2.59 (mu21p): Nr. 59 Bericht des Reichsbankpräsidenten an die Reichsregierung über die Lage der Reichsbank und über Fragen der Finanz- und Währungspolitik. 9. November 1928, 11 Uhr

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[203] Nr. 59
Bericht des Reichsbankpräsidenten an die Reichsregierung über die Lage der Reichsbank und über Fragen der Finanz- und Währungspolitik. 9. November 1928, 11 Uhr

R 43 I/636, Bl. 97-121

Anwesend1: Von der RReg: Müller, Stresemann, Curtius, Hilferding, Dietrich; StS v. Schubert; MinDir. v. Hagenow, Ritter, Dorn, Schäffer; MinDirig. Heintze, Norden; MinR Feßler, Vogels, Berger; von der Rbk: Schacht, Dreyse, Nordhoff; von der Pr. Staatsbank: Schröder, Ernst; vom RR: für Bayern: v. Preger, Quarck; für Sachsen: Gradnauer; für Württemberg: Bosler, Schick; für Baden: Kempff; für Hamburg: Strandes; Protokoll: Krieger.

1

In die Anwesenheitsliste sind weitere Namen mit Bleistift eingetragen. Das hinzugefügte Datum „7. 2.“ läßt darauf schließen, daß es sich bei ihnen um Teilnehmer an der Berichterstattung des RbkPräs. vom 7.2.29, Dok. Nr. 123, handelt; zu ihnen dürfte auch der pr. MinR Neumann gehören, bei dessen Namen die Datumsangabe fehlt.

Reichskanzler Müller: Meine Herren, ich eröffne die Sitzung. Wir hatten in der letzten Sitzung2 in Aussicht genommen, diese Vierteljahressitzungen wieder regelmäßig abzuhalten, in denen der Herr Reichsbankpräsident die Güte hat, uns über die Lage der Reichsbank Vortrag zu halten, wie das früher der Fall war. – Darf ich bitten, Herr Reichsbankpräsident?

2

Siehe Dok. Nr. 11.

Reichsbankpräsident Dr. Schacht3: Ich bin sehr dankbar dafür und verspreche, so kurz wie möglich zu sein, indem ich alle Statistiken und dergleichen weglasse und nur auf die leitenden Gedanken eingehe, da die Statistiken ja auch anderweitig erhältlich sind.

3

Nach Ablauf seiner ersten Amtszeit hatte Schacht am 5. 10. vom RK die neue Ernennungsurkunde und den Glückwunsch zur einstimmigen Wiederwahl erhalten (R 43 I/962, Bl. 150, 154). Der RbkPräs. antwortete darauf am 11. 10., „daß die Rbk ihre Politik stets im Einklang mit den Gesamtinteressen der deutschen Wirtschaft und damit den Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes führen und sich dabei stets mit der RReg. in engster Fühlung halten wird“ (R 43 I/962, Bl. 157).

Ich darf zunächst über die Lage des Geldmarktes sprechen. Der Geldmarkt ist in den letzten Monaten hier und da von einer gewissen Erleichterung erfaßt worden, die aber in der Hauptsache durch die kurzen Anleihungen aus dem Auslande zustandegekommen ist. Die Guthaben, die die Vereinigten Staaten in Deutschland kurzfristig bei den Banken gehalten haben, sind zu einem recht erheblichen Teile infolge der veränderten Geldmarktsätze in Amerika zurückgezogen worden. Die Ausleihungen von England nach Deutschland dürften sich ungefähr im vorher üblichen Rahmen gehalten haben. London ist nach wie vor der eigentliche Finanzplatz für Deutschland für sein laufendes Geschäft und hält diese Rolle bei schlechten und guten Zinssätzen unverändert ein. Dagegen ist das amerikanische Geld, das hier abgezogen worden ist, in reichlichem Maße durch die kurzfristigen Ausleihungen ersetzt worden, die Frankreich nach hier gegeben hat. Ich habe vor einiger Zeit Gelegenheit gehabt, einmal[204] mit einem französischen Bankdirektor über die Höhe dieser Ausleihungen zu sprechen; er zeigte mir die Ziffern seiner Bank, gab mir an, mit welchem Prozentsatz ungefähr seine Bank an solchen Ausleihungen beteiligt sei, und danach ergab sich, daß die Kredite, die Frankreich zur Zeit kurzfristig an Deutschland gibt, allerdings einschließlich der sogenannten Handelsrembourse, sich auf mindestens 2 Milliarden Goldfranken belaufen. Das ist also das kurzfristige Geld, das zur Zeit von Frankreich in Deutschland arbeitet. Ich brauche nicht zu bemerken, daß dieses Geld natürlich auch politisch leicht beeinflußbar ist. – Das einzige Geld, welches uns meines Erachtens ständiger kurzfristig zur Verfügung steht, ist nach wie vor das englische.

