2.92 (lut1p): Nr. 92 Der Reichsminister des Auswärtigen an den Reichsminister des Innern. 25. Mai 1925

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Nr. 92
Der Reichsminister des Auswärtigen an den Reichsminister des Innern. 25. Mai 1925

R 43 I/1793, Bl. 314 Abschrift1

1

Das Schreiben wird vom AA zusammen mit mehreren einschlägigen Aktenstücken (s. Anm. 2; s. auch Dok. Nr. 87 und 88) am 26. 5. an die Rkei zur Kenntnisnahme übersandt.

[Alliierte Demarchen wegen der rheinischen Jahrtausendfeier]

Sehr verehrter Herr Kollege!

Die rheinische Jahrtausendfeier hat, wie nicht anders zu erwarten war, bei den Regierungen der Besatzungsmächte eine gewisse Aufregung hervorgerufen. Sowohl der Britische wie der Französische Botschafter und der Belgische Gesandte haben hier im Auftrage ihrer Regierungen in den letzten Tagen, zum Teil auf völlig falscher Grundlage, Demarchen unternommen, um auf die ernsten Folgen hinzuweisen, die es für die Behandlung der zur Zeit im Vordergrund der Erörterungen stehenden außenpolitischen Probleme haben könnte, wenn etwa die Veranstaltungen aus Anlaß der Tausendjahrfeier den Charakter von Demonstrationen gegen die Politik der Besatzungsmächte annehmen und zu Zwischenfällen mit den Besatzungsbehörden führen sollten. Wegen der Einzelheiten gestatte ich mir auf die zu Ihrer persönlichen und vertraulichen Kenntnis in Abschrift beigefügten Aufzeichnungen zu verweisen, aus denen zugleich die den Botschaftern erteilten Antworten zu entnehmen sind2.

2

Zur Demarche des brit. Botschafters Lord D’Abernon s. Dok. Nr. 87. Über eine Unterredung mit dem frz. Botschafter am 21. 5. hatte StS v. Schubert in einer Aufzeichnung gleichen Datums, die obigem Schreiben in R 43 I/1793, Bl. 312 f. beiliegt, u. a. vermerkt: Er habe de Margerie, der vor antifranzösischen Demonstrationen aus Anlaß der Jahrtausendfeiern gewarnt habe, versichert, daß von seiten der Preußischen und der RReg. alles geschehe, um „unliebsame Zwischenfälle“ zu verhindern.

Sie sehen daraus, daß wir uns bemüht haben, die Botschafter über das Irrige ihrer Auffassung hinsichtlich des Sinnes und des Zweckes der Tausendjahrfeier aufzuklären und sie insbesondere auch zu überzeugen, daß es ein Unding[304] ist, diesen Vorgängen einen Einfluß auf den Gang der Verhandlungen über die großen außenpolitischen Fragen einzuräumen. Wie Ihnen bekannt ist, bin ich den Versuchen der Gegenseite, die Tausendjahrfeier politisch zu unseren Ungunsten auszuwerten, auch im Reichstag entgegengetreten3. Immerhin kann ich mich angesichts der Art des Vorgehens der beteiligten fremden Regierungen und ihrer ganzen Einstellung der Erkenntnis nicht verschließen, daß namentlich von den militärischen Kreisen Frankreichs jeder Zwischenfall im Rheinland, der sich etwa als bewußte und gewollte Demonstration gegen die Politik der Alliierten hinstellen ließe, mit Freuden aufgegriffen werden würde, um uns Schwierigkeiten zu bereiten. Ich halte es deshalb für dringend geboten, daß bei den Veranstaltungen im Rheinland nach Möglichkeit alle vermieden wird, was zur Schwächung unserer Stellung gegenüber den Alliierten bei den gegenwärtig schwebenden Verhandlungen benutzt werden könnte.

3

Gemeint ist die RT-Rede vom 18. 5., s. RT-Bd. 385, S. 1879 .

Ich wäre Ihnen dankbar, hochverehrter Herr Kollege, wenn Sie auch Ihrerseits in den beteiligten Kreisen Ihren Einfluß in der Richtung geltend machen würden, daß bei der Tausendjahrfeier von allen Veranstaltungen abgesehen wird, welche die Gefahr in sich tragen, daß sie zu Zwischenfällen führen, die von der Gegenseite zu unserm Nachteil ausgebeutet werden können4.

4

Eine schriftliche Stellungnahme des RIM hierzu nicht ermittelt. In den Akten der Rkei lediglich eine Vermerk Wiensteins vom 11. 6. über Mitteilungen aus dem RIMin., wonach der RIM erklärt habe, „er wolle sich überlegen, ob er in der Angelegenheit etwas unternehmen wolle“. Diese Angelegenheit, insbesondere die Frage einer eventuellen Teilnahme des RPräs. an den Jahrtausendfeiern in Düsseldorf und Köln (18. u. 19. 6.), ist am 28. 5. Gegenstand einer Chefbesprechung in der Rkei, an der unter Vorsitz des RK die RM Stresemann, Schiele und Frenken teilnehmen. Lt. Vermerk Wiensteins vom 29. 5. habe der RAM dabei erklärt, daß die Reise des RPräs. „zu ungeheuren Massenansammlungen und zu Demonstrationen Anlaß geben würde. Es sei leicht möglich, daß die Kundgebungen frankreich- und englandfeindlichen Charakter annehmen würden. In außenpolitischer Hinsicht werde das untragbar sein. Es sei aber auch nicht angenehm, die Besatzungsmächte darum zu bitten, die Einreise des Reichspräsidenten zu gestatten. […] Er zweifle allerdings nicht daran, daß die Besatzungsmächte in korrektester Form den deutschen Wünschen nachkommen würden. Es seien jedoch noch zahlreiche unangenehme Situationen denkbar; z. B. sei es möglich, daß die Engländer oder die Franzosen Ehrenkompanien zur Begrüßung des Reichspräsidenten aufstellten. Der Reichspräsident werde dann hiervon irgendwie Notiz nehmen müssen.“ Er sei daher unbedingt dafür, dem RPräs. von der Reise abzuraten. Dieser Auffassung schließen sich die anwesenden Mitglieder des Kabinetts in nachfolgender kurzer Aussprache an. – Nach einem weiteren Vermerk Wiensteins begibt sich der RK am 30. 5. zum RPräs., um ihm über das Ergebnis dieser Besprechung Mitteilung zu machen (R 43 I/1793, Bl. 316, 285). – Diese Reise des RPräs. findet nicht statt. Zur Reise Hindenburgs zu den Befreiungsfeierlichkeiten in Westfalen und Rheinland vom 17. bis 19. 9. s. Dok. Nr. 155, P. 2.

Mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ganz ergebener

gez. Stresemann

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