2.56.1 (sch1p): [Lage im Osten]

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 27). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Das Kabinett ScheidemannReichsministerpraesident  Philipp Scheidemann Bild 146-1970-051-17Erste Kabinettssitzung der neuen deutschen Reichsregierung am 13.2.1919 in Weimar Bild 183-R08282Versailles: die deutschen Friedensunterhändler Bild 183-R11112Die Sozialisierung marschiert! Plak 002-005-026

Extras:

 

Text

RTF

[Lage im Osten]

Ministerpräsident Scheidemann begrüßt Exz. Groener und eröffnet die Sitzung.

Generalleutnant Groener: Es war mir ein großes Bedürfnis, gerade den gegenwärtigen Augenblick zu benutzen, um nochmals ein zusammenfassendes Bild unserer militärischen Lage zu geben. Die Aufgabe, die der OHL für den Osten zugefallen war, war eine dreifache:

[211] 1. An der Bolschewistenfront einen sicheren Wall vorwärts der ostpreußischen Grenzen möglichst auf der kürzesten Linie zu schaffen und dahinter gewissermaßen einen seuchenfreien Raum zwischen dem Wall und unserer Grenze3. Nicht beabsichtigt von vornherein war eine weitreichende Offensive. Soweit Offensivmaßnahmen durchgeführt wurden, dienten sie nur der Herstellung der kürzesten Linie. Gleichzeitig mit diesen militärischen Aktionen erfolgte die innere Konsolidierung von Ost- und Westpreußen.

3

Art. XII des Waffenstillstandsvertrags vom 11.11.1918 beließ diejenigen dt. Truppenteile, die „sich augenblicklich auf den vor dem Kriege zu Rußland gehörigen Gebieten befinden“, in ihren augenblicklichen Stellungen und untersagte einen Rückzug, bis die All. „den Augenblick für gekommen erachteten“ (Waffenstillstand, I, S. 37 f.). Auf dieser Grundlage schloß der damalige Generalbevollmächtigte des Reiches für die baltischen Länder und Gesandte für die Regg. Lettlands und Estlands, August Winnig, am 29.12.1918 einen Vertrag mit der lettischen Reg. ab, der den gemeinsamen Kampf gegen die bolschewistischen Truppen in Livland und Lettgallen und das Staatsbürgerrecht dt. Freiwilliger in Lettland betraf; Text in: Winnig, August: Heimkehr, Hamburg 1935, S. 88.

2. An der Posener Front war eine starke Defensive zur Abwehr weiterer polnischer Angriffe und gleichzeitig die Vorbereitung für eine Wiedernahme der Provinz Posen, Bereitstellung von Truppen zur schnellen Versammlung auf beiden Flügeln notwendig4. Hiermit verbunden war, wie bei der ersten Aufgabe, die innere Konsolidierung, insbesondere der Provinz Pommern.

4

Die Vorbereitung für eine Wiedereroberung der Provinz Posen war von der OHL bereits zurückgestellt worden; in einer Lagebeurteilung für den RMinPräs. vom 16.4.1919 führte Groener dazu aus: „[…] Die Oberste Heeresleitung war seit Anfang März, wie bereits früher der RReg. gemeldet, in der Lage, mit den ihr zur Verfügung stehenden Truppen die Provinz Posen zurückzuerobern. Die Verhandlungen mit der Entente und die inneren Unruhen in Deutschland ließen die Durchführung des Planes nicht zu. Zur Zeit muß der Grenzschutz sogar Kräfte für den Kampf im Innern bereitstellen. Nach Eintreffen der Hallerschen Divisionen verschiebt sich das Kräfteverhältnis wesentlich zu unseren Ungunsten, so daß dann ein Angriff vorläufig nicht durchführbar erscheint.“ (R 43 I/1795, Bl. 134-136, hier: Bl. 136).

3. An den Schlesischen Fronten mußte eine zuverlässige Sicherung Oberschlesiens und der Grafschaft Glatz gegen polnische und tschechische Einfälle geschaffen werden, und zwar nach drei Seiten hin: nach der Provinz Posen, Polen und Tschechien. Auch in Schlesien mußte für die innere Konsolidierung der Verhältnisse Sorge getragen werden, wenn wir nach außen erfolgreich militärisch operieren wollten.

Die Sicherung der Grenzen gegen die Bolschewisten hat das AOK Nord5, die Sicherung der Grenzen gegen Polen und Tschechen das AOK Süd6 übernommen; beide Aufgaben sind restlos erfüllt worden. Wir sind zur Zeit für alle Fälle bereit, die im Osten noch passieren können und haben somit einen festen Untergrund für die Führung der Auswärtigen Politik im Osten geschaffen. Nachdem die Anfänge des Grenzschutzes schon vor dem Eintreffen der Obersten Heeresleitung in Kolberg7 organisiert waren, handelte es sich seitdem insbesondere noch um die Gliederung der einzelnen Verbände für taktische und operative Aufgaben; vorher waren die Verbände noch keine operationsfähigen Truppen. Es war notwendig, die Kommandoverhältnisse neu zu[212] regeln, die Truppe wieder fest in die Hand der Führer zu bekommen und die Kräfte zu vermehren. Ich kann melden, daß auch diese Aufgabe nunmehr erreicht ist.

5

In Bartenstein/Ostpreußen; Kommandierender General: General der Infanterie von Quast, Stabschef: GenMaj. v. Seeckt, ab 17.4.1919 Oberst Heye.

6

In Breslau; Kommandierender General: General der Infanterie v. d. Borne, Stabschef: GenMaj. v. Loßberg.

7

Am 14.2.1919.

Ich gehe über zu der Lage im einzelnen und möchte zunächst an der Hand der Karten einen genauen Überblick über die Verhältnisse im Osten geben. (Exz. Groener zeigt an der Hand der Karte die militärische Entwicklung im Osten seit November 18 bis zur Einnahme der jetzigen Stellung.)

