2.187 (ma11p): Nr. 187 Sitzung des Reichsbank-Kuratoriums. 29. April 1924, 11 Uhr

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Nr. 187
Sitzung des Reichsbank-Kuratoriums. 29. April 1924, 11 Uhr

R 43 I/632, Bl. 383-444 Durchschrift1

1

Das Wortprotokoll dieser Sitzung umfaßt 63 Schreibmaschinenseiten, die jedoch z. T. nicht voll beschrieben sind.

[Bericht Schachts über die Währungslage und die Tätigkeit der Reichsbank.]

[Der Reichskanzler eröffnet die Sitzung, würdigt die Verdienste Havensteins und Schachts und erteilt Schacht das Wort.]

Reichsbankpräsident Dr. Schacht: Meine Herren! Ich bin Anfang Januar in mein Amt eingetreten2, und wenn während des ersten Vierteljahres eine Sitzung des Kuratoriums noch nicht stattgefunden hat, so lag es wohl in erster Linie daran, daß die Sitzung infolge Inanspruchnahme der nächstbeteiligten Herren verschiedentlich vertagt worden ist. Im letzten Quartal 1923 hat eine Sitzung des Kuratoriums nicht stattgefunden; ich darf aber annehmen, daß ich mich in meinem Bericht auf die Zeit beschränken darf, die ich selbst durchgemacht[588] habe, also etwa seit Januar dieses Jahres. Sie umfaßt ja auch im wesentlichen die Ziffern, die den Abbau der Inflation kennzeichnen.

2

Schacht war am 22.12.23 als Nachfolger Havensteins zum RbkPräs. ernannt worden.

Die gesamte Kapitalanlage der Reichsbank zeigt selbstverständlich in diesen Monaten eine sehr erhebliche Zunahme. Sie betrug – alles auf Goldmark umgerechnet – Ende Dezember 591 Millionen, Ende Januar 1092 Millionen, Ende Februar 1472 Millionen, Ende März 1911 Millionen und am 23. April 2050 Millionen – das ist der Ausweis, der heute veröffentlicht wird und der Ihnen jetzt hier als Neuestes vorliegt. Das ist in  3½  Monaten mehr als eine Verdreifachung. Wie aus diesen Ziffern selbst wieder hervorgeht, ist seit Ende März die Zunahme erheblich verlangsamt worden. Sie ist in den ersten Monaten selbstverständlich sehr rasch vor sich gegangen, ist dann wieder abgeflaut, und zwar in der Hauptsache deswegen, weil wir uns der Grenze des für den Verkehr zurzeit erträglichen Notenumlaufs nähern und wir infolgedessen, wie Ihnen bekannt ist, durch eine sehr erhebliche Kreditrestriktion3 den Prozeß der Ausgabe verlangsamt haben. Auf der anderen Seite ist es uns möglich geworden, etwas larger in der Kreditgewährung deswegen zu werden, weil die Zunahme der Giroguthaben sowohl in Rentenmark wie in Papiermark ebenfalls in den letzten Monaten eine stärkere geworden ist. Der Prozeß hat sich so vollzogen, daß zunächst einmal die Rentenmarkscheine und das von der Reichsbank ausgegebene Geld sich sehr rasch in die Bevölkerung hineinbegeben haben und dann nur langsam aus der Wirtschaft wieder als Kassenbestände an die Reichsbank zurückströmen. Der größte Teil der Zunahme der Kapitalanlage entfällt naturgemäß auf die Rentenmark. Die Rentenmarkanlage hat sich gesteigert von 142 Millionen Ende Dezember auf 1268 Millionen am 23. April; das ist der letzte vorliegende Ausweis. Gleichzeitig ist die Papiermarkanlage gestiegen von 448 auf 781. Ich habe neulich in der „Deutschen Tageszeitung“ den Vorwurf lesen müssen, warum ich denn eigentlich nicht die Papiermark statt der Rentenmark einschränkte und es zuließe, daß auch die Papiermark sich vermehrte. Die Erklärung, die die „Deutsche Tageszeitung“ dafür gab, war die, daß ich naturgemäß mehr für die Papiermark schwärmte als für die Rentenmark, weil ich bei Papiermark 10% Diskont für die Reichsbank verdiente, während ich bei der Rentenmark nur 7% verdiente und die 3% an die Rentenbank abgeben müßte. Die Tatsache ist natürlich, daß die Situation so ist: Wir haben nur ein gesetzliches Zahlungsmittel, das ist die Papiermark, und ich kann natürlich die Papiermark nicht etwa ganz verschwinden lassen, denn dann würden wir überhaupt keine Möglichkeit haben, den ganzen Börsenhandel und Devisenhandel überhaupt gesetzlich aufrechtzuerhalten. Wenn wir auch praktisch die Rentenmark gegen Papiermark jederzeit mit einer Billion einlösen, muß doch ein gewisser Betrag auch an Papiermarkumlauf da sein. Der zweite Grund insbesondere, warum wir eine Papiermarkanlagesteigerung in der Reichsbank erfahren haben, ist der, daß ich im besetzten Gebiet natürlich nur Papiermarkkredite geben kann – und nicht Rentenmarkkredite – nach den vorliegenden gesetzlichen Bestimmungen, so daß daraus allein sich schon die Zunahme der Papiermarkanlage[589] erklärt; denn ich kann natürlich nicht das besetzte Gebiet ganz von Krediten entblößen.

