2.190 (mu21p): Nr. 190 Besprechung über die Reparationslage. 1. Mai 1929, 17.30 Uhr

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Nr. 190
Besprechung über die Reparationslage. 1. Mai 1929, 17.30 Uhr1

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Diese Besprechung fand auf Anregung des RWiM statt, der bereits am Mittag eine Unterredung mit Schacht gehabt hatte, nachdem am Vorabend die Ziffern Owen Youngs bekannt geworden waren. Schacht erklärte dem RWiM, daß er nur bei einer Deckung durch die RReg. die Verantwortung für die Annahme der Ziffern übernehmen werde (Curtius, Young-Plan, S. 42 ff.).

R 43 I/1437, Bl. 154-1632

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Die Niederschrift wurde von Pünder erst am 13.6.32 dem Büro der Rkei übergeben. Dazu notierte er handschriftlich auf einen Zettel: „Die anliegenden 45 Seiten lange Niederschrift behandelt die sehr wichtigen Ministerbesprechungen, die am 1., 2. und 3.5.29 der Unterschrift auf der Pariser Sachverständigenkonferenz vorangegangen waren. Ich hatte die Niederschriften s. Zt. selbst nach sehr genauen stenographischen Notizen diktiert, war aber bisher leider nie dazu gekommen, sie endgültig durchzusehen und fertigzustellen.“ Pünder erschien es fraglich, ob den beteiligten Ressorts noch Abschriften zugestellt werden sollten, erbat aber eine für sich (R 43 I/1437, Bl. 153). Hofrat Ostertag ließ vier Abschriften herstellen, von denen eine Pünder erhielt (a.a.O.). Für diese Edition ist die Niederschrift auf Grund des sich erweiternden Teilnehmerkreises in drei Dokumente aufgeteilt worden. Die Besprechung am 3. 5. um 19.30 Uhr ist nicht von Pünder, sondern von MinDir. v. Hagenow aufgezeichnet worden und befand sich seit dem 11.5.29 bei den Akten der Rkei.

Anwesend: Müller, Hilferding, Stresemann, Curtius, Wirth; RbkPräs. Schacht; Protokoll: StS Pünder.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht berichtet zunächst über die Devisen- und Währungssituation. In dem dreitägigen Ansturm, hauptsächlich von Paris aus, gegen den deutschen Devisenmarkt, habe die Reichsbank für 320 Millionen M Devisen abgeben müssen. Der Angriff sei aber jetzt abgeschlagen. Gestern sei sogar ein kleiner Überschuß erzielt worden, und heute wären nur 2 Millionen M abgegeben worden. Er habe dem Generalrat der Reichsbank heute morgen über die Lage der Reichsbank berichtet. Der Ausweis werde mit etwa 42 bis 43% Deckung abschließen, es sei also ungefähr die Grenze erreicht. Man beabsichtige nicht unmittelbar mit dem Diskont heraufzugehen, da dies ein neues Alarmsignal sei; wenn die Umstände es zuließen, würde man mit einer weiteren Diskontheraufsetzung noch etwa zwei Wochen warten. Er habe Herrn Gilbert heute gleichfalls ins Bild gesetzt, und er nehme nicht an, daß dieser im Augenblick uns überhaupt Devisen abziehen werde. Wenn die Reichsbank unter 40% Deckung heruntersinke, müsse man natürlich sofort den Diskont heraufsetzen und den Generalrat einberufen. Die deutschen Großbanken hätten sich im übrigen reichlich vorversorgt.

[611] Präsident Schacht wendet sich dann dem übrigen Inhalt seiner Besprechung mit Herrn Gilbert zu. Er habe Herrn Gilbert den Brief des Herrn Reichskanzlers Rk. 2874 vom 30. April 1929 nicht gezeigt, auch die Tatsache des Briefes nicht erwähnt3, sondern ihm nur das Ergebnis seiner Feststellungen mitgeteilt und ihn dann nach näheren Einzelheiten seiner Behauptung gefragt. Herr Gilbert habe zunächst geantwortet, er hätte seinerzeit „mehreren Ministern“ mitgeteilt, daß mit einem Abschluß unter 2 bis 2,2 Milliarden in Paris nicht zu rechnen sei. Die Frage, ob er hierüber Niederschriften oder Akten habe, habe Herr Gilbert bejaht. Als er ihn dann nach weiteren Einzelheiten gefragt habe, habe schließlich Herr Gilbert nur noch auf eine Besprechung mit Herrn Reichsaußenminister Bezug genommen. Er habe seine Unterlagen heute nochmals durchgesehen und dann auch Herrn von Schubert eine Abschrift seiner Aufzeichnung gegeben. In dieser Besprechung mit dem Herrn Reichsaußenminister habe er keinen Zweifel gelassen, daß eine Lösung unter 2 bis 2,2 Milliarden nicht zu erreichen sein werde4. Ihm, Schacht, habe Gilbert diese Aufzeichnung nicht gezeigt; für ihn sei es auch gleichgültig, ob Herr Gilbert mit seiner Behauptung Recht habe oder nicht, die Hauptsache sei, daß durch die berechtigten oder unberechtigten diesbezüglichen Mitteilungen an die anderen Delegierten in Paris der Eindruck entstanden sei, daß die deutsche Reichsregierung von diesem Ergebnis in Kenntnis gesetzt worden sei, und diese vorgefaßte Meinung der anderen Konferenzteilnehmer sei es, was die Stellung der deutschen Delegation so überaus erschwert habe.