Was die Gesamtstärke der Sowjets anlangt, so sind die Nachrichten darüber sehr schwankend. Die beabsichtigte Aufstellung der Dreimillionenarmee ist Trotzki nicht gelungen. Zur Zeit wird mit einer Gesamtstärke von 1,2 Millionen Bolschewisten gerechnet, davon etwa 300 000 Mann an der Ostfront, 300 000 Mann an der Südfront, 300 000 Mann an der Westfront, 50 000 an der Murmanküste, der Rest im Innern. Die bolschewistische Operation gegen die Ukraine hat erhebliche Kräfte der Sowjettruppen in Anspruch genommen; aber die Sowjets haben dadurch nicht unerhebliche Verstärkung gewonnen, daß ein Teil der Petljura-Truppen zu ihnen übergegangen ist. Die Widerstandsfähigkeit der nationalukrainischen Kräfte hat sich als sehr gering herausgestellt.

Seit den letzten Wochen ist an der Sibirischen Front eine neue große Operation des Admirals Koltschak gegen die Sowjets im Gange. Zuverlässige Nachrichten aus der Ukraine besagen, daß die Sowjets aus den in der Ukraine kämpfenden Truppen 150–200 000 Mann in die Gegend von Woronesch zusammenziehen wollen; der Zweck dieser Maßnahme kann nur die Bereitstellung für eine Verwendung dieser Truppen gegen Koltschak oder an der Westfront sein.

Im Westen sind zwei neue Divisionen vor unserem linken Flügel eingetroffen, die 11. bei Riga, die 4. Div. weiter südlich.

Die Operationen an der Murmanfront sind zur Zeit eingestellt. Wenn man die Gesamtlage der Sowjets überblickt, so ist zu sagen, daß augenblicklich der Sowjetregierung die größte Gefahr aus dem Osten droht.

Im Süden hatten die Sowjets Erfolge gegen die Freiwilligenarmee und die Donkosaken zu verzeichnen. Das Vorgehen der Sowjettruppen gegen Bessarabien und die rumänische Grenze ist zunächst auf keinerlei besonderen Widerstand gestoßen. Zuverlässige Nachrichten darüber, wie die rumänischen Truppen sich gegenüber einem Überschreiten der bessarabischen Grenze und dem Eindringen in Rumänien selbst verhalten werden, liegen noch nicht vor.

An der polnischen Front kämpfen die Bolschewisten mit wechselndem Glück. Vor einigen Tagen soll ein Panzerzug nach Wilna hereingefahren sein, Straßenkämpfe in der Stadt zwischen Polen und Bolschewisten sind gemeldet; westlich Wilna stehen die Sowjettruppen noch. Um Lida wird zwischen Polen und Bolschewisten mit wechselndem Erfolg gekämpft.

Was die innere Verfassung der Sowjettruppen anbelangt, so ist ein Bericht über die gegenwärtigen Verhältnisse in der Roten Armee, der uns über das Auswärtige Amt zugegangen ist, besonders interessant. In diesem Bericht wird ausgeführt: „Die wichtigste Frage, welche die Sowjetregierung beschäftigt, ist die Frage der Roten Armee. Durch eine Anzahl Befehle und Verordnungen Trotzkis wird die Beunruhigung innerhalb der Zentralmacht Rußlands wegen[213] der Zustände in der Roten Armee treffend gekennzeichnet. Besonders charakteristisch sind die Erlasse wegen der Kommandogewalt, aus denen hervorgeht, daß die frühere Methode der Aufhetzung der Soldaten gegen ihre Führer sich an der Sowjetmacht rächt. Trotzki weist auf das Verderbliche der unter den Truppen herrschenden Voreingenommenheit gegen die Führer aus der Zahl der früheren Cadreoffiziere hin. In gleichem Sinne äußert sich auch der Oberkommandierende der Roten Armee Wazetis: die Kommandoangelegenheit in der Armee befinde sich in katastrophalem Zustand. Der Mangel an Offizieren würde schwer empfunden. Das Sowjetrußland liefe Gefahr, ohne Generalstab zu bleiben. Die Schaffung eines Roten Generalstabes sei bis jetzt noch nicht gelungen, denn der „Roten Militärakademie“ könne keine ernste Bedeutung beigelegt werden. Aus der „Roten Akademie“ gingen „Rote“ hervor, aber keine Führer und kein Generalstab. Es gäbe eine große Anzahl Truppenabteilungen, an deren Spitze militärisch völlig unausgebildete Führer ständen. Wenn ehemalige Offiziere die Soldaten auf ihre Pflichten hinwiesen, setzten sie sich Beschimpfungen und Drohungen aus. In einer der letzten Nummern der „Iswestija“ beschäftigt sich Trotzki ebenfalls mit der Frage der Kommandogewalt. Er weist nach, wie sehr die Tätigkeit früherer zaristischer Offiziere nutzbringend sei. Dem Einfluß ehemaliger, zur Roten Armee übergegangener Offiziere sei es zweifellos zuzuschreiben, daß in einzelnen Truppenteilen Disziplin und Pflichtbewußtsein wiederkehrten, und die Soldaten ihren Dienst nicht nur aus Furcht vor Strafen täten“8. Die Bolschewisten haben bisher die Disziplin mit dem Terror aufrechterhalten, aber jetzt erkannt, daß dies nicht genügt.

8

Weder in den Akten der Rkei noch des AA aufzufinden.

Im Norden haben wir unsere Stellung bis an den Meerbusen von Riga herangeschoben, wollen aber Riga nicht nehmen9. Wir stehen annähernd auf der kürzesten Linie. Unsere Angriffe zur Herstellung der kürzesten Linie trafen die bolschewistischen Truppen unvorbereitet, sie waren auch geschwächt durch die gleichzeitigen Angriffe in Estland. Der Widerstand war gering10. Geschlossenen Angriffen sind die altrussischen Truppen stets ausgewichen; vortrefflich bewährt haben sich aber die bolschewistischen Letten-Regimenter, die bei Riga auch heftige Gegenangriffe gemacht haben. Wir beobachten bei den Sowjets die Taktik, den Feind erst durch Propaganda zu entnerven und dann erst anzugreifen, wie dies in der Ukraine auch gut gelungen ist. Die Inbesitznahme der Ukraine hat den Sowjettruppen auch eine wesentliche Verstärkung an Kriegsmaterial gebracht, damit wurde ihrem Munitionsmangel abgeholfen. Mit dem Indienststellen der bolschewistischen Flotte muß in der nächsten Zeit gerechnet werden.

