2.173 (mu21p): Nr. 173 Besprechung über Reparationsfragen. 17. April 1929, 13 Uhr

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Kabinett Müller II. Band 1 Hermann Müller Bild 102-11412„Blutmai“ 1929 Bild 102-07709Montage  von Gegnern des Young-Planes Bild 102-07184Zweite Reparationskonferenz in Den Haag Bild 102-08968

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[552] Nr. 173
Besprechung über Reparationsfragen. 17. April 1929, 13 Uhr

R 43 I/277, Bl. 127-130

Anwesend: Müller, Stresemann, Wirth, Hilferding, Curtius; StS Pünder, v. Schubert; MinDir. Ritter, Schäffer, Dorn; Protokoll: MinR Vogels.

Reichsminister Hilferding trug vor, daß auf der Pariser Konferenz zur Zeit drei Memoranden zur Debatte ständen, nämlich a) das Memorandum der vier Hauptgläubiger Frankreich, Großbritannien, Belgien und Italien, b) das Memorandum von Owen Young und c) ein deutsches Memorandum, das am heutigen Tage der Reparationskonferenz übergeben werde1. Die zahlenmäßige Differenz zwischen diesen drei Memoranden sei beträchtlich. Die Annuitätenreihe des Memorandums der vier Hauptgläubiger beginne mit 1,8 Milliarden, steige ziemlich schnell bis zum 19. Jahr auf 2,45 Milliarden, verbleibe auf dieser Höhe bis zum 37. Jahr und sinke dann für weitere 21 Jahre auf 1,7–1,8 Milliarden herab. Die Durchschnittsannuität für die 37 ersten Jahre beziffere sich auf 2,198 + 25 Millionen Mark jährlich für die belgischen Markforderungen2. Die Annuitätenreihe des Youngschen Memorandums beginne mit 1,75 Milliarden, steige in den ersten zehn Jahren um je 25 Millionen, für die folgenden 5 Jahre um jährlich 50 Millionen, so daß in 15 Jahren 2,2 Milliarden erreicht seien. Bis zum 37. Jahre steige die Reihe auf 2,475 Milliarden und sinke dann in den letzten 21 Jahren auf Annuitäten zwischen 1,7–1,9 wieder herab. Der Durchschnitt betrage während der ersten 15 Jahre 1,94 Milliarden, für weitere 22 Jahre 2,45 Milliarden. Der Gesamtdurchschnitt berechne sich auf etwa 2,109 Milliarden Jahresannuität. Der Unterschied gegenüber dem Gläubigermemorandum liege also wesentlich in den ersten zehn Jahren3. Über den[553] Inhalt des deutschen Memorandums lägen vollständige Mitteilungen noch nicht vor, insbesondere habe er den Wortlaut noch nicht in Händen. Der wesentliche Inhalt sei fernmündlich aus Paris mitgeteilt worden4. Ministerialdirektor Dorn führte hierüber aus, daß dieses Memorandum verhältnismäßig kurz sei, es umfasse sieben Seiten und bringe zwei Zahlenschemata für die Annuitäten. In beiden Zahlenreihen sei eine durchlaufende Annuität von 1,65 Millionen für 37 Jahre vorgesehen. Die Unterscheidung liege in der inneren Gliederung der Summe von 1,65 Milliarden. Das Anerbieten des ersten Schemas sei von der Erfüllung dreier politischer Voraussetzungen abhängig gemacht. Nämlich a) Erweiterung der deutschen Rohstoffbasis, b) Ausweitung der deutschen Beteiligung am Welthandel, c) Stärkung der deutschen Landwirtschaft. Für den Fall der Annahme dieser Bedingungen gelte der nachstehende Plan A, für den Fall der Ablehnung der Bedingungen nachstehender Plan B5.

