2.119 (mu21p): Nr. 119 Reparationsbesprechung vom 4. Februar 1929, 17 Uhr im Wintergarten der Villa des Reichsaußenministers und vom 7. Februar 1929, 12 Uhr in der Bibliothek der Reichskanzlei

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Nr. 119
Reparationsbesprechung vom 4. Februar 1929, 17 Uhr im Wintergarten der Villa des Reichsaußenministers und vom 7. Februar 1929, 12 Uhr in der Bibliothek der Reichskanzlei

R 43 I/289, Bl. 5-7

Anwesend1: von der RReg.: Müller, Hilferding, Stresemann, Curtius, v. Guérard; MinDir. Dorn, Ritter, Schäffer; MinR Claussen, Berger; von der Delegation: Schacht, Vögler, Melchior, Kastl; [Dreyse]. Protokoll: StS Pünder.

1

In der Anwesenheitsliste der Niederschrift wurde nicht berücksichtigt, daß die Delegierten bis auf Schacht an der Besprechung am 7. 2. nicht teilgenommen haben. VizePräs. Dreyse ist in ihr nicht genannt. Die Zuziehung der MinDir. und der die Delegation nach Paris begleitenden MinR erfolgte auf Anregung des RWiMin. (Vermerk der Rkei vom 4.2.29; R 43 I/277, Bl. 30). Schacht hatte zunächst beabsichtigt, zu dieser Besprechung allein zu kommen, da Vögler verreist sei und erst am 5. 2. nach Berlin kommen könne. „Unter diesen Umständen könne die Besprechung mit den gesamten Delegierten erst am 7. 2. erfolgen“ (Vermerk der Rkei. über eine Mitteilung des MinR Berger vom 31. 1.; R 43 I/277, Bl. 27).

[Sachverständigenkonferenz.]

Die Aussprache diente in erster Linie der Festsetzung einiger Äußerlichkeiten hinsichtlich des Zusammentritts der Pariser Konferenz, der Organisation der Deutschen Delegation und ihrer Verbindung mit der Reichsregierung.

Präsident Dr. Schacht berichtete diesbezüglich über seine vorbereitenden Besprechungen mit Moreau. Er erwähnte u. a., daß voraussichtlich der Amerikaner Owen Young der Vorsitzende werde2, daß ein Sekretariat der Konferenz geschaffen werde mit einem deutschen Beisitzer, daß die Berichterstattung über Ministerialdirektor Ruppel von der Kriegslasten-Kommission an die obersten Reichsstellen gehen werde3, daß die Presse einheitlich von der Konferenz aus orientiert werde (also nicht in Berlin und den anderen Hauptstädten) und anderes mehr. Bezüglich des sachlichen Inhalts betonten Präsident Schacht und die anderen Delegierten, daß sie willens seien, als gleichberechtigte Richter über ein internationales Problem zu urteilen und sich nicht in die Rolle[404] des Angeklagten drängen lassen zu wollen; sie faßten ihre Aufgabe als eine überaus ernste, sachliche Arbeit auf mit dem Ziele eines positiven Ergebnisses und nicht mit der geheimen Absicht, die Verhandlungen zum Scheitern zu bringen. Über die Lösungsmöglichkeiten selbst könne im übrigen nach Ansicht der Delegierten noch nach keiner Richtung irgendetwas gesagt werden. Schwierig und wichtig sei noch die Frage, von welchem Ausgangspunkt aus man an das Problem herangehen solle. Sie, nämlich die deutschen Sachverständigen, seien der Auffassung, daß man einen Beginn mit der Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit möglichst verhindern müsse. Diese müsse den Schluß bilden. Ausgehen könne man vielleicht vom Dawes-Plan oder den letzten Reden von Poincaré, der Balfour-Note oder auch den terms von Parker Gilbert3a.

2

Siehe hierzu Foreign Relations of the United States II, 1929, p. 1027 sq.