9

Riga wurde am 22.5.1919 von dt. und lettischen Freiwilligentruppen genommen, s. Darstellungen aus den Nachkriegskämpfen dt. Truppen und Freikorps, Bd. II, Berlin 1937, S. 125 ff.

10

Im Verlauf einer Offensive zwischen dem 7. und 26.3.1919 hatten dt.-lettische Freiwilligentruppen die sowjetischen Verbände bis auf eine Frontlinie zurückgeworfen, die etwa dem Verlauf der kurländischen Aa folgte und ungefähr 200 km nördlich der ostpr. Grenze verlief; s. Darstellungen aus den Nachkriegskämpfen, a.a.O., S. 39 ff.

Die Lage an unserer bolschewistischen Front ist zur Zeit etwas entspannt, insbesondere auch durch den Angriff des Admirals Koltschak im Osten. Es darf[214] aber auch wohl angenommen werden, daß die Sowjets sich von einem Eindringen in unser Land keinen Erfolg versprechen, nachdem wir den Widerstand organisiert und die Truppen wieder in der Hand haben. Leider ist die spartakistische Hetzarbeit in Ost- und Westpreußen immer noch nicht vollständig unterbunden, aber es ist sehr schwer, die Hetzer rechtzeitig zu fassen. Wenn es gelingt, Ost- und Westpreußen gesund zu erhalten, dann werden wir alle etwaigen bolschewistischen Angriffe abwehren können. Wenn wir aber der Hetzarbeit wieder die Tür öffnen, so kann ich keine Gewähr übernehmen.

Für die militärische Situation der nächsten Wochen ist die Entscheidung auf politischem Gebiet zu suchen. Entweder wir verbleiben weiter in der Defensive gegen die Bolschewisten, oder wir unternehmen eine Offensive, diese aber nur im Verein mit unseren bisherigen Feinden. Auf die Mitwirkung französischer Truppen legen wir dabei allerdings keinen Wert, sie wären auch ungeeignet. Eine Offensive wäre in folgender Weise zu denken: polnische Truppen wären in Richtung Minsk, unsere Kräfte mit amerikanischen, evtl. auch englischen zusammen bei Wilna, Dünaburg und Riga einzusetzen. Die englische Flotte müßte gegen Riga vorgehen sowie auf Reval, Narwa und Petersburg und dort Truppen landen. Der Zeitpunkt für eine solche konzentrische Operation würde im Mai gekommen sein. Sie würde den Zweck verfolgen, die Bahn Wilna–Petersburg in die Hand zu bekommen. Ob eine solche Offensivoperation im Sinne Amerikas und Englands liegt, steht dahin11. Daß derartige Erwägungen eine gewisse Rolle bei der Entente gespielt haben, ist zweifellos. Die Entente hat ja auch schon den Plan gehabt, vom Süden Rußlands aus gegen die Bolschewisten vorzugehen, diese Operation ist aber nicht zustande gekommen. Welche Wirkung eine solche Offensive auf Moskau und den Bestand der Sowjetregierung haben würde, das zu beurteilen ist nicht meine Aufgabe. Sollte eine solche gemeinsame Operation nicht zustande kommen, so bin ich für eine strikte Defensive. Für diese würde es militärisch zweckmäßig sein, eine Verkürzung unserer Front vorzunehmen und zu diesem Zweck unsere Linien auf dem rechten Flügel bis Augustow-Kalvarija westlich Kowno zurückzunehmen. Das Auswärtige Amt bitte ich um Äußerung, ob politische Gründe dagegen sprechen. Militärisch würden wir den Vorteil haben, daß wir Kräfte für die Verstärkung unseres linken Flügels gewinnen könnten. Gegen die Aufgabe von Litauen sprechen vom militärischen Standpunkte aus keine Bedenken, da die OHL militärisch kein Interesse an den Randstaaten hat. Litauen ist nach unseren Beobachtungen noch nicht lebensfähig, die Regierung ist uns nicht freundlich gesinnt, kann aber unsere Hilfe noch nicht entbehren. Es besteht die Gefahr, daß die Franzosen großen Einfluß gewinnen, wenn wir dort fortgehen. Vom militärischen Standpunkte aus ist es gleichgültig, ob Grodno in die Hand der Litauer oder Polen fällt12.

11

Der Plan ist nicht verwirklicht worden; ob Kontaktgespräche bez. einer dt.-all. Offensive geführt worden sind, kann nicht festgestellt werden.

12

Zur politischen und militärischen Lage in Litauen und zum dt.-litauischen Verhältnis s. Dok. Nr. 66, P. 7.

Über die neueste politische Lage in Lettland ist die OHL unmittelbar noch nicht ausreichend unterrichtet; an den politischen Verhältnissen hat die OHL[215] kein Interesse, da sie nur rein militärische Aufgaben zu erfüllen hat. Die Hauptsache für uns ist, daß Ruhe hinter der Front herrscht, daß jede bolschewistische Verseuchung verhindert wird, und daß wir den Nachschub glatt regeln können. Die gestürzte wenig deutschfreundliche Regierung scheint stark Anlehnung an die Entente gesucht zu haben13.

13

Siehe Dok. Nr. 53, P. 1.

