2.38 (mu11p): Nr. 38 Aufzeichnung des Reichskanzlers über eine Unterredung mit deutschnationalen Abgeordneten am 14. April 1920, 18 Uhr

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 6). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Das Kabinett Müller IHermann Müller Bild 146-1979-122-28APlakat der SPD zur Reichstagswahl 1920Plak 002-020-002Wahlplakat der DNVP Plak 002-029-006Wahlplakat der DDP Plak 002-027-005

Extras:

 

Text

RTF

Nr. 38
Aufzeichnung des Reichskanzlers über eine Unterredung mit deutschnationalen Abgeordneten am 14. April 1920, 18 Uhr

R 43 I/2654, Bl. 24 f.

Am 14. April 1920 erschienen abends um 6 Uhr die Abgeordneten Schiele und Schultz-Bromberg von der Deutsch-nationalen Volkspartei und baten mich um eine Besprechung, die dann bald darauf in Anwesenheit des Herrn Reichswehrministers im Reichskanzlerzimmer im Reichstag stattfand.

Die beiden Abgeordneten erklärten, daß sie sich für verpflichtet hielten, der Regierung von Gerüchten Mitteilung zu machen, die auch ihnen über Putschabsichten zugegangen seien. Diese Gerüchte schienen ihren Ursprung in Pressekreisen zu haben. Konkrete Einzelheiten könnten sie allerdings nicht angeben. Sie würden versichern, daß, wenn solche Putschabsichten beständen, die Deutsch-nationale Volkspartei mit ihnen nichts zu tun hätte. In einigen Teilen des Reichs, insbesondere in Pommern seien die Verhältnisse undurchsichtig1,[90] es seien dort in nationalen Kreisen extreme Elemente vorhanden, die die Deutsch-nationale Volkspartei ebensowenig in der Hand hätte, als wie auf der linken Seite die extremen Elemente z. B. von den Mehrheitssozialisten zu beeinflussen wären. Die Deutsch-nationale Volkspartei sei gegen jede gewaltsame Änderung der staatlichen Ordnung. Sie sei zur Mitarbeit für Aufrechterhaltung verfassungsmäßiger Zustände bereit, weil sie in einem neuen Putsch ein großes Unglück für Deutschland sähe. Es schiene ihnen notwendig zu sein, daß die Regierung von der einseitigen Parole: „der Feind steht rechts“2, abgehe. In Teilen des Offizierskorps sei wegen der unsicheren Versorgungsverhältnisse beim Abbau des Heeres eine Desparado-Stimmung vorhanden und es sei wohl möglich, daß aus diesen Kreisen Elemente in der Verzweiflung selbst Anschluß an die kommunistische Bewegung suchen würden3.

1

Zur Situation in Pommern s. Dok. Nr. 60, P. 8. Der Chef des Sicherheitswesens für Mecklenburg-Strelitz teilte am 19. 4. dem „militärischen Berater des Herrn RPräs.“ mit: „Gestern und heute aus Vorpommern eingegangene Nachrichten stärken die Auffassung, daß dort eine umfangreiche Organisation der Konterrevolution besteht“ (R 43 I/2710, Bl. 113 f.).

2

S. hierzu auch Anm. 9 zu Dok. Nr. 41.

3

Zur Stimmung im Heer hatte der RWeM in seiner „Denkschrift über den dauernden Beibehalt eines 200 000 Mann starken Heeres“ vom 12. 4. ähnliches ausgeführt: „Eine Verminderung der Heeresmacht wird unter den jetzigen Verhältnissen schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Der Staatsstreich von rechtsradikaler Seite konnte nur versucht werden, weil sich eine Truppe fand, die sich für ihn mißbrauchen ließ. Die Truppe, die sich zur Verfügung stellte, sollte auf Grund der Bestimmungen des Friedensvertrages aufgelöst werden. Wenn ihren Angehörigen auch über die für sie hieraus entstehenden Schwierigkeiten hinweggeholfen werden sollte, so war der Verhetzung doch Tor und Tür geöffnet. Die von der Regierung in der Not des Frühjahrs 1919 aufgerufenen Offiziere und Mannschaften mußte sie unter dem Zwange des Friedensvertrages jetzt auf die Straße setzen. Die Tatsache, daß sie nicht anders handeln konnte, zu verdunkeln, fiel den Aufhetzern leicht. – Dies Ereignis zeigt, vor welche fast unlösliche Aufgabe die deutsche Regierung gestellt wird, wenn sie unter den zur Zeit herrschenden Verhältnissen, zur Auflösung weiterer Truppenteile schreiten muß. – Der Söldner ist darauf eingestellt, für eine gewisse Zeit dem wirtschaftlichen Kampf entrückt zu sein. Wird er gezwungen, früher in das bürgerliche Leben zurückzutreten, als es ihm unbedingt Unterhalt verspricht, so fühlt er sich hintergangen und fällt leicht der Verführung zum Opfer“ (R 43 I/405, Bl. 3-15, hier: Bl. 6).

