2.139 (ma31p): Nr. 139 Aufzeichnung des Staatssekretärs Pünder über Mitteilungen des Reichsministers des Auswärtigen aus Genf. [6. Dezember 1926]

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Nr. 139
Aufzeichnung des Staatssekretärs Pünder über Mitteilungen des Reichsministers des Auswärtigen aus Genf. [6. Dezember 19261]

1

Die Aufzeichnung ist nicht datiert; das Datum ergibt sich jedoch aus dem Inhalt der Aufzeichnung. Eine Abschrift erhielten der RK, StS Meissner (Büro des RPräs.), MinDir. Köpke (AA) und MinDir. Zechlin (Presseabtlg.).

R 43 I/491, Bl. 111–112

[Stand der Verhandlungen in Genf.]

Vertraulich!

Herr Reichsminister Dr. Stresemann hat mich heute 10.30 Uhr vorm. aus Genf angerufen und mir Mitteilungen über seine gestrigen Aussprachen mit Briand und Chamberlain gemacht.

Die Aussprache mit Briand sei recht zufriedenstellend gewesen2. Allerdings stehe er unverkennbar noch unter einem starken Druck der französischen öffentlichen Meinung. Letztere sei offenbar von der Notwendigkeit der Einrichtung der éléments stables3 sehr durchdrungen, und es sei schwer, Frankreich hiervon abzubringen. Immerhin halte er, Stresemann, nach dieser Aussprache[412] die Behebung dieser Schwierigkeit nicht für ausgeschlossen. Bezüglich der Militärkontrolle habe sich Briand sehr vernünftig gezeigt. Er habe vorgeschlagen, auf Grund der am heutigen Montag [6. 12.] in Paris mit General v. Pawelsz beginnenden Schlußverhandlungen4 solle in Genf zwischen den beteiligten Außenministern ein Protokoll vereinbart werden über diejenigen Maßnahmen, die Deutschland auf dem Gebiete der Entwaffnung nun treffen müsse. Nach Vereinbarung dieses Protokolls mit Deutschland (also nicht erst nach Erfüllung der in dem Protokoll enthaltenen einzelnen Verlangen) soll die I.M.K.K. zurückberufen werden. Über den Termin dieser tatsächlichen Zurückberufung scheine allerdings noch zwischen England und Frankreich eine kleine Differenz zu bestehen.

2

Siehe die Aufzeichnung Stresemanns über seine Unterredung mit Briand vom 5.12.26 anläßlich der Tagung des Völkerbundsrats in Genf, in: ADAP, Serie B, Bd. I,2, Dok. Nr. 233.

3

D. h. Einrichtung ständiger Kontrollorgane in der entmilitarisierten Zone gemäß dem Investigationsplan des Völkerbundes; vgl. dazu Dok. Nr. 136, bes. Anm. 2.

4

In Paris verhandelten Gen. v. Pawelsz und LegR Forster mit der all. Botschafterkonferenz über die Regelung der unerledigten Entwaffnungsfragen.

Die Aussprache mit Chamberlain sei sehr viel besser verlaufen5. Er habe ihm offiziell als die Auffassung der Britischen Regierung mitgeteilt, daß die Entente auf Grund des Vertrages von Versailles keinerlei Recht zu irgendeiner ständigen Kontrolle im Rheinland habe. Wenn es über diesen Satz im Völkerbundsrat zu einem Streit käme, werde er namens England an der Seite Deutschlands gegen Frankreich kämpfen. Chamberlain habe sich geradezu bereit erklärt, einen Völkerbundsratsbeschluß über die Richtigkeit der deutschen These herbeizuführen. Er habe auch der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß dieser Beschluß einstimmig gefaßt werden würde. Sollte dies schwierig werden, so werde er nach Mitteilung des deutschen Standpunktes das Wort nehmen und die Richtigkeit dieses Standpunktes unterstreichen, und er werde veranlassen, daß dann auch die anderen zustimmenden Locarnomächte eine ähnliche Erklärung abgeben würden, so daß dann im Protokoll des Völkerbundsrats die Auffassung der überwiegenden Mehrheit klar zum Ausdruck komme. Investigationen dürften aber nicht dauernd, sondern nur einzeln auf Grund besonderen Beschlusses des Völkerbundes erfolgen.

5

Siehe die Aufzeichnung Stresemanns über seine Unterredung mit Chamberlain vom 5. 12., in: ADAP, Serie B, Bd. I,2, Dok. Nr. 235.

Über die Frage der Räumung habe er sowohl mit Briand als auch mit Chamberlain gesprochen. Hierüber enthalte ein chiffriertes Telegramm an uns nähere Einzelheiten6. Im Prinzip wäre offensichtlich sowohl Paris wie London geneigt, uns auf diesem Gebiet weitgehend entgegenzukommen. Allerdings trete der finanzielle Hintergrund, der in Thoiry eine große Rolle gespielt habe, immer mehr zurück. Statt dessen träten die Thesen der internationalen Sozialistenkonferenz in Luxemburg7 sehr stark in den Vordergrund8. Über alle diese Dinge werde heute nachmittag um 4 Uhr eine Besprechung der 3 Besatzungsmächte mit den deutschen Delegierten stattfinden9.

6

Siehe den telegrafischen Bericht Stresemanns aus Genf vom 6. 12.: ADAP, a.a.O., Dok. Nr. 236.

7

Diese Konferenz hatte Ende November stattgefunden. Vgl. Schultheß 1926, S. 331.

8

Siehe dazu die Aufzeichnung Schuberts über seine Unterredung mit Vandervelde in Genf vom 5. 12.: ADAP, a.a.O., Dok. Nr. 234.

9

Siehe dazu Dok. Nr. 140.

Pünder

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