2.69 (lut1p): Nr. 69 Aufzeichnung des Staatssekretärs Kempner über eine Besprechung des Reichskanzlers mit dem Stellvertreter des Reichspräsidenten am 14. April 1925 zur Reichspräsidentenwahl

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Nr. 69
Aufzeichnung des Staatssekretärs Kempner über eine Besprechung des Reichskanzlers mit dem Stellvertreter des Reichspräsidenten am 14. April 1925 zur Reichspräsidentenwahl

R 43 I/584, Bl. 53 f.

Nach vorheriger Anmeldung begab sich der Reichskanzler mit mir gestern abend im Auto nach Schorfheide zum Stellvertreter des Reichspräsidenten, wo wir kurz vor 10 Uhr eintrafen.

Der Reichskanzler machte den Stellvertreter des Reichspräsidenten auf die durch die Aufstellung der Kandidatur Hindenburg entstandene außen- und innenpolitische Situation aufmerksam und wies besonders auf die letzten vorliegenden Telegramme der Botschafter von Maltzan und von Hoesch1 hin[244] sowie auf den Umstand, daß selbst die rechtsstehende Kreuzzeitung nicht umhin könne, die ausländischen Pressestimmen zu bringen, die die Kandidatur ungünstig beurteilten2. Er habe sich verpflichtet gefühlt, dem Stellvertreter des Reichspräsidenten diese Umstände vorzutragen, um zu erwägen, ob noch in letzter Stunde durch einen Schritt dazu geeigneter Männer die etwa drohenden Gefahren abgewendet werden könnten. Er sähe die Lage nicht so an, daß durch eine etwaige Wahl Hindenburgs eine Katastrophe drohe, ein Ausdruck, der in Pressemeldungen und Telegrammen gebraucht sei. Immerhin müsse nochmals geprüft werden, ob auf eine Rückziehung der Kandidatur Hindenburg hingewirkt werden müsse. Eine Möglichkeit hierzu sähe er nur in der Weise, daß die beiden Kandidaten, Hindenburg und Marx, zum freiwilligen Rücktritt veranlaßt würden. Es würde natürlich schwer sein, eine Persönlichkeit für einen solchen Schritt zu finden; in Frage komme vielleicht der Stellvertreter des Reichspräsidenten.

1

S. die Tagebuchnotizen des RAM zwischen 15. und 18. 4. in: Stresemann, Vermächtnis, Bd. II, S. 48 ff.

2

Die Nominierung Hindenburgs war am 8. und 9. 4. von einem Teil der brit. Presse („Daily Mail“ und „Daily Graphic“) als Vorspiel zur Restauration der Monarchie bezeichnet worden. „Echo de Paris“ hatte von einer „bedauerlichen Ungeschicklichkeit“ gesprochen, „die Deutschland schwer zu stehen kommen werde.“ („Die Zeit“ vom 9. 4.).

Der Stellvertreter des Reichspräsidenten stimmte dem Kanzler hinsichtlich der sachlichen Beurteilung der Lage, die durch die Kandidatur von Hindenburg entstanden sei, zu. Im übrigen sei ein Schritt, der die Kandidaten Marx und Hindenburg zum Verzicht veranlassen solle, s. E. überhaupt nur möglich, wenn man gleichzeitig einen geeigneten Sammelkandidaten benenne.

Der Reichskanzler stimmte der letzten Äußerung des Stellvertreters des Reichspräsidenten uneingeschränkt zu. Für eine solche Kandidatur stände nur eine sehr beschränkte Anzahl Männer zur Verfügung. Er sähe im Augenblick eigentlich nur zwei Männer, nämlich Dr. Geßler und Dr. Simons. Bei Geßler bestehe die Schwierigkeit, daß die Sozialdemokratie ihm wohl kaum zustimmen werde, und ohne diese sei das Ganze nicht zu machen. Bei Dr. Simons glaube er, insbesondere nach den Äußerungen, die der Abgeordnete Müller-Franken ihm gegenüber früher getan habe, daß sie sich bereitfinden würde, für ihn einzutreten. Er bäte, daß auch Staatssekretär Dr. Kempner seine Auffassung hierzu kurz darlege.

Staatssekretär Dr. Kempner führte aus, daß s. E. der Schlüssel für die ganze Aktion beim Zentrum läge. Es würde nur dann bereit sein, von der Kandidatur Marx jetzt noch Abstand zu nehmen, wenn durch die Aufstellung einer neuen Kandidatur gerade der Marxsche Gedanke der Volksgemeinschaft verwirklicht würde, wenn also ein Kandidat gefunden würde, für den die Parteien von den Deutschnationalen bis zu den Sozialdemokraten, beide Parteien eingeschlossen, eintreten würden. Diese Voraussetzung träfe s. E. bei dem Minister Geßler nicht zu, denn die Sozialdemokratie sähe, abgesehen von allem anderen, in Herrn Geßler den Mann, der die „schwarze Reichswehr“ aufgezogen oder wenigstens geduldet hätte. Gegen diese habe sie so stark geeifert, daß sie nun für diesen Mann s. E. nicht eintreten würde.

