1.38 (ma32p): Nr. 280 Botschaftsrat Kiep an den Reichskanzler. Manchester (Mass.), 23. Juli 1927

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[872] Nr. 280
Botschaftsrat Kiep an den Reichskanzler. Manchester (Mass.), 23. Juli 1927

R 43 I/97, Bl. 123–129

[Die Vereinigten Staaten und die Revision des Dawes-Plans.]

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

[…]1

1

Der erste, nicht gedruckte Teil dieses Schreibens enthält die Danksagung Kieps für ein Bild mit Widmung, das ihm RK Marx übermittelt hatte; sodann Ausführungen Kieps über seine frühere Arbeit in der Reichskanzlei sowie über seine jetzige Tätigkeit in den Vereinigten Staaten. – Kiep war von Sept. 1923 bis Jan. 1925 Ministerialrat in der Reichskanzlei und hier für außen- und wirtschaftspolitische Fragen zuständig, von Jan. 1925 bis Nov. 1926 hatte er die Presseabteilung der RReg. geleitet; am 28.12.26 war Kiep zum Botschaftsrat bei der dt. Botschaft in Washington ernannt worden.

Wenn ich nicht früher mir erlaubt habe, Ihnen, Herr Reichskanzler, über meine hiesigen politischen Eindrücke zu berichten, so lag das daran, daß ich erst einen Überblick gewinnen wollte. Letzteres ist heute, wie ich glaube, in einem gewissen Umfange der Fall, und es scheint mir in dieser Beziehung zunächst beachtlich und für mich persönlich befriedigend, daß das Urteil über die wichtigsten, die deutsche Außenpolitik betreffenden Fragen, welches ich mir in den letzten Jahren in Berlin gebildet hatte, keine wesentlichen Änderungen bzw. Berichtigungen erfahren hat. […]

Der Haupteindruck, der sich in mir hier erhalten oder vielmehr aus naheliegenden Gründen verstärkt hat, ist der von der überragenden Bedeutung der Vereinigten Staaten für die Gestaltung aller großen Fragen der Weltwirtschaft und auch der Weltpolitik. Letzteres schien durch die seit Wilsons Sturz erfolgte künstliche Fernhaltung Amerikas von der europäischen Politik mitunter nicht der Fall zu sein; aber gerade die letzten Ereignisse auf der Abrüstungskonferenz in Genf haben m. E. erwiesen, wie unerhört stark die amerikanische Weltstellung auch politisch geworden ist. – Es ist übrigens doch wohl die größte Satire des Weltkrieges, daß Großbritannien diesen hat entstehen und sich entwickeln lassen, um Deutschland zu verhindern, eine auch nur halb so große Flotte zu bauen wie die britische, und heute in Genf ständig bemüht ist, der amerikanischen und damit der Weltöffentlichkeit zu versichern, daß England gegen die 100prozentige Gleichstellung seiner Flotte mit der amerikanischen nichts einzuwenden habe!

Aus dieser Machtstellung Amerikas, in Verbindung mit gewissen besonderen Merkmalen unserer eigenen heutigen Lage, ergibt sich aber des weiteren m. E., daß Deutschlands Beziehungen zu Amerika vielleicht das wichtigste Gebiet unserer außenpolitischen Betätigung darstellen, das wir auf das Sorgfältigste überwachen und pflegen müssen. Hierin liegt keine Unterschätzung des Räumungsproblems gegenüber Frankreich und der Frage des europäischen Gleichgewichts im Verhältnis zu Großbritannien. Die Verflechtung unseres Schicksals mit Amerika wird vielmehr auch in diesen Fragen wirksam aus der[873] politischen Gestaltung des Problems der alliierten Schulden an Amerika heraus. Nachdem durch den bekannten Mellonbrief die Verknüpfung der alliierten Schulden mit der Dawesfrage auch von seiten der amerikanischen Regierung anerkannt wurde2, ist der Kreis geschlossen, und wir sehen das Dawesproblem als die wichtigste deutsche Schicksalsfrage in der unmittelbaren und weiteren Zukunft.

