2.49 (mu21p): Nr. 49 Vermerk Staatssekretär Pünders über eine Besprechung mit dem Generalagenten für Reparationszahlungen Parker Gilbert zur Vorbereitung der Sachverständigenkonferenz. 25. Oktober 1928

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Nr. 49
Vermerk Staatssekretär Pünders über eine Besprechung mit dem Generalagenten für Reparationszahlungen Parker Gilbert zur Vorbereitung der Sachverständigenkonferenz. 25. Oktober 19281

1

Über dem Text steht die Notiz: „Sofort“. Sie bezieht sich wahrscheinlich auf die Durchschriften, die an die Minister Severing, v. Guérard, Koch-Weser, Wissell und Dietrich geschickt wurden. Der pr. StS Weismann war auf dem handschriftlichen Verteiler ausgestrichen worden. – Eine zweite Überlieferung dieser Besprechung bietet die Aufzeichnung, die Parker Gilbert am 4.5.29 an StS v. Schubert sandte (R 43 I/287, Bl. 15-25). Anlaß war zu dieser Zeit die Auseinandersetzung des Reparationsagenten mit Schacht über die Frage, ob die RReg. schon vor Beginn der Pariser Konferenz über die alliierten Mindestforderungen unterrichtet gewesen sei. Nach der Aufzeichnung des Reparationsagenten fungierten als Dolmetscher der Besprechung der Sekretär Parker Gilberts, Norris, und Schacht.

R 43 I/276, Bl. 295 f.

Entsprechend einer gestern abend auf einem Diner bei Herrn Minister Hilferding getroffenen Verabredung empfing der Herr Reichskanzler heute mittag im Beisein des Herrn Reichsfinanzministers und des Herrn Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht Herrn Generalagenten Parker Gilbert, der ihm über das Ergebnis seiner Verhandlungen in London, Paris und Brüssel berichtete2. Die Besprechung währte etwa fünf Viertelstunden.

2

Daß Parker Gilbert ihm berichtet habe, er sei mit Churchill zu Poincaré gefahren, hatte der RK unter P. 3 der Ministerbesprechung vom 19. 10. mitgeteilt. Der Reparationsagent wolle den Eindruck vermeiden, daß ohne Wissen Deutschlands Verhandlungen geführt würden. – Wahrscheinlich im Zusammenhang mit Parker Gilberts Aufenthalt in Brüssel hatte – nach der Aufzeichnung des Reparationsagenten – der RK sich über belgische Meldungen besorgt („somewhat disturbed“) geäußert, in denen die völlige Rückzahlung der Besatzungsmark gefordert wurde. Dazu meinte Parker Gilbert, daß die belgische Regierung die Lösung der Reparationsfrage nicht behindern wolle; man könne aber gleichzeitige Verhandlungen über die Markfrage führen (R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 242f).

Nach dem Eindruck des Herrn Reichskanzlers ist stimmungsgemäß zunächst festzustellen, daß Herr Parker Gilbert in seinem Optimismus nicht mehr so sicher zu sein scheint wie bisher. Offenbar sieht auch er jetzt mehr Schwierigkeiten als bisher, vielleicht sogar noch mehr, als er ausdrücklich zugibt. In dieser Hinsicht war schon bemerkenswert, daß er, der sonst stets auf sofortige Besprechungen mit der Reichsregierung drängte, diesmal nach seiner[174] Rückkehr zu einer solchen Aussprache einen guten Tag verstreichen ließ. Außerdem war aus der heutigen Besprechung noch nicht ganz klar zu entnehmen, ob Herr Parker Gilbert in Paris an allen maßgeblichen Besprechungen tatsächlich auch persönlich teilgenommen hat. Jedenfalls hatten der Herr Reichskanzler und der Herr Reichsfinanzminister beide den Eindruck, daß zwischen Poincaré und Churchill noch gewisse vorläufige Nebenabreden getroffen sein könnten, von denen sie Parker Gilbert keine Kenntnis gegeben hätten3.