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Siehe Dok. Nr. 188.

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Es handelt sich um die Besprechung vom 13.11.28, vgl. dazu Stresemann, Vermächtnis III, S. 376. Abschriftlich befindet sich diese Aufzeichnung ebenso wie die Parker Gilberts in R 43 I/287, Bl. 28-39, 44-69. Nach der Aufzeichnung Parker Gilberts hatte der RAM seine Sorgen über die englischen und französischen Forderungen ausgedrückt, die zu einer Ziffer von 2,2 Mrd. RM führen würden und nicht zu 1,5 Mrd., mit denen er gerechnet habe. Darauf hatte Parker Gilbert erwidert: „[…] he did not believe that the difference between 1,5 milliards and the 2,2.1 or 2,2 milliards which the Minister had mentioned a little while ago, would make the difference between a Germany that could prosper as a going concern and a Germany that was bound to collapse. He had more faith than this in the capacity of the German economy to adjust itself to its burden, once these burdens were definitely ascertained, and he did not believe that a difference of from 500 to 750 million marks in the annuities would be enough to mean the ruination of Germany“ (R 43 I/287, Bl. 44-69, hier: Bl. 57f).

Reichsminister Dr. Stresemann erklärte, er sei auf Grund der eben gehörten Ausführungen des Herrn Reichsbankpräsidenten genötigt, den Herrn Reichskanzler zu bitten, eine Untersuchung gegen ihn einzuleiten. Ihm werde hier der ungeheuerliche Vorwurf gemacht, daß er eine Mitteilung von solcher Tragweite einfach entgegengenommen und für sich behalten habe, ohne sie der deutschen Delegation weitergeleitet zu haben. Er bestreite aber hiermit nochmals auf das allerentschiedenste, jemals diese Mitteilungen des Herrn Gilbert entgegengenommen zu haben. Zunächst müsse er bestreiten, daß Herr Gilbert irgendeine Berechtigung oder irgendeinen Auftrag – sei es von Poincaré oder irgendeinem anderen Verhandlungsgegner – gehabt habe, überhaupt solche Mitteilungen an die deutsche Reichsregierung gelangen zu lassen. Aber ganz abgesehen davon, sei die von Herrn Schacht erwähnte Besprechung mit Herrn Gilbert völlig anders verlaufen. Er sei es gerade gewesen, der die Sprache auf[612] die Zahlen gebracht und betont habe, daß die durch die Presse inzwischen bekanntgewordene Zahlenreihe der Gegner bei Aufaddierung eine Gesamtsumme von 2,1 Milliarden ausmachte; treffe diese Rechnung zu, dann wäre es doch vielleicht besser, die ganze Konferenz jetzt noch abzublasen. Es sei dann Gilbert gewesen, der ihn versucht hätte zu beruhigen, indem er ausgeführt habe, es sei völlig unrichtig, daß die Konferenz schon etwa zu 80% mit ihrem Ergebnis fertig wäre. Eine solche Annahme sei nicht einmal fair, denn die Sachverständigen sollten doch unabhängig sein und hätten ganz allein und unbeeinflußt ihr Urteil abzugeben. Gegenüber diesem klaren Sachverhalt erscheine es ihm recht bemerkenswert, daß aus den schon mehrfach gehörten Ausführungen des Herrn Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht immer noch der stille Vorwurf gegen ihn durchklinge, als ob er dennoch etwas verheimlicht habe. Heute habe übrigens Herr v. Schubert mit Herrn Gilbert eine Besprechung gehabt, in der Gilbert mehr oder weniger schon zugegeben habe, daß seine Darstellung von der Besprechung unzutreffend gewesen sei. Ganz klar gehe dies aus der eigenen Aufzeichnung des Herrn Gilbert über diese Besprechung hervor.

