2.87 (lut1p): Nr. 87 Aufzeichnung des Staatssekretärs v. Schubert über zwei Unterredungen mit dem Britischen Botschafter zur Jahrtausendfeier im Rheinland. 14. Mai 1925

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 6). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Die Kabinette Luther I und II (1925/26), Band 1.Das Kabinett Luther I Bild 102-02064Reichspräsident Friedrich Ebert verstorben Bild 102-01129Hindenburgkopf Bild 146-1986-107-32AStresemann, Chamberlain, Briand Bild 183-R03618

Extras:

 

Text

RTF

[291] Nr. 87
Aufzeichnung des Staatssekretärs v. Schubert über zwei Unterredungen mit dem Britischen Botschafter zur Jahrtausendfeier im Rheinland. 14. Mai 1925

R 43 I/1793, Bl. 289-293 Abschrift1

1

Diese Aufzeichnung wird vom AA zusammen mit mehreren einschlägigen Aktenstücken (s. die nachfolgenden Anmerkungen; s. auch Dok. Nr. 88 und 92) am 26. 5. an die Rkei zur Kenntnisnahme übersandt.

Streng vertraulich!

Der Englische Botschafter hatte mich heute mittag kurz antelephoniert, um mir mitzuteilen, daß er eine wichtige Instruktion von Herrn Chamberlain erhalten habe. Herr Chamberlain sei außerordentlich erregt über die Nachrichten, die er über die geplante Jahrtausendfeier im Rheinland erhalten habe. Er habe Lord D’Abernon die Weisung erteilt, diesbezüglich eine Demarche bei der Deutschen Regierung zu unternehmen und dabei insbesondere auf den Brief des Herrn Loehrs vom Preußischen Ministerium des Innern an den Regierungspräsidenten von Düsseldorf vom 14. April2 hinzuweisen, aus dem klar hervorgehe, daß die Deutsche Regierung alles tue, um den „Demonstrationen“ im Rheinland einen möglichst auffallenden Charakter zu geben. Lord D’Abernon fügte hinzu, daß er in dieser wichtigen Sache event. den Herrn Reichskanzler selbst und auch den Herrn Reichsaußenminister aufsuchen, daß er aber zunächst mit mir über die Sache sprechen wolle.

2

S. Anm. 4.

Nachdem ich zunächst mit Herrn Ministerialdirektor Loehrs konferiert hatte, empfing ich heute nachmittag Lord D’Abernon.

Der Botschafter las mir zunächst die Instruktion vor, die er von Herrn Chamberlain erhalten hat3.

3

Die Instruktion, die der obigen Aufzeichnung abschrl. beiliegt, hat folgenden Wortlaut:

„Proposed demonstrations in the Rhineland on the millenary of the victory of Henry I.

Mr. Chamberlain is astonished that the German Government should countenance a celebration which must exacerbate the feeling between the inhabitants of the Rhineland and the occupying forces. The last two paragraphs of the letter from the Prussian Ministery of the Interior of April 14 are quite clear.

What greater folly can be conceived than to hold celebrations of this kind at a moment when the evacuation of Cologne and the success of the security negotiations are really desired by the German Government? How would it be possible to justify more completely the suspicions entertained by the French public? Action of this kind at such a moment makes it almost impossible to assist the German Government. The most sincere efforts to attain a satisfactory and rapid solution may be rendered futile by the absence of intelligent cooperation.“

Ich sagte Lord D’Abernon zunächst, daß ich die plötzliche Aufregung des Herrn Chamberlain nicht verstände und daß ich die Beurteilung, die der englische Premierminister den Festlichkeiten im Rheinland angedeihen lasse, doch recht erstaunlich finde. Außerdem fände ich es geradezu lächerlich, wenn Herr Chamberlain sich zu der Behauptung versteige, daß ihm wegen dieser Feierlichkeiten eine Unterstützung der Deutschen Regierung in der Räumungs- und Sicherheitsfrage beinahe unmöglich erscheine und daß die aufrichtigen Bemühungen, eine befriedigende und schnelle Lösung zu erreichen, zum Scheitern gebracht werden könnten, wenn es unsererseits, wie es in der Instruktion heiße,[292] an „der intelligenten Mitarbeit“ fehle. Das seien doch übertriebene Behauptungen, die keine Sinn hätten.