1

Siehe dazu die Arbeit des Reichsarchivs „Die Entstehung des Young-Plans“ (BA: Nachlaß Plantlen  7) und Schacht, Ende der Reparationen, S. 67 ff. Über die Konferenzlage hatte Botschafter v. Hoesch telegraphiert: „Inzwischen hat sich nun die taktische und tatsächliche Verhandlungslage während der letzten beiden Wochen stark zu unseren Ungunsten verschoben. Es war ein erheblicher Fehler Youngs, Anregung zu Einzelverhandlungen der Gläubiger-Delegationen mit der deutschen Delegation zu geben, eine Anregung, der unsere Vertreter sich nicht entziehen zu können geglaubt haben. Diese Einzelbesprechungen haben bekanntlich das absurde Ergebnis einer die normale Dawes-Annuität erheblich überschreitenden Annuitätenforderung gehabt [der Gegenwartswert betrug 42 992,3 Mio GM, das bedeutete bei einer Zahlung über 58 Jahre eine Annuität von 2670,5 Mio GM – Bericht Ruppels Nr. K. 425 vom 6. 4.; R 43 I/291, Bl. 37-42] und dann dazu geführt, daß nunmehr mit unserer Zustimmung Verhandlungen zwischen den Hauptgläubigern zwecks Reduktion der Kollektivforderung beginnen mußten, mit anderen Worten, daß sich eine Front der Hauptgläubiger auf der Basis einer Einigung auf eine neue Kollektivforderung unter notwendiger Duldung unsererseits bildete. Diese neue Gesamtforderung ist gestern in Form eines Memorandums der vier Hauptgläubigerstaaten unserer Delegation überreicht worden. Das Memorandum trägt nicht direkten ultimativen Charakter, spricht aber von Minimalforderungen“ (Telegramm Nr. 290 vom 14. 4.; R 43 I/289, Bl. 102-110, hier: Bl. 107).

2

Das neue alliierte Memorandum, in dem der Gegenwartswert bei 59 Jahreszahlungen 37 300 Mio GM und die Annuität 2190 Mio GM betrugen, war am 13. 4. überreicht worden (Bericht Ruppels Nr. K. 454 vom 13. 4.; R 43 I/291, Bl. 56-59).

3

Youngs Memorandum war vom 8. 4. datiert (französische Fassung und deutsche Übersetzung in R 43 I/291, Bl. 46-55, 120-129).

4

Ein ungezeichneter Vermerk über den Anruf Ruppels am 16. 4. befindet sich in R 2/2924, Bl. 283.

5

Beide Pläne sind in der Niederschrift aus einem gedruckten Text ausgeschnitten und eingeklebt worden.

Plan A

Jahr:

nicht geschützt:

transfer- geschützt:

transfer-

und auf- bringungs- geschützt:

Sach- lieferungen:

insgesamt: (Millionen Mark)

1.

450

225

225

750

1650

2.

450

250

250

700

1650

3.

450

275

275

650

1650

4.

450

300

300

650

1650

5.

450

350

350

500

1650

6.

450

350

350

500

1650

7.

450

350

350

500

1650

8.

450

450

450

300

1650

9.

450

450

450

300

1650

10.

450

500

500

200

1650

11.–37.

450

600

600

1650

Plan A der Jahresannuitäten bei Annahme politischer Bedingungen

Plan B

Jahr:

transfer-

geschützt:

transfer- und aufbringungs- geschützt:

Sachlieferungen:

insgesamt (Millionen Mark)

1.

450

450

750

1650

2.

475

475

700

1650

3.

500

500

650

1650

4.

525

525

600

1650

5.–7.

575

575

500

1650

8.–9.

675

675

300

1650

10.

725

725

200

1650

11.–37.

825

825

1650

Plan B der Jahresannuitäten bei Nichtannahme politischer Bedingungen

[554] Die Differenzierung liege also in der Höhe des transfergeschützten und des ungeschützten Teils.