Der Reichskanzler gibt der Auffassung Ausdruck, daß eine Veranlassung zu einer Untersuchung nicht vorläge, da der Tatbestand völlig aufgeklärt sei. Es sei absolut klar, daß höchstens von einer Schuld des Herrn Gilbert gesprochen werden könne, dagegen sei irgendein Vorwurf gegen den Herrn Reichsaußenminister völlig abwegig.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht bittet nochmals klarzustellen, daß er nur die Tatsache zur Sprache gebracht habe, aber seinerseits keinerlei Verschulden irgendeines Reichsministers angenommen habe. Die Tatsache habe er aber doch zur Sprache bringen müssen, damit er jetzt einwandfrei Herrn Gilbert sagen könne, daß seine Mitteilung falsch gewesen sei. Dies räume aber – und das müsse er nochmals betonen – nicht die bedauerliche Tatsache aus, daß unsere Gegner in die falsche Auffassung versetzt worden seien. Aber es stehe nun eben fest, daß die Schuld hierfür bei Herrn Gilbert liege.

Reichsminister Dr. Hilferding ist gleichfalls der Auffassung, daß die Angelegenheit nach der heutigen Aussprache v. Schubert–Gilbert völlig geklärt sei. Zunächst habe Herr Gilbert im Gegensatz zu seinen bisherigen Mitteilungen zugegeben, daß seine Mitteilung sich nur auf diese eine Besprechung mit Herrn Minister Stresemann beziehe. Die Aufzeichnung des letzteren über diese Besprechung lasse aber ganz klar erkennen, daß die Darstellung von Gilbert absolut falsch sei, daß vielmehr gerade umgekehrt Herr Minister Stresemann die Zahl von 2,1 Milliarden erwähnt hätte und diese als einen völlig unmöglichen Ausgang der bevorstehenden Konferenz bezeichnet habe. Die Aufzeichnung des Herrn Ministers Stresemann habe er damals von letzterem sofort erhalten und die geführte Sprache für absolut einwandfrei gehalten. Wäre es anders gewesen, so hätte er die Sache sofort ans Kabinett gebracht und sich gleichfalls mit aller Kraft gegen die Pariser Konferenz ausgesprochen. Ihm gegenüber habe Herr Gilbert überhaupt nie eine Zahl genannt, nur einmal habe er gesagt, daß das Pariser Ergebnis teuer werden würde. Was heiße aber teuer? Teuer seien auch 1500 Millionen, wenn man auf dem an sich allein richtigen Standpunkt stehe, daß nur aus Überschüssen gezahlt werden könne. Wenn[613] also Herr Gilbert wirklich unseren Gegnern in Paris gegenüber die mehrfach erwähnte Bemerkung gemacht habe, so sei er hierzu in keiner Weise berechtigt gewesen. Er habe übrigens das Empfinden, daß Gilbert sich zwar [!] hüten werde, nochmals auf die Sache zurückzukommen.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht stellte nunmehr fest, daß er auf Grund des Briefes des Herrn Reichskanzlers sowie dieser Aussprache nunmehr allseitig ermächtigt sei, Herrn Gilbert zu erklären, daß seine Mitteilungen völlig unrichtig gewesen seien und er weiterhin nicht mehr mit diesen Dingen krebsen gehen dürfe. Er werde diese Mitteilung schriftlich an Herrn Gilbert ergehen lassen5.

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Schacht informierte dann Parker Gilbert „for the sake of order that the Chancelor of the Reich on his behalf [and] of the ministers concerned has stated to me that none of them has ever had a conversation with you wherein a figure of 2 or 2.2 milliards RM has been named as a conditional basis for a Reparation solution“ (8. 5.; R 43 I/287, Bl. 27). Darauf erwiderte der Reparationsagent: „I am writing to tell you that I am entirely unable to accept this statement from the Chancelor of the Reich, or from anyone else, since it is not in accordance with the facts. The record in this matter is perfectly clear, and in order that there may be no misunderstanding about it, so far as my conversations are concerned, I have already given to the Secretary of State for Foreign Affairs copies of my office memoranda of the conversation that I had with the Chancellor of the Reich on October 25, 1928 […] and of the subsequent conversation that I had with the Minister for Foreign Affairs on November 13, 1928“ (9. 5.; R 43 I/287, Bl. 27b). Parker Gilbert sandte diesen Briefwechsel an StS v. Schubert (9. 5.; R 43 I/287, Bl. 26). Die Aufzeichnungen des Reparationsagenten über seine Gespräche mit dem RK und dem RAM befinden sich in R 43 I/287.