3

In der Aufzeichnung Parker Gilberts wird dazu mitgeteilt: „The Agent General had been present only during the latter part of the conversation, but he understood that there had been a preliminary exchange of views on the various questions raised by the Geneva agreement, and that while no decision had been taken the conversation could fairly be said to have brought things forward considerably“ (R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 16).

In der Sache steht zunächst nicht fest, ob es überhaupt zu erreichen ist, dem Komitee den Charakter eines wahren Expertenausschusses zu geben4. Parker Gilbert dringt jedenfalls darauf, ihm stehen aber offenbar französische Tendenzen gegenüber, die den Ausschuß mehr politisch organisiert sehen möchten.

4

Parker Gilbert hatte – seiner Aufzeichnung nach – in dieser Besprechung geäußert, England sei bereit, im Expertenkomitee mitzuarbeiten (R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 16f). Diese Ansicht vertrat nach einer Unterredung in der Treasury auch Botschaftsrat Dieckhoff (Telegramm Nr. 682 aus London vom 19. 10.; R 43 I/476, Bl. 319-323).

Parker Gilbert hofft indessen nach wie vor auf das Zustandekommen eines Expertenausschusses5, da sonst die Amerikaner überhaupt offiziell nicht mitmachen würden, sondern sich höchstens durch einen Beobachter vertreten lassen würden. Immerhin scheint sich Poincaré schon damit abgefunden zu haben, daß der Präsident der Bank von Frankreich, Moreau, an dem Komitee teilnimmt. Parker Gilbert ist aber der Auffassung, daß Deutschland nicht zu stark den Wunsch äußern solle, daß das Komitee ein reines Expertenkomitee sein solle, da dies bei Frankreich Schwierigkeiten auslösen könne.

5

Als Vertreter Belgiens für die Expertenkommission war bereits Francqui von Parker Gilbert in dieser Unterredung – seiner Aufzeichnung zufolge – benannt worden und außerdem für England Sir Josiah Stamp und für Italien Pirelli (R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 17).

Bezüglich des Ortes ist in den Pariser Besprechungen lediglich von Paris und Berlin gesprochen worden. Klarheit hierüber aber bestand offenbar auch bei den Franzosen und Engländern noch nicht. Dagegen scheint festzustehen, daß, entgegen anders lautenden belgischen Zeitungsberichten, an Brüssel nicht gedacht ist.

Wie schon in einem diplomatischen Telegramm aus London von Herrn Dieckhoff angekündigt war, hat Herr Parker Gilbert heute die Anregung Poincarés und Churchills übermittelt, Deutschland solle die Initiative wegen des Zusammentritts des Komitees ergreifen6. Der Herr Reichskanzler erklärte[175] hierauf zunächst, daß der erste Schritt ja tatsächlich bereits in Genf erfolgt sei und in dem bekannten Genfer Protokoll seinen Niederschlag gefunden habe; daher könne es sich jetzt nur noch darum handeln, wer nach diesem ersten Schritt den weiteren ersten Schritt tue. Wenn hiernach diese Frage an sich nur formale Bedeutung hätte, erschien7 dem Herrn Reichskanzler in der heutigen Besprechung doch eines recht verdächtig: Parker Gilbert deutete an, daß Poincaré nach einem etwaigen solchen ersten Schritt Deutschlands durch Botschafter von Hoesch hierüber ein Kommuniqué zu veröffentlichen beabsichtige. Poincaré scheine die Tendenz zu haben, in Gestalt eines solchen Kommuniqués vor der Weltöffentlichkeit, namentlich vor den Vereinigten Staaten, auch für den Fall etwas in der Hand zu haben, daß8 die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen sollten.