Ich teilte den Herren mit, daß auch von anderer Seite uns diese Gerüchte zugegangen seien, die bereits in den Kreisen der hiesigen Ententemissionen ebenfalls Verbreitung gefunden hätten. Es würde für die nächsten Tage von neuen Putschgefahren geredet. Für Berlin würde ich für die nächsten Tage an eine neue Gefahr nicht glauben, nachdem Döberitz von der Marine-Brigade geräumt sei. Die Verhältnisse in Pommern und zum Teil auch in Schlesien seien allerdings wenig geklärt. Dort wären in großen Massen Waffen u. A. auch auf Gütern versteckt4. Ich hoffe nicht, daß es zu einem neuen Putsch käme; denn[91] angesichts der Radikalisierung der Arbeitermassen, die der Kapp-Putsch herbeigeführt hätte, würde ich sonst das schlimmste, insbesondere auch für das platte Land befürchten5. Wenn dort erst die ärmere Bevölkerung sich der versteckten Waffen bemächtige und sie gegen die Besitzer kehre, so würden Zustände in Deutschland eintreten, wie wir sie in den schlimmsten Zeiten der deutschen Geschichte nach dem dreißigjährigen Kriege kaum ähnlich erlebt hätten.

4

Über die Zustände in Schlesien liegt ein Bericht der Reichszentrale für Heimatdienst vor, der der Rkei am 31.5.20 übermittelt wurde. Danach bestand in der Provinz ein „nationaler Heimatbund“, der bis zum Kapp-Putsch „mit der Vermittelung bewaffneter Baltikumsoldaten auf schlesischen Landgütern“ beschäftigt gewesen sei. Seine Neugründung habe bei Sozialdemokraten und Demokraten Beunruhigung ausgelöst, zumal beide Parteien mit einem neuen Rechtsputsch rechnen würden, der vom Generalkommando unterstützt werde. „Der Putsch würde nach ihrer Meinung gemeinsam von reaktionären Offizieren, vor allem von den sogenannten national-bolschewistischen Offizieren, gemeinsam mit dem äußersten linken Flügel der Kommunisten unternommen werden. Sie hätten Nachrichten, daß gegenwärtig in Hamburg zwischen diesen Gruppen Verhandlungen stattfinden. Beide Parteien sind der Meinung, daß im Falle des Losbrechens des Putsches die Unternehmer höchstwahrscheinlich mit weit größerer Energie durchgreifen würden als beim Kapp-Putsch und daß durch Terror das Bürgertum so eingeschüchtert werden würde, daß es den Gedanken an Widerstand aufgibt. Es ist Tatsache, daß schon beim Kapp-Putsch große Teile des schlesischen Bürgertums wankelmütig wurden und daß anzunehmen ist, daß diese Teile jede Regierung unterstützen werden, die energisch durchgreift.“ Weiter wurde mitgeteilt, daß Einwohnerwehrleute, die auf Anordnung eines Landrats eine Haussuchung mit einem Kriminalkommissar bei dem der Beteiligung am Kapp-Putsch beschuldigten ehem. OPräs. v. Kessel durchgeführt hätten, wegen Hausfriedensbruch angeklagt worden seien. „Nach den erhaltenen Auskünften sollen auf den schlesischen Landgütern noch sehr viele Waffen versteckt sein. Es ist in der deutschnationalen Presse auch tatsächlich in den letzten Tagen wieder eine Tonart festzustellen, die derjenigen vom Kapp-Putsch ähnelt“ (R 43 I/2711, Bl. 347-349).

5

Über Unruhen und Gefahren durch bewaffnete Gruppen auf dem Lande berichtete am 10.5.20 der StKom. für die Überwachung der öffentlichen Ordnung aus der Provinz Schleswig-Holstein (R 43 I/2710, Bl. 126 f.). Von einem bevorstehenden kommunistisch inszenierten Landarbeiterstreik und Waffenlagern in Mecklenburg-Strelitz, berichtete LegR. von Maltzan MinR Brecht am 27.5.20 (R 43 I/2710, Bl. 164). Ähnliche Berichte lagen auch dem RWeMin. vor (17.6.20; R 43 I/2710, Bl. 171).

Ich ersuchte die Herren in ihren Kreisen dahin zu wirken, daß man diese Gefahr richtig einschätze und alles tue, um neue Erschütterungen zu vermeiden. Wenn Deutschlands Staatsgefüge von neuem einer ähnlichen Belastungsprobe ausgesetzt werde, wie das beim Kapp-Putsch der Fall gewesen sei, so würde das zweifellos zur völligen Zerrüttung der deutschen Volkswirtschaft und zur Zerreißung Deutschlands führen.

Was die Parole: „Der Feind steht rechts!“ anlange, so sähe ich allerdings angesichts der Haltung des Pommerschen Landbundes noch große Gefahren für die deutsche Weiterentwicklung. Im übrigen würde ja die Nationalversammlung nur noch kurze Zeit beieinander sein. Sie hätte in dieser Zeit umfangreiche sachliche Arbeit zu leisten, und es wäre deshalb anzunehmen, daß wahrscheinlich große politische Auseinandersetzungen vor dem Auseinandergehen nicht mehr stattfänden.

Von den Mitteilungen, die die Abgeordneten Schiele und Schultz-Bromberg mir gemacht hatten, wurde in der darauf folgenden Sitzung des interfraktionellen Ausschusses Mitteilung gemacht6.

6

Näheres wurde nicht ermittelt.

Müller

Extras (Fußzeile):