2.139 (mu21p): Nr. 139 Bericht Geheimrat Kastls über die Sachverständigenkonferenz. 1. März 1929

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Nr. 139
Bericht Geheimrat Kastls über die Sachverständigenkonferenz. 1. März 1929

R 43 I/289, Bl. 29-36

Anwesend: Müller, Hilferding, Stresemann, Curtius; MinDir. Dorn, Ritter, Schäffer, Geheimrat Kastl; Protokoll: StS Pünder.

Geheimrat Kastl entwarf zunächst ein allgemeines Stimmungsbild über den bisherigen Gang der Verhandlungen, das gegenüber den bisherigen Nachrichten nicht viel neues enthielt. Im Vollkomitee habe man sich jetzt nicht mehr viel zu erzählen und die Zeit der Monologe sei vorbei. Jetzt Einzelbesprechungen und Unterausschußsitzungen1. Die allgemeinen Erörterungen der ersten Wochen im Vollkomitee hätten immerhin das bedeutungsvolle Ergebnis gehabt, daß die deutschen Ausführungen ernstlich von niemandem mehr angezweifelt würden. Trotz aller Höflichkeit der Verhandlungsformen gestalteten sich die Verhandlungen dadurch kompliziert, daß niemand seine Karten[456] zuerst aufdecken wolle und man sich ganz langsam aneinander herantasten müsse. Die Amerikaner drängten zwar die deutsche Delegation seit etwa 10 Tagen, doch endlich Ziffern zu nennen2. Die deutschen Herren hätten sich bis zur Stunde aber noch zurückgehalten, da man erst Klarheit haben müsse über die beabsichtigte Teilung der Annuität. Unseren Gegnern liege natürlich daran, den ungeschützten Teil erheblich größer zu machen als den geschützten, und zwar etwa im Verhältnis von 3 : 1, während unsere Tendenz natürlich gerade umgekehrt sei3.

1

Gebildet worden waren ein Ausschuß für Transferschutz unter dem Vorsitz von Stamp, ein Unterausschuß für Kommerzialisierung unter dem Vorsitz von Lord Revelstoke und ein Unterausschuß für Sachlieferungen unter dem Vorsitz von Perkins (Bericht Ruppels Nr. K 242 vom 19. 2. , Nr. K 268 vom 23. 2., Nr. K 274 vom 26.2.29; R 43 I/290, Bl. 42-53, 87, 137 f.,).

2

Entsprechende Mitteilungen hatten bereits Vögler am 15. 2. und Schacht am 16. 2. in Schreiben an den RAM gemacht (R 43 I/289, Bl. 12-15, 18-28).

3

Der Transferausschuß hatte die Annuitäten in einen geschützten und einen ungeschützten Teil zerlegt. „Der ungeschützte Teil entspreche dem zu kommerzialisierenden Abschnitt der Gesamtsumme. Es sei vorgesehen, daß der ungeschützte Teil ständig wachse, während der geschützte Teil ständig abnehme […].“ Sei Deutschland in der Lage, die Annuitäten voll aufzubringen, dann solle der geschützte „Teil der Annuitäten ganz in den ungeschützten übergehen […]“. Dieser Einstellung hatte Schacht entgegengehalten, daß durch ausländische Kredite eine Transferfähigkeit des Devisenmarktes vorgetäuscht werden könne, die tatsächlich in Deutschland nicht vorhanden sei (Bericht Ruppels Nr. K 247 vom 21.2.29; R 43 I/290, Bl. 56-70, hier: Bl. 56f).

Ganz allgemein sei zunächst noch zu bemerken, daß im Anfang der Konferenz Besprechungen zwischen dem Franzosen Parmentier und dem Italiener Pirelli stattgefunden hätten mit dem Zweck einer vorherigen Einigung zwischen Frankreich, Belgien und Italien. Wenngleich völlig authentische Berichte über diese Aussprachen nicht vorlägen, stünde doch fest, daß diese Aussprachen auch politische Hintergründe gehabt hätten4. Zum Beispiel habe es sich auch um ein Kolonie-Angebot an Italien gehandelt. Pirelli habe dann präzise Vorschläge verlangt und auch erhalten; diese seien dann aber in Rom abgelehnt worden. Seit der Zeit sei die Haltung Pirellis nicht ganz klar. Jedenfalls hätten die französischen Bemühungen um ihn nachgelassen. Die Engländer hätten in den ersten Wochen zweifellos versucht, die Konferenz zum Scheitern zu bringen, da sie bekanntlich das ganze Problem noch in keiner Weise für spruchreif hielten; nachdem dies ihnen aber nicht gelungen sei, arbeiteten sie jetzt loyal mit. Der Belgier Francqui sei das enfant terrible der Konferenz, aber im übrigen niemandem sehr gefährlich. Bei den Amerikanern herrsche offensichtlich keine Einigkeit. Lamont sei sicher viel franzosenfreundlicher als Owen Young. Der französische Staatsbankpräsident Moreau gehe täglich bei Poincaré ein und aus. Die Unabhängigkeit der Sachverständigen werde also seitens Frankreich nicht einmal mehr dem Schein nach betont. Poincaré habe zweifellos das Bestreben, angesichts seiner wachsenden parlamentarischen Schwierigkeiten5 bald ein positives Ende zu sehen. Dieser Gedanke stehe bei ihm derart im Vordergrund, daß er eventuell sogar sich mit einem geringeren Erfolg, als ursprünglich erwartet und beabsichtigt, für Frankreich zufrieden geben werde. Für Deutschland sei es zweifellos unerwünscht, wenn etwa Poincaré noch während der Konferenz stürzen sollte.