3

Zur Kreditrestriktion vom 7. 4. vgl. Dok. Nr. 170, Anm. 2.

[…]

Wir haben unsere Rentenmarkkredite, die wir gegeben haben, teils aus eigenen Rentenmarkbeständen gegeben – und zwar sind das diejenigen, die aus der Zirkulation aus Girokonten sich bei der Reichsbank wieder ansammeln –, teils haben wir die Rentenmarkkredite, die wir gegeben haben, durch Aufnahme von Rentenmark bei der Rentenbank, also durch Verschuldung bei der Rentenbank, hereinbekommen. Am 23. Januar haben wir erstmalig 100 Millionen Goldmark von der Rentenbank geliehen, haben die Summe Ende Januar auf 200 Millionen erhöht, Ende Februar auf 400 Millionen, und seit Ende März schulden wir 800 Millionen Rentenmark bei der Rentenbank.

[…]

Der gesamte Zahlungsmittelumlauf hat sich infolge der gewährten Kredite natürlich sehr erheblich erhöht. Hier ist aber die Verschiebung, wenn wir die gesamten Zahlungsmittel in Rücksicht ziehen, nicht etwa in der Gesamtsumme allzu groß, sondern sie ist im wesentlichen nur eine Verschiebung in der Richtung der Beseitigung von allem möglichen Not- und Hilfsgeld und dafür Inkurssetzung der Rentenmark und zum Teil auch der Papiermark. Der Gesamtumlauf an Zahlungsmitteln betrug schon Ende Dezember 2,7 Milliarden. Er stieg Ende Februar auf 2,8, Ende März auf 3050 Millionen und ist Mitte April wieder auf 2,8 Milliarden zurückgegangen, so daß wir auch hier eine gewisse Entspannung in den letzten Wochen wieder durch diese ganze Kreditrestriktion herbeigeführt haben.

Der Umlauf an Reichsbanknoten und Rentengeld, also Rentenmarkscheinen und Rentenpfennigen, zeigt in diesen Terminen – also immer Monatsende von Ende Dezember bis Mitte April – folgende Entwicklung; ich gebe runde Ziffern: 1,5 Milliarden, dann 2,2 Milliarden, 2,5 Milliarden und 2,46 Milliarden. Der Rückgang ist also im wesentlichen auf das wertbeständige und nicht wertbeständige Notgeld und auf die Zurückziehung der kleinen Goldanleihestücke zurückzuführen. Wir haben zurzeit noch an wertbeständigem Notgeld 146 Millionen in Umlauf, an nichtwertbeständigem Notgeld 50 Millionen und an kleinen Goldanleihestücken 194 Millionen. Ich nehme an, daß das seit dem 15. April schon wieder zurückgegangen [ist].

(Reichsfinanzminister Dr. Luther: Nicht unerheblich zurückgegangen; etwa schon wieder 150 Millionen!)