Die relative Erleichterung des Geldmarktes, von der ich gesprochen habe, hat sich in erster Linie am Privatdiskontmarkt gezeigt. [Der RkbPräs. teilt mit, daß der Privatdiskontsatz unter dem Rbk-Diskontsatz von 7% liege. An Reichsschatzwechseln befänden sich 245 Millionen RM in privater und 10 Millionen RM in öffentlicher Hand.]

Es zeigt sich, daß die momentane Erleichterung am Geldmarkt sehr stark von ausländischem Geld gestützt wird, weil sie sich vorwiegend am Privatdiskontmarkt auswirkt, d. h. in dem erstklassigsten Kreditmaterial, welches in Deutschland vorhanden ist.

Wenn wir zu den Sätzen des Monatsgeldes übergehen, so sehen wir sofort, daß hier, wo es sich im wesentlichen um Börsenausleihungen handelt, die zweifellos nicht so liquide und nicht so erstklassig sind wie das Privatdiskontmaterial, die Geldsätze eher im Anziehen gewesen sind. Sie betrugen im Juli etwa 7,75 bis 8,75% je nach der Qualität des Geldnehmers, im August 8,25 bis 9,25%, im September 8,50 bis 9,50% und sind erst im Oktober wieder auf zwischen 8 und 9% zurückgegangen4.

4

Zu diesen Geldsätzen erklärte der Bankkommissar der Repko: „Die im Juli einsetzende und bis einschließlich September andauernde Steigerung des Satzes für Monatsgeld kann als ein direkter Reflex der Zinsfußsteigerung in Amerika und an anderen ausländischen Plätzen betrachtet werden. Gleichzeitig ist dieser Markt seitens der Gemeinden stark in Anspruch genommen worden, was mit deren wachsenden Schwierigkeiten bei der Unterbringung von langfristigen Anleihen in Zusammenhang gebracht werden darf. Daß […] das Monatsgeld jetzt wieder wie im 2. Vierteljahr 1928 8% notiert, ist demgegenüber eine günstige Erscheinung“ (Bericht des Reparationsagenten vom 22.12.28. S. 250).

Von dem großen Zustrom ausländischer Kredite auf den deutschen Geldmarkt hat natürlich die Gold- und Devisensituation Deutschland außerordentlich profitiert5. Die Reichsmark ist in der ganzen Berichtszeit seit unserem letzten Zusammentreten sehr fest gewesen. Der Dollar ist zunächst etwas unter Parität gewesen, in der letzten Zeit seit Oktober allerdings etwas über Parität, aber nicht weit davon entfernt. Die Parität ist 4,19¾ RM für den Dollar; die Goldpunkte liegen zur Zeit etwa bei 4,17½ und 4,21½. Dagegen ist das Pfund in dieser ganzen Zeit außerordentlich schwach gewesen, in erster Linie deshalb, weil London im Interesse seines Handels und seiner Wirtschaft den Diskont auch nach der amerikanischen Diskonterhöhung niedrig gehalten hat; es hat den 4,5%igen Satz beibehalten, insbesondere deshalb, weil es für den ganzen Kontinent[205] der Finanzmarkt bleiben will und das natürlich nur sein kann, wenn es flüssiges Geld und niedrige Zinsen hat. Das hat natürlich dazu geführt, daß wegen dieses niedrigen Diskontsatzes von den verschiedensten Seiten Geld von London abgezogen worden ist. Insbesondere ist dies durch Frankreich erfolgt. Frankreich hat seine beträchtlichen Guthaben in London stark reduziert und das Geld, das es bis dahin in London hatte, wie ich vorhin ausführte, zu einem großen Teil auf den deutschen Markt geworfen. – Seit September hat sich das Pfund, mit einer kurzen Ausnahme des Oktober, fast immer unter dem Goldpunkte bewegt; der Goldimportpunkt nach Deutschland liegt heute bei ungefähr 20,36 für ein Pfund. Die Folge ist gewesen, daß wir große Goldimporte von London bekommen haben6, auf die ich gleich noch zurückkomme. Ich möchte hier nur noch einmal darauf hinweisen, daß jetzt, nachdem Amerika anfängt, effektives Gold von London abzuziehen, die Möglichkeit doch noch besteht, daß man in London zu einer Diskonterhöhung kommt. Bisher hat die Bank von England immer versucht, die Diskonterhöhung zu vermeiden. Jedenfalls ist das ein Punkt, den wir für unsere Diskontpolitik mit in Rechnung stellen müssen.

