2.154.1 (ma11p): [Reparationsverhandlungen in Paris.]

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[Reparationsverhandlungen in Paris.]

Geheimrat Kastl berichtete über seinen Pariser Aufenthalt1. Bezüglich des Sachverständigen-Gutachtens sei noch alles in Fluß. Es werde versucht festzustellen, welche Zahlen wohl von der Reichsregierung angenommen werden würden. Dabei sei Young von einem außerordentlich großen Optimismus betreffend[489] die Leistungsfähigkeit Deutschlands beseelt2. Die hohen Zahlen über die Jahresleistung, die gerüchtweise bekannt geworden seien, seien ihm teilweise von Young als zutreffend bestätigt worden. Der letzte Stand der Zahlen für die Jahresleistung des Normaljahres3 sei folgender gewesen4:

1

Eine Aufzeichnung von MinR Kastl vom 24. 3. (mit Anlagen) über verschiedene Besprechungen mit Sachverständigen in Paris findet sich in R 38/224.

2

In seiner Aufzeichnung vom 24. 3. (s. Anm. 1) berichtet Kastl, Sir Josiah Stamp habe ihm und StS Fischer am 17. 3. mitgeteilt, „daß man in den Kreisen des Sachverständigen-Ausschusses außerordentlich optimistisch sei über die zukünftige Leistungsfähigkeit Deutschlands, und daß man deshalb zu nach seiner [Stamps] Ansicht ganz übertriebenen Ziffern bezüglich der zukünftigen Leistungen gekommen sei. Er habe bisher alles versucht, um zur Vernunft zu mahnen, sei aber bis jetzt allein mit seiner Ansicht geblieben. Es stellte sich dabei heraus, daß man vom Jahre 1928 ab von Deutschland Leistungen in einer Gesamtziffer von rund 3 Mrd. jährlich erwartet […] Der Optimismus werde nach Angaben von Stamp in der Hauptsache von dem amerikanischen Mitglied des Sachverständigen-Ausschusses Owen Young vertreten, der sich immer wieder auf Mitteilungen berufe, die ihm dt. Industrie- und Handelskreise in Berlin gemacht hätten und die dahin gingen, daß sie für den Fall, daß Rhein und Ruhr frei werden, bereit seien, 50% Steuern mehr zu zahlen als gegenwärtig.“ Am 20. 3. protestierte StS Bergmann daraufhin bei Young gegen die geplante Reparations-Annuität von ca. 3 Mrd. GM (hierüber Aufzeichnung Bergmanns vom 20. 3., Anlage zur Aufzeichnung Kastls vom 24. 3.; vgl. auch Bergmann, Der Weg der Reparation, S. 290 f.). Die Einwendungen Bergmanns hätten, so heißt es in der Aufzeichnung Kastls vom 24. 3. weiter, „sichtlichen Eindruck auf Young gemacht, denn man hat sich innerhalb des Komitees am 20. zu einem Kompromiß entschlossen, der nunmehr eine Ziffer von 2450 Mio Gesamtjahresleistungen vorsieht. Zu diesem Kompromiß haben angeblich die Franzosen und Belgier noch nicht ihre Zustimmung gegeben.“

3

Gemeint ist das Jahr 1928, von dem an Deutschland – nach einer Übergangszeit mit verminderten, jährlich ansteigenden Annuitäten – die volle Reparationsleistung aufzubringen haben würde.

4

Die folgenden Angaben wurden Kastl am 22. 3. von dem engl. Experten Finlayson vertraulich mitgeteilt (Aktenvermerk Kastls vom 22. 3., Anlage zur Aufzeichnung Kastls vom 24. 3. in R 38/224).

600

Millionen Goldmark aus der Eisenbahn

300

Millionen Goldmark aus den Verkehrssteuern

300

Millionen Goldmark aus den Industriebetriebonds

1250

Millionen Goldmark aus dem Budget.

Gegen diese Zahlen sei Protest erhoben worden5.

5

Nach dem Aktenvermerk Kastls vom 22. 3. (s. Anm. 4) habe ihm Finlayson erklärt: Die engl. Delegation halte eine derartige Annuität von 2450 Mio für das Normaljahr, auf die sich das erste Sachverständigenkomitee im Wege des Kompromisses geeinigt habe, „für viel zu hoch, er [Finlayson] habe in diesem Sinne auch an den engl. Botschafter in Berlin berichtet, und er nehme an, daß Stamp und Kindersley in gleichem Sinne bei der Treasury in London tätig sein würden.“

Von englischer Seite seien folgende Zahlen genannt worden:

1924

nichts

1925

250

Millionen GM

1926

750

Millionen GM

1927

1050

Millionen GM

1928

1500

Millionen GM

1929

1750

Millionen GM

1930

2000

Millionen GM

Auf welche Weise diese Summen aufgebracht würden, solle dabei gleichgültig sein.