Es ist also zweifellos eine sehr starke und sehr schnelle Vermehrung des Geldumlaufs nach der Inflation schon eingetreten, also unmittelbar seit der Wendung von Inflation zu wertbeständigem Gelde. Aber seitdem wir das wertbeständige Geld haben, ist eigentlich eine sehr erhebliche Vermehrung des Zahlungsmittelumlaufs gar nicht erfolgt, sondern es hat nur eine Verschiebung stattgefunden zwischen dem Notgeld und dem normalen Geld, d. h. Reichsbank- und Rentenbankgeld. Immerhin ist die Umlaufsmenge an Rentenmark zuzüglich Papiermark heute so groß, daß wir aus der Erfahrung heraus die Wahrnehmung machen können, daß, je stärker nun Rentenmark in den Verkehr hineingelassen[590] werden, um so größer die Gefahr wird, daß die Rentenmark in das Ausland abwandert und im Kurse gegenüber der Devise absinkt, und das ist der Hauptgrund gewesen, warum wir – worauf ich gleich noch zu sprechen kommen werde – zu der Kreditrestriktion geschritten sind.

[…]

Nun darf ich eben noch auf die Kreditnot zu sprechen kommen, die ja allerorten sich geltend macht, und ich darf darauf hinweisen, daß der Verschleiß des vorhandenen Kapitals durch die Entwertung aller Papiermarkforderungsrechte, durch unwirtschaftlichen Verbrauch, durch die Häufung unproduktiver Arbeit in der Gütererzeugung und in der Güterverteilung, durch den unproduktiven Zahlungsverkehr, durch die Störungen der Produktion, durch die ganze Unterbindung der Kapitalbildung während der Inflation, durch die großen Hemmungen des Außenhandels in so erschreckendem Maße fortgeschritten war, daß es jetzt in fast allen Wirtschaftskreisen an Mitteln fehlt, um die Betriebe in ihrem bisherigen Umfange aufrechtzuerhalten, und daß die Zentralnotenbank in der unerhörtesten Weise von allen Seiten mit Kreditgesuchen bestürmt wird. Ich darf dazu erwähnen, daß die Einlagen bei den Banken, die doch nicht als Spareinlagen anzusprechen sind, sondern die die regulären Kassenbestände der Wirtschaft darstellen, sich heute auf 2,6 Milliarden belaufen, während die Sparkassenguthaben ja bis auf 300 bis 400 Millionen Goldmark gegenwärtig zurückgegangen sind. Bei den Banken ist der Rückgang natürlich nicht so groß wie bei den Sparkasen. Der Bestand bei den Banken war 1913 etwa 10 Milliarden, während er bei den Sparkassen etwa das Doppelte, nämlich 20 Milliarden betrug. Der Mangel an flüssigem Kapital drückt sich ferner in den geradezu ungeheuerlich niedrigen Kursen der Effektenbörse aus, und es ist auf das höchste zu bedauern, daß diese Situation noch durch die mehr als leichtfertige Frankenspekulation in einer Weise verschärft worden ist, die zurzeit zu einer unmittelbaren Krisis in den davon betroffenen Branchen Befürchtungen erwecken muß. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß eine Wirtschaft, die selbst so mit sich zu kämpfen hatte wie die deutsche, sich in dieser – man kann wirklich nur sagen – politisch und wirtschaftlich in jder Weise leichtfertigen Weise in eine Spekulation hineinbegeben hat, deren sie nicht nur selbst unter keinen Umständen irgendwie Herr war, sondern die jederzeit durch irgendeine politische oder finanzielle Intervention gegen sie ausschlagen konnte. Ich glaube, daß sich die Verluste der deutschen Wirtschaft allein durch die Frankenspekulation doch auf mehrere hundert Millionen Goldmark belaufen werden, und da das alles Devisenschulden sind, so ist eigentlich kein Wort scharf genug, um diese Dinge zu verurteilen. Ich habe mich infolgedessen auch bei den Vorbesprechungen über die Regelung dieser Verpflichtungen sehr zurückgehalten und habe mich auf den Standpunkt gestellt, daß, wenn bei dieser Gelegenheit einmal einige Firmen kaputtgehen sollten, ich das durchaus nicht bedauern würde, sondern als Warnungszeichen für künftig durchaus in den Kauf nehmen würde.

Nun ist ja die Frage der Kreditpolitik augenblicklich für die Reichsbank die allerwichtigste, und die Situation wird ganz ungeheuer dadurch erschwert, daß einer der Hauptkreditnehmer die Landwirtschaft ist. Ich darf hierüber vielleicht[591] einmal ein paar Worte ausführen, weil das Dinge sind, die augenblicklich im Mittelpunkte der öffentlichen Erörterung stehen.