5

Zum Berichtszeitpunkt betrug der Goldbestand der Rbk 2539,923 Mio RM und der Devisenbestand 168,126 Mio RM gegenüber 2148,807 Mio bzw. 193,987 Mio am 23.7.28 (Anlage VII zum Geschäftsbericht der Rbk für 1928).

6

Die Darstellung des Bankkommissars über diesen Vorgang lautet: „Die Spannung am New Yorker Geldmarkt hat, zusammen mit den wiederholten Erhöhungen des amerikanischen Diskonts, beträchtliche Kapitalverschiebungen zur Folge gehabt, die am Wechselmarkt in einer höheren Bewertung des Dollars zum Ausdruck kamen. Der hiermit vorhandene Druck auf das Pfund Sterling bewirkte, daß, während vorher nicht unbedeutende Beträge an Gold durch Amerika abgegeben worden waren, jetzt ein Goldabfluß von London aus begann, der infolge der günstigen Position der Reichsmark zu einem erheblichen Teil nach Deutschland ging“ (S. 249 im Bericht des Reparationsagenten vom 22.12.28).

Was nun die Goldimporte anlangt, so brauche ich kaum noch darauf einzugehen, daß sich eine Reihe törichter Diskussionen in der Presse über diese Dinge ergeben haben. Ein Teil der Londoner Presse hat es so hingestellt, als ob Deutschland, dieses schreckliche Land, nun wieder Gold aus anderen Ländern widerrechtlich abzieht. Das ist natürlich alles dummes Zeug. Es ist eine absolut natürliche Bewegung der Devisenkurse, gegen die wir gar nichts machen können, weil wir ja schon gesetzlich verpflichtet sind, mit 2784 RM für das Kilo Gold jeden uns angebotenen Betrag zu erwerben, und wir haben in dieser Zeit nie einen Pfennig mehr bezahlt.

Ich darf, um das Verhältnis zur Bank von England in dieser Frage hier auch noch einmal zu berühren, erwähnen, daß ich, als ich vor kurzem in London war, Herrn Norman gesagt habe: Bitte, sagen Sie mir, ob und was ich in der Frage der Goldverschiffung Londons nach Deutschland tun soll, und ich erkläre Ihnen, bevor Sie noch ein Wort sagen, daß ich alles tun werde, was Sie von mir verlangen; – und darauf war die Antwort: Sie sollen gar nichts tun, das sind ganz natürliche Bewegungen, die müssen ausgetragen werden.

Wir haben insgesamt seit Ende Juli aus England allein 237 Millionen RM Gold bekommen. Wir haben daneben 10 Millionen RM deutsche Goldmünzen aus Dänemark und außerdem bisher 86 Millionen RM Gold aus Rußland bekommen; neuerdings haben wir wieder einen Goldkauf aus Rußland abgeschlossen. Infolgedessen ist der Gold- und Devisenbestand der Reichsbank heute auf seiner höchsten Höhe seit der Reorganisation; er beträgt etwa 130 Millionen[206] RM mehr als im Dezember 1926, wo der bis dahin höchste Punkt zu verzeichnen war7.

7

Der Bestand an Gold- und Deckungsdevisen betrug Ende 1926 etwa 2300 Mio RM und Ende November 1928 2797 Mio RM (Diagramm im Bericht des Reparationsagenten vom 22.12.28, S. 124; Bericht der Rbk für 1928, Anlage J).

Daß gegen diese großen Gold- und Devisenbestände die große Auslandsverschuldung der Wirtschaft validiert, brauche ich hier ja nicht noch einmal zu betonen. Es ist aber doch vielleicht gut, wenn wir uns auch in diesem Kreise noch einmal Rechenschaft über die derzeitige Auslandsverschuldung geben. Die kurzfristige Verschuldung unserer Bankwelt ist in den letzten 1½ Jahren ganz beträchtlich gestiegen. Wenn ich zunächst nur einmal auf die Ziffern Berliner Großbanken eingehe, so betrugen ihre kurzfristigen Schulden am 30. April 1927 2182 Millionen, Ende September 1928 betrug die Verschuldung 3736 Millionen. Dem gegenüber standen Forderungen ans Ausland – ebenfalls alle kurzfristig – Ende April 1927 1137 Millionen und Ende September 1928 nur wenig mehr, nämlich 1393 Millionen, so daß die prozentuale Deckung der Schulden durch die Guthaben von 52,1% im April 1927 auf 37,3% im September 1928 zurückgegangen ist, d. h.: war früher reichlich die Hälfte durch flüssige Guthaben im Ausland gedeckt, so ist es jetzt nur noch reichlich ein Drittel.