An der Polenfront herrscht durch die Schuld der Polen wieder gesteigerte Kampftätigkeit trotz des Waffenstillstandes. Die OHL hat die schärfsten Befehle gegeben, daß seitens der deutschen Truppen jedwede provokatorischen Handlungen unterbleiben; die Truppen sind über den Waffenstillstandsvertrag aufgeklärt. Die Nachrichten über die Kampftätigkeit gehen jeden Tag durch Funkspruch heraus, so daß die Entente auf schnellstem Wege die Waffenstillstandsverletzungen der Polen erfährt. Die Hauptbrennpunkte sind der Netzeabschnitt, die Thorner Südfront und einzelne Teile der Schlesischen Front. Nach Gefangenenaussagen soll ein polnischer General in einer Ansprache von bevorstehender Zusammenziehung polnischer Truppen südlich Posen, bei Nakel, Bromberg und Thorn gesprochen haben. Es ist klar, daß eine vollständige Ruhe nie eintreten wird, weil die Gemüter der Truppen sowohl wie der Bevölkerung stark erhitzt sind. Die zukünftigen möglichen Angriffsziele der Polen sind in erster Linie Danzig und auch Teile von Oberschlesien. Die Hallersche Armee verschiebt das Kräfteverhältnis ganz wesentlich zu unserer Ungunsten. Diese Truppen sind gut, sie bestehen zu 4/5 aus amerikanischen Polen und sind vom Bataillonskommandeur aufwärts ausschließlich von französischen Offizieren geführt. Die höheren Stäbe sind stark französisch zusammengesetzt. Mit der Hallerschen Armee ist uns im Osten eine neue französische Armee entstanden; das ist sehr wichtig für die Beurteilung der polnischen Frage. Eine Wiedernahme der Provinz Posen mit militärischen Mitteln ist dadurch ganz bedeutend erschwert, aber doch nicht unmöglich geworden. Allerdings müßten wir unsere anderen Fronten ganz erheblich schwächen. Ich kann nicht beurteilen, ob politisch eine Wiedereroberung in Frage kommt14. Die Erbitterung in der Bevölkerung wird natürlich immer weiter verstärkt; ob der Friede eine Beruhigung herbeiführt, steht dahin. In der weiteren Entwicklung der polnischen Angelegenheit drohen uns militärisch die allergrößten Gefahren. Wenn die Armee Haller sich wirklich bewährt, und weiter in französischen Händen bleibt, so haben wir im Osten eine sehr beachtenswerte Feindschaft zu erwarten. Wäre die polnische Armee nicht den Franzosen in die Hände gefallen, oder hätten die Polen die Armee allein organisiert, so würde ich die Armee nicht fürchten. Die Hallerschen Divisionen sollen voraussichtlich an der polnischen Ostfront eingesetzt werden, aber das hindert ja nicht, die Divisionen nachher auch woanders hinzuschieben. Gegenüber Oberschlesien haben die Polen die Teschener und Bendziner Gruppe, die vor kurzem geschwächt waren, wieder verstärkt. Dies war möglich durch Einziehung weiterer Jahrgänge. Augenblicklich glaube ich jedoch trotzdem nicht, daß Schlesien unmittelbar eine Gefahr droht. Entscheidend[216] bleiben unsere inneren Verhältnisse; gelingt es uns, im Innern Ordnung zu halten, so habe ich keine Sorge.

14

Siehe Anm. 4.

Eine gewisse Gefahr für unsere Verhältnisse im Osten bildet der Bund der Posener Flüchtlinge, der die OHL dauernd mit Eingaben bombardiert hat15. Die Erregung dieser Leute kann man ja verstehen, wir haben sie aber nach Möglichkeit beruhigt, und ich hoffe, daß sich der Bund zu keinen Unüberlegtheiten hinreißen läßt.

15

Siehe Dok. Nr. 51, P. 6; der „Deutsche Heimatbund Posener Flüchtlinge“ war aus den dt. Volksräten in Posen hervorgegangen und wurde mit den Worten Georg Cleinows, eines seiner Mitbegründer, in dem Sinne geführt, „den die Volksräte für notwendig hielten: erst kämpfen, dann als geschlossene Macht der Ostmärker auf die Regierung drücken und sich durch ihr mutvolles Eintreten für die Ostmark ein Recht auf die spätere Beachtung erwerben“ (Cleinow, Georg: Der Verlust der Ostmark, Berlin 1934, S. 189). In seinen „Richtlinien“ führte der Heimatbund unter Art. 2 aus: „Alsbaldigste Wiedereroberung unserer Heimat unter Fühlungnahme mit den obersten Militärbehörden zum Zwecke eines gleichmäßigen Vorgehens auf der ganzen Front. Sofortige Herstellung der Verbindung mit der Heimat. Festigung unserer Interessen unserer besetzten Heimat auf der Friedensversammlung und NatVers gegenüber der RReg.“ (R 43 I/1829, Bl. 66).

An der Tschechischen Front hält die Entspannung an; die Vorgänge in Ungarn haben tschechische Truppen abgezogen, und auch die Unruhen im Deutsch-Böhmischen Randgebiet halten die Tschechen von Unternehmungen gegen uns zurück. Augenblicklich besteht für den Glatzer Kessel keine besondere Gefahr.

Nach Vorstehendem sind meine militärischen Schlußfolgerungen folgende: Solange wie möglich müssen wir die militärische Stärke, die wir im Osten gewonnen haben, erhalten. Erst wenn wir wissen, wie der Friede wird, können wir daran denken, den Grenzschutz je nach Gestaltung der inner- und außerpolitischen Lage abzubauen. Die mit dem Abbau des Grenzschutzes verbundene Aufgabe von Gebieten würde ich auch deswegen jetzt nicht für zweckmäßig halten, weil den deutschen Freiwilligen, die in den dortigen Landeswehren eingetreten sind, vertraglich Ansiedelung in diesen Gebieten zugesagt ist16. Ein vorzeitiges Abbauen des Grenzschutzes würde nicht nur aus außerpolitischen Gründen eine sehr gewagte Sache sein; auch aus innerpolitischen Rücksichten bitte ich dringend, die sicheren Verhältnisse, die wir im Osten geschaffen haben, nicht zu erschüttern; der Osten ist in der Hand der Regierung, und wir sorgen dafür, daß er in ihrer Hand bleibt. Die Regierung kann jetzt im Osten wieder regieren, sie hat die Macht, ihre Anordnungen dort durchzusetzen. Rütteln Sie nicht an dieser Macht! Sie wird nur nach den Forderungen und den Wünschen der Regierung gebracht.