4

Zu den französischen und italienischen Interessen in Afrika s. Schultheß 1928, S. 322, und 1929, S. 323 f.

5

Siehe hierzu Schultheß 1929, S. 314 und 322 f.

Gesellschaftlich seien die einzelnen Delegationen noch nicht sehr nahe gekommen[457] und die deutschen Herren verkehrten einstweilen offiziell lediglich erst mit den Amerikanern. Poincaré habe neulich eine erste große offizielle Festlichkeit im französischen Finanzministerium veranstaltet, die fürchterlich steif gewesen und daher schon gegen ½ 11 Uhr zu Ende gewesen sei. Poincaré habe u. a. nicht ein einziges Wort mit einem Deutschen gesprochen, übrigens aber auch nicht mit dem Konferenz-Vorsitzenden Owen Young.

Herr Geheimrat Kastl erörterte dann kurz die Arbeiten des Unterausschusses, der den Auftrag hat, Pläne für einen Umbau des bisherigen Transferschutzes auszuarbeiten. Die deutschen Mitglieder halten das voraussichtliche Ergebnis dieses Ausschusses für nicht ungünstig. Bekanntlich soll der bisherige Transferschutz durch einseitiges Recht Deutschlands zur Erklärung eines Moratoriums ersetzt werden. Dieses Moratoriumsrecht bezieht sich nur auf den Transfer, nicht auch auf die Aufbringung6. Bei der Erörterung dieses Unterausschusses sei zutage getreten, daß der Gegenseite nicht zuletzt auch an einem schönen großen Fenster für die politische Stimmung in ihren Ländern gelegen sei; also in erster Linie die prinzipielle Festsetzung einer hohen Summe, wenn auch dieser Ansatz durch eine deutsche Erklärung des Moratoriums zu einem großen Teil illusorisch gemacht werden könne. Wenngleich über die Höhe der Annuität wie gesagt in keiner Weise offiziell gesprochen sei, könne man gefühlsmäßig doch annehmen, daß die Franzosen hierbei an Summen von 3–3½ Milliarden dächten, die Engländer an 1,8–2 Milliarden, also alles Zahlen, die seitens der deutschen Delegation in keiner Weise in Betracht gezogen würden. Über die Frage der Kommerzialisierung verhandelt ein anderes Gremium unter dem Vorsitz des Lord Revelstoke, das an sich kein offizieller Unterausschuß ist7. Dieser Ausschuß befasse sich auch sehr eingehend mit der Frage, ob Spezialpfänder für die deutschen Zahlungen erhalten bleiben sollen oder nicht. Die amerikanische Auffassung gehe ganz klar dahin, daß kein Spezialpfand deutscherseits mehr gegeben werden solle, sondern die Haftung in allgemeinen deutschen Bonds ausgesprochen werden solle. Diese klare Haltung der Amerikaner sei nur ein Ausfluß ihrer allgemeinen Tendenz, daß mit dem in Aussicht genommenen Gutachten des Sachverständigen-Gremiums überhaupt alle Beschränkungen Deutschlands wegfallen müßten. Gegen den amerikanischen Standpunkt habe sich insbesondere aber Francqui geäußert8, so daß in der letzten[458] Unterausschußsitzung (28. Februar) die Spezialpfänder noch nicht aufgegeben worden seien. Dieser Beschluß sei aber noch keineswegs endgültig. Anscheinend wolle man dieses Problem noch als etwaiges Druckmittel gegen uns verwerten. Bei der Frage der Kommerzialisierung spiele die Frage der Aufnahmefähigkeit der Weltmärkte natürlich die entscheidende Rolle; 1 Milliarde Dollar sei hierbei nach Ansicht der Amerikaner die höchste Grenze. Die Engländer hielten diese Summe für viel zu hoch, während genau umgekehrt Moreau den Betrag für viel zu niedrig halte und hinzugefügt habe, Frankreich könne in etwa 10 Jahren die sämtlichen deutschen Reparationsbonds aufnehmen. Ungelöst sei auch noch die Frage, ob man bei dem endgültigen Gutachten von dem Kapitalbetrag ausgehen solle oder aber einer Annuität. Die Deutschen verträten nach wie vor die letztere Ansicht. Die Festsetzung einer Annuität sei nämlich für uns zweifellos günstiger, weil die Franzosen angesichts der Lage ihres Kapitalmarktes mit einer Annuität unter Verwendung der niedrigen französischen Zinssätze einen weit höheren Kapitalbetrag herausstellen könnten als umgekehrt möglich wäre, und die Herausstellung eines höheren Kapitalbetrages sei für Frankreich von entscheidender Bedeutung.

