1.87 (ma32p): Nr. 329 Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Ministerbesprechung am 27. Oktober 1927 abends

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Nr. 329
Vermerk des Staatssekretärs Pünder über eine Ministerbesprechung am 27. Oktober 1927 abends

R 43 I/276, Bl. 126–127

[Memorandum des Reparationsagenten.]

Das Reichskabinett hat sich in den späten Abendstunden des 27. d. Mts. in vollbesetzter Sitzung erneut mit dem Memorandum des Herrn Parker Gilbert1[1030] befaßt. Hierzu war insbesondere Veranlassung gegeben durch den zweiten Brief des Herrn Parker Gilbert, in dem er sich mit der Frage der Veröffentlichung seines Memorandums befaßte2. In dieser Ministerbesprechung berichteten die Herren Reichsminister Dr. Köhler und Dr. Stresemann über ihre am Nachmittag desselben Tages stattgehabten Besprechungen mit Herrn Parker Gilbert sowie der Unterzeichnete über seine Besprechung vom gleichen Nachmittage mit Herrn Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht. Insbesondere wurde auf Wunsch des Herrn Reichskanzlers der anliegende Entwurf eines Briefes an Herrn Parker Gilbert, der im wesentlichen auf Anregung des Herrn Reichsbankpräsidenten Schacht zurückzuführen war, verlesen3. Angesichts der Tatsache, daß Herr Parker Gilbert (ob im Gegensatz zu seiner früheren Einstellung, muß dahin gestellt bleiben) jedenfalls jetzt eine Veröffentlichung des Memorandums für zweckmäßig hält, zum mindesten auf die Dauer für nicht vermeidbar ansieht, stellte sich auch das Reichskabinett auf den Standpunkt, daß unter diesen Umständen eine Veröffentlichung durch die Reichsregierung unter allen Umständen vorzuziehen sei. Nach eingehender Aussprache kam man aber zu der einmütigen Auffassung, daß die Veröffentlichung aber erst in Frage kommen könne, wenn gleichzeitig in Gestalt einer Antwort an Herrn Parker Gilbert die sachliche Einstellung der Reichsregierung zu den angeschnittenen Fragen bekannt gegeben werden könne4. Um die Zustimmung des Herrn Parker Gilbert zu diesem Vorgehen zu erhalten, wurde beschlossen, daß am heutigen Sonnabend [29. 10.] eine Aussprache der Herren Reichsminister Dr. Köhler und Dr. Stresemann mit[1031] Herrn Parker Gilbert stattfinden soll. Sodann wurde verabredet, daß etwa Mitte nächster Woche nach Rückkehr des Herrn Reichskanzlers über den inzwischen fertiggestellten Antwortentwurf im Reichskabinett erneut beraten werden soll5.

1

Siehe Dok. Nr. 324, Anm. 2.

2

Das Schreiben des Reparationsagenten Gilbert an den RFM vom 26.10.27 (abschriftl. an RK und RAM) lautete: „I notice in most of to-day’s newspapers statements to the effect that I have objected to or protested against the publication of the Memorandum which I addressed to the German Government on October 20, 1927. There is even a suggestion in some newspapers to the effect that the German Government would not object to the publication of the Memorandum if it were not for the objections of the Agent General for Reparation Payments. – I thougt that I had made my position clear in the conversations we have had since the presentation of the Memorandum, but I am sending you this written communication in order that there may be no possibility of misunderstanding on the question of publication. – I have no objection whatever to the publication of the full text of the Memorandum, and am quite willing to have it published at any time. This means that the German Government is entirely free, so far as I am concerned, to publish the Memorandum at once if it desires to do so. I believe, in fact, that it would be much preferable to publish the full text of the Memorandum than to have the newspapers continue the confused and distorted accounts that have filled their columns during the past few days. I should add, as I have already said in the course of our conversations, that I must naturally reserve on my part full freedom to publish the Memorandum at any time in case it should become necessary or advisable to do so.“ (Abschrift für den RK in R 43 I/276, Bl. 108–110).

3

Im Entwurf des – nicht abgesandten – Briefes des RK an den Reparationsagenten vom 28. 10. heißt es u. a.: Der RK habe das Memorandum einer eingehenden Prüfung unterzogen und zu einer ersten Aussprache im Kabinett gebracht. Die in dem Memorandum berührten Probleme gehörten zweifellos „zu den bedeutungsvollsten der gesamten deutschen Politik“. Die RReg. habe sich deshalb bereits von sich aus seit längerer Zeit mit der Lösung dieser Fragen beschäftigt. Sobald die RReg. vorläufig Stellung genommen habe, werde der RK in Verhandlungen mit dem Reparationsagenten eintreten. Inzwischen sollten die Besprechungen zwischen dem Reparationsagenten und den zuständigen Ministern fortgesetzt werden. Im übrigen habe die RReg. in Übereinstimmung mit dem Reparationsagenten beschlossen, das Memorandum demnächst der Öffentlichkeit zu übergeben (R 43 I/276, Bl. 128–129).

4

Siehe hierzu die Aufzeichnung des LegR Vallette über eine Ressortbesprechung vom 27. 10. im RFMin., in: ADAP, Serie B, Bd. VII, Dok. Nr. 52.

5

Zum Fortgang der Kabinettsberatung siehe Dok. Nr. 331.

Pünder 29. X.

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