Wir haben auf Grund einer einmaligen Erhebung im Juni 1927 und ferner auf Grund von Stichprobenberechnungen versucht, an Hand dieser Ziffern, die uns ja jetzt regelmäßig von den die Monatsbilanzen einreichenden Banken zugehen, die Gesamtverschuldung des deutschen Bankgewerbes – kurzfristig ans Ausland – zu schätzen, und kommen dabei darauf, daß die Gesamtverschuldung um etwa 60% höher anzunehmen ist, so daß einer Gesamtverschuldung der Bankwelt allein von rund 6 Milliarden kurzfristig an das Ausland eine Deckung von 2,2 Milliarden gegenüberstehen würde. Ich darf noch kurz daran erinnern, daß die öffentlichen Emissionen von Auslandsanleihen bis zum heutigen Tage, allerdings ohne die inzwischen vorgenommenen Tilgungen, sich jetzt auf 6,8 Milliarden belaufen. Wenn ich dazu die langfristige und kurzfristige Verschuldung der übrigen Wirtschaft rechne, ohne die Rembourskredite, die ja den jeweiligen Umsatz der Wirtschaft im Außenhandel finanzieren und denen die entsprechende Warenmenge gegenübersteht – diese lasse ich also heraus –, so kommen wir doch sicherlich auf eine lang- und kurzfristige Verschuldung Deutschlands, die keinesfalls unter 12 und wahrscheinlich etwa bei 14 Milliarden RM liegt. Das ergibt einen Zinsendienst bei heutiger Verzinsung, der bereits eine Milliarde jährlich nach unserer Auffassung überschreitet.

Ich glaube, daß diese Ziffern für das ganze Thema der Reparationserledigung doch von einer ausschlaggebenden Bedeutung sind. Wenn Sie bedenken, daß Rußland vor dem Kriege etwa eine Milliarde M Zinsendienst an das Ausland hatte, daß Amerika höchstens 1½, wahrscheinlich weniger, vielleicht 5/4 Milliarden M Zinsendienst hatte – diese beiden großen Rohstoffländer! –, so ist es meines Erachtens eine ganz außerordentlich hohe Verschuldung, wenn wir heute bereits innerhalb von fünf Jahren eine Verschuldung von 12 bis 14 Milliarden RM angesammelt haben, die einen Zinsendienst in etwa derselben Nominalhöhe erfordert. Und wie es möglich sein soll, daneben noch einmal[207] 2,5 Milliarden RM zu zahlen, für die wir keinen Gegenwert in unsere Wirtschaft hineinbekommen, das zu beantworten wird, glaube ich, jedem Wirtschaftler recht schwierig sein.

Wenn ich auf den Status der Reichsbank kurz eingehen darf, so ist eine der Folgen der Gelderleichterung und des Einfließens des Geldes vom Ausland, daß die Reichsbank etwas weniger in Anspruch genommen worden ist. Der Inlandswechselbestand der Reichsbank hat sich von Ende Juli bis Ende Oktober um fast eine Viertelmilliarde verringert. Nicht verringert hat sich dagegen der Zahlungsmittelumlauf, weil eben an die Stelle der Inlandwechsel das Gold getreten ist, das wir hereingenommen haben, bzw. die Devisen; der Zahlungsmittelumlauf ist sogar in der gleichen Zeit noch etwa um 125 Millionen gestiegen. Vor allem wird der Erntebedarf dazu beigetragen haben, daß der Zahlungsmittelumlauf eine Steigerung aufweist8.

8

Der Gesamtumlauf an Zahlungsmitteln betrug Juli 1928 6210 Mio RM und im November 6386 Mio RM (Diagramm im Bericht des Reparationsagenten vom 22.12.28, S. 149).

Diese beiden Momente indessen – große Höhe des Zahlungsmittelumlaufs und Erntebedarf und dazu die unsichere Lage des Londoner Diskontmarktes – machen es erforderlich, daß wir in der Diskontpolitik uns noch eine Weile zurückhalten. Es kommt hinzu, daß wir sechs Wochen vor dem Jahresultimo stehen, der bekanntlich immer eine sehr große Inanspruchnahme der Reichsbank bringt, und ich glaube deshalb nicht, daß wir noch in diesem Jahre zu einer Ermäßigung des Diskonts kommen können. Dagegen halte ich dafür, daß, wenn die Dinge sich in der jetzigen Tendenz weiterentwickeln, wenn insbesondere auch London nicht hinaufzugehen braucht, es nicht unmöglich sein wird, daß wir nach Jahresende mit einer Senkung des Diskonts zu rechnen in der Lage sein werden9.