2

Brief des amerik. Finanzministers Mellon an Präsident Hibben vom 15.3.27, in: Papers relating to the Foreign Relations of the United States 1927, Bd. II, S. 732 ff.; mit dt. Übersetzung in: Die interalliierten Schulden. Ihre Entstehung und ihre Behandlung im Youngplan, S. 119 ff., 191 ff. Zur Einschätzung des Mellon-Briefes vgl. ADAP, Serie B, Bd. V, Dok. Nr. 88 (dort S. 197) und Nr. 89 (dort S. 202).

Dieses Dawesproblem hat nun zweifellos sein Schwergewicht hier in Amerika. Seine Verfolgung und Beeinflussung sowie die Vorbereitung seiner späteren endgültigen Lösung bildet somit zwangsläufig das Hauptarbeitsgebiet unserer Botschaft. Wir sind dabei nicht nur an dem Gesamtproblem interessiert, sondern in unmittelbarer Weise an einem zeitlich begrenzten Teil: insofern nämlich, als die Lösung unserer wichtigsten gegenwärtigen Aufgabe hier, d. h. die Erwirkung der Freigabe des deutschen Privateigentums in Amerika, mit der Frage einer sogenannten Daweskrise im kommenden Jahre steht und fällt. Das ganze Freigabeverfahren, wie in dem von der amerikanischen Regierung eingebrachten Gesetzentwurf vorgesehen, ist bekanntlich auf Befriedigung der amerikanischen Kriegsansprüche – für die ja das beschlagnahmte deutsche Eigentum nach dem Friedensvertrage haftet – aus dem amerikanischen Anteil der Dawesannuitäten aufgebaut und kann infolgedessen im kommenden Winter die Zustimmung der hiesigen gesetzgebenden Körperschaften nicht finden, wenn der sichere Fortgang der Daweseinkünfte in irgend einer Weise in Frage gezogen wird3. Es muß daher, wenn wir im kommenden Winter Erfolg haben sollen, jede Situation vermieden werden, die einer grundsätzlichen Aufrollung der Dawesfrage gleichkommt.

3

Das geschäftsführende Präsidialmitglied des DIHT Hamm hatte in einem Schreiben an StS Pünder vom 16.5.27 über die Bemühungen zur Freigabe des in den USA beschlagnahmten dt. Eigentums berichtet. Hierbei hatte Hamm besonders auf den Zusammenhang zwischen der geplanten Freigaberegelung und den dt. Reparationsleistungen hingewiesen. Aus diesem Grunde würde, wie Hamm ausführte, „von denjenigen amerikanischen Kreisen, die mit der Freigabesache beschäftigt sind, sehr aufmerksam jede deutsche Äußerung über Erfüllbarkeit oder Unerfüllbarkeit des Dawes-Planes verfolgt. Namentlich amtliche Äußerungen, die diese Erfüllbarkeit bestreiten oder bezweifeln, üben sofort einen Rückschlag auf die [zu] behandelnde Freigabefrage aus und schädigen diese außerordentlich […]. Niemand in Deutschland wird verkennen, daß die Reparationsfrage in ihrer Bedeutung um ein Vielfaches die Freigabefrage übertrifft und daß daher aussichtsreiche entscheidende Schritte in der Reparationsfrage auch nicht durch Rücksichten auf die Freigabefrage behindert werden dürfen. Aber solange die Sachlage hierzu nicht reif ist, sollte die Forderung der Freigabe – handelt es sich im ganzen doch um etwa 300 Millionen Dollar – nicht aus dem Auge verloren und sollte auch aus diesem Grunde davon abgesehen werden, die Unmöglichkeit der Reparationsleistungen zu betonen.“ Hamm hatte Pünder gebeten, diesen Gedankengang „innerhalb der Reichsregierung zur Geltung zu bringen“ (R 43 I/97, Bl. 85–87). Vgl. dazu Link: Die amerikanische Stabilisierungspolitik in Deutschland, S. 398 f.

