2.156 (lut1p): Nr. 156 Der Danziger Senatspräsident Sahm an den Reichskanzler. Genf, 14. September 1925

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Nr. 156
Der Danziger Senatspräsident Sahm an den Reichskanzler. Genf, 14. September 1925

R 43 I/1106, Bl. 79 f.

[Deutsch-polnische Wirtschaftsverhandlungen; Grenzfragen]

Lieber Luther!

Für die bevorstehenden deutsch-polnischen Verhandlungen über den Abschluß eines Zoll- und Wirtschaftsabkommens erscheint mir eine Äußerung des Generalkommissars für Österreich, Zimmermann, mit dem ich gestern zufällig zusammenkam, von einer gewissen Bedeutung. Zimmermann fragte mich, worauf es zurückzuführen sei, daß die Stimmung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung gegen den Völkerbund sei. Ich erwiderte ihm, dies sei im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß die Entscheidungen des Völkerbundes in solchen Fragen, an denen Deutschland vornehmlich interessiert sei, nicht den Anforderungen[547] der Gerechtigkeit entsprochen hätten. Dies gelte von Oberschlesien, Saargebiet und Danzig, ganz besonders aber unter diesen dreien von Oberschlesien.

Darauf erwiderte Zimmermann wörtlich: „Und nun stirbt Polen an Oberschlesien.“1

1

Eine ähnlich lautende Darstellung des Gesprächs mit Zimmermann in der Tagebuchnotiz Sahms vom 20.12.25 in: BA-Kl.Erw. 502-1, S. 157.

Nach meiner Ansicht beleuchten diese Worte blitzartig das Problem, das Deutschland jetzt zu lösen hat, und geben zugleich einen Fingerzeig, mit welcher Tendenz die Verhandlungen zu führen sind.

Ich hatte vorher eine Besprechung mit Lewald, der mich in meinem Hotel aufsuchte. Leider hatte ich nicht den Eindruck, daß Lewald das Problem in seiner vollen Bedeutung erkannt hat. Ich habe ihm meine Auffassung gesagt, möchte aber doch noch zusammenfassend das wiederholen, was ich ihm gesagt habe.

Der Wirtschaftskrieg zwischen Deutschland und Polen2 hat für Deutschland nicht so schwerwiegende Folgen gehabt, wie man vielleicht in einigen Kreisen befürchtet hat. Dagegen sind die Folgen für Polen direkt katastrophal zu nennen. Nicht zum letzten ist der Sturz des Zloty darauf zurückzuführen. Die Situation, wie sie sich zu Gunsten Deutschlands entwickelt hat, muß dazu zwingen, die Verhandlungen von vornherein nicht auf Nachgiebigkeit einzustellen. Man muß deshalb politische Forderungen voranschicken, und zwar nicht nur das Niederlassungsrecht, das nach meiner Ansicht eine Frage von höchst sekundärer Bedeutung ist, sondern die Optantenfrage3, die Frage der Liquidation4 der Kolonisten in Verbindung mit der Nichterfüllung des Versprechens, die Entschädigungen auszuzahlen, und vor allem das neue polnische Agrargesetz, welches nach allgemeiner Ansicht der betroffenen deutschen Großgrundbesitzer den letzten und vernichtenden Schlag gegen das Deutschtum in Polen führen wird5.

2

S. dazu Dok. Nr. 115, P. 3, dort bes. Anm. 7, 12 u. 13.

3

Gemeint ist wohl eine Modifizierung der durch dt.-poln. Abkommen vom 30.8.24 und Reichsgesetz vom 2.2.25 (RGBl. II, S. 33 ) getroffenen Regelung der Staatszugehörigkeits- und Optionsfrage.

4

S. dazu Dok. Nr. 257, P. 2.

5

Das am 28.12.25 vom poln. Sejm angenommene Agrarreformgesetz sieht für einen Zeitraum von zehn Jahren den Verkauf von jährlich 200 000 ha Großgrundbesitz an Kleinbauern vor. Anträge, die Minderheiten bei den Verkäufen zu berücksichtigen, wurden abgelehnt (ein Exemplar des poln. Agrargesetzentwurfs in dt. Übersetzung in R 43 I/121, Bl. 175-210; s. dazu auch die Aufzeichnung des MinDir. Wallroth vom 20.1.26 in: ADAP, Serie B, Bd. II, 1, Dok. Nr. 40).

Was die Zollverhandlungen aber angeht, so fürchte ich nach den Äußerungen Lewalds, daß er in der Frage des Kohlenkontingents zu nachgiebig sein wird. Er meinte nämlich, man könne bis auf 200 000 oder gar 300 000 Tonnen ruhig hinaufgehen6. Ich bin entgegengesetzter Ansicht und brauche wohl zur Begründung nur auf die obenerwähnte Äußerung Zimmermanns hinzuweisen.

6

Vgl. dazu Anm. 5 zu Dok. Nr. 115.

Ich habe Lewald gegenüber erklärt, daß seine Mission eine welthistorische Bedeutung habe, von deren geschickter Erfüllung viel mehr abhänge, als eine[548] Regelung gegenwärtiger Wirtschaftsbeziehungen, sondern vielleicht die Basis für die künftige Gestaltung der Ostgrenzen Deutschlands7.

7

Zum Problem der dt. Ostgrenzen notiert Sahm unter dem 18.12.25: „Schon seit Monaten bewegt mich die Frage, ob nicht vielleicht die Zeit gekommen ist, den unnatürlichen Zustand des Freistaats, des Korridors, zu beseitigen. Es läßt sich wohl denken, daß das Deutsche Reich sich an der Sanierung Polens in irgendeiner Form unter der Bedingung beteiligt, daß der Korridor und Danzig wieder an Deutschland zurückgegeben wird.“ (BA-Kl.Erw. 502-1, S. 151).

Aufgefallen ist mir schließlich noch eine Bemerkung Lewalds, der es als unbequem empfindet, daß der Außenminister Dr. Stresemann ohne Vermittlung und Mitwirkung Lewalds den Führer der polnischen Delegation auf dessen Wunsch zu Besprechungen empfange8.

8

S. dazu Anm. 9 zu Dok. Nr. 115.

Ich bitte bei ev. Verwertung des Vorstehenden meinen Namen nicht zu nennen.

Anfang nächster Woche werde ich vielleicht in Berlin sein und hoffe, Sie dann zu sprechen, falls Sie nicht schon in Lausanne sind9.

9

Die letzten beiden Absätze von Sahm handschrl. hinzugefügt.

Mit besten Grüßen

stets Ihr

Sahm

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