2.226.1 (mu21p): [Sachverständigenkonferenz.]

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Kabinett Müller II. Band 1 Hermann Müller Bild 102-11412„Blutmai“ 1929 Bild 102-07709Montage  von Gegnern des Young-Planes Bild 102-07184Zweite Reparationskonferenz in Den Haag Bild 102-08968

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RTF

[Sachverständigenkonferenz.]

Der Reichskanzler gab seiner Freude darüber Ausdruck, die drei deutschen Sachverständigen Dr. Schacht, Dr. Melchior und Kastl nach ihrer Rückkehr aus Paris bei sich begrüßen zu können. Er sprach ihnen den aufrichtigsten Dank der Reichsregierung für die aufopfernde Arbeit in Paris aus. Er bemerkte auch, daß er Herrn Generaldirektor Vögler in einem besonderen Schreiben namens[738] der Reichsregierung für seine Tätigkeit gedankt habe1. Deutschland begrüße das Ergebnis der Pariser Verhandlungen nicht mit ungemischter Freude. Die verantwortlichen Stellen seien jedoch davon überzeugt, daß unter den gegebenen politischen Verhältnissen nicht mehr wie geschehen hätte erreicht werden können.

1

Die Reparationsminister hatten sich in einer Chefbesprechung am 12. 6. geeinigt, daß der von ihnen vereinbarte Text des Dankschreibens nicht veröffentlicht werden solle. Es hieß darin: „Wenngleich Ihre eigene Auffassung es Ihnen zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht ermöglicht hat, an den Pariser Verhandlungen bis zum Ende teilzunehmen, möchte ich nach Abschluß der Pariser Verhandlungen auch Ihnen den besonderen Dank der RReg. für Ihre Mitarbeit als Sachverständiger aussprechen“ (R 43 I/277, Bl. 426).

Im übrigen könne man bedenken, daß die Politik keine exakte Wissenschaft sei. Niemand könne vorhersagen, wie die Verhältnisse nach 10 bis 15 Jahren aussehen würden. Deutschland müsse hoffen, daß sich in der Zukunft die weltwirtschaftliche Vernunft zu seinen Gunsten durchsetze. Einstweilen heiße es wie bisher, das Äußerste zu tun, um den neuen Plan loyal zu erfüllen. Der Reichskanzler erstreckte den Dank an die Sachverständigen ausdrücklich auf die in erster Linie beteiligten Beamten, insbesondere die Ministerialdirektoren Dorn, Schäffer, Ritter sowie die Ministerialräte Berger und Claußen. Er fuhr fort, daß die Reichsregierung überzeugt sei, daß es nicht an den deutschen Sachverständigen und ihren Mitarbeitern gelegen habe, wenn nicht mehr erreicht worden sei, sondern nur am unüberwindlichen Widerstand der Gegenseite.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht dankte im Namen seiner Kollegen für die anerkennenden Worte des Reichskanzlers. Er fuhr sodann fort mit der Bemerkung, daß die deutschen Sachverständigen sich von Anbeginn der Verhandlungen darüber klar gewesen seien, daß ihre Aufgaben nicht nur in der Lösung eines ökonomischen Problems bestanden haben, daß vielmehr höchste vaterländische politische Ziele durchzusetzen gewesen seien. In diesem Sinne habe die deutsche Delegation ihre Kräfte bis zum äußersten eingesetzt. Innerhalb der Delegation habe stets vollste Harmonie der Auffassungen bestanden. Er freue sich auch, dankbar anerkennen zu dürfen, daß die Delegation während des ganzen Verlaufs der Verhandlungen mit der Reichsregierung, und speziell mit den Beamten, mit denen sie in näherer Verbindung gestanden hätte, in der zu vertretenden Grundauffassung stets einig gewesen sei. Der jetzt unterzeichnete neue Plan sei sicherlich kein Definitivum. Gerade die Tatsache sei eine der wenigen Errungenschaften der Konferenzteilnehmer sei davon durchdrungen [!], daß in Zukunft eine Änderung des Plans kommen werde2. Definitiv sei nur die Schuldsumme von 600 Millionen RM jährlich. Deutschland könne zum ersten Mal wieder eine von ausländischen Verhältnissen freie deutsche Politik betreiben. Die Dinge könnten jedoch nur dann zu einem guten Ende geführt werden, wenn Deutschland aus dem neuen Plan die notwendigen wirtschaftspolitischen Konsequenzen ziehe. Jeder, der in Deutschland an verantwortlicher[739] Stelle mitarbeite und die Verantwortung fühle, müsse dazu beitragen, daß die Politik der Sparsamkeit konsequent weitergeführt [werde] und daß das Äußerste zur Hebung der Produktionsfähigkeit geschehe.