9

Am 12.1.29 wurde der Diskontsatz von 7 auf 6,5% gesenkt.

[Der RbkPräs. stellt Verbesserungen im Giroverkehr und im telegrafischen Giroverkehr für die Kunden der Rbk dar. Die Effektenbeleihung habe zugenommen und die Sparkassen seien in stärkerem Maße als vor dem Krieg zu Lombardkunden der Rbk geworden.]

Interessant wird eine Statistik sein, die ich hier einmal wiedergeben möchte, über die Reichsbankanteile im ausländischen Besitz. Im März 1925 waren 34% der Anteile im ausländischen Besitz. Der Prozentsatz stieg im März 1926 auf 42, im März 1927 auf 45, im März 1928 auf 48%, und ich möchte annehmen, daß heute die Majorität der Anteile der Reichsbank sich in ausländischen Händen befindet.

Ich darf dann zu einer kurzen Schilderung der Börse und des Kapitalmarktes übergehen. Die Börse fließt wie ein träger Bach durch eine Niederungslandschaft dahin. Der Aktienindex ist fast unverändert, ebenso die Höhe der Reports und Lombards. Kapital zur Anlage in Aktien ist in Deutschland so gut wie nicht vorhanden. Das, was an Aktien neu emittiert wird, wird meist von den alten Aktionären mit Mühe und Not aufgenommen, ohne daß damit eine lebhaftere Bewegung der Börse zustandekommt. Die Aktienemissionen (ohne Fusionen und Sacheinlagen) nach dem Kurswert gerechnet verteilen sich auf die letzten Jahre wie folgt: 1924 sind emittiert worden 181 Millionen, in 1925[208] 705 Millionen, in 1926 1346 Millionen, in 1927 1368 Millionen und in den ersten neun Monaten des Jahres 1928 935 Millionen; wir werden also im laufenden Jahr annähernd wieder die Ziffer des Vorjahres erreichen.

Erstaunlich ist, daß es trotz der schweren Lage des Kapitalmarktes doch immer noch möglich ist, in gewissem Umfang eine Placierung von festverzinslichen Werten im Inland vorzunehmen. Dabei sind allerdings immer die Pfandbriefe die bevorzugten Papiere des deutschen Publikums. Ganz zuverlässig ist die Statistik, die ich gleich verlesen werde, nicht, weil natürlich auch von den inländischen Emissionen stets ein sehr großer Betrag ins Ausland geht und unter der Hand ins Ausland verkauft wird, auch wenn keine Auflegung im Ausland erfolgt. An festverzinslichen Werten sind im Inland emittiert worden: im Jahre 1924 869 Millionen, im Jahre 1925 746 Millionen, im Jahre 1926 – das war ja unser bestes Jahr durch das Hereinkommen der Auslandsanleihen – 3230 Millionen, im Jahre 1927 2409 Millionen und im ersten Semester 1928 1611 Millionen, im dritten Quartal 549 Millionen, d. h. also in den ersten neun Monaten dieses Jahres etwa 2,2 Milliarden; ich taxiere, daß wir hier auf dem festverzinslichen Markt den Betrag des Vorjahres wieder erreichen werden.

Als Tatsache aber, glaube ich, kann man aus der Beobachtung hinstellen, daß die Auslandsbeteiligung bei unseren inländischen Emissionen wohl immer stärker wird, daß die Inlandsbeteiligung immer schwächer wird, und vor allem, was das Schlimmste ist, daß die Zinsen dieser Emissionen immer höher werden. Die 8%ige Breslauer Stadtanleihe ist kürzlich zu einem Kurs emittiert worden, der eine Nettoverzinsung von 8,55% bringt10. Die Realverzinsung – ein Index, den wir fortlaufend auf Grund der Berliner Börsenkurse berechnen – von allen in Berlin notierten festverzinslichen Werten von 8% und darunter ist von Ultimo Juni, wo er 7,82% betrug, auf 7,96% im Oktober wieder gestiegen, also auf nahezu 8%; da sind alle die minderverzinslichen Werte, die ja eine gewisse Spielchance enthalten, schon mit darin. Die 8%igen Pfandbriefe an der Berliner Börse allein verzinsten sich ultimo Oktober bereits mit 8,41% Realverzinsung. Ich glaube, daß diese Erscheinung am meisten zu denken gibt. Es ist vollständig ausgeschlossen, daß ein so hoch industrialisiertes Land wie Deutschland mit einer normalen Kapitalverzinsung von 8,5% seine Wirtschaft führen kann. Das ist weder für die Industrie noch insbesondere auch für die Landwirtschaft möglich.