Die Aussprache wendet sich dann dem neuen Vermittlungsvorschlag des amerikanischen Vorsitzenden Owen Young zu6.

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Die Zahlen waren am Abend des 30. 4. über Fernschreiber dem RFMin. zugeleitet worden, das sie an Schacht weitergeben sollte (R 2/2924, Bl. 163).

Reichsbankpräsident Dr. Schacht berichtet im einzelnen über die neue Zahlenreihe, die mit 1675 Millionen (ohne Dawes-Anleihe) beginne und pro Jahr um 25 Millionen steige, im 21. Jahr den Höchstsatz von 2367 Millionen erreiche und im 38. Jahr wieder auf 1511,9 Millionen falle und schließlich im 58. Jahr rund 850 Millionen betrage. Präsident Schacht berichtet weiter über die Einteilung dieser neuen Zahlenreihe in den freien und den geschützten Teil sowie über die vorgesehenen Sachlieferungen7. Owen Young scheine zu beabsichtigen, diesen Vorschlag seinerseits nunmehr vorzubringen, und nach einem ihm, Schacht, eben zugegangenen Brieftelegramm scheine es, daß Owen Young der Zustimmung der Franzosen zu seinem neuen Vorschlag schon ziemlich sicher sei. Die deutsche Delegation habe zu diesem Vorschlag noch nicht Stellung genommen.

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Die Annuitäten sollten im ersten Jahr an ungeschützter Zahlung 750 Mio RM und an geschützter 925 Mio betragen und im letzten Zahlungsjahr ungeschützt 1000 Mio und geschützt 1364 Mio. Im Lauf von zehn Jahren sollten die Sachlieferungen im Wert von 750 Mio RM auf 300 Mio gesenkt werden und danach aufhören (Bericht Ruppels vom 6. 5.; R 43 I/292, Bl. 38 f.).

Der Reichskanzler betont nunmehr einleitend, daß eine Beeinflussung der deutschen Delegation durch die Reichsregierung natürlich nicht beabsichtigt und auch gar nicht in Betracht komme. Immerhin sei es für die deutsche Delegation doch vielleicht von Wert, wenn sie die Einstellung der deutschen Reichsregierung zu diesem neuesten Vermittlungsvorschlag erführe. Deswegen[614] halte er eine Aussprache hierüber in diesem Kreise unter Beteiligung des Herrn Präsidenten Schacht vor seiner Abreise für sehr zweckmäßig. Voraussetzung für alle weiteren Erörterungen sei natürlich, daß sich Deutschland nicht einseitig festlege, sondern daß die Gewähr geboten sei, daß auch die anderen diesem Schema zustimmen würden. Es wäre für ihn von Wert zu wissen, ob der Delegation daran liege, die Auffassung der Reichsregierung kennenzulernen und die Delegation evtl. in der etwaigen Absicht der Zustimmung zu bestärken.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht drückte sich auf diese Frage reserviert aus. Er habe mit seinen drei Kollegen verabredet, daß diese ihm morgen früh bis an die belgische Grenze entgegenführen, damit er für seine Besprechungen mit Owen Young morgen nachmittag völlig gerüstet sei. Von Herrn Generaldirektor Vögler, auf den es in erster Linie ankomme, müsse er einstweilen annehmen, daß er vermutlich nicht unterschreiben werde. Über seine eigene Einstellung könne er sich im Augenblick noch nicht aussprechen. An sich sei es natürlich eine unmögliche Situation, wenn die deutsche Delegation an dem einen Tage sagte, 1650 Millionen seien die Höchstgrenze und einige Tage darauf auch noch mehrere hundert Millionen mehr akzeptieren würde.