In Friedenszeiten hat die Reichsbank vielleicht 5% von dem gesamten Kreditbedarf der Landwirtschaft gedeckt. Es ist ja eigentlich eine übliche Erscheinung gewesen, daß die Preußenkasse in erster Linie, die ja immer, namentlich unter dem Präsidenten Heiligenstadt, in einem gewissen Gegensatz zur Reichsbank stand, an dem offenen Geldmarkt als Geldgeberin auftrat und manchmal die Politik der Reichsbank geradezu durchkreuzte, ohne daß die Reichsbank dagegen irgend etwas machen konnte. Jedenfalls war der ganze Kreditbedarf der Landwirtschaft vor dem Kriege durch die Preußenkasse und die mit ihr in Verbindung stehenden oder gleichartigen Zentralkassen des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens fast bis zur Gänze gedeckt. Jetzt ist das vollständig anders geworden. Auch hier sind alle Gelder verschwunden, und die Landwirtschaft stürzt sich mit der ihr eigenen Energie auf die Notenpresse der Reichsbank, und wir dürfen uns doch nicht verhehlen, daß es effektiv nichts anderes ist als die Notenpresse, die wir hier in Bewegung setzen; denn selbst wenn die Rentenmark durch eine Kreditforderung gedeckt ist, so ist sie doch letzten Endes nichts anderes als eben ein Kreditgeld, d. h. ein Geld, das nicht auf Kredit der Bank oder des Staates, sondern auf Kredit der Wirtschaft aufgebaut ist, also im wesentlichen eben ein Kreditgeld, und nun soll die Reichsbank aus den Rentenmarkbeständen heraus die ganze Landwirtschaft mit Kredit versorgen. Ich habe neulich die Ziffer angegeben, daß von den 1200 Millionen Rentenmark Krediten, die für die Gesamtwirtschaft vorgesehen waren, seitens der Rentenbank heute bereits 800 Millionen an die Landwirtschaft gegeben sind. Die Ziffer ist bestritten worden. Ich habe sie nochmals nachprüfen lassen und festgestellt, daß sie in der Tat zutrifft, vielleicht sogar noch etwas höher ist, wenn man bedenkt, daß selbstverständlich die ganzen Düngemittellieferungen an die Landwirtschaft doch in diese landwirtschaftlichen Kredite hineinbezogen werden müssen. Ich werde die genaue Einteilung dieser Ziffer in den nächsten Tagen noch zu veröffentlichen in der Lage sein. Tatsache ist aber, daß, während von den Rentenmarkkrediten eigentlich nur 600 an die Landwirtschaft gehen sollten, wir heute schon 800 Millionen an die Landwirtschaft gegeben haben, also zum Teil aus unseren eigenen Beständen, die aus dem Verkehr zurückgeflossen sind, heraus, und daß dieser Betrag im Verhältnis zu einer Gesamtanlage von rund 2 Milliarden 40% beträgt und einen Prozentsatz darstellt, der im Vergleich zu den Kreditbedürfnissen von Handel und Industrie natürlich außerordentlich hoch ist. Infolgedessen ist die Kreditnot bei Handel und Industrie zum mindesten genau so ausgedrückt wie in der Landwirtschaft.

Ich darf hier an dieser Stelle eben noch einmal ausführen, ohne auf die Ziffern einzugehen, daß ja die Entwicklung des deutschen Außenhandels in den ersten Monaten des Jahres für uns ein außerordentlich ungünstiges Resultat ergeben hat. Ich habe die Empfindung, daß wir uns gar zu sehr auf die Stabilität der Rentenmark verlassen haben und daß wir in vielen Kreisen vergessen haben, daß die Rentenmark letzten Endes keine Goldmark ist, mit der man Goldverpflichtungen abtragen kann, sondern eben ein innerpolitisches Zahlungsmittel.[592] Dadurch hat sich die Devisenlage ganz außerordentlich verschlechtert, und auch die Devisensituation der Reichsbank ist leider, wie ich hier sagen muß, keine erfreuliche.