3

Die Berichte Ruppels finden sich in den Akten der Rkei unter den Signaturen R 43 I/281, 282 und 290–293.

3a

Zur Balfour-Note s. Anm. 13 zu Dok. Nr. 28; zu den „terms of reference“ Anm. 4 zu Dok. Nr. 80.

Vorstehende Bedenken, und zwar sowohl die technischen wie auch die sachlichen, wurden zum Gegenstand einer eingehenden Aussprache gemacht, ohne daß naturgemäß Beschlüsse gefaßt wurden, oder seitens der Reichsregierung Direktiven erteilt oder gar von den Delegierten erbeten worden wären.

Anschließend berichteten noch die Delegierten, daß sie in den nächsten Tagen unter sich an Hand des ihnen überwiesenen umfangreichen deutschen Materials4 einige Tage in Saarow-Pieskow über die Probleme zu Rate gehen wollten und daß sie dann vor ihrer Abreise nach Paris gegebenenfalls nochmals der Reichsregierung kurz Bericht erstatten würden.

4

Das Material befindet sich in R 43 I/278 bis 280.

Zu letzterem Zweck fand am 7. Februar 12 Uhr mittags5 in der Bibliothek der Reichskanzlei eine weitere Aussprache im obigen Kreise statt, an der seitens der deutschen Delegation aber nur Herr Präsident Schacht in Begleitung des Reichsbankvizepräsidenten Dreyse teilnahmen. Präsident Schacht berichtete, daß das Ergebnis der zweitägigen Aussprache der vier Delegierten das sei, daß die deutsche Delegation absolut geschlossen hinsichtlich aller grundsätzlichen Fragen nach Paris reise. Naturgemäß müsse sie hinsichtlich der gemeinsamen Auffassungen sich großer Zurückhaltung befleißigen. Hinsichtlich des zweckmäßigsten Ausgangspunktes der Pariser Debatten wurde das hierüber in der vorangegangenen Sitzung Gesagte wiederholt. Falls es im Laufe der Pariser Verhandlungen zu der Frage der etwaigen Aufhebung des Transferschutzes kommen sollte, würde die deutsche Delegation darein nur einwilligen, wenn man Deutschland in einen Zustand versetze, aus dem heraus es selbst das Vertrauen haben könne, bei vernünftiger Wirtschaft einen gewissen Überschuß für Reparationen herauszuwirtschaften. Der Transferschutz sei die stärkste Waffe und die höchstbezahlte Gegengabe der Deutschen Delegation. Die Delegation werde bereit sein, ein gewisses Risiko zu übernehmen, wenn man uns die Grundlage zu einer soliden Wirtschaft schafft. Garantien von außen wolle sie dagegen nicht. Falls unsere Gegner in Paris den Wunsch nach einer Reise nach Berlin äußern sollten, so beabsichtige die deutsche Delegation, einem solchen Plan möglichst entgegenzutreten, da das eigentümliche[405] Milieu von Berlin eine Gefahr der Benebelung in sich berge und die international durchseuchte Atmosphäre der Reichshauptstadt, die indiskrete Presse und die zahlreichen Parlamentarier u. a. nicht zweckmäßig für einen ruhigen Fortgang der Konferenz sein würden. Die Deutsche Delegation reise mit schwerem Herzen, aber nicht mutlos, und werde versuchen, ihren Mann zu stehen.

5

Um 11 Uhr hatte der RbkPräs. seinen Bericht über die Wirtschaftslage erstattet. Dok. Nr. 123.

Fragen wurden im übrigen seitens des Herrn Präsidenten Schacht namens der Delegation an die anwesenden Vertreter der Reichsregierung nicht gestellt, noch auch wurden von letzterer der Delegation irgendwelche Direktiven mitgegeben.

Der Reichskanzler schloß die Sitzung lediglich mit den besten Wünschen für die Deutsche Delegation und ihre Arbeiten und betonte, daß die Reichsregierung großes Vertrauen in die von ihr bestellten Sachverständigen setze.

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