10

Der Bankkommissar kam wegen der Höhe dieses Zinssatzes zu dem Ergebnis: „Die Ursache dieser ungünstigen Entwicklung muß nicht nur in der geringeren Aufnahmefähigkeit des Inlandsmarktes, sondern auch in der nachlassenden Geneigtheit des Auslandes, sich an solchen Emissionen zu beteiligen, gesucht werden“ (Bericht des Reparationsagenten vom 22.12.28; S. 258).

Um so bedauerlicher scheint es mir zu sein, wenn immer wieder von gewissen deutschen Seiten versucht wird, den Wohlstand in Deutschland als einen durchaus angemessenen und günstigen hinzustellen. Ich kann die Psychologie dieser Schriftsteller und Redner durchaus verstehen, daß sie gern dem schwer ringenden deutschen Volke eine gewisse Aufmunterung und einen gewissen Seelentrost zuteil werden lassen möchten; aber ich glaube, daß es[209] durchaus kurzsichtige Politik ist, denn diese Darstellungen des deutschen Wohlstandes werden sich in Realität einmal ganz schwer rächen.

[Der RbkPräs. übt Kritik an Berechnungen der Reichskreditgesellschaft und des Redakteurs Welter von der „Frankfurter Zeitung“. Die Reichskreditgesellschaft habe den Kapitalzuwachs mit 7,6 Mrd. RM angegeben, Dr. Welter habe ihn mit 9 Mrd. RM für 1927 beziffert, indem er Sparkassenguthaben und Hypothekenausleihungen zusammengerechnet habe, ohne die Kapitalverschiebung zu berücksichtigen. Die Rbk beabsichtige, eine eigene Untersuchung vorzulegen.]

Ich möchte hier nur konstatieren, daß wir im Jahre 1927, wenn man genau rechnet, vermutlich weniger Kapital gebildet haben, als in der Wirtschaft Kapital durch Abgang, Abschreibung usw. verloren gegangen ist; der Zuwachs, der sich angeblich herausstellt, umfaßt kaum den Betrag, den wir vom Ausland geliehen haben, so daß es wahrscheinlich ist, daß ein Teil der vom Ausland angeliehenen Gelder noch mit verbraucht, also nicht zu produktivem Zuwachs verwandt worden ist, daß wir also nicht einmal das eingeflossene ausländische Kapital voll als Kapitalzuwachs in der Wirtschaft erhalten haben.

Diese ganze Frage ist ja meines Erachtens die Kernfrage der Reparationen und wird sicherlich in den Debatten, wenn wir überhaupt zu ihnen kommen werden, eine sehr erhebliche Rolle spielen.

Die Resultate dieser Untersuchung zeigen, daß wir jenen Gesichtspunkt, der ja schon wiederholt in diesen Besprechungen zur Erörterung gekommen ist, immer wieder stark im Auge behalten müssen, daß wir alles anfallende Kapital in Deutschland, selbstverständlich bei gleichzeitiger Ausgabebeschränkung, grundsätzlich dahin zu leiten, dahin zu organisieren versuchen müssen, wo die größtmögliche Produktivität gegeben ist. Ich freue mich, konstatieren zu können, daß wir von den zuständigen Ministerien, nicht nur vom Wirtschaftsministerium, sondern auch vom Arbeitsministerium, mit dem wir neuerdings in diesen Fragen in etwas engeren Kontakt gekommen sind, in dieser Grundauffassung durchaus unterstützt werden, daß auch da das Bestreben vorhanden ist, die Verteilung der öffentlichen Fonds in einer gewissen Weise zu organisieren, um den dringendsten Kapitalbedarf auf den verschiedenen Gebieten in Deutschland zu befriedigen, so daß ich glaube, daß wir hier zu einem Erfolg der gemeinschaftlichen Arbeit kommen werden. Die Notwendigkeit einer solchen Politik ist ja um so mehr gegeben, als auch unsere Reichsfinanzen doch wohl immer stärker darauf angewiesen sein werden, sich eine gewisse Absatzmöglichkeit im Inlande für Reichswechsel oder Schatzanweisungen oder Anleihen zu sichern.