2

Dieser Satz steht auch unkorrigiert in der Abschrift in R 43 I/287, Bl. 280-286, hier: Bl. 282f. Curtius bringt ihn korrigiert in „Der Young-Plan“, S. 47: „Gerade diese Tatsache sei eine der wenigen Errungenschaften der Konferenzteilnehmer, da sie davon durchdrungen seien, daß in Zukunft eine Änderung des Planes kommen werde.“

Der Reichskanzler stellte sodann die Frage, ob die Herren Sachverständigen über die zukünftige Gestaltung der Dinge spezielle Wünsche vorbringen könnten.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht erwiderte, die nächste Frage, die zu entscheiden sei, sei wohl die Feststellung des Verhandlungsorts für die politische Konferenz. Er sei mit seinen Kollegen darin einig, daß London der richtige Ort sei, weil Deutschland dort die beste Unterstützung seines Standorts erhoffen könne, eine Unterstützung, die z. B. an einem deutschen Ort (Baden-Baden) fehlen werde. Zur jetzigen englischen Regierung bestünden wertvolle Beziehungen. Ferner sei der Präsident der Bank von England ein wesentlicher Faktor auf unserer Seite3, und schließlich sei auch General Dawes, der an einer ersprießlichen Fortentwicklung der Dinge Interesse habe, nunmehr auch in London eingetroffen4.

3

Zu den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Schacht und Montague Norman siehe Schacht, 76 Jahre meines Lebens, S. 250. Bereits 1926 hatte Moreau über Norman notiert: „Il est très lié avec le docteur Schacht qu’il voit souvent et avec lequel il dresse de plans secrets, […]“ (Moreau, Souvenirs, p. 49).

4

Sein Beglaubigungsschreiben als amerikanischer Botschafter in Großbritannien überreicht General Dawes dem englischen König am 15. 6.

Der Reichskanzler erwiderte, daß auf Grund einer Vorbesprechung über das gleiche Thema ein Telegramm nach Madrid gegangen sei, um den Reichsaußenminister in ähnlichem Sinne zu informieren5.

5

Vgl. Anm. 5 zu Dok. Nr. 225.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht erörterte sodann die Zusammensetzung des zu bildenden Organisationskomitees. Er erklärte, daß er den Eindruck habe, als ob die in Berlin noch bestehende Organisation des Generalagenten Gilbert sich bemühe, ihren Einfluß bei der zukünftigen Gestaltung der Dinge durchzusetzen. Er empfahl, sich gegen diese Bestrebungen nachdrücklichst zur Wehr zu setzen. Die deutsche Delegation habe in Paris gefühlt, wie unangenehm sich der Einfluß dieser Herren auswirke. Man müsse auch danach trachten, sie aus der Organisation der Internationalen Bank herauszuhalten. Sie könnten in die Bank nur über die amerikanische Regierung hineingelangen. Er habe bereits Schritte unternommen durch seine Beziehungen zur Federal-Reserve-Bank, um dies zu verhindern. Die Herren seien durch ihre bisherige Kontrolltätigkeit in einer Weise gegen uns eingestellt, die ihnen ein Abgehen von ihren bisherigen Kontrollmethoden kaum ermögliche, darum seien sie ungeeignet.

Was sodann die weitere Betätigung der Sachverständigen mit Bezug auf den Plan anlange, so sei es selbstverständlich ausgeschlossen, daß einer von ihnen irgendwie propagandistisch für den Plan eintrete. Indessen werde sich nicht vermeiden lassen, daß sie sich in gewissen Gremien über das Thema ausließen. So werde Geheimrat Kastl im Reichsverband der Deutschen Industrie, Dr. Melchior im Zentralverband des deutschen Bank- und Bankiergewerbes[740] und er selbst am 28. Juni in München auf dem Deutschen Industrie- und Handelstag sprechen müssen6.