Von englischer Seite werde dazu zum Ausdruck gebracht, daß auch die Engländer[490] der Meinung seien, der Vertrag von Versailles sei durch den Ruhreinbruch gebrochen. Deutschland solle jede Lieferung während des Moratoriums ablehnen6. Außerdem solle Deutschland jede Forderung ablehnen, so lange das Komitee nicht gleichzeitig einen Weg zeige, wie die geforderten Leistungen finanziert werden sollten. Für die Benutzung der Regiebahnen solle Deutschland eine Rechnung aufstellen und die Anrechnung dieser Summe auf Reparationskonto fordern.

6

Zur Frage der Sachlieferungen heißt es in der Aufzeichnung Kastls vom 24. 3. (s. Anm. 1): „Eine der hauptsächlichsten Schwierigkeiten für die zukünftige Regelung der Reparationsangelegenheiten bildet die Tatsache, daß man davon abgekommen ist, Deutschland für die Jahre 1924 und 1925 ein sogenanntes wasserdichtes Moratorium zu bewilligen, sondern auch für diese Jahre von Deutschland Sachlieferungen verlangt. Die Finanzierung dieser Lieferungen macht besondere Schwierigkeiten, wenn sie nicht auf dem Wege über die auf die Eisenbahnen zu legenden Obligationen möglich wird. Dies ist umso schlimmer, als bereits am 15. 4. Micumverträge in der gegenwärtigen Form ablaufen und die Frage zu prüfen ist, ob und wie eine Verlängerung möglich oder notwendig sein wird. Von engl. Seite aus ist man, wie bekannt, stark gegen die Verlängerung der Verträge, die nur Frankreich und Belgien außergewöhnlich hohe Leistungen zuführen. Auf der anderen Seite ist zu erwägen, daß eine völlig ablehnende Haltung einerseits ein Präjudiz für das Sachverständigen-Gutachten schaffen würde, und daß andererseits wahrscheinlich die Belgier und Franzosen zu neuen Beschlagnahmungen und Gewalttaten schreiten würden, die mit ähnlichen Folgeerscheinungen, wie sie vor Dezember 1923 bestanden, begleitet sein würden. […] Herr Botschafter v. Hoesch und Herr StS Fischer haben am Donnerstag voriger Woche [20. 3.] an das AA in Berlin telegraphiert, daß voraussichtlich letzten Endes nichts anderes übrig bleiben werde, als die Micumverträge in irgendeiner Form auf kurze Frist über den 15. 4. hinaus zu verlängern.“

Staatssekretär Vogt gab einen Überblick über die Fragen, die durch seine Reise nach Paris einer Klärung zugeführt werden sollten. Im wesentlichen handle es sich um folgende Punkte:

1) Leistung der Reichsbahn: Das Verkehrsministerium stehe auf dem Standpunkt, daß die Reichsbank nur 500 Millionen zu leisten imstande sei. Von der Gegenseite würden 660 bis 980 Millionen gefordert.

2) Zusammensetzung des Verwaltungsrats: Vorgesehen sei, daß von neun deutschen Mitgliedern vier Vertreter der Vorzugsaktien sein sollen (weitere neun Mitglieder würden von dem Zensor gewählt, der ermächtigt sein solle, auch Deutsche zu bestimmen). Daraus gehe hervor, daß die Vorzugsaktien, die in Höhe von 4 Milliarden GM ausgegeben werden sollen, in Deutschland untergebracht werden sollen. Dies sei unmöglich, es werde eine Abwanderung ins Ausland eintreten und damit die deutsche Mehrheit im Verwaltungsrat gefährdet werden.

3) Die Art des Inslebentretens der Aktiengesellschaft: Nach den bisherigen Mitteilungen sei es noch nicht möglich, sich über diese Frage auch nur annähernd ein Bild zu machen.

Seine Hauptaufgabe erblicke er demnach darin, 1. die geforderte Summe zurückzuschrauben, 2. die Zusammensetzung des Verwaltungsrats anders zu gestalten, 3. zu ermitteln, wie die Aktiengesellschaft ins Leben gerufen werden solle.

Einwendungen wurden nicht erhoben.

Der Reichsminister des Auswärtigen bat um Aufklärung darüber, ob die Mitarbeit der Deutschen bei dem Zustandekommen des Sachverständigen-Gutachtens[491] offiziell sei oder ob nach Fertigstellung die Deutsche Regierung völlige Handlungsfreiheit habe. Wichtig sei, daß, falls das letztere zutreffe, die Gegenseite darüber vollständig im klaren wäre.

Geheimrat Kastl erwiderte, daß bei der Gegenseite kein Zweifel darüber bestände, daß die Mitarbeit der Deutschen ganz unverbindlich wäre und daß die Reichsregierung sich ihre vollständige Handlungsfreiheit vorbehielte. Er teilte mit, daß die Absicht bestehe, das Gutachten vor Übergabe an die Reparationskommission den Ministern Stresemann und Luther zwecks Zustimmung vorzulegen.

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