Reichsminister Hilferding meinte, eine Annäherung dieser drei Memoranden wird ungemein schwer halten. Die bestehenden Differenzen würden noch erschwert durch die im deutschen Memorandum aufgestellten politischen Bedingungen6. Er sehe die Situation daher so, daß eine definitive Lösung in Paris zur Zeit ziemlich aussichtslos sei. Die Frage, die man sich jetzt vorzulegen habe, sei die, ob man den Versuch machen wolle, zu einer provisorischen Lösung etwa für die nächsten zehn Jahre zu kommen und sich vorzubehalten, im neunten Jahr erneut über die definitive Lösung zu verhandeln. Der entscheidende Gesichtspunkt zugunsten eines solchen Provisoriums wäre der, daß für zehn Jahre Erleichterungen und Ersparnisse gebenüber dem Dawes-Plan zu erhoffen seien. Gewisse Stellen des Youngschen Memorandums gäben ihm die Hoffnung, daß auch Young dem Gedanken, zunächst nur für die ersten zehn Jahre zu einer Lösung zu kommen, nicht absolut abgeneigt sei. Young betone nämlich, daß nur für die ersten 10–15 Jahre die wirtschaftliche Entwicklung mit Sicherheit vorhergesehen werden könne. Jedenfals mache Young in der Beurteilung der Verhältnisse einen auffallenden Unterschied zwischen den ersten 10–15 Jahren und der Folgezeit. Allerdings glaube Young, daß sich die Situation der Weltwirtschaft nach 15 Jahren so geändert haben werde, daß Deutschland keine Schwierigkeiten haben werde, die hohen Annuitäten der späteren Jahre zu leisten. Der Anreiz für die Gegenseite, sich jetzt mit einer Lösung für die nächsten zehn Jahre zufrieden zu geben, sei nicht groß. Immerhin könne man versuchen, Frankreich dadurch für den Plan zu gewinnen, daß in dem deutschen Angebot eine so hohe Summe ungeschützt, und damit mobilisierbar, angeboten würde, daß die französische Forderung von ungefähr 450 Millionen RM jährlich damit gedeckt werde. Frankreich werde ein Interesse daran haben, daß seine ganze Forderung sofort mobilisiert werden könne. Hierin liege die Hoffnung auf ein etwaiges Gelingen eines Provisoriums. Taktisch denke er sich die Sache so, daß den Sachverständigen über die Verbindungsbeamten in Paris, Ministerialrat Berger und Ministerialrat Claussen, dieser Gedanke auf Beschränkung der Verhandlungen auf ein Provisorium nahegelegt werde. Er persönlich empfehle einen solchen Schritt.

6

In der Sitzung des Sachverständigenausschusses sprach sich Moreau unterstützt von Francqui und Pirelli scharf gegen jede Erörterung politischer Fragen aus; er bezog sich dabei auf die Erwähnung des polnischen Korridors im deutschen Memorandum (Bericht Ruppels Nr. 470 vom 16.4.29).

Der Reichskanzler erklärte, daß auch nach seiner Meinung alle Verhandlungsmöglichkeiten in Paris ausgeschöpft werden müßten, bevor man die Verhandlungen dort wegen mangelnder Überbrückungsmöglichkeiten bezüglich der verschiedenen Memoranden scheitern lasse7. Er halte es aber für unmöglich, schon im jetzigen Augenblick zu konkreten Entscheidungen oder irgendwelchen festen Vorschlägen an die Sachverständigen zu kommen, bevor man nicht den[555] genauen Wortlaut des deutschen Memorandums kenne. Die Chancen für eine Einigung seien gewiß nicht groß. Die Entscheidung in Paris werde aber sicher nicht so schnell fallen, daß sich nicht noch in den allernächsten Tagen Zeit fände, sich nochmals eingehend mit der Sache zu befassen.

7

Botschafter v. Hoesch hatte mitgeteilt, daß die deutsche Delegation nach der Verteilung des alliierten Memorandums daran denke, „wie man die Verhandlungen in für uns möglichst günstiger Form scheitern lassen kann“ (Telegramm Nr. 290 vom 14. 4.; R 43 I/289, Bl. 102-110, hier: Bl. 109).

Reichsminister Hilferding erläuterte seinen Vorschlag nochmals dahin, daß er nicht daran denke, Herrn Schacht einen offiziellen Vorschlag der Regierung zu machen, daß er vielmehr nur im Auge habe, wegen der Möglichkeiten eines Provisoriums bei der Delegation gewissermaßen vorzufühlen.

