2.132 (mu11p): Nr. 132 Der deutsche Bevollmächtigte für den Abstimmungsbezirk Oberschlesien an den Reichskanzler. Oppeln, 8. Juni 1920

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Nr. 132
Der deutsche Bevollmächtigte für den Abstimmungsbezirk Oberschlesien an den Reichskanzler. Oppeln, 8. Juni 1920

R 43 I/351, Bl. 67

[Betrifft: Oberschlesische Autonomie.]

In der Anlage überreiche ich einen Artikel der Oberschlesischen Grenz-Zeitung, des deutschen Organs Korfantys, worin ausgeführt wird, daß Oberschlesien nie ein Bundesstaat werden würde. Der Artikel zeigt, welche Angst Korfanty vor einem Bundesstaat Oberschlesien hat1. Gegen den Artikel wird m. E. in autoritativer Weise Stellung genommen werden müssen.

1

In diesem Artikel der oberschlesischen Zeitung war darauf hingewiesen worden, daß der Art. 18 RV betr. die Gliederung des Reichs derartige Hindernisse enthalte, daß an eine Autonomie für Oberschlesien nach einer Abstimmung zugunsten Deutschlands nicht zu denken sei, zumal die Mehrheit der Parteien sich einer Autonomie widersetzen werde. Außerdem würden bei einer Abstimmung über die Autonomie die preuß. Regierung und die Reichswehr eingreifen, damit Oberschlesien weiterhin Teil Preußens bleibe, so daß die Großindustriellen weiterhin auf Kosten der oberschlesischen Arbeiter „in irgendeinem Berliner Vorort oder deutschem Bade leben würden“ (R 43 I/351, Bl. 68-70).

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in Oberschlesien eine starke[319] Animosität, weniger gegen Deutschland, als gegen Berlin besteht2. Die preußische Verwaltung, welche früher vielfach in kleinlich-chicanöser Weise die polnische Sprache bekämpft hat, hat es eben nicht verstanden, sich beliebt zu machen. Will man für Deutschland Stimmung machen, so muß man alle Einwände, Oberschlesien würde auch in Zukunft von Preußen in der bisherigen Weise regiert werden, beseitigen. Das wird aber nur möglich sein, wenn klipp und klar erklärt wird, gleich nach der Abstimmung werde Oberschlesien Gelegenheit gegeben werden, selbst zu entscheiden, ob es ein selbständiger Bundesstaat werden und hiermit aus dem Preußischen Staatsverbande ausscheiden wolle.

2

In einem der Rkei von der Reichszentrale für Heimatdienst zugeleiteten Bericht über die oberschlesischen Zustände, in dem von rechten, linken und polnischen Putschabsichten gesprochen worden war, hatte es über die Stimmung der Bevölkerung gehießen: „Allgemein wird über zu geringes Interesse und über zu große Schwäche der Berliner Regierung geklagt, die die gefährdete Lage Schlesiens nicht im vollen Umfange erkennt und den Dingen zu sehr ihren Lauf lasse“ (31.5.20; R 43 I/2711, Bl. 349).

Ich begreife, daß ein derartiger Entschluß der preußischen Regierung schwerer fallen muß; ich weiß aber auch, daß ein solcher in den Parlamenten eine heftige Opposition hervorrufen wird. Aber man möge nicht außer Acht lassen, daß es immer noch besser ist: Oberschlesien nur für Preußen verloren, als daß es auch für Deutschland verloren wird. Auch mir hat es eine große Überwindung gekostet, mich zu dieser Überzeugung durchzuringen. Meine Pflicht ist es aber, die Verhältnisse zu schildern, wie diese tatsächlich liegen3.

3

Reichskanzler Müller bemerkte handschriftlich zu diesem Schreiben: „Ich bin durchaus der Meinung des Fürsten Hatzfeld. Bisher war das pr. StMin. leider nicht geneigt, den empfohlenen Weg zu betreten.“ – Zur weiteren Behandlung der Autonomiefrage s. „Das Kabinett Fehrenbach“.

Hatzfeld

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