Der Reichskanzler betonte, eine einheitliche Haltung der ganzen deutschen Delegation sei selbstverständlich dringendstes Erfordernis. Aber zu bedenken stehe doch, daß ungeheuer viel auf dem Spiel stehe. Die Reichsregierung habe bisher ihre Sachverständigen in jeder Weise gedeckt und werde dies auch unter allen Umständen weiterhin tun. Sie habe auch die Presse in keiner Weise beeinflußt. Er habe es abgelehnt und werde das auch in Zukunft tun, die Parteiführer vor Ablauf der Pariser Verhandlungen zu orientieren. Auf die Dauer werde die Zurückhaltung der Reichsregierung aber sehr schwierig. Wenn nachträglich aber Einzelheiten über diesen neuen Vermittlungsversuch bekannt würden und er evtl. abgelehnt worden sei ohne Fühlungnahme mit den übrigen Kabinettsmitgliedern und den maßgeblichen politischen Kräften des deutschen Volkes, so würde zweifellos die Reichsregierung in eine sehr unangenehme Lage kommen. Es entstehe daher die Frage, ob es nicht notwendig erscheine, bezüglich dieses Kompromißvorschlages zu einer einheitlichen Auffassung der Sachverständigen und der Reichsregierung zu kommen, wobei an irgendeine Beeinflussung der Stellungnahme der Sachverständigen natürlich nicht gedacht werden dürfe.

Nach einigen Zwischenfragen des Reichsministers Dr. Wirth, die soweit möglich beantwortet werden, geht Reichsbankpräsident Dr. Schacht auf die Anregungen des Reichskanzlers ein und betont zunächst, daß, wenn das Reichskabinett zu dem neuen Kompromißvorschlag Stellung nehme, unter allen Umständen nichts davon in die Öffentlichkeit dringen dürfe, denn anderenfalls sei die Stellung der deutschen Delegation in Paris total verloren. Für seine Person wolle er nunmehr die Erklärung abgeben, daß er das Reichskabinett für die letzten entscheidenden Dinge und Beschlüsse der deutschen Delegation als die letzte und allein verantwortliche Instanz ansehe, und von diesem demokratischen Gesichtspunkt aus werde es für ihn von großer Bedeutung sein, die Auffassung des Reichskabinetts zu dem neuen Vermittlungsvorschlag kennen zu lernen.[615] Wenn also das Reichskabinett den Wunsch äußern sollte, daß die Delegation unterschreiben möchte, dann werde er zu dieser Unterschrift bereit sein, aber unter Zurückstellung seiner eigenen ehrlichen Überzeugung. Auf Grund seiner allgemeinen Staatsauffassung sei er dieses Opfer zu bringen durchaus bereit. Wenn er dies tun werde, möchte er glauben und hoffen, daß Herr Vögler dasselbe tun werde. Es komme überdies darauf an, daß die Verhandlungen in den letzten Tagen von der deutschen Delegation geführt würden. Wenn Young uns die Zusicherung geben wird, daß auch unsere Gegner annehmen, dann werden auch wir die Möglichkeit des Unterschreibens sehen. Ist dies aber nicht der Fall, dann wären drei Tabellen in dem Schlußbericht besser. Sehr wichtig sei natürlich auch neben der Einigung über die Zahlenreihe die Einstellung hinsichtlich der sonstigen Fragen, insbesondere der Pfänder und Kontrollen, z. B. Eisenbahn, Reichsbank und Industriebelastung. Das müsse wohl alles Voraussetzung der deutschen Unterschrift sein. Die Delegation könne aber diese Unterschrift im Endeffekt nur dann geben, wenn das Kabinett sie hierum ausdrücklich ersuche.

Reichsminister Dr. Hilferding ist gleichfalls der Auffassung, daß für den Fall bevorstehender Annahme der Zahlenreihe das Gesamtproblem der Konferenz wieder aufgerollt werden müßte. Selbstverständlich seien auch für ihn die Nebenpunkte von großer Bedeutung. Soviel er wisse, denke auch Young an eine Wiederaufrollung der materiellen Arbeiten, wenn Aussicht auf Annahme seiner Zahlenreihe bestehe. Er habe aber auch ferner geäußert, daß, falls der neue Kompromißvorschlag scheitere, Young keine eigene Zahlenreihe im Schlußbericht bringen, sondern sich in diesem Falle den Alliierten anschließen werde, da der Unterschied zwischen ihm und den Alliierten nicht mehr groß genug sei.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht betont daraufhin nochmals, daß die Konferenz, wenn Young die Empfindung bekomme, daß seine Ziffern Aussicht auf Annahme haben, wieder in toto auflebe. Andernfalls werde in drei Tagen Schluß sein.