6

Nach Parker Gilberts Aufzeichnung erfolgte die Anregung ohne „formelle Autorisation“ (R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 17f). – Dieckhoff hatte am 18. 10. aus London telegrafiert, daß im Gespräch zwischen Parker Gilbert, Baldwin und Churchill zwar Baldwin für „baldiges Anpacken der Reparationsfrage“ gewesen sei, aber Churchills Widerstand habe noch nicht völlig überwunden werden können. Von französischer Seite und einigen englischen Stellen werde, „soweit sie Widerstand gegen Einleitung Reparationsbesprechungen aufgegeben haben, versucht, uns die Initiative zuzuschieben“. Deutschland solle in eine Situation gebracht werden, die es zwinge, die Initiative zu ergreifen, wodurch es in eine taktisch ungünstige Position gerate (Telegramm Nr. 577; BA: Nachlaß Pünder  68). Seine Befürchtung, „daß man Deutschland Initiative zuschieben“ wolle, scheine sich zu bestätigen, berichtete Dieckhoff auf Grund einer Meldung der Times aus Paris am 20. 10. (Telegramm Nr. 684; BA: Nachlaß Pünder 68). Diese Meldung hatte der Botschaftsrat vier Tage später bestätigt: Churchill sei von Poincaré zugesichert worden, daß die Ratifizierung des englisch-französischen Schuldenabkommens ernsthaft betrieben werden solle. In der anschließenden Unterredung mit Parker Gilbert habe man festgesetzt: „1. Die französische und englische Regierung sind einig über das Prinzip baldiger Endregelung. Franzosen anerkennen, daß für Engländer Grundsatz Balfournote respektiert werden muß, Engländer anerkennen, daß französische Reparationssumme sowohl den Schuldenbetrag an Amerika wie Wiederaufbau im zerstörten Gebiet umfassen muß. – 2. In Genf beschlossenes Expertenkomitee soll sobald wie möglich zusammentreten. – 3. Die deutsche Regierung wird gebeten, Initiative zu ergreifen. – 4. Parker Gilbert wird von Poincaré und Churchill autorisiert, französische und englische Auffassung der deutschen Regierung zu unterbreiten.“ Das britische Kabinett habe dieser Abmachung nicht zugestimmt, werde es aber wegen der bevorstehenden Parlamentswahlen tun (Telegramm Nr. 697; BA: Nachlaß Pünder 68).

7

Aus: „erscheint“.

8

Aus: „wenn“.

Über den Umfang der Arbeiten des Komitees und seiner Aufgaben im einzelnen scheint man nach den heutigen Angaben Parker Gilberts in Paris noch nicht gesprochen zu haben9. Insbesondere auch noch nicht über die Höhe der Summe. Immerhin scheint festzustehen, daß England sich der französischen These angeschlossen hat, daß Frankreich nicht nur seine interalliierten Schulden abgegolten bekommen solle, sondern darüber hinaus auch noch ein surplus bekommen solle10. Eine gemeinsame Vorabrede solcher Art könnte selbstverständlich deutscherseits unter keinen Umständen zugelassen werden, da dann die Arbeiten des Experten-Komitees mit einer politischen Hypothek moralisch vorbelastet wären. Auch Reichsbankpräsident Schacht ist der Auffassung, daß Experten internationalen Rufes sich nur dann der Aufgabe unterziehen könnten, wenn sie an keinerlei politische Nebenabreden von vornherein gebunden wären.

9

Gegen eine solche Auftragserteilung äußerte der RFM Bedenken, da von Parker Gilbert bereits „terms of references“ vorgelegt worden waren (Aufzeichnung des Reparationsagenten; R 43 I/287, Bl. 16-25, hier: Bl. 19). Siehe auch Dok. Nr. 36.

10

Siehe dazu Anm. 8 zu Dok. Nr. 51 und oben Anm. 6.

Der Herr Reichskanzler hat Herrn Parker Gilbert beim Abschluß der heutigen Aussprache erklärt, daß er ihm von sich aus die sofortige Stellungnahme Deutschlands bezüglich Zusammentritt und Zusammensetzung des Komitees nicht mitteilen könne, sondern sich hierüber zunächst mit dem ganzen[176] Reichskabinett in Verbindung setzen müsse. Er werde aber eine solche Sitzung schon auf den morgigen Tag einberufen11 und Herrn Parker Gilbert dann alsbald Antwort zukommen lassen.

11

Siehe Dok. Nr. 51.

Pünder

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