6

Die Stellungnahme des Reichsverbands zum Young-Plan siehe Schultheß 1929, S. 120 f., die des Bankgewerbes siehe Schultheß 1929, S. 134; zu Schachts Rede siehe Schultheß 1929, S. 141 ff.

Geheimrat Kastl berührte die Behandlung des Sachverständigenplans im Reichstag. Er erklärte, daß er es für wenig glücklich halten würde, wenn im Plenum des Reichstags über das Ergebnis des Planes eine Debatte entstünde. Dadurch werde die Lage Deutschlands auf der Regierungskonferenz nur erschwert werden. Wenn die Opposition allzu stark die Schattenseite des neuen Planes hervorzerre, werden die Regierung und die Regierungsparteien nicht anders können, als auch die guten Seiten zu verteidigen. Gerade hierin liegt die Gefahr der ungünstigen Vorbereitung auf die Regierungskonferenz. Er empfahl, baldigst mit den Regierungsparteien sich dahin zu verständigen, daß eine öffentliche Debatte über den neuen Plan unterdrückt werde.

Der Reichskanzler erwiderte, daß die Parteien sich schwerlich dahin würden bringen lassen. Die Opposition werde eine öffentliche Diskussion erzwingen. Am kommenden Montag wird eine Aussprache mit den Parteien und Fraktionsführern der Regierungsparteien stattfinden, um die taktische Behandlung des Plans im Reichstag zu besprechen.

Dr. Melchior erklärte, daß er die Ausführungen Dr. Schachts über den Reparationsagenten und seine Herren nur unterstreichen könne. Man müsse unter allen Umständen verhindern, daß diese Herren in die neue Bank hereinkämen. Zu diesem Zweck müsse man systematisch als communis opinio verbreiten, daß niemand, der früher Kontrollorgan gewesen sei, in die neue Bank hereindürfe, weil er zum neuen Plan falsch eingestellt sei.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht sprach sodann noch von dem Sitz der neuen Bank. Die Belgier hätten in Paris vorgeschlagen, daß Brüssel gewählt werde. Herr Dr. Melchior habe sich diesem Vorschlag für die deutsche Delegation widersetzt, obschon die Gegenseite den belgischen Vorschlag letzten Endes wohl toleriert habe. Francqui habe erklärt, er wolle die Frage mit der Markfrage in Verbindung bringen. Er empfahl, den deutschen Verhandlungsleiter für die Markfrage, Herrn Dr. Ritter, dies wissen zu lassen, damit er bei den von ihm gegenwärtig mit den Belgiern zu führenden Verhandlungen vorfühle, was Belgien gegebenenfalls an Gegenleistungen zuzugestehen bereit sei7. Ein zuverlässiger Gewährsmann habe ihm auch erklärt, daß offenbar von Parker Gilbert beeinflußte Kreise danach strebten, in Deutschland eine Filiale der neuen internationalen Bank zu errichten. Er habe die Gegenseite demgegenüber wissen lassen, daß Deutschland eine solche Filiale nur dann dulden werde, wenn solche Filialen auch in den anderen Ländern errichtet würden. Bezeichnend sei, daß ihm ein Herr der Gegenseite bereits gesagt habe, die Hauptabteilung der neuen Bank werde das Intelligence Department sein, d. h. also die Handelsspionageabteilung.

7

Die deutsch-belgischen Markverhandlungen hatten am 14. Juni in Brüssel begonnen (R 43 I/54, Bl. 80-86).

[741] Dr. Melchior bestätigte, daß die Frage des Sitzes der Bank im Revelstoke-Ausschuß erörtert worden sei, daß er sich bei dieser Gelegenheit gegen Briand8 ausgesprochen habe. Nach seiner Meinung könne die Bank, wenn sie in einem hauptbeteiligten Lande errichtet werden solle, nur im Lande des Hauptschuldners entstehen, wenn man dagegen an ein nicht beteiligtes Land denke, müsse die Wahl wohl auf Holland oder die Schweiz fallen.

8

Es muß richtig heißen „Moreau“.

Da weitere Fragen nicht zur Debatte gestellt wurden, schloß der Reichskanzler die Sitzung mit nochmaligem Dank an die Sachverständigen.

[Pressekommuniqué]9.

9

Veröffentlicht in WTB am 14.6.29 (R 43 I/277, Bl. 442).

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