Reichsminister Dr. Stresemann berichtet aus der heutigen Besprechung v. Schubert-Gilbert, daß Gilbert gesagt habe, mit der Annahme des neuen Schemas sei zwar noch keine Garantie der Unterschrift der anderen gegeben, aber auch er würde das äußerste daran setzen, um diese weiteren Unterschriften zu erzielen. Wenn nun etwa die Franzosen ablehnten, dann halte er, Stresemann, es doch für ausgeschlossen, daß sich in diesem Fall Young der alliierten Zahlenreihe anschlösse, dann kämen seines Erachtens noch drei Zahlenreihen im Schlußbericht in Betracht. Minister Stresemann kommt dann auf die Bemerkung des Präsidenten Schacht zurück, daß eine Willensmeinung des Reichskabinetts notwendig sei. Aus Gründen der Geheimhaltung und der Beschleunigung stelle er hiermit die Frage, ob der hier versammelte Kreis berechtigt sei, für das Kabinett zu sprechen, und ob es der deutschen Delegation wohl genüge, wenn die hier versammelten Mitglieder des Reichskabinetts den erwähnten Wunsch äußern würden.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht erwidert darauf, daß es bei den hier versammelten Mitgliedern des Reichskabinetts liege, ob das Gesamtkabinett[616] sprechen müsse oder nur die hier anwesenden Herren. Jedenfalls müsse ihm die völlige Gewißheit gegeben werden, daß der politische Effekt im Reichstag nicht ausbleibe, d. h. also, daß die Regierungsparteien mitmachen würden.

Der Reichskanzler fürchtet nicht, daß die Parteien schließlich ihre Minister in dieser Frage im Stich lassen würden. Er möchte der Auffassung sein, wenn die hier versammelten Kabinettsmitglieder einig seien, daß ihnen auch das Kabinett beitreten würde. Er habe überhaupt Zweifel, ob irgendein Kabinettsmitglied anderer Meinung als der bisher hier vertretenen sein werde. Er glaube, daß die hier vertretenen Kabinettsmitglieder sich jedenfalls dafür stark machen könnten, daß das Kabinett ihrem Vorschlage beitreten werde.

Reichsminister Dr. Wirth äußerte sich dahin, daß die gegenwärtige Lage eine hochpolitische sei. Man müsse die Gesamtlage Deutschlands, nicht zuletzt auch die bedrängte Kassen- und Finanzlage, mit in den Kreis der Erwägungen ziehen. Es werde daher wohl erlaubt sein, wenn er sich mit seinen beiden engeren Kollegen, den Reichsministern von Guérard und Dr. Stegerwald, vertraulich verständigte. Er wolle den deutschen Sachverständigen in keiner Weise zu nahe treten, aber es würde doch ein Glück für die deutsche Geschichte sein, wenn das letzte Urteil gemeinsam vom Präsidenten Dr. Schacht und seinen Kollegen und der Reichsregierung gefällt werden könnte.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht möchte keinen Zweifel daran lassen, daß, wenn er unterschreibe, er gegen seine Überzeugung handele. Er würde aber im Interesse des Vaterlandes dieses Opfer des Intellekts bringen, aber sich nach seiner Unterschrift zurückziehen. Er fühle sich nicht befugt, das Schicksal Deutschlands in seine Hand zu nehmen. Die Reichsregierung habe den Vorzug, ihre Verantwortung auf breitere Schultern zu laden. Er maße sich nicht an, die allein richtige Überzeugung zu haben: also werde er unterschreiben. Er sei keine Diktatornatur.

Reichsminister Dr. Hilferding: Die Entscheidung sei für die Reichsregierung im Augenblick furchtbar schwer. Wenn er sich rein wirtschaftlich äußern müsse, so könne auch er nur sagen, daß die Zahlenreihe der ersten zehn Jahre sich vielleicht sehen lasse, ob aber die 1650 Millionen nicht schon zu hoch oder die 150 Millionen mehr noch tragbar seien, könne kein Mensch entscheiden. Wenn wir solche wirtschaftlichen Bedenken hintan stellen, so müßten wir es auf Grund politischer Erwägungen tun, denn wir seien gezwungen, die Dinge dynamisch zu sehen. Nach zehn Jahren sei zweifellos wieder eine ganz andere Weltsituation geschaffen; dafür sei ja gerade die Revisionsmöglichkeit vorgesehen. Wenn aber das Opfer gebracht werden solle, dann sei aber eine Opfergemeinschaft nötig. Wenn die Reichsregierung ihr Urteil, wie er es vorschlage, fälle, dürfe sie nicht Gefahr laufen, hinterher Vorwürfe von der Delegation zu bekommen, denn in der Grundeinstellung gehe die Reichsregierung mit der Delegation zweifellos nicht auseinander.