Natürlich ist die Dawesfrage in ihrer Gesamtheit zweifellos wichtiger als die Freigabe des hier beschlagnahmten deutschen Privateigentums. Aber auch die Bedeutung letzterer darf nicht etwa deswegen geringer eingeschätzt werden, weil das freizugebende Vermögen nicht dem deutschen Fiskus oder der[874] Volksgesamtheit, sondern einem kleinen Kreise von Eigentümern zugute kommt. Denn die Bedeutung eines solchen Vorgehens der amerikanischen Regierung wäre für die grundsätzliche Gestaltung der ganzen Frage der Beschlagnahme privater Vermögen unter dem Versailler Vertrage in allen Ländern gar nicht abzuschätzen. Der Erfolg hier wäre daher schon um dieser Wirkung willen der größten Opfer wert. Daneben aber würde der Zustrom von 300 bis 400 Millionen Dollars gerade in den kommenden zwei Jahren der Dawesbelastung für die deutsche Volkswirtschaft von außerordentlicher Bedeutung sein.

Aber auch abgesehen von der Frage der hiesigen Vermögensfreigabe muß nach den von mir gewonnenen Eindrücken eine sogenannte Daweskrise auch im Interesse der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Deutschlands mit allen Mitteln vermieden oder zum mindesten auf 1½ bis 2 Jahre hinausgeschoben werden; denn keine wie immer geartete Aufrollung der Dawesfrage ist denkbar, ohne daß die Vereinigten Staaten als die letzten und Gesamtgläubiger der aus dem Kriege erwachsenen internationalen Verpflichtungen mit hineingezogen werden, keine Lösung ohne ihre Mitwirkung möglich, und die hiesige Regierung ist bis zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen weder in der Lage noch willens, sich an der Lösung einer solchen Krise zu beteiligen. Nach dem genannten Zeitpunkt wird eine neue Administration, ob sie republikanisch oder demokratisch heißt, – man rechnet hier allerdings allgemein mit einem Siege der Republikaner, wenn auch die Rückkehr Coolidges wegen der traditionellen Abneigung gegen eine dritte Wahl wohl noch nicht feststeht – sowohl imstande wie auch vielleicht genötigt sein, sich mit Schulden- und Dawesfrage zu befassen.

Ich meine aber, daß, auch abgesehen von dieser zwangsläufig gegebenen Lage, des weiteren aus rein taktischen Gründen eine deutsche Initiative zur Lösung der Dawesfrage vermieden werden sollte; denn der fordernde Teil ist stets beweispflichtig, und gerade in dieser Frage, deren Aufwerfung automatisch das Problem der alliierten Schulden mit hineinziehen würde, wäre die Belastung in der Diskussion vor der Weltöffentlichkeit für denjenigen, der den ersten Schritt unternimmt, von außerordentlichem Ausmaße. Das haben die Franzosen im letzten Jahre zur Genüge kennengelernt. Daher schweigen sie heute von den Schulden und suchen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Deutschland belastende Dawesproblem zu lenken und immer wieder Gerüchte über eine bevorstehende deutsche Ablehnung der Dawesverpflichtungen zur Beunruhigung der Weltöffentlichkeit und zu ihrer Aufbringung gegenüber Deutschland in die Presse zu lancieren. Sie verwenden dabei Amerika gegenüber das sehr überzeugende Argument, daß sie doch nicht auf 62 Jahre hinaus sich hinsichtlich ihrer Schulden an die Vereinigten Staaten binden könnten4, während die ihnen zufallenden Daweseinkünfte nach deutscher Behauptung[875] auf 37 Jahre beschränkt seien, und Deutschland schon für die unmittelbare Zukunft eine Revision des Dawesplanes ankündige. Würden wir tatsächlich den Franzosen zu Gefallen einen solchen Schritt unternehmen, so wären sie mit einem Schlage aus ihrem jetzigen Dilemma in der Schuldenfrage heraus, und Poincaré hätte doch noch die Möglichkeit, die Pfandhaftung der besetzten Gebiete erneut in den Vordergrund zu stellen. Wir müssen daher unser Möglichstes tun, um eine Aufrollung der Dawesfrage aus deutscher Initiative, sei es aktive oder passive – z. B. durch Einstellung der Zahlungen aus dem Etat – zu vermeiden und eine Situation abzuwarten, bei der entweder anderweite Wirkungen des Dawesplanes als die deutsche Belastung – von denen es ja eine ganze Anzahl gibt – oder das Akutwerden anderer großer wirtschaftlicher oder politischer Probleme die Neugestaltung des Dawesplanes bezüglich seiner endgültigen Bestimmung hinsichtlich Dauer und Transfer mit sich bringen.