Was den allgemeinen Gang der Konjunktur betrifft, so brauche ich hier nur mit ganz wenigen Worten darauf einzugehen; das sind Dinge, mit denen jeder von Ihnen sich täglich beschäftigt. Das Gesamtbild zeichnet sich uns so ab, daß wir zweifellos einen Rückgang der Beschäftigung zu konstatieren haben seit einer Reihe von Monaten, daß sich aber dieser Rückgang bisher in relativ mäßigen Grenzen hält11. Die Preisindexziffern sind etwas gesunken. Wir[210] haben im August einen Großhandelsindex von 141,5 gehabt, der im Oktober auf 140,2 gefallen ist, während der Lebenshaltungsindex von 153,5 auf 152,1 zurückgegangen ist. Gleichzeitig sehen wir, daß insbesondere wohl im Zusammenhang mit unserer guten Ernte der Außenhandel sich etwas gebessert hat. Die Passivität in den ersten neun Monaten von 1928 beträgt nur 2 Milliarden; sie ist im August auf 57 Millionen im Monat und im September sogar auf 28 Millionen M Einfuhrüberschuß zurückgegangen, so daß wir vielleicht hoffen dürfen, mit 2,5 Milliarden Defizit in diesem Jahre auszukommen. Ich habe mich gewundert, daß ein Vertreter einer Staatsbank es neulich in einem Aufsatz trotzdem fertiggebracht hat, damit zu rechnen, daß wir – ich glaube, in etwa fünf Jahren – zu einem Handelsausfuhrüberschuß von 2,5 Milliarden kommen, was, wenn er es beweisen kann, sehr schön wäre.

11

Das Statistische Jahrbuch 1929 gibt die Zahl der Unterstützungsempfänger der ALV und Krisenfürsorge für August 1928 mit 654 539, für September mit 661 021, für Oktober mit 761 196, für November mit 1 131 574, für Dezember mit 1 832 552 an (S. 283).

Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius: In fünf Jahren! – Wenn es so weiter geht, erreichen wir es ja noch viel eher! (Heiterkeit.)

Reichsbankpräsident Dr. Schacht: Ja, wenn es so weiter geht, erreichen wir es allerdings noch eher!

Meine Herren, schwächere Beschäftigung, Sinken der Preisindices, nur zum Teil ausgeglichen durch geringere Einfuhrpassivität, ist eine Situation, die jedenfalls zu einer gewissen Aufmerksamkeit in der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzpolitik des Reiches Veranlassung gibt. Die Auswirkung auch auf das Budget wird sich meines Erachtens gar nicht vermeiden lassen. Man wird auch da mit einer solchen Tendenz rechnen müssen.

Ich möchte auf die Lohnkämpfe an dieser Stelle gar nicht eingehen12. Ich bin weder im Bilde, noch könnte ich mir irgendein Urteil darüber anmaßen. Ich glaube aber, eines doch einmal auch hier aussprechen zu müssen: es wäre gut, wenn es in einem Augenblick, der wirtschaftspolitisch, also konjunkturpolitisch so labil im Innern ist, und wo wir vielleicht in die Reparationsverhandlungen hineingehen, möglich wäre, diese Dinge zum Schweigen zu bringen und, sagen wir einmal, einen gewissen Ruhezustand für eine Reihe von Monaten einzuführen, damit man wenigstens an die Reparationsfrage und an die Ausgleichung der Konjunktur ohne innerpolitische Störungen sozialer und parteipolitischer Natur herangehen könnte.

12

Vgl. Dok. Nr. 52 u. 60, P. 1.

Ich darf noch mit kurzen Worten auf die Landwirtschaft eingehen. Eine Reihe von Sonderkrediten, die ja im Laufe der letzten Jahre der Landwirtschaft auf allen möglichen Gebieten gegeben worden sind und deren Rückzahlungstermine die Lage der Landwirtschaft ziemlich stark erschwert haben, ist abgedeckt. Der Rückzahlungsdruck ist hierdurch etwas gemildert. Gleichzeitig sehen wir uns einer besseren Ernte gegenüber, und es ist gar keine Frage, daß trotz des Preisrückganges die kreditpolitische Situation der Landwirtschaft bei allen Schwierigkeiten, denen sie nach wie vor ausgesetzt ist, doch nicht mehr so unmittelbar drückend ist, daß wir nicht die Hoffnung haben könnten, sie zu überwinden. Ich sage dies, obwohl die Umschuldungsaktion sehr langsam vor sich geht – teils wegen der Unmöglichkeit, Geld aufzunehmen, teils aber wegen der ungeheuren formalen Schwierigkeiten, die bei den Grundbuchämtern[211] und Hypothekenumschreibungen usw. zu bewältigen sind. Ich hoffe, daß trotzdem alle Faktoren dazu energisch mitarbeiten werden, diese Umschuldungsaktion weiterzubringen. Ich hoffe das insbesondere, weil wir darauf haben aufmerksam machen müssen, daß eine Verlängerung der drei- bis fünfjährigen Golddiskontbankobligationen, die wir seinerzeit der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt haben, nicht möglich ist. Die erste Rate im Betrage von 117 Millionen RM – das sollte bei einer Ernte von 10 Milliarden ja eigentlich keine große Rolle spielen – ist im Juli nächsten Jahres fällig, und wir haben schon vor Wochen die Landwirtschaft und die dazu gehörigen Institute darauf hingewiesen, daß eine Verlängerung der Golddiskontbankkredite nicht in Frage kommen kann, und zwar aus einem ganz einfachen Grunde: die Golddiskontbank ist selber mit Kredit im Auslande engagiert und wird sich ihren Kredit nicht dadurch schädigen lassen können, daß hier die Landwirtschaft einfach erklärt: ja, wir nehmen zwar Geld sehr gern, aber wir können es bei Fälligkeit nicht zurückzahlen. Ich glaube, daß alle in Frage kommenden Stellen die Landwirtschaft einmal auf das Gefährliche dieser Argumentation aufmerksam machen müssen. Man kann nicht immer bloß Geld nehmen, erst durch Wechsel, dann durch langfristige oder mittellangfristige Schuldverschreibungen und dann bei Fälligkeit sagen: aber bezahlen können wir jetzt nicht, ihr müßt uns das prolongieren. Das würde auf den Kredit der Landwirtschaft natürlich ruinös einwirken.