Reichsminister Dr. Curtius schließt sich dieser Auffassung des Ministers Dr. Hilferding an. Nötig sei eine Verantwortungsgemeinschaft. Es dürfe nicht so kommen, daß die Delegation nur bis 1650 gegangen sei und die Reichsregierung die zusätzlichen Millionen daraufgelegt habe. Nach außen müsse eine völlig einheitliche und gemeinsame Auffassung zutage treten. Ein etwaiges[617] Schweigen der Delegation dürfe nicht als Anklage gelten. Er möchte es doch wohl für möglich halten, daß heute aus diesem Grunde ein Votum zustande komme, etwa dahin, daß es nun nicht mehr zum Bruch kommen dürfe, daß zwar jedwede Verbesserungen sehr zu begrüßen und unbedingt herauszuholen seien, dann aber ein positives Ende doch das Ziel sein müsse.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht äußerte sich nochmals nach der wirtschaftlichen Seite. 1650 Millionen jährlich seien schon eine Belastung, die wir nur innehalten könnten, wenn wir einen großen Teil der deutschen Substanz nach und nach an das Ausland verkauften, dadurch den Transfer ermöglichten und das Verlorene im Laufe der nächsten Generation vielleicht durch Arbeit zurückgewännen. Diesem Gedanken widerspreche aber der Plan eines Provisoriums. Für zehn Jahre sei eben überhaupt nichts tragbar, da wir in einem solchen Zeitraum überhaupt noch nichts erübrigen könnten. Wenn wir also jetzt eine höhere Annuität annehmen, um dadurch zu einer endgültigen Lösung zu kommen, so sei er sich ganz klar, daß alles deutsche Kapital auswandern werde, soweit es hierzu in der Lage sei. „Deshalb sage ich: Ich unterschreibe, ziehe mich aber stillschweigend zurück. Ich werde der Reichsregierung keinerlei Schwierigkeiten machen, gehe vielleicht auf Reisen oder sonstwas. Die von Young vorgeschlagene Lösung ist ein rein politischer Akt, der uns auf Generationen Handschellen anlegt und uns keine Möglichkeit einer selbständigen Außenpolitik beläßt.“ Er sehe wirtschaftlich nur folgende Alternative: Wenn 1650 Millionen uns nicht zugebilligt würden, dann wäre es an sich das Richtige, den Dawes-Plan weiterlaufen zu lassen, der mit Sicherheit dann zu einer Transfereinstellung kommen werde. Deutschland würde dann eine längere Zeit – vielleicht zwei bis drei Jahre – von jedem Auslandskapital abgeschnitten sein. Die knappe Feststellung dieser Tatsache bedeute für alle Teile des deutschen Volkes Entbehrung, längere Arbeit, geringere Löhne und Gehälter und Dumping auf der ganzen Linie. Rein wirtschaftlich betrachtet, wäre dies die einzig richtige Linie. Er sei aber kein Diktator und nicht der Mann, der eine Macht, die durch Zufall in seine Hand gelegt sei, zu mißbrauchen gedenke.

Reichsminister Dr. Wirth fragt, ob man nicht von der amerikanischen Delegation oder gar von der Washingtoner Regierung einen Tip erhalten könne, ob Deutschland annehmen solle oder nicht. Es würde ihm schon genügen, wenn Präsident Dr. Schacht ein empfehlendes Wort von Owen Young mitteilen könnte, allerdings mit der Voraussetzung, daß man einen solchen Rat eines Tages auch veröffentlichen könne. Minister Dr. Wirth berichtete über einige Gespräche mit Owen Young anläßlich seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten und führt dann aus, daß es ihm überaus zweifelhaft sei, ob Parker Gilbert im Transfer-Komitee den Bestimmungen des Dawes-Plan entsprechend tatsächlich „unter Wahrung der Wohlfahrt des deutschen Volkes“ die Entscheidung extrahieren werde, die uns nötig sei. Ihm grause tatsächlich vor dem Hineinschliddern in die Ungewißheit. Hier sprächen auch letzte innerste Erwägungen mit. Die deutschen Regierungen der Nachkriegszeit hätten schon vor ähnlichen Situationen gestanden. Anläßlich des Londoner Ultimatums hätte Lloyd George ihm gesagt, wenn nicht die Annahme erfolgt sei, hätten sie[618] Deutschland in seine Stücke zerlegt8. Die von Präsident Schacht entwickelte wirtschaftliche Perspektive im Falle der Ablehnung des Young-Planes möchte schon richtig sein, aber eine deutsche Politik mit dem Programm: Senkung der Löhne und Gehälter neben gesteigerter Arbeitsleistung, sei überhaupt nur möglich auf Grund eines Ermächtigungsgesetzes oder anderer diktatorischer Maßnahmen, hinter denen die politische Faust stecke. Solche politischen Kräfte seien aber bei uns nicht vorhanden, weder links noch in der Mitte, noch bei der Rechten.