Präsident Dr. Simons beurteilte die Lage bezüglich des Ministers Geßler ähnlich wie der Reichskanzler. Was seine eigene Person anlange, so sei es zunächst[245] formell ausgeschlossen, daß er die Kandidaten zum Rücktritt von ihrer Kandidatur zugunsten seiner eigenen veranlasse3. Weiter würde der Marschall von Hindenburg unter keinen Umständen gerade zugunsten seiner Person verzichten. Hindenburg habe ihm in der Öffentlichkeit Hochverrat und sogar Landesverrat vorgeworfen und sei von der Berechtigung dieses Vorwurfs innerlich überzeugt. Hindenburg würde es bei dieser Sachlage für eine allerschwerste Pflichtverletzung ansehen, unter diesen Umständen zurückzutreten. Es sei ferner mehr als zweifelhaft, ob die Deutschnationalen sich für seine Kandidatur bereitfinden lassen würden. Er glaube es nicht.

3

Über eine Unterredung mit Simons am 15. 4. notiert Stresemann unter dem gleichen Datum: „Simons hat die Absicht, durch Staatssekretär Meissner sich mit Marx in Verbindung zu setzen und zu veranlassen, daß beide Kandidaten zurücktreten. Aussicht darauf ist wohl ziemlich gering. Simons selbst scheint nicht abgeneigt, Kandidatur zu übernehmen, fühlt sich als Reichspräsident anscheinend sehr wohl, macht auch repräsentativ sehr gute Figur.“ (Stresemann, Vermächtnis, Bd. II, S. 49).

Der Reichskanzler meinte, man könnte die Situation bezüglich der beiden genannten Kandidaten so ausdrücken, daß bei dem einen die Decke links, bei dam anderen die Decke rechts zu kurz sei.

Präsident Dr. Simons stimmte dem mit dem Bemerken zu, es sei eben bei dieser Sachlage kein Schritt möglich.

Demgegenüber meinte Staatssekretär Dr. Kempner, daß, wenn die Darstellung bezüglich dieser beiden Kandidaten zuträfe, ernsthaft geprüft werden müßte, ob nicht ein anderer geeigneter Kandidat gefunden werden könnte.

Präsident Dr. Simons erwiderte, daß er im Augenblick keinen solchen Kandidaten sehen könne4. Aber auch abgesehen hiervon, schienen ihm die Dinge für ein Eingreifen zu weit gediehen zu sein. Auch er bedaure die Zerrissenheit, die durch Aufstellung der Gegenkandidaturen Marx und Hindenburg in das deutsche Volk erneut hineingetragen werde, auf das tiefste. Das deutsche Volk müsse aber nun entscheiden und die Folgen seiner Entscheidung tragen.

4

Nach einer Aufzeichnung Kempners läßt Simons am Morgen des 15. 4. durch Meissner mitteilen, daß er nun die Möglichkeit einer Kandidatur Luthers in Betracht ziehe. „Wenn er im gestrigen Gespräch nicht gleich auf diese Möglichkeit hingewiesen habe, so läge das daran, daß er gestern der Ansicht war, Dr. Luther sei wegen seiner Kenntnisse, seiner Arbeitskraft […] noch für lange Zeit als Kanzler unentbehrlich. Nach reiflicher Überlegung sei er aber zu der Überzeugung gelangt, daß sogar diese Momente zurücktreten müßten, wenn es möglich sei, durch die Kandidatur Luther die sonst drohenden Schwierigkeiten und Gefahren zu beheben.“ (R 43 I/584, Bl. 55). – Luther war trotz großer Bedenken offenbar nicht ganz abgeneigt. Stresemann vermerkt über eine Unterredung mit dem RK am 15. 4.: „Luther selbst würde letzten Endes Kandidatur übernehmen, obwohl er fürchtet, daran zugrunde zu gehen.“ Wörtlich habe der RK gesagt: „Ich bestehe nur aus Aktivität, würde vielleicht an der Inaktivität des Präsidentenpostens zugrunde gehen, und das Repräsentative liegt mir schon gar nicht.“ (Stresemann, Vermächtnis, Bd. II, S. 48 f.).

Hierauf wurde die Besprechung geschlossen.

Kempner, 15. 4.

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