2.29 (mu21p): Nr. 29 Aufzeichnung über die Unterredung Breitscheids mit Loucheur in Genf betr. die französische Einstellung zu den künftigen Räumungs- und Reparationsverhandlungen. 17. September 1928

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[123] Nr. 29
Aufzeichnung über die Unterredung Breitscheids mit Loucheur in Genf betr. die französische Einstellung zu den künftigen Räumungs- und Reparationsverhandlungen. 17. September 1928

R 43 I/2753 a Durchschrift1

1

Breitscheid sandte die von ihm gefertigte Aufzeichnung am 17. 9. an den RK mit dem handschriftlichen Anschreiben: „L. Müller! Anbei Durchschlag eines Gesprächs mit Loucheur. Schubert hat einen Durchschlag. Besten Gruß Breitscheid“ (R 43 I/2753 a).

Minister Loucheur hatte mich für heute nachmittag zu einer Unterredung gebeten2, um mir seine Meinung über die Ingangsetzung der gestern gefaßten Beschlüsse auseinanderzusetzen.

2

Vgl. zu Breitscheids Gespräch die Anfrage des badischen Staatspräsidenten Remmele in der Besprechung am 2.10.28, Dok. Nr. 34. – Vielleicht auf eine Polemik Stöckers gegen die sozialdemokratische Außenpolitik (Aufzeichnung Plancks vom 4.10.28, R 43 I/1018, Bl. 49 f.) erklärte der RK im Auswärtigen Ausschuß des RT am 4. 10., daß Breitscheid „niemandem und nirgends etwas mitgeteilt hat, was er nicht verantworten kann. Er hat uns stets von solchen Unterredungen unterrichtet.“ Über das Gespräch mit Loucheur habe er an den RK und StS v. Schubert Abschriften gegeben. „Einem Gespräch kann sich dort niemand entziehen, wie z. B. Briand auch einmal Breitscheid dringend um einen Besuch hat ersuchen lassen.“ Der RK kenne die Aufzeichnungen und den Inhalt der Besprechungen Breitscheids, die keinen Anlaß zu Beanstandungen gäben (R 43 I/502, Bl. 2-13, hier: Bl. 10). – Kritik an Breitscheid übte ebenfalls von Rheinbaben in der Fraktionsvorstandssitzung der DVP am 2.10.28 (R 45 II/66, Bl. 125-138).

Er begann mit der Erklärung, daß die öffentliche Meinung in Frankreich, wenn man von einigen Nationalisten, die kaum erwähnt zu werden brauchten, absehe, einer baldigen Räumung des Rheinlandes durchaus geneigt sei. Wenn Frankreich gewisse Forderungen, insbesondere finanzieller Natur stelle, so nicht, weil es einen Preis für die Räumung verlange, sondern weil es sich sage, daß gewisse Dinge mit Deutschland zu erledigen seien, die erledigt sein müßten bevor man die Räumung vollzogen habe, weil sie nachher nur größere Schwierigkeiten bereiten würden. Seine Meinung gehe dahin, daß man ohne jeden Verzug die beiden in den bisherigen Vorbesprechungen behandelten Probleme (Revision des Dawes-Plans und Sicherheitskommission) in Angriff nehmen müsse. Er sei absolut sicher, daß man in sehr kurzer Zeit zu einem positiven Resultat kommen werde und daß namentlich die Expertenkommission für die Reparationsfrage ihre Arbeit sehr schnell erledigen könne. Er könne sich vorstellen, daß man schon in zwei bis drei Monaten fertig sei und daß man dann sofort zur vollständigen Räumung des besetzten Gebiets gelange.

Er halte es allerdings für nötig, daß Deutschland mit einem bestimmten Vorschlag in die Expertenkommission, deren französische Mitglieder eigentlich schon vorgesehen seien3, eintrete und er mache sich stark, im französischen Kabinett einem Projekt zur Annahme zu verhelfen, das etwa auf folgender Basis aufgebaut sei:

3

Vom RK am Rande doppelt angestrichen.

Deutschland übernimmt die Schulden an Amerika und England und zahlt außerdem einen gewissen nicht hoch bemessenen Betrag für Reparationen.

[124] Loucheur sprach von einer Laufzeit von 59 Jahren für die Gesamtregelung. Sollten Amerika und England, was er bestimmt annehme, die Schulden herabsetzen, so solle Deutschland an dieser Herabsetzung mit etwa 9/10 beteiligt werden.

Vor allen Dingen komme es darauf an, das Eisen zu schmieden, solange es warm sei. Man könne nicht wissen, ob die gegenwärtige französische Regierung noch sehr lange am Ruder bleibe, komme dann ein Kabinett der Rechten, so werde sich natürlich alles versteifen, komme ein Linkskabinett, so werde es möglicherweise, gerade weil es ein Linkskabinett sei, auf größere Schwierigkeiten stoßen als im gegenwärtigen.

Auf meine Frage nach dem Verhältnis dieser Expertenkommission zu den Vereinigten Staaten von Amerika, meinte Loucheur, man müsse Amerika vorläufig aus dem Spiel lassen und ihm den fertigen Plan der europäischen Staaten dann vorlegen. Selbstverständlich solle man Amerika fortgesetzt unterrichten. Er könne sich auch denken, daß Parker Gilbert an den Verhandlungen teilnähme oder ihnen möglicherweise sogar präsidiere. Eine Wiedereinberufung des Dawes-Komitees hielten er und Poincaré für unangebracht.

Wir kamen dann noch auf das Comité de Constatation et de Conciliation zu sprechen. Loucheur hält es für notwendig, und zwar, wie er sagt, im Zusammenhang mit dem Locarno-Pakt, Artikel 4 und dem Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Er sei überzeugt, daß der Völkerbund, wenn ein solches Komitee nicht eingerichtet werde, eine Form der Investigation beschließen würde, die für uns sehr viel unangenehmer sein müsse. Er sei fest davon überzeugt, daß dieses Komitee keinerlei kleinliche Schikanen verüben, sondern nur als eine Art von Friedensrichter fungieren werde. Es komme darauf an, vernünftige und gutwillige Persönlichkeiten hineinzusetzen und vor allen Dingen von Militärs Abstand zu nehmen. Er halte es allerdings für dringend notwendig, daß auch wegen dieser Angelegenheit die Verhandlungen sehr bald aufgenommen würden. Man dürfe der Presse nicht Gelegenheit geben, jetzt erst eine ganze Zeit hindurch die Sache zu diskutieren und alle möglichen Schwierigkeiten zu konstruieren, die tatsächlich nicht beständen4.

4

Loucheur wiederholte die hier aufgezeichneten Bemerkungen im wesentlichen am folgenden Tag gegenüber StS v. Schubert (Aufzeichnung des StS v. Schubert vom 18. 9., R 43 I/502, Bl. 44-53).

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