[…]

Wie notwendig es war, in dieser ganzen Situation ständig die Mark unter Beobachtung zu halten, sehen Sie daraus, daß wir am 9. Februar – das war der schwärzeste Tag – eine Billion Papiermark mit 54 cents in Amsterdam kotiert sahen gegenüber einer Parität von 59. Sie ist nachher noch mehrfach unter Parität gewesen, aber glücklicherweise nie wieder so weit wie am 9. Februar. Dagegen waren wir seit dem 12. April stets über Parität, z. T. sogar recht erheblich, und entsprechend notiert natürlich die Rentenmark.

Die Zuteilungsquote für die angeforderten Devisenbeträge betrug für Auszahlung New York anfangs des Jahres noch 15%, Ende Januar 10%, Ende Februar 2% und seit dem 4. März nur noch 1%. Bei den anderen Hauptdevisen war die Situation ähnlich. Selbstverständlich ist es immer so, daß, je mehr man reduzieren muß, um so mehr die Anmeldung wächst, und dann kommt die automatische Reduzierung ganz von selbst, ohne daß vielleicht im Bedarf selbst irgendwie eine Änderung erfolgt ist. Aber es sieht nach außen natürlich außerordentlich viel schlechter aus, wenn man infolge eines Absinkens des Vertrauens oder infolge Mangels von Devisen nun einmal mit der Zuteilung heruntergehen muß. Dann ist eigentlich die Leiter nach unten beschritten, und man kommt furchtbar schwer wieder hoch. Die Bedarfsanmeldungen sind ziemlich ununterbrochen gewachsen, und nun kommt der Zwiespalt bei den Devisenbesitzern: je geringer die Zuteilungsquote wird, um so mehr behält er natürlich seine Devisen, aus Furcht, daß er bei späterem Bedarf, wenn er seinen Bedarf anmeldet, keine Zuteilung bekommt, und er zahlt infolgedessen lieber die höchsten Zinsen für Reichsmarkkredite, die er jedenfalls jederzeit und leichter bekommen kann und die vor allen Dingen auch kein währungsrisiko für ihn involvieren, als daß er seine Devisen hergibt. Infolgedessen sind auch die Zinssätze in der letzten Zeit auch für tägliches Geld ganz erheblich angezogen.

Überhaupt sind die Zinssätze für inländisches Geld ja zurzeit ganz ungeheuerlich, und das kommt daher, weil die Reichsbank nun mit ihrer Kreditpolitik so energisch hat einsetzen müssen. An sich reicht das Geld, das die Reichsbank aus der Notenpresse heraus – zum Teil aus den Giroguthaben, aber in der Hauptsache aus der Notenpresse heraus – an die Wirtschaftswelt geben kann, ohne die Währung zu gefährden, bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die Sätze des offenen Marktes entfernen sich deshalb von dem Diskontsatz der Reichsbank ganz ungeheuerlich. Wir haben bei der Reichsbank einen offiziellen Diskont von 10% und haben im offenen Markte Sätze von 30, 40, ja 50 und 60 Prozent und je nach der Bonität des Betreffenden noch höhere Sätze. Das sind Dinge, die jede Diskontpolitik der Reichsbank eigentlich unmöglich machen. Mit dem Diskont können wir heute den Geldmarkt absolut nicht mehr regeln, weil bei jedem Diskont der Geldmarkt immer noch höhere Sätze haben wird, weil eben die Reichsbank nicht jedes Quantum Kapital geben kann, wenn sie nicht die Währung gefährden will. Und da ist die Situation so, daß, wenn wir heute Rentenmark im Wege des Kredits herauslassen, dann eben[593] die Wirtschaft die Rentenmark zur Abdeckung von Devisenverpflichtungen benutzt, d. h. sie sucht sie loszuwerden. Wir sehen sofort, wie im besetzten Gebiet bei Loslassen der Kreditschraube der Kurs des Dollars heraufgeht und beim Anziehen der Kreditschraube sofort die Devisen herauskommen und die Papiermark im Kurse sich wieder stabilisiert. Es ist ganz auffällig gewesen, wie diese letzten drastischen Maßnahmen, die wir Anfang April beschlossen und durchgeführt haben, in ganz starkem Maße Devisen herausgebracht haben. Wir können es täglich sehen, und ich kriege täglich die Zettel: heute verkauft uns die und die Bank den und den Betrag; und das war ganz typisch: wo die Sache gegen Ultimo zur Liquidation ging und die Leute kein Geld hatten, kamen die Devisenbeträge wieder heraus. Daher die Verbesserung in der Devisensituation. Also wir können nicht mit der Diskontschraube heute irgendwie die Situation regeln, sondern können das nur mit der Kreditrestriktion tun. Würden wir die Diskontschraube anziehen, so müßten wir sie auf 30, 40 oder wieviel Prozent anziehen. Das sind natürlich Sätze, die man offiziell gar nicht verantworten kann, da sich nach dem Reichsbankdiskont doch immerhin eine ganze Masse von Verträgen richten, die nicht rasch geändert werden können, und da vor allem solche Kreditsätze für die Landwirtschaft natürlich vollständig untragbar sind. Schon jetzt behauptet die Landwirtschaft, daß sie den Satz von 10% zwar zahlen könne, aber daß sie die Verteuerung, die durch die Zwischeninstanzen zwischen Reichsbank und landwirtschaftlichem Kreditnehmer kommen, nicht mehr tragen könne. Der Kredit kommt, selbst wenn er durch die Preußenkasse gegeben wird, doch letzten Endes nur mit 16, 17, 18% an den Landwirt, und der Landwirt behauptet, daß das Sätze sind, die nicht gezahlt werden können, worin ihm ja, glaube ich, jeder Mensch nur innerlich zustimmen kann.

