2.105 (mu11p): Nr. 105 Der Oberpräsident und Regierungskommissar der Provinz Sachsen an den Reichskanzler. Magdeburg, 18. Mai 1920

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Nr. 105
Der Oberpräsident und Regierungskommissar der Provinz Sachsen an den Reichskanzler. Magdeburg, 18. Mai 1920

R 43 I/683, Bl. 129-132 Abschrift1

1

Das Original war von Hörsing dem UStS im RWeMin. zugeleitet worden (18.5.20; R 43 I/683, Bl. 128).

[Betrifft: Freikorps Kühme.]

Am Donnerstag, den 13. Mai, ist in das Durchgangslager Altengrabow das Freikorps Kühme unter Führung des Herrn Hauptmann Kühme, das während der Kapptage in Breslau höchst unliebsam von sich reden gemacht hat, eingerückt, um dort. lt. Befehl des Reichswehrministers aufgelöst zu werden. Nach Aussage des Unteroffiziers Offen, des Kraftwagenführers des Stabes vom Freikorps Kühme, soll die Auflösung dieses Freikorps aber nur pro forma vorgenommen werden. Das Freikorps besitzt eine große Anzahl von Waffen, Munition, kleinen und großen Minenwerfern, Scheinwerfer, die in mehreren Waggons unter Stroh versteckt sind und dazu dienen sollen, das Freikorps nach erfolgter Auflösung von neuem zu bewaffnen. Es soll dann unter der Firma „2. Batl. Inf.Reg. 31“ mit denselben Beständen an Mannschaften und Offizieren unter Leitung des inzwischen zum Major beförderten Hauptmann Kühme nach Eilenburg gehen. Die vom Reichswehrminister angeordnete Auflösung wird also auf diesem Wege hinfällig gemacht und sabotiert. Bei der am 17. d. Mts. stattgefundenen Abschiedsfeier sind vom Major Kühme 40 Mannschaften zu Unteroffizieren und 100 zu Gefreiten befördert, außerdem eine große Anzahl eiserner Kreuze 1. und 2. Kl. verteilt worden. Abends gegen 9 Uhr wurde ein großer Fackelzug abgehalten, angeblich um die alte Regimentsfahne, die das eiserne Kreuz mit der Kaiserkrone und dem Freikorps-Abzeichen auf weißem Grunde trägt, zu verbrennen. Nach Abbrennung eines großen Feuerwerkes,[264] das mehrere tausend Mark gekostet hat, wurde ein großer Holzstoß errichtet. Die Fahne wurde aber nicht verbrannt, statt dessen aber angekleidete Strohpuppen, die zurzeit im Amt befindlichen Minister und prominente politische Persönlichkeiten darstellten. Vor versammelter Mannschaft stieß ein Feldwebel des Freikorps diese Puppen mit aufhetzenden Äußerungen in die Flammen. Bei der Verbrennung der letzten Strohpuppe äußerte sich der Feldwebel wie folgt: „Scheidemann, Du sollst auch nicht mehr zur Regierung kommen und nicht mehr über Basel in die Schweiz fliehen, auch nicht mehr ins Reichswehrministerium kommen, wo es schon genügend stinkt.“ Major Kühme trat darauf zu dem Feldwebel heran, drückte ihm die Hand und beglückwünschte ihn vor versammelter Mannschaft zu seiner reaktionären Gesinnung und gab dem Wunsche Ausdruck, daß sie noch lange Zeit zusammenhalten könnten, um doch endlich ihrer Sache zum Siege zu verhelfen. Der Militär-Geistliche schloß seine Rede mit ungefähr folgenden Worten: „Wir wollen in Ehrfurcht derer gedenken, die seinerzeit für den Sieg der guten Sache gekämpft haben und hier unter uns weilen. Möchte es uns beschieden sein, der guten Sache doch noch zum Siege zu verhelfen, damit endlich diese Judenregierung beseitigt wird.“ Auf dem Rückwege marschierte das Freikorps in geschlossenen Kolonnen durch das Lager Altengrabow. Die Militär-Kapelle, die nicht dem Freikorps Kühme gehört, sondern vom Hauptmann Kühme irgend einer anderen Formation entnommen war, spielte andauernd „Deutschland, Deutschland über alles“, und es wurden von den versammelten Mannschaften auf Veranlassung der Offiziere Hochs auf Seine Majestät ausgebracht. Der Kraftwagenführer, Unteroffizier Offen, teilte mit, daß Major Kühme über ausgezeichnete Verbindungen mit dem Reichswehrministerium und auch mit dem 4. AK in Dresden unterhält und daß es ihm infolge dieser Verbindungen möglich sei, „die ganze Geschichte nach seinem Willen zu drehen.“ Nach den Aussagen des Unteroffizier Offen sowohl wie des Waffenmeisters des Freikorps Kühme, als auch aus verschiedenen Äußerungen der Soldaten und der Unteroffiziere ist festgestellt, daß die Truppe von Offizieren in ganz ungehöriger Weise verhetzt worden und andauernd gegen die sogenannte „Judenregierung“ aufgestachelt wird. Die Mannschaften sind fest davon überzeugt, daß sie beim nächsten Putsch von rechts sofort unter ihrem Führer Major Kühme gegen die augenblickliche Regierung geführt werden. Zwischen dem Freikorps Kühme und dem zurzeit in Altengrabow liegenden verfassungstreuen Pionier-Batl. ist es schon zu verschiedenen Reibereien gekommen. Ein Feldwebel des Pionier-Batl. hat das Lager verlassen müssen, weil Leute des Freikorps Kühme gedroht haben, ihm wegen seiner verfassungstreuen Gesinnung die Knochen im Leibe zu zerschlagen. Das Freikorps Kühme hat Befehl erhalten, morgen geschlossen nach Eilenburg abzumarschieren. Ob dieser Befehl vom Reichswehrministerium oder vom 4. AK stammt, ist bisher nicht festzustellen gewesen, ebenso auf wessen Veranlassung die Beförderung des Hauptmann Kühme und der Unteroffiziere und Mannschaften, sowie die Verleihung der Ordensauszeichnungen erfolgt ist.

Ich unterbreite Ew. Hochwohlgeboren diesen Bericht mit der ergebenen Bitte, schleunigst Maßregeln zu ergreifen, damit dem Auflösungsbefehl des[265] Reichswehrministeriums nachgekommen wird und die Eigenmächtigkeiten einer gewissen Offiziersklique endlich unterbunden werden2.

2

Das RWeMin. (gez. v. Schleicher) teilte hierzu am 25. 6. mit: „Bisher kann über das Ergebnis der angestellten Ermittlungen zusammenfassend gesagt werden, daß der größte Teil der Anschuldigungen sich als haltlos herausgestellt hat und daß zur Klärung einiger Angaben eine gerichtliche Untersuchung erforderlich ist, die bereits eingeleitet worden ist“ (R 43 I/684, Bl. 51).

H[örsin]g

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