16

In dem in Anm. 3 erwähnten dt.-lettischen Vertrag vom 29.12.1918 war von einem Ansiedlungsrecht dt. Freiwilliger in Lettland nicht unmittelbar die Rede, doch schloß das vereinbarte lettische Staatsbürgerrecht das Recht auf Siedlung mit ein: nach einer Meldung des dt. Vertreters bei der Lettischen Regierung in Libau vom 4.3.1919 hatte die lettische Regierung nach der Märzoffensive versprochen, daß bereits im Frühjahr die Landverteilung „an diejenigen Soldaten begonnen werden soll, die im Kampf gegen die Bolschewisten verwundet wurden, sowie an die Angehörigen der Gefallenen.“ (Schultheß 1919, II, S. 325).

Noch einige Zahlen möchte ich Ihnen geben:

Gesamtstärke des AOK Nord

=

103 000 Mann,

Gesamtstärke des AOK Süd

=

106 000 Mann,

209 000 Mann,

[217] davon sind vorne eingesetzt beim AOK Nord

72 000 Mann,

davon sind vorne eingesetzt beim AOK Süd

96 000 Mann,

zusammen:

168 000 Mann,

die im gesamten Grenzschutz eingesetzt sind; der Rest befindet sich in Reserve.

Über die Stärke der polnischen Truppen ist zu sagen:

Von der Hallerschen Armee sind bisher eingetroffen 10 000 Mann.

In Kongreß-Polen sind die Jahrgänge 1901–96 mit ungefähr 210 000 Mann eingezogen. Beschlossen, aber noch nicht befohlen ist die Einziehung der Jahrgänge 95–91 mit 150 000 Mann. Von Haller sind noch zu erwarten: ca. 50 000 Mann, so daß in Kongreß-Polen mit 20 000 aus Polen herangeholten Truppen in absehbarer Zeit im ganzen ungefähr 440 000 Mann stehen könnten.

In Posen haben die Polen die Jahrgänge 01–94 eingezogen, die mit Freiwilligen aus früheren Jahrgängen etwa 68 500 Mann ausmachen; davon 20 000 Mann nach Kongreß-Polen abgegeben. Die Einziehung der Jahrgänge 93–91 mit ca. 21 000 Mann ist befohlen.

Die mögliche Höchststärke des tschechischen Heeres beträgt bei Einziehung aller 20–36 Jährigen und nach Einziehung aller Legionäre und Kriegsgefangenen 440 000 Mann. Die Summe der zur Zeit in Front stehenden Truppen ist auf 96–120 000 Mann zu schätzen. Davon stehen an der bayerischen Front 4–5000, an der sächsischen 13–17 000, an der schlesischen 35–47 000 Mann, der Rest an der polnischen, ungarischen und österreichischen Front. Im Hinterlande sind 40–55 000 Mann gemeldet.

Den Feinden sind wir durch unsere schwere Artillerie und reicheren Vorräten an Munition überlegen.

Ich komme jetzt zu politischen Fragen. Ich habe schon erwähnt, daß ich es als eine schwere Benachteiligung unserer politischen Stellung betrachten würde, wenn wir unsere militärische Stellung im Osten schwächen würden. Dadurch würde auch sicherlich nicht die taktische Stellung unserer Friedensunterhändler gestärkt werden, woran wir doch das allergrößte Interesse haben. Unsere Unterhändler müssen auf der Friedenskonferenz doch mit Gegenvorschlägen kommen können und Zeit gewinnen; dazu bedürfen sie des Rückhaltes nicht nur an der Regierung und im Vertrauen des Volkes, sondern auch an unserer militärischen Kraft nicht nur nach außen, sondern auch im Innern. Man weiß ja nicht, wie die Verhandlungen verlaufen, welche Forderungen wiederauftreten werden. Ich glaube, daß die Franzosen und Polen auf die polnischen Forderungen noch nicht ganz verzichtet haben. Die Polen werden, sowie wir unseren Grenzschutz schwächen, sofort in Westpreußen und Oberschlesien einrücken und vollzogene Tatsachen schaffen. Die Verstärkung ihrer Wehrmacht durch die Hallerschen Divisionen wird ihnen dabei zugute kommen. Sollte uns Posen, was ich immer noch zu hoffen wage, zum größten Teil wieder zugesprochen werden, so müssen wir doch die nötigen Kräfte haben, um es zu besetzen. Ich sehe sehr schwarz für den Osten, wenn wir nicht wenigstens wieder die Warthelinie bekommen. Im Falle der Schwächung unseres Grenzschutzes müssen wir damit rechnen, daß die Erregung der Bevölkerung des Posenschen Restgebietes und der im Grenzschutz verwendeten Posener Flüchtlinge erheblich[218] gesteigert würde; ein regelrechter Bandenkrieg in der Provinz kann die Folge sein. Gegenüber Ostpreußen würde der Abbau des Grenzschutzes das Land dem Bolschewismus restlos ausliefern, denn die Regierungen in Litauen und Lettland können den Bolschewismus nicht aufhalten. Der Bolschewismus würde alsdann auch das deutsche Gebiet östlich der Weichsel durchsetzen und neue Chancen für die Polen schaffen. Der Grenzschutz für Ostpreußen kann nicht eher aufgegeben werden, als wir wissen, was aus Rußland wird.

Wenn wir den Grenzschutz aufgeben würden, müßten wir auch mit den Sowjets in Verhandlungen treten. Wir haben der Entente immer wieder erklärt, daß wir gegen den Bolschewismus kämpfen würden; würden wir jetzt Verhandlungen mit den Sowjets anknüpfen, so würde die Entente uns der Illoyalität bezichtigen können. Deutschland muß in dieser Frage im Kielwasser Amerikas segeln.“

Reichsminister Erzberger wirft hier ein: „Amerika will ja mit den Sowjets Frieden schließen.“

„Dann müssen wir eben sehen, wieweit wir durch Amerika mit Rußland kommen. Es wird natürlich ganz wesentlich sein, welche Stellung jetzt die Entente zum Bolschewismus einnehmen wird. Jetzt können wir der Entente jederzeit sagen, wir haben den Wall gegen den Bolschewismus errichtet, wir fordern nun eine Gegenleistung, die ich in einer entsprechenden Regelung der polnischen Frage sehen würde. Ein Abbau des Grenzschutzes würde auch den Spartakisten einen neuen Impuls geben und die Regierung schwächen.