[…]

Wenn ich nun noch ein paar Worte über die Entwicklung der nächsten Zeit sagen darf, so möchte ich zunächst einmal sagen, daß meine Annahme, daß von der Golddiskontbank eine gewisse Erleichterung der Situation ausgehen wird, sich doch zu verwirklichen scheint. Die Ansprüche, die an uns kommen, sind sehr erheblich. Sie sind bisher lediglich, sagen wir einmal, von dem nächstgelegenen Klienten, d. h. von der Großindustrie usw., gekommen. Ich würde sehr dankbar sein, wenn die Herren des Kuratoriums namentlich aus anderen Ländern in ihrem Kreis darauf aufmerksam machen würden, daß wir gerade Wert darauf legen, wenn wir aus der Exportindustrie, also z. B. aus der württembergischen, aus der nordbayerischen oder fränkischen Exportindustrie, aus der Gegend von Sonneberg usw., in Anspruch genommen würden, denn das sind natürlich Wechsel, die sich außerordentlich gut weitergeben lassen und für den Rediskont uns Erleichterungen bringen werden.

[…]

Im übrigen darf ich sagen, daß die Lage des deutschen Bankgewerbes insgesamt meines Erachtens eine überaus trostlose ist. Die ungeheure Aufblähung, die die Banken in der Inflation mit durchgemacht haben, rächt sich natürlich jetzt außerordentlich. Die Leute haben kein Geld mehr, sie müssen infolgedessen notgedrungen mit dem bißchen, was ihnen zur Verfügung steht, wuchern, und die Unkosten lassen sich natürlich nicht so schnell reduzieren,[594] wie es sonst vielleicht erwünscht wäre. Ich glaube, daß wir auch auf dem Gebiete des Bankwesens mit sehr erheblichem Abbau noch zu rechnen haben werden, und zwar in der nächsten Zeit. Ich habe dabei die Tendenz, daß da, wo wirklich Gutes und alther solid Begründetes in Gefahr steht, ich qua Reichsbank eingreifen und helfen möchte, und ich kann sagen, daß ich auch nach dieser Richtung hin durchaus das alte Vertrauensverhältnis zwischen der Reichsbank und der alten, soliden Bankwelt erhalten und vielleicht noch verstärkt habe, da ich die Schmerzen der Herren ja aus eigener Erfahrung sehr gut kenne. Aber Unsolides und neu Aufgeblähtes, glaube ich, werden wir gelegentlich fallenlassen müssen; dazu können wir nicht überall die hilfreiche Hand reichen.