4

Nach dem noch nicht ratifizierten amerik.-frz. Schuldenfundierungsabkommen (Mellon-Bérenger-Abkommen) vom 29.4.26 sollte Frankreich seine Schulden an die Vereinigten Staaten in 62 Jahresraten tilgen. Text des Abkommens in: Die interalliierten Schulden. Ihre Entstehung und ihre Behandlung im Youngplan, S. 141 ff.; vgl. Schultheß 1926, S. 450; Wandel, Die Bedeutung der Vereinigten Staaten von Amerika für das deutsche Reparationsproblem, S. 144 f.

Im übrigen übersehen, wie ich meine, viele Deutsche, die eine deutsche Initiative zur Dawesrevision und eine „tatkräftige und zielbewußte Propaganda“ in diesem Sinne verlangen, vollkommen, daß jedes ernste Akutwerden dieser Frage in der Öffentlichkeit sofort den ganzen deutschen Auslandskredit sperren und unabsehbare Folgen für unser Wirtschaftsleben mit sich bringen würde. Schon die gestern gemeldete Rede Professor Barnes’ in Berlin, bei der er dem Bericht der A.P.5 zufolge den Dawesplan als auf der Kriegsschuldlüge aufgebaut und infolgedessen der Rechtsgrundlage entbehrend bezeichnete, hat hier eine starke Beunruhigung hervorgerufen, da der Dawesplan für die hiesige Öffentlichkeit gerade diejenige Grundlage darstellt, auf der die nach dem Kriege stabilisierte Weltwirtschaft aufgebaut ist, insbesondere aber diejenige Grundlage, auf der viele Millionen amerikanischer Spargelder als Anleihen nach Deutschland gegeben worden sind.

5

Associated Press.

Ich halte aber auch aus anderen Erwägungen eine „Propaganda“ bzw. „Vorbereitung der öffentlichen Meinung der Welt“ in der Dawesfrage, zum mindesten was das Ausland anbetrifft, für unangebracht; denn die Weltöffentlichkeit weiß heute zum überwiegenden Teile bereits, daß Deutschland die Reparationsschulden moralisch nicht anerkannt hat, und daß die Daweslasten in voller Höhe für Deutschland zu schwer sind. In letzterer Beziehung besorgen uns übrigens die alliierten Länder kostenlos die nötige Aufklärung, indem sie die ihnen obliegenden, erheblich geringeren Verpflichtungen an Amerika als untragbar bezeichnen. Zudem wird die endgültige Regelung von Dawesplan und alliierten Schulden eines Tages auf rein geschäftlicher Basis sich vollziehen, ohne daß dabei sentimentale Rücksichten auf dieses oder jenes Volk eine Rolle spielen. Durch eine aktive Propagierung des Dawesproblems in der Weltöffentlichkeit erreichen wir lediglich, daß die Schuldenfrage vor der Dawesfrage zurücktritt und wir mit der Verantwortung gegenüber der Weltöffentlichkeit für die aus beiden erwachsenden Schwierigkeiten belastet werden. Ich halte daher die Parole, die kürzlich von der Kölnischen Zeitung herausgegeben wurde: „Immer daran denken und immer davon sprechen“ für falsch und[876] meine, daß wir in der Dawes- ebenso wie in den anderen großen politischen Fragen, die der Vertrag von Versailles für uns hat entstehen lassen, wenn überhaupt, das Gambettawort6 in seinem vollen Sinne anwenden sollten; Propaganda beunruhigt nur, sowohl das eigene Volk wie das Ausland, und belastet denjenigen, der sie betreibt, mit dem Odium des Unruhestifters und der Verpflichtung, für die Lösung der aufgeworfenen Frage zu sorgen. – So ist das Ergebnis einer Betrachtung des Dawesproblems – welches ja das umfassende Hauptproblem der heutigen deutschen Außenpolitik darstellt – von hier aus, daß wir mit allen Mitteln (auch ernsthaften Opfern im Etat) uns bemühen sollten, den Dawesplan noch mindestens zwei bis drei Jahre durchzuführen und die Aufrollung, falls nicht vorher eine solche aus der Schulden- oder aus anderen außerdeutschen Fragen heraus entstehen sollte, allenfalls von der Transferseite her geschehen lassen. In Bezug auf letztere ist ja allen Wissenden, insbesondere aber denen in Wall Street bekannt, daß wir nur mit Hilfe der fortwährend einströmenden fremden Kredite die Zahlungen leisten können; und es ist ebenfalls bekannt, daß die Verantwortung hierfür denjenigen trifft, der diese Zahlungen vermittelt. Das ist aber ein Amerikaner, der nicht nur das Vertrauen der amerikanischen Öffentlichkeit, sondern was noch wichtiger ist, das volle Vertrauen der amerikanischen Regierung und der Großfinanz hat; und wir müssen daher diese Verantwortung, welche zugleich die Verantwortung für die immer steigenden amerikanischen Anlagen in Deutschland, d. h. für das künftige Schicksal des in immer steigendem Maße nach Deutschland fließenden amerikanischen Privatkapitals mit umfaßt, dem Generalagenten7 überlassen und sollten sie nicht deutscherseits durch die aktive oder passive Herbeiführung einer Daweskrise ihm abnehmen. Das bedeutet natürlich für uns das Aufbringen eines großen Maßes von Geduld, Selbstbeschränkung und Opferwilligkeit. Ich bin aber überzeugt, daß der Erfolg bzw. die Vermeidung der Alternative solche Opfer wert ist.

