1.89 (ma12p): Nr. 302 Der Reichskanzler an den österreichischen Bundeskanzler, z. Zt. in Genf. 16. September 1924

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Nr. 302
Der Reichskanzler an den österreichischen Bundeskanzler, z. Zt. in Genf. 16. September 1924

R 43 I/484, Bl. 192-195 Abschrift

[Antwort auf ein Schreiben des Bundeskanzlers vom 11.9.24 betr. Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und Kriegsschulderklärung]

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler!

Ihr freundliches Schreiben vom 11. d. Mts.1 fand ich hier vor, als ich gestern zu kurzem Aufenthalt hier in Berlin aus Sigmaringen eintraf, wo ich einige Tage zur Erholung mich aufgehalten hatte.

1

Der österr. Bundeskanzler Seipel hatte am 11. 9. aus Genf ein eigenhändiges Privatschreiben an RK Marx gerichtet, in dem es heißt: „Deutschland beschäftigt die zu den Beratungen des Völkerbundes versammelten Staatsmänner aufs höchste. […] Inhaltlich gruppiert sich alles Interesse für Deutschland um zwei Punkte. Erstens herrscht offensichtlich eine große Furcht, daß durch eine dt. Note über die Kriegsschuldfrage viel von dem, was bei den Londoner Verhandlungen gewonnen worden ist, wieder zerstört werden könnte. Die Staatsmänner, die am offensten für die Verständigung mit Deutschland eingetreten sind, fürchten eine neuerliche Verstärkung der nationalistischen und deutschfeindlichen Kreise in ihren Ländern; sie fürchten, zu Antworten an Sie gezwungen zu werden, die mit ihrer bisherigen Haltung in Widerspruch stehen. […] Der zweite Punkt ist die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund. Man ist allgemein der Meinung, daß Deutschland unter Einhaltung der üblichen Formen seinen Beitritt anmelden sollte; man meint in überwiegender Mehrheit, daß die Aufnahme noch in dieser Session der Völkerbundsversammlung vollzogen werden könnte; man stellt sich vor, daß, wenn Deutschland einmal da ist, viel weniger, was ihm schädlich ist, geschehen könnte; man hegt nur vereinzelt Zweifel, ob Frankreich ernstlich jetzt schon den Eintritt Deutschlands wünscht und fördern will; schließlich scheint eine Gruppe von Staaten hier zu sein, die sich um Deutschland gruppieren will, weil ihr die einseitig ententistische Führung auf die Dauer mißfällt. Die Zweifel bezüglich des wirklichen Willens Frankreichs und etwa auch über das formelle Vorgehen Ihrerseits ließen sich leicht beheben. […]“ Das Schreiben ist abgedr. in: Hugo Stehkämper, Der Nachlaß des Reichskanzlers Wilh. Marx, Teil II, S. 179 f.

Ich freute mich außerordentlich, aus den Zeitungen zu ersehen, daß Sie sich so kräftig fühlten, selbst an der Tagung des Völkerbundes teilzunehmen2. Sehr liebenswürdig ist es und des herzlichsten Dankes von uns wert, daß Sie auch noch Ihre Sorge auf Deutschland erstrecken. Die Frage, ob wir den Antrag auf Aufnahme in den Völkerbund stellen sollen, wird die Kabinettssitzung vom nächsten Dienstag [23. 9.] beschäftigen3. Ich will nicht verfehlen, Ihnen über meine Auffassung Nachricht zu geben, damit Sie darüber, wenn es notwendig[1043] sein sollte, Auskunft geben können. Daß dies in vorsichtiger Art geschieht, ist bei Ihnen, hochwürdiger Herr Prälat, selbstverständlich. Der Antrag Deutschlands ist von zwei Voraussetzungen abhängig: einmal, daß nicht von uns eine nochmalige Anerkennung des Versailler Friedensvertrages und damit der Schuldfrage verlangt wird, und ferner, daß man uns einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat einräumt. Wir haben bisher noch in keiner Weise zuverlässig feststellen können, ob Frankreich und England gewillt und in der Lage sind, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Würde die Erfüllung uns zugesichert werden, dann würde, davon bin ich überzeugt, das Kabinett keine Bedenken tragen, den Antrag auf Aufnahme in den Völkerbund zu stellen. Ich persönlich halte den Völkerbund, wie er zur Zeit gebildet ist, für wenig den mit Recht zu stellenden Ansprüchen entsprechend. Dennoch würde ich für Stellung eines Antrages sein, da ich den Gedanken des Völkerbundes grundsätzlich für überaus wertvoll ansehe und auf eine vollkommenere Ausgestaltung hoffe. Wir haben zur Zeit, wie ich Ihnen vertraulich mitteilen kann, eine offizielle Anfrage an England gerichtet, ob man bereit ist, die obigen Voraussetzungen zu erfüllen. Es wird notwendig sein, auch an Frankreich unter der Hand eine ähnliche Anfrage zu richten.

2

Seipel war bei einem Revolverattentat am 1. 6. in Wien schwer verletzt worden.