Ich fragte sodann Lord D’Abernon, was für eine Bewandtnis es mit dem in seiner Instruktion erwähnten Brief des Preußischen Ministeriums des Innern vom 14. April habe.

Der Botschafter legte mir daraufhin die von den französischen Behörden zur Verfügung gestellte Abschrift dieses Briefes vor4.

4

Der Brief ist obiger Aufzeichnung abschrl. beigefügt. Er trägt unter der Behördenfirma „Ministre de l’Intérieur de Prusse“ die Journalnummer C. B. II. 6853/2 (vgl. Anm. 2 zu Dok. Nr. 88) und lautet wie folgt:

„En réponse à votre rapport du 30 Mars, concernant les demandes qui vous ont été adressées par les communes de Düsseldorf, Duisbourg, Neuss, Crefeld et Ohligs en vue d’obtenir des subventions supplémentaires de l’Etat à l’occasion des fêtes du Millénaire de la Rhénanie, j’ai l’honneur de vous faire connaître que la Commission chargée d’étudier cette question par le Ministère des Finances du Reich sera de passage à Düsseldorf le 25 avril prochain. Une conférence pourrait donc avoir lieu à cette date au Regierungspräsidium en vue d’examiner, en preésence des Délégués des villes susmentionnées, les demandes de crédits.

J’insiste encore particulièrement sur la nécessité qui s’impose de faciliter, dans la plus large mesure, la préparation des fêtes organisées dans votre „Regierungsbezirk“.

Dans votre région restée particulièrement soumise à l’oppression étrangère, il importe de mettre tout en oeuvre pour remonter le sentiment allemand d’une population qui a dû supporter de longues souffrances et de cruelles privations.

De toutes parts, la préparation des fêtes est poussée activement et laisse présumer une réussite complète des manifestations projetées. A une époque où des discussions décisives vont s’engager sur le sort de nos territoires de l’Quest, il importe de soutenir de toutes vos forces les initiatives prises par toutes les organisation représentant la population rhénane. signé Loehrs.“

Auf Grund meiner Rücksprache mit Herrn Ministerialdirektor Loehrs sagte ich Lord D’Abernon, daß es sich augenscheinlich um eine Fälschung handele. Die Franzosen arbeiteten ausgiebig mit Spitzeln, die ihnen allerlei gefälschtes Material zutrügen. Es sei schon mehrfach vorgekommen, daß man den Franzosen Schriftstücke, die sogar mit Journalnummern versehen gewesen seien, in die Hände gespielt hätte, die sich aber dann stets als plumpe Fälschungen herausgestellt hätten.

Lord D’Abernon erwiderte, es würde ja ganz ausgezeichnet sein, wenn wir dieses Dokument als eine Fälschung bezeichnen könnten. Er wäre mir dankbar, wenn ich ihm hierüber morgen eine definitive Antwort zugehen lassen könnte. Da dieses Dokument das Hauptbeweisstück zu sein scheine, so würde der Nachweis einer Fälschung natürlich Herrn Chamberlain ganz außerordentlich beruhigen.

Lord D’Abernon teilte mir dann weiter mit, daß die Aufregung des Herrn Chamberlain wohl hauptsächlich auf einen Bericht des englischen Vertreters in der Rheinlandkommission, Lord Kilmarnock, vom 8. Mai zurückzuführen sei, den er mir vertraulich zu lesen gab.

In diesem langen Bericht beschreibt Lord Kilmarnock ausführlich die vielen Feiern, die im Rheinland in diesem Jahre geplant seien, und die zu Schwierigkeiten mit den Besatzungsbehörden führen könnten. An einer Stelle setzt er auseinander, daß diese Feiern offensichtlich einen politischen Charakter trügen, daß sie nicht nur als Gegengewicht gegen separatistische Veranstaltungen gedacht[293] seien, sondern sich ausgesprochen gegen die Alliierten richteten, und daß sie endlich dazu bestimmt seien, die patriotische Stimmung der Bevölkerung zu heben. Außerdem sollten diese Veranstaltungen die Forderung nach baldiger Räumung der ersten Zone zum Ausdruck bringen.

Ferner berichtet Lord Kilmarnock, er habe gehört, daß ein sehr großer Zustrom von Deutschen aus dem unbesetzten Gebiet zu erwarten sei. Um diesen Zustrom zu erleichtern, wolle man Fahrpreisermäßigungen und Sonderzüge vorsehen. Es sei zu befürchten, daß gerade die Anwesenheit dieser Leute aus dem unbesetzten Gebiet, die mit den Zuständen im Rheinlande nicht vertraut seien, zu schlimmen Zwischenfällen führen würden.