6

Deutschland war das Recht zugesprochen worden, nach einer Ankündigungsfrist von 90 Tagen den geschützten Transfer für zwei Jahre auszusetzen. Während dieser Zeit sollten die entsprechenden Annuitätsbeträge auf das Konto des Treuhänders bei der Rbk eingezahlt werden. Dieser durfte sie nur mit Zustimmung der RReg. verwenden. Die Mitteilung über ein Moratorium sollte an ein neunköpfiges „consultative board“ gerichtet werden, dessen Mitglieder von den Präsidenten und Gouverneuren der Nationalbanken und der Federal Reserve Bank zu ernennen waren (Bericht Ruppels vom 28.2.29, Nr. K 280; R 43 I/290, Bl. 150-152).

7

Der Revelstoke-Ausschuß hatte in seiner ersten Sitzung folgende Definition beschlossen: „Kommerzialisierung ist Ersatz der politischen Schuld durch Ausstellung der A-Bonds [transferfreie Bonds] und B-Bonds [transfergeschützte Bonds] und Aushändigung derselben an einen Trustee. Mobilisierung ist Emission dieser Bonds durch Auflage zur Zeichnung oder zum Umtausch gegen bestehende Anleihen der Emissionsländer.“ Die Emission der B-Bonds sollte nur mit deutscher Zustimmung möglich sein (Niederschrift Melchiors über die Sitzung vom 22. 2.; R 43 I/290, Bl. 111-115).

8

Francqui hatte eine negative Hypothek verlangt, „die sich auf die sämtlichen Staatsrevenuen, aber auch auf die bisherigen Sicherheiten, nämlich Eisenbahn- und Industrie-Bonds erstrecken soll“ (Niederschrift Melchiors über die Sitzung vom 25. 2.; R 43 I/290, Bl. 146-149).

Herr Geheimrat Kastl erläuterte sodann den dritten Teil der deutschen Leistungen, also neben einem ungeschützten und einem geschützten Teil der Barzahlungen die deutschen Sachlieferungen. Einstweilen streite man sich auch noch um das Ob solcher Sachlieferungen. Ergebnisse der Unterausschußarbeit lägen jedenfalls noch nicht vor.