Ich sehe daneben vollständig ein, daß die Landwirtschaft bei einem Zinssatz von 9 bis 12% für lang- und kurzfristige Schulden überhaupt nicht existieren kann. Ich glaube, daß das Problem der Regierung nicht erspart bleiben wird, hinsichtlich der Erleichterung der Zinslast der Landwirtschaft einmal etwas Energisches zu tun. Schon heute ist die Zinslast der Landwirtschaft etwa eine Milliarde RM und damit schon ganz erheblich höher, als sie vor dem Kriege war.

Eine weitere Verschuldung der Landwirtschaft ist deshalb auch vollkommen sinnlos. Ich möchte hier nur einmal einen Gedanken in die Debatte werfen: Ist es nicht möglich, daß man der Landwirtschaft – zum mindesten bei dem Großgrundbesitz sollte es möglich sein – Zinsbeihilfen gewährt und zu deren Abdeckung Land in Staatsbesitz übernimmt, d. h. als Gegenwert für die Zinserleichterung, die man ihr gibt, sich neues Domänenland schafft, das dann für spätere Siedlungen oder auf sonstige Weise verwertet werden kann?

Bedauerlich ist es, daß die Verhandlungen über die Konsolidierung der landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften nicht schnell genug vorangehen. Ich habe den Eindruck, als ob da manche persönlichen Schwierigkeiten mitspielen, und würde sehr wünschen, daß diese Dinge sowohl von parteipolitischen wie von persönlichen Betrachtungen freigehalten werden könnten. Es handelt sich hier um eine der wichtigsten sachlichen Aufgaben für die Weiterbringung der Landwirtschaft.

Wenn ich dann noch ein ganz kurzes Wort über die Reparationen sagen darf, über die Sie ja alle im Bilde sind, so glaube ich, daß gerade die mangelnde Kapitalbildung in Deutschland und die zu hohe Zinsenlast, unter der die deutsche Wirtschaft leidet, eine schwindende Kreditwürdigkeit und Kreditfähigkeit[212] Deutschlands herbeiführen und deshalb eine Weiterführung der Reparationszahlungen in der jetzigen Form in absehbarer Zeit zu einer vollständigen Unmöglichkeit machen muß. Ich glaube, wir müßten versuchen, darauf zu dringen, daß die Reparationszahlungen unter keinen Umständen als ein politisches Handelsobjekt angesehen werden können. Es handelt sich gar nicht darum, ob wir zahlen wollen, sondern es handelt sich nur darum, ob wir zahlen können. Die Reparationen sind kein politisches Handelsobjekt; sie sind einzig und allein ein ökonomisches Problem, und ich glaube, man sollte, nachdem man seinerzeit unter dem Pistolendruck alles unterschrieben hat, was man leider damals unterschreiben mußte, heute nichts unterschreiben, was man nicht wirklich auch zu leisten imstande ist, wobei uns die Welt durch weitere Kreditgewährung behilflich bleiben wird, denn wir haben heute den Schutz des Dawes-Planes, der eventuell die Reparationszahlungen an das Ausland von selbst inhibiert.

[In der folgenden Diskussion weist der RWiM darauf hin, daß die Kapitalbildung in Deutschland zu gering sei, zumal die wachsende Zahl der Arbeitnehmer zusätzliches Kapital erfordere. Der Repko solle zu diesem Problem eine gemeinsame Arbeit des RWiM und des RbkPräs. vorgelegt werden.]

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