Reichsminister Stresemann schloß sich der Meinung des Reichskanzlers an. Er widerriet, im jetzigen Augenblick zu irgendwelchen Entschlüssen zu kommen und meinte, man müsse zunächst die Wirkung des deutschen Memorandums abwarten. Man müsse es vermeiden, die Delegation im gegenwärtigen Augenblick irgendwie zu beeinflussen. Die Haltung der Delegation könne nach seiner Meinung beeinflußt werden, wenn diese das Empfinden habe, daß man sich in Berlin offiziell mit der Situation befaßt habe und die Aussichten für hoffnungslos halte. Erst dann, wenn feststehe, daß eine Einigung über die drei Memoranden in Paris nicht möglich sei, könne die Regierung mit Vorschlägen hervortreten. Das Youngsche Memorandum enthalte zweifellos mancherlei Gutes, hauptsächlich für die ersten zehn Jahre, und es frage sich, ob Young selbst nicht damit rechne, daß Deutschland nicht bei seiner Offerte bleibe. Schacht habe zum erstenmal Zahlen genannt. Die Wirkung dieses Schrittes müsse zunächst abgewartet werden. Es müsse alles vermieden werden, was den Eindruck erwecken könne, als ob sich die Regierung schon jetzt einschalte und zu verstehen gebe, daß das, was Schacht gesagt habe, nicht das letzte Wort sei. auch dürfe bei den Sachverständigen nicht der Eindruck entstehen, daß die Regierung das Spiel für verloren halte.

Reichsminister Curtius erklärte, daß er den Darlegungen von Reichsminister Stresemann vollinhaltlich zustimme. Wenn man heute zu einem Entschluß komme und schon jetzt als Regierungsvorschlag ein Provisorium empfehle, so werde dies die innere Kampfkraft der deutschen Delegation verhängnisvoll beeinträchtigen. Er empfehle daher, sich zum mindesten noch heute abwartend zu verhalten. Die Wirkung der politischen Forderungen werden nicht übermäßig groß sein, da auch die Gegenseite bei den Verhandlungen schon mehrfach politische Forderungen vertreten habe. Young habe auch in betonter Weise hervorgehoben, daß die Zahlen seines Memorandums noch diskutiert werden könnten. Mit der Vertagung eines Entschlusses am heutigen Tage versäume man nichts, da man ja sehr schnell wieder zusammenkommen könne. Bis dahin seien die Vorschläge des Reichsministers Hilferding als Generalstabsarbeiten zu werten. Es sei noch zu früh, damit nach außen hervorzutreten.

Reichsminister Wirth erklärte, an dem deutschen Memorandum habe ihn am meisten die Tatsache überrascht und pessimistisch gestimmt, daß in ihm politische Bedingungen enthalten gewesen seien und mit besonderer Härte vertreten würden. Er empfahl, alles zu tun, um die Härte dieser Bedingungen zu mildern.

Der Reichskanzler erwiderte, daß diese Bedingungen nicht unvorbereitet aufgetaucht seien. Man habe sich darüber schon mit den Sachverständigen[556] unterhalten, als sie zur Berichterstattung in Berlin anwesend gewesen seien. Die Sachverständigen hätten dieses Thema im übrigen auch mit Owen Young vorerörtert.

Reichsminister Hilferding erklärte sich nach dem Verlauf der Aussprache damit einverstanden, daß zunächst kein Vorschlag nach Paris herübergegeben werde. Er meinte, immerhin bedürfe auch der Vorschlag eines Provisoriums einer gewissen Vorbereitung. Er werde sich nunmehr damit begnügen, einen solchen Rückzug intern – gewissermaßen als Generalstabsarbeit – systematisch vorzubereiten.

Der Reichskanzler schloß die Aussprache mit der Feststellung, daß zunächst von Entschließungen und Anregungen an die Sachverständigen Abstand genommen werden soll. Es wurde ferner in Aussicht genommen, für den Fall, daß in allernächster Zeit Entschließungen nötig werden sollten, die Basis für die Entschlußfassung durch Beteiligung des Gesamtkabinetts zu erweitern8.

8

Siehe Dok. Nr. 175.

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