6

„Niemals davon sprechen, immer daran denken!“; zur Herkunft dieser Maxime siehe: Büchmann, Geflügelte Worte, 27. Aufl., 1925, S. 504.

7

Gilbert.

Während dieser Erfüllungszeit vollzieht sich in Ruhe und ohne unser Zutun die Umwandlung des nicht tragbaren Teils der Reparationsschulden in privatrechtliche Verpflichtungen, mit der Maßgabe, daß wir für die neue Privatverschuldung, wenn auch zu vergleichsweise hohem Zinssatz, eine Gegenleistung empfangen, mit deren Hilfe wir unsere Volkswirtschaft wieder aufrichten. Die privaten Gläubiger werden zu gegebener Zeit von sich aus dafür sorgen, daß die politischen Auswirkungen der staatlichen Verschuldung Deutschlands ihre Interessen nicht beeinträchtigen; und wir haben ja das seltene Glück, daß das Land, welches uns – natürlich aus rein geschäftlichen Gründen – uneingeschränkten Privatkredit zur Verfügung stellt, zugleich dasjenige Land ist, welches als letzter Gesamtgläubiger aus dem großen Konkurs der Kriegsfinanzen übrig bleibt bzw. ausfällt.

Ich hoffe, sehr verehrter Herr Reichskanzler, daß ich Ihnen mit der Lektüre dieser Ausführungen nicht zuviel zugemutet habe; es war mir aber ein[877] Bedürfnis, Ihnen einmal die Eindrücke zu den Fragen zu unterbreiten, an denen ich früher unmittelbar unter Ihnen zu arbeiten den Vorzug hatte, und welche heute, wie damals, einen großen Teil Ihres Interesses und Ihrer Obsorge bei der Leitung der deutschen Politik beanspruchen werden. Sollte Ihnen ein weiterer ähnlicher Bericht zu späterer Zeit genehm sein, so bitte ich um gütige Mitteilung8.

8

Dieses Schreiben Kieps ist mit einem Sichtvermerk des RK vom 8.8.27 versehen. Eine Abschrift wurde am 19. 9. im Auftrag des RK von der Rkei an den RFM zur „ganz vertraulichen Kenntnisnahme“ übersandt (R 43 I/97, Bl. 139). Siehe dazu auch den amtlichen Bericht Kieps betr. Dawesplan an das AA vom 24.7.27 (Durchschrift in R 43 I/97, Bl. 130–138), abgedr. in: ADAP, Serie B, Bd. VI, Dok. Nr. 61.

Inzwischen verbleibe ich […] als Ihr, Herr Reichskanzler,

stets Ihnen dankbar ergebener

O. C. Kiep

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