8

Zum Londoner Ultimatum vom 4.5.21 und seine Annahme durch das Kabinett Wirth am 11.5.21 siehe „das Kabinett Wirth I und II“.

Reichskanzler Müller hält es für zweifelhaft, ob irgendeine Initiative von Amerika zu erwarten sei. Der neue Präsident Hoover scheine ihm jedenfalls nicht der Mann zu sein, der zu einer solchen Geste geneigt sei9. Ob Owen Young allein bereit sei, der deutschen Delegation einen Tip zu geben, könne er nicht beurteilen. Was die vorhin erwähnte innenpolitische Frage angehe, könne er nur sagen, daß ihm ein Ermächtigungsgesetz kaum erreichbar erscheine, da hierzu eine verfassungsändernde Mehrheit erforderlich sei10. In der großen Linie sei er nach wie vor durchaus der Auffassung, daß eine Diskrepanz zwischen Regierung und Delegation unbedingt vermieden werden müsse.

9

Hoover war am 4.3.29 in sein Amt eingeführt worden.

10

Die Zahl der Abgeordneten der großen Koalition betrug 301. Da für eine Zweidrittelmehrheit 327 Stimmen notwendig waren, hätte auch ein Zusammengehen mit der Wirtschaftspartei (23 Abgeordnete) nicht ausgereicht.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht hält es für ausgeschlossen, daß die amerikanische Delegation Deutschland irgendeine Anregung geben werde. Young habe sowieso schon einen sehr schweren Stand gegenüber seiner Regierung Hinzu komme noch, daß die Amerikaner hinsichtlich der deutschen Leistungsfähigkeit eine völlig falsche Auffassung hätten. Man müsse sich einmal die großen Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Wirtschaft klar machen. Ein so großes und überaus angesehenes deutsches Unternehmen wie die Opel-Gesellschaft sei kürzlich mit dem Bruchteil der Jahreseinnahme von General-Motors gekauft worden11. Die Gesamtjahreseinnahme dieser einen amerikanischen Firma sei weit höher als sämtliche deutschen Dividenden zusammengenommen. Infolge dieser großen Unterschiede gingen die Amerikaner eben von ganz anderen Perspektiven aus als wir. Unsere Ideale seien drüben völlig gleichgültig. Die Amerikaner wollten lediglich Geschäfte machen. Europa sei für sie nur ein sehr großes Sammelsurium, wobei es den Amerikanern kaum von Wert sei nachzuprüfen, ob es sich in dem einzelnen Falle gerade um Rumänien, Polen, Deutschland oder ein anderes Land handele. Nur wo sich in konkreten Einzelfällen auf dem europäischen Markt Gewinnchancen böten, greife Amerika zu. So nehme er z. B. als völlig sicher an, daß I. G. Farben, die A.E.G. und andere erstklassige deutsche Werke heute schon in sehr weitem Umfange in amerikanischem Besitz seien. Was den erbetenen Tip von Owen Young angehe, halte er persönlich einen solchen kaum für erforderlich.[619] Wenn Owen Young selbst unterschreibe, empfehle er damit auch uns die Unterschrift. Er und Owen Young kennten sich seit vielen Jahren. Jedes gewechselte Wort zwischen ihnen beiden sei so gut wie eine Wechselunterschrift. Gerade deshalb dürfe er den amerikanischen Vorsitzenden auch nicht in eine Falle locken. Wenn die Regierung also seine und seiner Kollegen Unterschrift wünsche, erbitte er noch für heute abend einen formulierten Beschluß der Reichsregierung, denn er und seine Kollegen seien nicht zuletzt den Amerikanern gegenüber gezwungen, dann auch ihr Wort zu halten. Er sei bereit, ein Opfer des Intellekts zu bringen, er sei aber nicht zu einem Opfer des Anstandes bereit.

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Siehe Anm. 7 zu Dok. Nr. 160.

Die Aussprache endete dann mit der gemeinsamen Auffassung, daß es doch zweckmäßig sei, das Gesamtkabinett noch heute abend zu berufen, wo dann Präsident Schacht die Möglichkeit habe, mit allen Kabinettsmitgliedern erneut zu beraten. Diese Sitzung wurde für den gleichen Abend 8.30 Uhr nachmittags angesetzt.

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