Ich möchte mich dagegen wenden, daß gesagt wird, der Grenzschutz bedeute Militarismus und Reaktion, jedermann hat gesehen, daß nur diejenige Regierung wirklich regieren kann, die eine militärische Macht, d. h. eine Staatsgewalt hinter sich hat. Ich verkenne nicht, daß mit dem Militär in der Vergangenheit manches verbunden war, was nicht hätte sein sollen, aber ohne Macht können Sie nicht regieren. Die OHL steht auf dem Standpunkte, es gibt keine Gegenrevolution, keine Reaktion, nur gesunde Staatsgewalt im Innern. Wir haben nur den Wunsch, daß die Regierung uns vertraut. Wenn jemand glaubt, daß wir ohne diese militärische Macht auskommen können, irrt er sich, und wenn hundert Völkerbünde kommen. Charakteristisch ist, daß die Amerikaner bei den Friedensverhandlungen betont haben, Deutschland könne angesichts seiner geographischen Lage nicht unter 500 000 Mann auskommen. Hiermit will ich nicht sagen, daß ich mich auf diese Zahl festlegen will.

Über die innere Lage in den Ostprovinzen ist folgendes zu sagen:

In Ostpreußen hat sich eine Besserung der inneren Verhältnisse angebahnt, seitdem die Volksmarinedivision in Königsberg beseitigt ist17. Von allen Behörden wird aber weiter dringend ein Einschreiten gegen die bolschewistischen Hetzer gefordert.

17

Die hauptsächlich aus Matrosen bestehende Republikanische Volkswehr in Königsberg hatte durch Übergriffe, insbesondere des von ihr gebildeten Siebener-Ausschusses, die Arbeit der Regierungsbehörden so sehr behindert, daß sie durch eine militärische Aktion am 3.3.1919 entwaffnet und eine erhebliche Anzahl ihrer Mitglieder verhaftet wurde; näheres in: Winnig, August: Heimkehr, Hamburg 1935, S. 164 ff.

In Westpreußen hält die polnische Gefahr in unverminderter Stärke an.[219] Wieweit in Westpreußen auch mit der bolschewistischen Gefahr gerechnet werden muß, ist nicht sicher zu beurteilen; einen Anhaltspunkt bietet der Generalstreik in Danzig.

In Pommern hat die bolschewistische Bewegung unter den Landarbeitern Fortschritte gemacht, da die in der letzten Denkschrift gemachten Vorschläge der OHL zur Sanierung der Verhältnisse zu spät in Angriff genommen worden sind. Ohne militärische Hilfe können die Zivilbehörden sich nicht durchsetzen. Die Arbeiterräte sind zwar traitabel, sie haben aber ein falsches Mißtrauen gegen alle vernünftigen Maßnahmen der Verwaltung und verhindern sie in der Befürchtung, daß sie gegenrevolutionär wären.

Aus Schlesien wird berichtet, daß eine Anzahl spartakistischer Agitatoren ihr Hauptquartier nach Breslau und in das Kohlenrevier verlegt haben. Es wird der Vorschlag gemacht, dem AOK Süd einen Regierungskommissar mit weitgehenden Vollmachten für die Provinzen Pommern, Posen und Schlesien zu erteilen18.

18

Siehe Dok. Nr. 102, P. 10.

Ich möchte noch einige Worte über unsere militärischen Forderungen auf der Friedenskonferenz sagen. Vor allen Dingen dürfen wir den Unterhändlern nicht zu enge Richtlinien für die Verhandlungen geben. Was die Stärke unserer militärischen Kräfte, die wir für uns fordern müssen, anlangt, so müssen wir uns zunächst fragen, was wir für unsere jetzige Lage zum Kampf gegen die Bolschewisten und Polen mit Rücksicht auf unsere inneren Verhältnisse nötig haben. Bei der Kräftebemessung für unsere innere Lage muß berücksichtigt werden, daß für absehbare Zeit alle Hauptzentren des Reiches militärisch stark gesichert und trotzdem noch genügend Kräfte zur Durchführung von Expeditionen gegen einzelne Teile des Landes zur Verfügung bleiben müssen. Ferner ist zu überlegen, welche militärischen Kräfte wir für normale Zeiten, d. h. die Zeit des Völkerbundes brauchen. Da wäre interessant zu erfahren, ob die Bestimmungen angenommen werden, die Minister Erzberger in seinem Buche über den Völkerbund19 als Vorbedingung für die Abrüstung bezeichnet. In diesem Falle wären nötig genügend Kräfte zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern, eine genügende Anzahl von Truppen zur Verteidigung der Grenzen gegen den Angriff eines Nachbarn, der sich dem Schiedsspruch des Völkerbundes nicht fügt, ferner eine gewisse Anzahl Truppen für die Bundes-Exekutive. Minister Erzberger sagt darüber in seinem Buche: ‚Die Heere ganz abzuschaffen, ist schon aus zwei Gründen nicht möglich, einmal, weil jeder Staat zur Aufrechterhaltung des Friedens im Innern bewaffnete Kräfte, die man Militär, Miliz oder Polizei nennen kann, braucht, sodann, weil viele auf die körperliche und Charaktererziehung, die der Durchgang des Volkes durch den Militärdienst für dasselbe mit sich bringt, vorerst nicht werden verzichten wollen. Außerdem bedarf jeder Staat einer gewissen Anzahl Truppen zu seiner Verteidigung [und] um sie dem Völkerbunde zu gemeinsamen Aktionen zur Verfügung zu stellen, wenn der eigene Staat oder ein anderer Bundesstaat angegriffen werden sollte.‘20

19

Erzberger, Matthias: Der Völkerbund. Der Weg zum Weltfrieden, Berlin 1918.

20

Erzberger, a.a.O., S. 124 f.

