2.38 (mu21p): Nr. 38 Vermerk Staatssekretär Pünders zu den Vorbereitungen der Sachverständigenkonferenz. 9. Oktober 1928

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[145] Nr. 38
Vermerk Staatssekretär Pünders zu den Vorbereitungen der Sachverständigenkonferenz. 9. Oktober 1928

R 43 I/276, Bl. 290 f.

Herr Parker Gilbert ist gestern morgen aus Paris zurückgekehrt. Eine Fühlungnahme mit ihm oder einem seiner Herren über die deutschen Abänderungswünsche hinsichtlich der Auftragsformulierung hat noch nicht stattfinden können1. Parker Gilbert hat gestern zunächst eine Aussprache mit Herrn Reichsbankpräsidenten Schacht gehabt und empfing nachher den Ministerialrat Dr. Berger vom Reichsfinanzministerium. Parker Gilbert zeigte sich gestern etwas ärgerlich darüber, daß Herr Ministerialdirektor Dr. Ruppel in Paris in einem Gespräch mit dem Pariser juristischen Vertrauensmann Parker Gilberts sich bereits über die Einzelheiten der beabsichtigten Formulierung orientiert gezeigt habe. Parker Gilbert betonte daher in diesem Zusammenhang, daß strengste Verschwiegenheit über die Verhandlungen mit ihm notwendig seien und er daher beabsichtige, über das weitere Vorgehen zunächst lediglich nochmals mit dem Herrn Reichskanzler zu sprechen. Zu dieser Einzelbesprechung wird es nun aber voraussichtlich nicht kommen, da die Hinzuziehung der beiden nächstbeteiligten Minister, nämlich der Herren Dr. Hilferding und Dr. Curtius, dringend erwünscht ist. In einer telefonischen Besprechung des Unterzeichneten mit Herrn Reichsbankpräsidenten Schacht ist daher für heute vormittag ein Frühstück bei Herrn Präsidenten Schacht verabredet worden, an dem außer dem Hausherrn der Herr Reichskanzler, Parker Gilbert sowie die beiden Herren Minister Curtius und Hilferding teilnehmen werden. Nach seinen gestrigen Äußerungen beabsichtigt Herr Parker Gilbert, wenn irgend möglich, mit diesen maßgeblichen Herren der deutschen Regierung über gewisse Einzelheiten des Gesamtplanes zu sprechen, vielleicht sogar auch über die Höhe der Summe. Er hat auch gestern wieder betont, daß Deutschland in erster Linie an einer endgültigen Regelung gelegen sein müsse, selbst wenn dies vielleicht ziemlich teuer sein würde. Parker Gilbert, der eine baldige Lösung anstrebt, hat auf der Gegenseite natürlich leichteres Spiel, wenn er mit einer höheren deutschen Gesamtverpflichtung kommen kann. Ministerialrat Dr. Berger hielt es deshalb mir gegenüber für wahrscheinlich, daß Herr Parker Gilbert heute nach dieser Richtung hin die etwa Deutschland gegenüber vorhandenen Möglichkeiten abtasten werde. Es erschiene ihm daher erforderlich, daß – im Falle für Deutschland offensichtlich untragbarer Verpflichtungsvorschläge – seitens der deutschen Herren gleich pariert werden müsse, damit Herr Parker Gilbert nicht den Eindruck mitnehme, als wenn Deutschland für jeden Preis zu haben sein würde. Ich habe dem Herrn Reichskanzler nach dieser Richtung hin Vortrag gehalten, der völlig übereinstimmte.

1

Vgl. hierzu Dok. Nr. 36.

[146] Herr Parker Gilbert wird morgen abend auf eine Einladung Churchills hin nach London fahren, wo er über das Wochenende bleiben wird2. Er wird dort Verhandlungen mit dem englischen Schatzamt sowie voraussichtlich auch mit Baldwin führen. Parker Gilbert ist daher der Auffassung, daß vor seiner Rückkehr nach Berlin, etwa Mitte nächster Woche, nichts weiteres passieren würde.

2

Diese Einladung erfolgte wohl auf Grund eines Gesprächs, das der britische Botschafter Sir Horace Rumbold am 4. 10. mit StS v. Schubert geführt hatte (Niederschrift v. Schuberts; R 43 I/276, Bl. 281-285).

Bezüglich der englischen Auffassung ist Parker Gilbert der Meinung, daß die zuständigen Herren zwar recht verständig und einer Endlösung wohl gesinnt seien, immerhin stoße man doch noch recht oft auf die These, daß der jetzige Zeitpunkt für die Endlösung noch zu früh gegriffen sein. Besser wäre es, noch etwa vier Jahre abzuwarten, weil dann die Undurchführbarkeit des Dawes-Planes sich durch deutsche Wirtschaftskrisen evident gezeigt haben würde.

Pünder

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