Am Schlusse seines Berichtes regt Lord Kilmarnock an, die Englische Regierung solle in Berlin die stärksten Vorstellungen erheben, um für eine Einschränkung der Feierlichkeiten im Rheinlande zu sorgen.

Dem Bericht Lord Kilmarnocks lag ein Schreiben des englischen Oberkommandanten in Köln vor, der dringend dafür eintritt, dafür zu sorgen, daß die Feierlichkeiten bis nach dem Abzug der englischen Truppen verschoben werden sollten.

Ich erwiderte Lord D’Abernon, daß dasjenige, was Lord Kilmarnock über den Charakter der Festlichkeiten im Rheinlande ausgeführt habe, barer Unsinn sei. Lord D’Abernon müsse sich doch selbst sagen, daß wir keinerlei Interesse daran hätten, ausgerechnet in der jetzigen Zeit wilde Demonstrationen gegen die Alliierten im Rheinland zu veranstalten; auch den Rheinländern sei ein solcher Blödsinn nicht zuzutrauen. Auf der anderen Seite sei es doch praktisch, den Gefühlen der Rheinländer, die so lange Zeit den schwersten Bedrückungen ausgesetzt worden seien und noch jetzt sehr darunter litten, einen gewissen Auspuff zu verschaffen. Die Festlichkeiten seien im übrigen nach meinen Feststellungen durchaus harmloser Natur. Am Sonnabend [16. 5.] werde die historische und Kulturausstellung in Köln eröffnet; zu dieser Eröffnung würde auch der Herr Reichskanzler und der Herr Reichsaußenminister fahren sowie der Preußische Ministerpräsident und der Preußische Innenminister5. Ferner seien überall Musikfeste, sportliche Veranstaltungen, Gewerbeausstellungen, Weinbauausstellungen usw. geplant. Der Charakter dieser Veranstaltungen zeige bereits, daß von einer politischen Tendenz nicht die Rede sein könne.

5

Vgl. Dok. Nr. 79, P. 1.

Im übrigen müsse ich ihn darauf hinweisen, daß die ersten Vorbereitungen für diese Ausstellung in Köln wie auch die meisten der übrigen Veranstaltungen schon vor einem halben Jahr begonnen worden seien, als man noch mit Recht darauf gerechnet hätte, daß bei der Eröffnung der Ausstellung die nördliche Zone geräumt sein würde.

Im übrigen hätte ich festgestellt, daß über diese Feiern ständig Verhandlungen zwischen den kompetenten deutschen und alliierten Stellen stattgefunden hätten, die meines Wissens durchaus normal verlaufen seien. Wenn Lord Kilmarnock berichtet hätte, daß der Oberpräsident der Rheinprovinz sich außerstande erklärt habe, im einzelnen für eine ruhige Abwickelung der Festlichkeiten zu sorgen, so sei dies eine ganz schiefe Darstellung. Der Oberpräsident[294] habe vielmehr der Rheinlandkommission mitgeteilt, sie möge doch ihre Bezirksdelegierten anweisen, wegen der Einzelheiten sich mit den Lokalbehörden in Verbindung zu setzen, da es dem Oberpräsidenten unmöglich sei, generelle Anweisungen zu erteilen, die jede möglicherweise vorkommende Einzelheit deckten.

Lord D’Abernon entgegnete, daß er gern im Sinne meiner Ausführungen nach London berichten werde. Allerdings müsse er ganz allgemein sagen, daß er die Abhaltung solcher rauschenden Feste gerade im jetzigen Moment, wo die kitzlichsten, das Rheinland betreffenden Fragen gelöst werden sollten, für recht inopportun halte. Er wäre auf jeden Fall dankbar, wenn seitens der deutschen bezw. preußischen Behörden alles geschehen würde, um die Feierlichkeiten in einem möglichst ruhigen Rahmen zu halten, und wenn er darüber eine ausdrückliche Versicherung erhalten könnte.

Der Botschafter wird mich morgen erneut aufsuchen, um dann nach London zu telegraphieren6.

6

S. Dok. Nr. 88.

gez. von Schubert

Extras (Fußzeile):