2.108 (mu11p): Nr. 108 Das Auswärtige Amt an den Reichskanzler, 19. Mai 1920

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Nr. 108
Das Auswärtige Amt an den Reichskanzler, 19. Mai 1920

R 43 I/1172, Bl. 296 f.

[Betrifft: Verhandlungen des Reichswirtschaftsministeriums mit Vertretern der Sowjetregierung.]

Nachdem Mitte April durch Beschluß des Kabinetts festgelegt worden ist, daß bei sämtlichen Verhandlungen mit dem Ausland und im Ausland, und zwar[268] auch über finanzielle und wirtschaftliche Fragen, die Durchführung der Verhandlungen nur mit Zustimmung und Mitwirkung, gegebenenfalls unter verantwortlicher Führung des Auswärtigen Amtes erfolgen soll1, ist in einer kurz darauf erfolgten Besprechung zwischen Herrn Direktor Behrendt vom Auswärtigen Amt und Herrn Direktor Pritschow vom Reichswirtschaftsministerium diese Frage nochmals erörtert worden. Bei dieser Gelegenheit hat Herr Direktor Pritschow ausdrücklich erklärt, daß die von dem Kabinett gegebenen Richtlinien in Zukunft beobachtet werden würden. Trotzdem hat, wie dem Auswärtigen Amt am 8. d. M. zur Kenntnis gekommen ist, das Reichswirtschaftsministerium (Herr Direktor Pritschow) einen Herrn Thomsen beauftragt, inoffiziell, mit Krassin in Kopenhagen über gewisse wirtschaftliche Fragen zu verhandeln2. Bei diesen Verhandlungen, die tatsächlich stattgefunden haben, hat Krassin Herrn Thomsen auch Mitteilungen gemacht über Konzessionen, die eventuell von der russischen Sowjetregierung erteilt werden könnten. Die Verhandlungen sind ohne Kenntnis des Auswärtigen Amts vorbereitet und geführt worden und sind durch einen Zufall zu dessen Kenntnis gelangt, weil bestimmte Maßnahmen des Auswärtigen Amts durch diese ihm unbekannten Besprechungen in sehr nachteiliger Weise gestört worden sind. Wie weiterhin noch in Erfahrung gebracht worden ist, war für den 15. d. M., nachmittags 5 Uhr eine Besprechung auf dem Reichswirtschaftsministerium angesetzt, an der dem Vernehmen nach wieder Herr Thomsen und ein Amerikaner teilnehmen sollten. Gegenstand dieser Besprechung sollten neue Verhandlungen mit Rußland in Kopenhagen bilden. Auch über diese Verhandlung ist dem Auswärtigen Amt vom Reichswirtschaftsministerium nichts mitgeteilt worden. Herr Ministerialdirektor Behrendt hat daraufhin Direktor Pritschow telephonisch befragt, ob seine Informationen über diese Verhandlungen zutreffend seien und von diesem die Richtigkeit seiner Angaben bestätigt erhalten, mit dem Hinzufügen, er handle auf Weisung des Herrn Reichswirtschaftsministers.

1

S. Dok. Nr. 30, P. 9.

2

L. B. Krassin, Volkskommissar für Handel und Verkehr, hatte im April 1920 in Kopenhagen Vorbesprechungen mit engl. und frz. Vertretern über den Abschluß von Handelsverträgen geführt, die Ende Mai in London mit Premierminister Lloyd George fortgesetzt wurden (S. hierzu DBFP, 1. ser. vol. VIII, pp. 280 sq., 380 sq.).

Durch diese wiederholten selbständigen und ohne Wissen und Billigung des Auswärtigen Amts geführten Verhandlungen von großer politischer Tragweite, wird die vom Auswärtigen Amt verfolgte Politik in der empfindlichsten Weise gestört.

Die Angelegenheit wird hiermit mit der Bitte zur Meldung gebracht, von höchster Stelle aus an das Reichswirtschaftsministerium eine Weisung ergehen zu lassen, die es dieser zur Pflicht macht, sich streng an den oben erwähnten Kabinettsbeschluß zu halten, damit Vorkommnisse, wie die zur Sprache gebrachten, sich nicht wiederholen3.

3

Ein entsprechender Schritt der Rkei mit einer Bitte um Stellungnahme erfolgte am 20.5.20. Da eine Antwort des RWiMin. ausblieb, wurde der Vorgang dem StSRkei am 8. 6. vorgelegt mit dem Hinweis, durch die Verhandlungen mit Krassin habe „die Angelegenheit hochpolitische Bedeutung“ gehabt (R 43 I/1172, Bl. 298 f.). Erst am 18.8.20 beantwortete MinDir. Pritschow das Schreiben der Rkei und teilte mit, er sei vom RWiM beauftragt gewesen, sich Informationen über den Verkauf deutscher Industriegüter nach Rußland zu verschaffen: „Hierbei kam ich mit dem mir seit Jahren bekannten Kaufmann Thomsen in Berührung, der früher bei der Zentral-Einkaufs-Gesellschaft und in letzter Zeit als Geschäftsführer der Reichsfleischstelle Geschäftsabteilung [!] tätig war. Die Unterhaltungen des Herrn Thomsen mit Herren der russischen Vertretung sind ganz unoffiziell gewesen und, wie ich von vornherein angenommen habe, haben sie auch keinen praktischen Wert gehabt. Die hier eingegangenen Nachrichten sind auch dem AA in einer Besprechung am 4. und 11. 7. ds. Js. mit Herrn MinDir. Behrendt und Herrn LegR Hauschildt übermittelt worden. Danach hat Herr Thomsen sich in unmittelbare Verbindung mit dem AA und auch mit der Deutschen Botschaft in Kopenhagen gesetzt und hat sich überhaupt die politische Lage so geändert, daß nicht mehr die Notwendigkeit bestand, von hier aus die Angelegenheit zu verfolgen“ (R 43 I/1172, Bl. 345).

Köster

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