2.137 (ma11p): Nr. 137 MdR Schücking an den Reichskanzler. 8. März 1924

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Text

RTF

Nr. 137
MdR Schücking an den Reichskanzler. 8. März 1924

R 43 I/685, Bl. 222 handschriftlich, Unterschrift eigenhändig

[Illegale Ausbildung von Zivilpersonen durch die Reichswehr]

Hochgeehrter Herr Reichskanzler!

Der Unterzeichnete möchte sich in einer hochpolitischen Angelegenheit an Sie wenden, die ihm, als Reichstagsabgeordneten, seit geraumer Zeit die schwersten Sorgen macht.

Ich erhalte fortgesetzt Nachrichten über vertrags- und gesetzwidrige Rüstungen innerhalb der Reichswehr. Soeben ging mir wieder eine Benachrichtigung zu, daß jetzt mit Semesterende in Marburg eine ganze Anzahl Studenten in die Reichswehr eingetreten sind, um in den Ferien militärisch ausgebildet zu werden. Bei einem Manöver, das dieser Tage dort abgehalten ist, sollen viele Bauernsöhne der Umgebung in die Formationen eingereiht sein. Nachrichten solcher Art sind mir aus der amtlichen Umgebung des Preußischen Ministers des Innern bestätigt worden. Alle Welt spricht davon. Es ist selbstverständlich, daß solche Dinge den Franzosen nicht verborgen bleiben. Durch meine pazifistischen Beziehungen hörte ich, daß Frankreich schon einen ganzen Stoß von Material angesammelt hat, um diese Dinge gegen uns zu verwerten. Schon hat[447] die „Chicago Tribune“ in den letzten Tagen gemeldet, daß der englische Premierminister1 davon überzeugt worden sei, daß Deutschland in dieser Beziehung gegen den Versailler Vertrag verstoße und dementsprechend von Deutschland abrücke. Alle Versuche, zunächst bei dem Herrn Reichswehrminister auf Abstellung hinzuwirken, von mir aus unternommen, sind völlig aussichtslos. Er bestreitet diese Dinge und hat mir erklärt, daß höchstens private Verbände solche Ausbildungen vorgenommen haben können. Es erscheint mir unfaßbar, wie auch nur ein solcher Vorgang, zumal unter Herrschaft des Ausnahmezustandes, möglich gewesen sein soll. Ich fühle mich in meinem Gewissen verpflichtet, diese Angelegenheit deshalb Ihnen als dem Haupt der Reichsregierung zu unterbreiten, denn ich gewinne den Eindruck, daß die von dem Willen der Mehrheit des Reichstages getragene auswärtige Politik Ihres Kabinetts hier, wenn nicht planmäßig, so doch tatsächlich durch andere Instanzen sabotiert wird2.

1

Ramsay MacDonald.

2

Am 11. 3. teilt der StSRkei dem RWeM den Inhalt von Schückings Brief vertraulich mit und bittet im Auftrag des RK um eine Stellungnahme. Am 17. 3. antwortet das RWeMin. (i. A. v. Schleicher), der RWeM habe Schücking zunächst um Übersendung näherer Unterlagen ersucht, die eine Untersuchung der von Schücking vorgebrachten Beschwerden ermöglichen. Bis dahin müsse sich der RWeM seine Stellungnahme vorbehalten (R 43 I/685, Bl. 224). Schließlich äußert sich der RWeM zu der Eingabe Schückings in einem Bericht an das Büro des RPräs. vom 30. 4., der der Rkei in Abschrift zugeht; abgedr. als Dok. Nr. 188.

Mit dem Ausdruck verehrungsvoller Ergebenheit der Ihrige

Walther Schücking

M.d.R.

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