Zum Schluß teilte Herr Geheimrat Kastl mit, daß die Amerikaner in sehr betonter Weise in der letzten Zeit schon dreimal gefragt hätten, unter welchen Voraussetzungen Deutschland denn überhaupt zu einer neuen Regelung der Reparationslasten bereit sei. Die Amerikaner stünden fest auf dem Standpunkt, daß zu einer ernstlichen und endgültigen Festlegung der deutschen Reparationsleistungen auch die völlige Wiederherstellung der wirtschaftlichen und namentlich landwirtschaftlichen Einheit Deutschlands sowie eine Beteiligung Deutschlands an der Erschließung aller neuen Rohstoffgebiete gehöre. Mit diesen zwei Voraussetzungen gedächten die Amerikaner die Fragen der Rückgabe des polnischen Korridors und einer Beteiligung Deutschlands an den Kolonien zu umschreiben. Das Ziel der Amerikaner sei zum mindesten eine offizielle Bemerkung über diese Dinge in dem Schlußbericht der Sachverständigen, wonach die Deutschen das und das erklärt hätten, das Komitee aber nicht Stellung genommen habe, da es sich um eine politische Frage handle9. Die Amerikaner sagten selber, daß dies das Mindeste und jedenfalls nicht sehr viel sei. Sie erstrebten daher erheblich weitergehende Formulierungen. Über diese deutschen politischen[459] Nebenwünsche werde daher auf das fortgesetzte Drängen der Amerikaner diesen in der nächsten Woche eine vertrauliche Aufstellung übergeben werden. Hierbei spiele auch eine große Rolle, ob der neue Sachverständigenplan endgültig an Stelle des Teils VIII des Friedensvertrages zu treten habe, oder ob dieser wie bisher bestehen bleibe. Den Amerikanern wäre auch hier das erstere sympathischer, wobei besonders zu beachten sei, daß damit auch die Artikel über die deutsche Kriegsschuld hinfällig würden. Gedacht sei ferner an die Forderung auf Rückgabe des Saargebiets und der Saargruben, die endgültige Freigabe des Liquidationseigentums, die Räumung der besetzten Gebiete, den Wegfall des Sanktionssystems, Aufhebung des Dawes-Plans und des Londoner Ultimatums. Es sei geradezu erstaunlich, mit welcher Freundlichkeit und Hartnäckigkeit die Amerikaner jetzt schon zum dritten Male solche politischen Nebenprodukte der deutschen Delegation gegenüber zur Sprache gebracht hätten und absolut nach einer geeigneten Form drängten. Den Amerikanern sei eben oberster Gesichtspunkt, daß die höchste Leistungsfähigkeit Deutschlands nicht zu erreichen sei, wenn Deutschland nicht gleichzeitig von allen wirtschaftlichen und politischen Hemmungen befreit würde.

9

Gegenüber Owen Young hatte Schacht die „ökonomischen Ideen“ der deutschen Delegation vorgetragen: „1. Relation zwischen unseren Zahlungen und einer Bereitwilligkeit der übrigen Länder, unsere Exporte entgegenzunehmen, 2. Wiederaufbau der deutschen Landwirtschaft durch Rückgabe des Korridors, 3. Wiederherstellung einer deutschen Rohstoffbasis durch internationale gemeinschaftliche Unternehmungen in kolonialen Überseegebieten, deren wirtschaftliche Bearbeitung deutschen Händen anvertraut werden soll.“ Schacht hatte gegenüber Stresemann seiner Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Amerikaner wegen dieser Vorstellung mit den Engländern Fühlung nehmen würden (Schreiben vom 16. 2.; R 43 I/289, Bl. 18-28, hier: Bl. 250).

An den Bericht des Herrn Geheimrat Kastl schloß sich keine eigentliche Aussprache, vielmehr wurde lediglich bei den einzelnen Berichtspunkten Einzelheiten in Frage und Antwort weiterer Klärung entgegengeführt. Hinsichtlich des letzten (politischen) Berichtspunktes wurde seitens des Herrn Reichskanzlers und des Herrn Reichsaußenministers hervorgehoben, daß10 unsererseits natürlich in keiner Weise solche Dinge in den Vordergrund geschoben werden dürften, denn es wäre unerträglich und gerade auch für die Lösung dieser politischen Fragen sehr abträglich, wenn etwa diese Konferenz, die doch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammenberufen worden sei, schließlich mit einem Schein von Gründen daran scheitern könnte, daß Deutschland diese Konferenz zu einer politischen gemacht habe. Sollte die Konferenz diese politischen Nebenfolgen eines Tages haben, was natürlich innigst zu hoffen sei, so würde Deutschland und die Reichsregierung dies natürlich überaus begrüßen. Immerhin sei Zurückhaltung bei den Pariser Verhandlungen seitens der deutschen Delegation am Platze. Herr Geheimrat Kastl war mit dieser Auffassung völlig einverstanden und erklärte noch, daß die bisherigen amerikanisch-deutschen vertraulich losen Vorbesprechungen nicht anders aufgefaßt werden dürften11. Schließlich berichtete er noch, daß die Konferenz wohl in 2–3 Wochen mit ihren Vorarbeiten einschließlich der Ziffern soweit sein werde, daß an die Aufstellung des Generalberichts herangegangen werden könne.

10

Bis zum Satzende abgedruckt bei Curtius, Young-Plan, S. 40. Dort heißt es abweichend „deutscherseits“ statt „unsererseits“.

11

Vgl. hierzu die Unterredung Schachts mit Pünder am 1. 5., Dok. Nr. 189.

Der Herr Reichskanzler schloß die Besprechung mit bestem Dank an Herrn Kastl und der Bitte, der deutschen Delegation in Paris die besten Grüße und Wünsche der Reichsregierung zu übermitteln12.

12

Weitere Gespräche am 1. und 2.3.29 führte Kastl mit Curtius und Hilferding (ungezeichnete Aufzeichnung vom 3.3.29 in R 2/2923, Bl. 135-145).

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