Nicht weniger trostlos sieht es eigentlich in der Industrie aus. Ich brauche über die allgemeine Lage ja nicht sehr viel zu sagen. Wir suchen zu helfen, wo es irgend geht. Aber als Grundsatz steht für die Reichsbankpolitik an erster Stelle, die Währung nicht wieder fallenlassen. Was immer kommt, ich glaube, es ist viel leichter zu ertragen, daß wir wieder durch Nichtbeschäftigung der Industrie Arbeitslosigkeit bekommen und daß wir durch Opferung von Substanz vielleicht große Verluste innerhalb der Industrie bekommen, als daß wir das ganze Volk noch einmal in diesen entsetzlichen Wahnsinn der Inflation hineintreiben; und ich muß sagen, ich habe bisher bei allen, auch bei den geldbedürftigsten Kreditsuchern immer das Verständnis für diese Situation gefunden. Das ist der Grundsatz, den sich die Reichsbank und den ich mir selbst für die nächste Zeit in allererster Linie zum Leitstern machen würde.

ReichskanzlerMarx: Ich danke dem Herrn Reichsbankpräsidenten recht sehr für seinen Vortrag und eröffne die Diskussion darüber.

[Der Preußische Finanzminister v. Richter fragt, welche Maßnahmen die Reichsbank getroffen habe, um die Rentenmark zu stützen.]

Reichsbankpräsident Dr. Schacht: […] Das einzige Mittel, um die Rentenmark zu halten, ist meines Erachtens, sie in einer gewissen Seltenheit zu halten. Wenn ich heute 3,2 Milliarden Rentenmark ausdrucken und verteilen würde, würde sie wahrscheinlich keinen sehr großen Wert mehr haben, sondern die Leute würden eben versuchen, sie in Goldgeld umzutauschen. Wenn wir sie aber dauernd unter Kontrolle halten und den Umlauf dauernd nach den Anzeichen, die der Verkehr gibt, anpassen an das, was für den Verkehr tragbar ist, so glaube ich, daß wir die Rentenmark unter allen Umständen halten werden. Dazu ist aber natürlich nötig, daß wir Rentenmarkkredite und selbstverständlich auch Papiermarkkredite – denn das geht Hand in Hand –, also überhaupt Kredite, solange wir kein Goldgeld haben, nur in einem Ausmaße geben, das die Währung nicht gefährdet; und es ist unsere ständige Aufgabe heute in der Reichsbank, daß wir dauernd kontrollieren: wieviel kann man herauslassen und wieviel muß man eventuell wieder einziehen und wieder redressieren, wenn die Währung nicht gefährdet werden soll? Ich glaube, meine Herren, wir haben es bisher einigermaßen richtig gemacht, denn jeder Versuch, die Rentenmark wieder herunterzubringen, ist immer aufgefangen worden, und zwar gleich im Anfang aufgefangen worden. Unter 56 cents in Amsterdam – verzeihen Sie, am 9. Februar 54 cents – haben wir die Rentenmark im Auslande[595] nicht gesehen, und sie ist heute wieder 61,25 bis 62; es schwankt immer um diese Ziffer herum. Jedesmal, wenn wir sehen, daß das Rheinland und das besetzte Gebiet, welches uns das Barometer abgibt, dazu übergeht, Rentenmark zu verkaufen, wird die Kreditschraube angezogen. Das ist das einzige Mittel, um die Währung zu halten, solange wir nicht zur Goldbasis zurückgehen können.

Nun darf ich eins sagen. Ich habe auch Exz. Lentze, dem Vorsitzenden der Rentenbank, geschrieben: es gibt eine Masse Leute, die täglich über die Rentenmark salbadern. Man kann keine Zeitung aufschlagen, ohne eine Äußerung – sei sie gut oder schlecht – über die Rentenmark zu lesen. Wir müssen darauf hindrängen, daß überhaupt über die Rentenmark nichts geschriebenn wird; denn so wenig, wie man von tugendhaften Frauen spricht, so wenig sollte man von einem guten Gelde sprechen. Das ewige Anfragen: hält die Rentenmark auch oder wird sie sich verändern? – das ist das Schlimmste, was einem Gelde passieren kann. Es ist ganz selbstverständlich: automatisch hält sich die Rentenmark. Das ist das, was ich auch in meiner Politik in der Reichsbank immer zu machen versuche: möglichst wenig darüber sprechen, aber durch die Tat beweisen, daß die Rentenmark hält. Das ist die Politik, die wir in erster Linie verfolgen müssen.

[Im weiteren Verlauf der Sitzung erörtert das Reichsbank-Kuratorium die Auswirkungen des Sachverständigen-Gutachtens auf die Organisation der Reichsbank und die Privatnotenbanken, Fragen der Kreditgewährung an die Wirtschaft und des Außenhandels.]

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