2.8 (ma11p): Nr. 8 Der Reichsminister der Finanzen an den Reichsminister des Auswärtigen. 4. Dezember 1923

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Nr. 8
Der Reichsminister der Finanzen an den Reichsminister des Auswärtigen. 4. Dezember 1923

R 43 I/229, Bl. 226-228 Abschrift

[Besatzungskosten]

Sehr verehrter Herr Dr. Stresemann!

In der heutigen Kabinettssitzung1 ist in Ihrer Abwesenheit, schließlich aber allgemein beschlossen worden, daß sofort mit den beteiligten Ententemächten über die Tatsache in Verbindung getreten werden soll, daß es aus völlig zwingenden finanziellen und währungspolitischen Gründen für die Bezahlung der Besatzungskosten zunächst bei dem seit einigen Tagen eingeführten Kontingent von nicht ganz 1,5 Millionen täglich bleiben muß und daß über den 31. Dezember 1923 hinaus eine Bezahlung der Besatzungskosten für Deutschland überhaupt unmöglich ist. Der von Herrn Dr. Jarres angeregte Gedanke, es möchten Sie selbst oder sonst ein Sondergesandter wegen der Angelegenheit sich auf die Reise begeben, wurde von Herrn Freiherrn von Maltzan als unzweckmäßig abgelehnt. Obwohl es mir nun durchaus fern liegt, mich in die Handhabung der äußeren Politik irgendwie einzumischen, so bitte ich mir doch eine weitere Bemerkung zur Angelegenheit nicht verargen zu wollen, da ich die Frage als grundsätzlich entscheidend dafür ansehe, daß wir nicht im Winter finanziell zusammenbrechen. Es handelt sich dabei nicht nur um die Höhe der Leistungen, die ja aus den bekannten Gründen überaus umstritten ist, jedenfalls aber keinerlei Deckung im Übergangshaushalt findet, sondern es handelt[38] sich auch darum, daß, wenn wir in der bisherigen Weise weiter Zahlungsmittel für unproduktive Zwecke in das besetzte Gebiet hineinsenden, besonders die Markvorschüsse weiterzahlen, dann kein deutsches Zahlungsmittel, sei es die Reichsmark, die Rentenmark oder ein auf Goldanleihe aufgebautes Notgeld, die ungeheure Belastungsprobe wird ertragen können, die dadurch entsteht, daß die Franzosen und Belgier in Fortsetzung ihres bisherigen Verfahrens das Geld zum erheblichen Teil in Devisen verwandeln, wobei sicher auf die Länge der Zeit die Phantasiekurse für Devisen in Köln, Aachen usw. wieder entstehen werden, die wir jetzt mit vieler Not langsam abbauen. Es würde deshalb eine für die Fortsetzung des deutschen Wirtschaftslebens völlig untragbare Sachlage entstehen, wenn etwa das Auswärtige Amt nach einiger Zeit mitteilte, die Ententemächte ließen sich auf nichts ein, und es würde infolgedessen nach Ansicht des Auswärtigen Amts nichts weiter übrig bleiben, als zu bezahlen. In dieser Stunde würden wir dann, wenn inzwischen nicht alle Verhältnisse verändert sind, vor der bisher immer vermiedenen schweren Entscheidung stehen, ob wir uns und insbesondere das besetzte Gebiet irgendwelchen neuen Sanktionen und Vergewaltigungen aussetzen oder das gesamte deutsche Volk in das wirtschaftliche Chaos stürzen lassen wollen. Ich komme deshalb von dem Gedanken nicht los, daß der außerordentlich bedeutungsvolle Schritt bei den Ententemächten auch in ganz besonderen Formen gehalten sein muß. Eine Note in der Art, wie sonst diese Dinge angefaßt werden, dürfte nach meinem Gefühl nicht das ungeheure Schwergewicht besitzen, das der ganzen Angelegenheit beikommt. Ich darf mir ferner den Hinweis erlauben, daß die Frage von äußerster zeitlicher Dringlichkeit ist, und das wohl umsomehr, als das letzte Monatsdrittel wegen der Weihnachtsfeiertage vielleicht für Verhandlungen verhältnismäßig wenig geeignet ist. Gerade Sie, sehr verehrter Herr Dr. Stresemann, wissen ja aus der Zeit Ihrer Reichskanzlerschaft, mit welcher Dringlichkeit ich immer wieder darauf hingewiesen habe, daß die Entscheidung auf diesem Gebiete herbeigeführt werden muß. Deshalb hielt ich es für richtig, nachdem Sie an der heutigen Sitzung nicht teilnehmen konnten, Ihnen persönlich die Frage nochmals zu unterbreiten.

1

S. Dok. Nr. 6, P. V.

In der Hoffnung, daß Sie recht bald die unangenehme Gesundheitsstörung überwunden haben, bin ich mit verehrungsvollen Grüßen

Ihr ergebenster

gez. Dr. Luther.

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