichen unverändert, Störungen waren nicht zu verzeichnen, Streiks fanden nicht statt, die Wagengestellung war ausreichend, die Kohlenzufuhr hielt sich auf der bisherigen Höhe.

Die Erzversorgung war günstig. Die Erzförderung und der Erzversand zeigten eine leichte Besserung gegen den Vormonat. Infolge genügender Wagengestellung konnten auch die Grubenbestände, die sich in den Vormonaten infolge Wagenmangels angesammelt hatten, in erheblichem Umfange abgefördert werden. Die Schwierigkeiten, die Frankreich seit Juni bei der Minette-Ausfuhr macht, beeinflußten die Roheisenerzeugung der rheinisch-westfälischen und oberschlesischen Werke nicht, da sie noch über genügend Erzvorräte verfügen und außerdem die inländischen und ausländischen Zufuhren sich steigerten.

Die starke Absatzstockung, die auf dem Metallmarkt herrschte, führte im Juli zu einer wesentlichen Änderung der Ausfuhrpolitik. Es wurden etwa 50% von der Rohmetallproduktion der Monate Mai bis August 1920 freigegeben. Die Ausfuhr von Halbfabrikaten wurde durchweg, soweit nicht der Auslandspreis unter dem Inlandspreis lag, freigegeben. Darüber hinaus wurden unter[170] gewissen Bedingungen noch weitere Ausfuhrerleichterungen gewährt. Infolge dieser Maßnahmen trat eine starke Belebung der Ausfuhr ein, die eine Entlastung des Inlandsmarktes mit sich brachte. Der Rückgang der deutschen Valuta hat die Nachfrage des Auslandes, die wegen der auch auf dem Weltmarkte herrschenden Stockung zunächst zurückhaltend war, gesteigert und zu einer leichten Preiserhöhung geführt. Die Versorgung der inländischen Fertigindustrie wurde jedoch durch die erhöhte Ausfuhr nicht beeinträchtigt.

Die Lage der eisen- und metallverarbeitenden Industrie hat sich gegenüber dem Vormonat nicht wesentlich verändert. Besonders schwer leidet die feinmechanische und optische Industrie. Viele ausländische Aufträge wurden zurückgezogen. Unter den gleichen Schwierigkeiten leidet die Industrie der Musik-Tasten-Instrumente.

Auch in der Textil-Industrie hält die Absatzstockung noch immer an, jedoch scheint stellenweise bereits ein Umschwung einzusetzen. Da die in den früheren Monaten hereingekommenen Aufträge zumeist aufgearbeitet waren, wurden in erheblichem Umfange Betriebseinstellungen notwendig. Es mußte vielfach auf Lager gearbeitet werden, um die Betriebe nicht ganz stillzulegen.

Die Baustoffherstellung war infolge regelmäßiger Kohlenbelieferung so gesteigert, daß wegen der geringen Bautätigkeit bereits Überproduktion bestand und den Anträgen der Hersteller auf Freigabe der Ausfuhr in größerem Umfange stattgegeben werden konnte.

Der Konjunkturrückgang in der holzverarbeitenden Industrie hat sich wesentlich verschärft. Die Inlandsnachfrage sowie die Auslandsnachfrage ist erheblich zurückgegangen. Es mußten erhebliche Arbeiterentlassungen vorgenommen werden. Eine Belebung des Absatzes ist nur von einer weiteren verlustreichen Senkung der Preise und Belebung der Bautätigkeit zu erwarten.

In der keramischen Industrie kam es ebenfalls allenthalben zu Betriebseinschränkungen, die jedoch nicht zu Arbeiterentlassungen führten. Der Kohlenmangel, unter dem die mitteldeutsche Industrie seit Monaten zu leiden hatte, wurde durch die nach Abschluß des tschechoslowakischen Wirtschaftsabkommens einsetzende Kohlenzufuhr aus Böhmen im wesentlichen behoben.

Die Glas-Industrie war genügend mit Aufträgen versehen und hätte bei stärkerer Belieferung mit Kohle und Soda ihre Produktion erheblich steigern können.

Die Seifen-Erzeugung erfuhr eine weitere Steigerung gegenüber der Erzeugung des Vormonats, die bei Feinseife 20%, bei Kernseife 7% betrug. Die Seifenpulver-Erzeugung blieb wegen mangelhafter Sodabelieferung gegen die des Vormonats zurück. Auch auf dem Seifenmarkte machte sich eine erhebliche Absatzstockung geltend.

Die Glyzerin-Industrie war wegen reichlicher Rohstoff- und Betriebsstoffversorgung gut beschäftigt, mußte jedoch wegen Absatzstockung auf Vorrat arbeiten.

In der Stickstoff-Erzeugung trat ein wesentlicher Rückgang ein infolge des Streiks der oberschlesischen Kalkindustrie sowie des Streiks auf dem Kalkwerk Golpa, der zu einer wochenlangen Stillegung des Kalkstickstoffwerks Piesteritz[171] führte. Auch die Erzeugung des Ammoniakwerks Merseburg wurde durch einen gegen Ende des Monats einsetzenden Streik stark beeinträchtigt.

In der Tabak-Industrie waren ebenfalls infolge Absatzstockung Produktionsschwierigkeiten vorhanden, die in der Hauptsache in der Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitsstundenzahl zum Ausdruck kamen. In geringerem Umfange fanden auch Arbeiterentlassungen statt. Eine geringe Besserung der Absatzmöglichkeiten scheint sich neuerdings anzubahnen3.

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Es folgte diesem Gesamtbericht eine ganze Reihe von ausführlichen Einzelberichten über die Lage in den verschiedenen Wirtschafts- und Industriezweigen, so über Kohle, Eisen, Metalle, Textilien, Papier, Holz, Baustoffe, Glas und Porzellan, Öle und Fette, chemische Produkte und Tabak (R 43 I/1147, Bl. 226–240).

Siehe dazu weiter den Bericht des RWiM über die Wirtschaftslage im September 1920, Dok. Nr. 128.

gez. Dr. Scholz

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