3

S. das Protokoll der Ministerratssitzung vom 23. 9. (Dok. Nr. 304 a, b).

Dem anfänglich sehr stark auftretenden Verlangen auf Beitritt Deutschlands scheint allmählich eine ruhigere Auffassung gefolgt zu sein. Sowohl in französischen wie in englischen Pressestimmen erscheint immer mehr der Gedanke, daß es zur Aufnahme Deutschlands in der gegenwärtigen Tagung nicht kommen werde. Es verlautet, daß Frankreich sogar das Verlangen stelle, es müsse zunächst die Beendigung der jetzt im Gange befindlichen Militärkontrolle abgewartet werden, ehe von der Berücksichtigung eines Antrages Deutschlands die Rede sein könne. Die Rede Herriots4 war ja auch nichts weniger als vertrauenerweckend für Deutschland. Aus seinen Worten konnte und mußte man eigentlich entnehmen, daß er nicht bereit sei, die oben bezeichneten Voraussetzungen zu erfüllen. Bis eine Klarheit über diese Fragen geschaffen ist, wird nach meiner Meinung der bisher vom Kabinett festgehaltene Standpunkt gerechtfertigt bleiben, eine abwartende Stellung einzunehmen.

4

Völkerbundsrede Herriots vom 5. 9.; vgl. Dok. Nr. 301, Anm. 10.

Sehr bedauert habe ich die große Aufregung, die anscheinend auch in Genf die Ankündigung der Überreichung unserer Kriegsschuldnote hervorgerufen hat5. Ich habe wirklich mehr Verständnis für die schwere moralische Last, die widerrechtlich auf uns lastet, bei der Entente vorausgesetzt. Die Briefe, die ich streng vertraulich an Herriot und MacDonald geschrieben6, sind ja auch leider nicht vertraulich behandelt worden. Vielleicht war es gut so. Sollte es Ihnen zweckmäßig erscheinen, so können Sie als meine Meinung mitteilen, daß die Notifikation meiner Note bis zu einer günstigen Gelegenheit hinausgeschoben werden soll. Ich glaube, daß das Kabinett am nächsten Dienstag diesen Standpunkt auch einnehmen wird. Ich sehe ein, daß eine Notifikation zur Zeit vieles[1044] zerschlagen würde, was wir in London Gutes erreicht haben. Es muß also eine passende und gute Gelegenheit dafür abgewartet werden. Es ist übrigens ein Irrtum, wenn man annimmt, daß die Note auf Drängen der deutschnationalen Kreise zurückzuführen ist. In meinen Schreiben an Herriot und MacDonald ist die historische Entwicklung näher dargelegt. In diesen Schreiben ist besonders darauf hingewiesen, daß in keiner Weise die Absicht besteht, irgendwie von den im Friedensvertrag oder in den Dawes-Gesetzen übernommenen Verpflichtungen zurückzutreten. Wir sind nach wie vor zur Erfüllung durchaus bereit, halten es aber auf die Dauer für unerträglich, daß das wahrheitswidrig und erzwungenermaßen ausgesprochene Schuldbekenntnis noch gegen das deutsche Volk ausgewertet wird.

5

Vgl. Dok. Nr. 298.

6

Das Schreiben des RK an MacDonald vom 4. 9. ist als Dok. Nr. 295 abgedruckt; zum Schreiben des RK an Herriot s. Dok. Nr. 295, Anm. 10.

Ich teile Ihnen das alles vertraulich mit, damit Sie über unsere Meinung völlig aufgeklärt sind und gegebenenfalls aufklärend wirken können. Würden Sie sichere Nachricht über die tatsächliche Einstellung Frankreichs und Englands, insbesondere bezüglich der Erfüllung der mehrfach genannten Voraussetzungen erfahren können, so würde ich Ihnen für gütige Mitteilung den allerherzlichsten Dank wissen7.

7

In seinem Antwortschreiben vom 29. 9. aus Wien teilt Bundeskanzler Seipel einen längeren, wörtlichen Auszug aus einem Bericht mit, den Seipel am 29. 9. aus Genf erhalten hatte. In diesem Bericht heißt es: „Bei den Franzosen bleibt es le mot d’ordre zu sagen, daß man keine Ausnahme für Deutschland machen könne, das seine Kandidatur wie jedes andere Land stellen müsse. Es wird bedauert, daß Deutschland nicht gleich nach den Reden MacDonalds und Herriots [am 4. bzw. 5. 9. in Genf] um seine Aufnahme angesucht habe. Dieses Bedauern mag vielleicht bei den Franzosen und einigen ihrer Klienten nicht so aufrichtig sein wie bei der Majorität der hier anwesenden Vertreter; gewiß ist es aber schade, daß der günstige Moment nach den Erklärungen der beiden Premierminister nicht benützt wurde, wenn man wirklich ernstlich jetzt dem Völkerbund beitreten wollte.“ (R 43 I/484, Bl. 196f).

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Bundeskanzler, den Ausdruck meines herzlichsten Dankes für Ihre gütige Fürsorge und meines herzlichsten Wunsches, daß Ihre Bemühungen in Genf auch für Ihr schönes Vaterland von bestem Erfolge begleitet sein möchten.

In vorzüglicher Hochachtung

gez. Marx

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