[220] Den Ausführungen des Reichsministers Erzberger würde ich auch vom militärischen Standpunkte aus beipflichten. Werden diese Bestimmungen aber nicht erreicht, so würde ich eine freiwillige Entwaffnung Deutschlands nicht billigen können, die sehr bald zur Selbstzerstückelung Deutschlands, zu einem Deutschland führen würde, wie es nach dem Westfälischen Frieden war. Bei Frankreich besteht keine Geneigtheit, abzurüsten, und es erscheint mir sehr fraglich, ob die militärische Exekutive des Völkerbundes zustande kommen wird. Amerika scheint den brennenden Wunsch zu haben, sich aus dem militärischen europäischen Geschäft zurückzuziehen, und auch England scheint zu Verpflichtungen auf diesem Gebiet keine Neigung zu verspüren. Bezeichnend für die Machtlosigkeit, die ein solcher Bund dann haben würde, ist die Tatsache, daß die Entente eine größere Aktion gegen Rußland bisher nicht zustande gebracht hat. Es ist mir sehr fraglich, ob Amerika und England für uns mal einspringen werden, wenn Franzosen, Polen und Tschechen über uns herfallen würden. Sind die Vorbedingungen für den Völkerbund nicht erfüllt, so muß Deutschland ein für die Verteidigung seiner Grenzen ausreichendes Heer haben. Auf die allgemeine Wehrpflicht kann in keinem Fall verzichtet werden. Ein Söldnerheer in der Stärke, wie wir es brauchen, sind wir gar nicht in der Lage zu unterhalten; wir brauchen die allgemeine Wehrpflicht auch zur Ertüchtigung der Jugend, und um im Bedarfsfalle das ganze Volk zu den Waffen rufen zu können.

Ich habe nicht die Absicht gehabt, Ihnen Gedanken über den Militarismus vorzutragen oder Anschauungen einer alten Zeit zu wiederholen, sondern ich spreche aus besorgtem Herzen für die Zukunft unseres Volkes, nicht weil m. E. die Zukunft unseres Volkes eine unsichere und jammervolle sein müßte, sondern weil ich die große Besorgnis habe, daß unser Volk in der schmerzlichen Lage, in der es sich befindet, leicht die unabänderlichen Gesetze der Natur vergessen könnte, die seit der Entwicklung des Menschengeschlechtes durch die ganz Weltgeschichte hindurchgegangen sind. Alle Gedanken über Völkerbund, Militarismus, Sozialisierung sind nur von kurzer Dauer, ich wünsche dem deutschen Volke nicht ein Schicksal von kurzer Dauer und wünsche nicht, daß es aus dem Rate der Völker verschwände, und zwar aus demjenigen, der die Geschicke der Menschheit und der Kultur zu lenken hat. Ich fürchte, daß wir durch die Ereignisse, die über uns hereingestürzt sind, den Ausblick auf die weitere Zukunft verloren haben, und daß wir uns erdrücken lassen durch die Nöte des Augenblickes.“

Ministerpräsident Scheidemann: Ich danke Exz. Groener für seinen ausführlichen Bericht über die militärische Lage. Der Versicherung der Loyalität der Obersten Heeresleitung hätte es nicht bedurft, denn wir waren fest überzeugt davon.

Aus der Debatte können wir m. E. ausscheiden die Erörterungen über den Völkerbund und die Friedensfragen; wir haben jedoch die Ausführungen von Exz. Groener über diese Punkte als die Meinung eines Mannes, den wir verehren, entgegengenommen, und ich bin überzeugt, daß unsere Friedensunterhändler manche wertvolle Fingerzeige aus seinen Ausführungen entnehmen werden.

[221] Ich würde es für den größten Fehler halten, Riga jetzt zu nehmen und dann event[uell] wieder freigeben zu müssen. Ich bitte noch um Auskunft, was zu dem Kampfe mit den lettischen Truppen in Lettland geführt hat und welches die Ursachen des Sturzes der Lettischen Regierung gewesen sind21.

21

Siehe Dok. Nr. 53, P. 1.

Exz. Groener machte die Bemerkung, es sei doch von Wert, das augenblicklich im Baltikum besetzte Gebiet auch als Siedlungsgebiet für Deutschland zu erhalten. Politisch kann uns die Äußerung solcher Ansichten gegebenenfalls schaden, wir dürfen sie daher nicht öffentlich aussprechen.

Aus den Äußerungen von Exz. Groener habe ich zu meiner Beruhigung entnommen, daß der Bund Posenscher Flüchtlinge von der OHL nicht in seinen eigenmächtigen Bestrebungen unterstützt wird, wie der Bund hier22 hatte den Eindruck erwecken wollen.

22

Siehe Dok. Nr. 51, P. 6.

Reichsminister des Auswärtigen, Graf Brockdorff-Rantzau: Das Bild, das Exz. Groener uns von der militärischen Lage entwickelt hat, ist erfreulich. Meines Erachtens muß das Hauptziel bis zum Friedensschluß der Kampf gegen den Bolschewismus sein, natürlich nur Abwehr, nicht Kampf im Innern Rußlands. Ein Zurückziehen des Grenzschutzes würde uns bei der Entente schaden. Was den Kampf gegen den Bolschewismus anbetrifft, so würde es natürlich das Günstigste sein, schon jetzt gemeinsame Sache mit unseren Feinden zu machen. Die Aussichten hierzu sind aber sehr gering. General Nudant hat auf eine diesbezügliche Frage eines Vertreters der Wako solche Anregungen als Geschwätz bezeichnet; eine gemeinsame Aktion mit uns sei ausgeschlossen.

Frankreich verfolgt den Plan, zwischen Rußland und Deutschland einen Randstaatenblock zu schaffen. Wir müssen daher gegen Polen als den stärksten von diesen Staaten Front machen. Eine Verkürzung der militärischen Linie im Norden, durch die wir Kowno und Grodno aufgeben würden, halte ich aus politischen Gründen jetzt nicht für zweckmäßig, denn Litauen würde dadurch gezwungen werden, Anschluß an Polen zu suchen.

Graf Rantzau verliest ein gerade eingetroffenes Telegramm eines besonderen Gesandten des Auswärtigen Amtes über die neueste Entwicklung der Lage in Lettland23.

23

In den Akten der Rkei und des AA nicht zu ermitteln.

Reichsminister Erzberger: Unser militärisches Ziel im Osten muß sein, möglichst bald vollständige Waffenruhe herbeizuführen; längeres Kämpfen im Osten liegt für die Friedensverhandlungen nicht in unserem Interesse. Die Ereignisse in Lettland haben uns sehr geschadet, sie werden uns als Eroberungssucht ausgelegt. Der Kampf gegen den Bolschewismus bringt uns immer wieder in Kampfstellung zum Osten, was nur im Interesse der Entente liegt. Wir dürfen keine passive, sondern müssen endlich anfangen, aktive Politik zu treiben. Von Offensivmaßnahmen im Osten verspreche ich mir nur Unglück. Wir müssen aus eigener Initiative zum Waffenstillstand im Osten kommen, sonst wird er uns wie bei den Polen, durch die Entente auferlegt. Wenn wir später den Grenzschutz zurückziehen, müssen wir in den Ländern Landespolizeien errichten. Es[222] wäre sehr viel besser, wenn wir einen Teil der im Osten verwandten Truppen zum Kampf gegen den Bolschewismus im Innern freibekommen könnten.

Gegen Polen müssen wir eine gewisse Zangenpolitik treiben. Wir tun aber nichts, um die Zangen zu stärken. Wir müssen vor allen Dingen Litauen unterstützen24. Wenn wir Grodno jetzt aufgeben, treiben wir Litauen den Polen restlos in die Hand. Die Litauische Regierung sucht ein Darlehen von 100 Millionen M, dies können wir m. E. trotz unserer Armut geben, da sie für diesen Betrag Waren bei uns bestellen will. Polen ist eine große Gefahr für uns, und es ist verständlich, daß Frankreich nach Rußlands Niedergang uns Polen im Osten als Feind hinsetzen will. Die Wiedereroberung Posens ist nicht militärisch, aber politisch undurchführbar. Der Friede würde für uns nicht besser, sondern schlechter werden, wenn wir den Waffenstillstand brächen. Ich gebe zu, daß unangenehme Dinge bei den Polen vorgekommen sind, und ich begrüße es, daß die OHL ihrerseits scharfe Befehle gegen Herausforderung der Polen erlassen hat.

24

Siehe Dok. Nr. 66, P. 7.

Gesandter Nadolny: Exz. Groener hat gesagt, die Regierung von Litauen sei nicht lebensfähig. Diese Auffassung ist von allen militärischen Stellen in Litauen leider zum Grundsatz aller Handlungen gemacht worden. Litauen ist uns unendlich viel mehr wert als das Baltikum, das immer eine Utopie bleiben wird. Litauen ist für uns natürliche Sicherung gegen Polen. Litauen kann nur mit uns existieren. Wir müssen daher noch heute den Litauern geben, was sie brauchen. Der Bühlmannsche Vertrag ist eine unglückliche Geschichte, die uns die Bayern eingebrockt haben. Der Vertrag muß entweder rückgängig gemacht werden, oder man neutralisiert seine Wirkungen25.

25

Der dt. RKom. Dr. Bühlmann hatte mit der polnischen Reg. ein Abkommen geschlossen, nach dem die litauische Stadt Grodno bis zum 1.5.1919 von dt. Truppen geräumt und von polnischen Truppen besetzt werden sollte.

Reichsminister Gothein: Was die von Exz. Groener in Erwägung gezogene gemeinsame Offensive gegen die Sowjets anlangt, so ist die Frage gegenwärtig nicht spruchreif. Auf die Defensive gegen die Sowjets können wir aber nicht verzichten, können also nicht zur Waffenruhe kommen.

Es ist richtig, daß von militärischen Stellen gegen Litauen stark gesündigt worden ist. Einen lebensfähigen Staat aus Litauen kann man jedoch meiner Ansicht nach nicht schaffen. Ich habe es immer für zweckmäßig gehalten, die polnischen Bestrebungen, über Litauen an die See nach Libau zu kommen, zu fördern, weil das eine Ablenkung der Polen von Danzig bedeuten würde. Allerdings würde dadurch ein völliger Trennungsstreifen zwischen Deutschland und Rußland entstehen, der uns unangenehm sein könnte. Wenn uns aber Polen an dieser Stelle hinsichtlich des Verkehrs mit Rußland schikanieren würde, so könnten wir unsererseits Polen auf dem Wege über Danzig schikanieren.

Ich stelle zur Erwägung, an Polen und Litauen Kriegsmaterial zur Verfügung zu stellen. Ich bitte die OHL um Äußerung, auf welchem Standpunkt sie hinsichtlich der Verwertung des Kriegsmaterials im besetzten Gebiet steht.

Reichskommissar Winnig: Daß die Baltische Landeswehr die Lettische Regierung[223] aufgehoben hat26, konnte uns nicht überraschend kommen. Es war schon lange die Absicht der Landeswehr; ich hatte immer abgeraten. Die Aufhebung der Regierung wäre der Landeswehr nicht möglich gewesen, wenn die Regierung nicht eine sehr schmale Basis im Lande gehabt hätte. Die Regierung lebte von den deutschen Bajonetten, war aber trotzdem unfreundlich zu Deutschland. Ich glaube nicht, daß sich Komplikationen aus dem Sturz der Regierung ergeben werden, da man von der Unfähigkeit der Regierung überzeugt war. Auch die Engländer werden sich davon überzeugen lassen. Die Lettische Regierung ist Deutschland gegenüber hinterhältig gewesen. Es war ein Vertrag mit der Regierung abgeschlossen, nach welchem die deutschen Freiwilligen, die bestimmte Bedingungen erfüllten, die lettischen Staatsbürgerrechte erhalten und angesiedelt werden sollten27. Diesen Vertrag hat die Regierung nie gehalten. Wir müssen jetzt mit den Menschewiki28 arbeiten, der einzigen Partei unter den Letten, die selbstlos deutschfreundlich ist.

26

Siehe Dok. Nr. 53, P. 1.

27

Siehe Anm. 3.

28

Gemeint ist die lettische sozialistische Arbeiterpartei, die jedoch in das am 11.5.1919 gebildete deutschfreundliche Ministerium Needra nicht eintrat, s. Schultheß 1919, II, S. 327 f.

Was die Fragen Litauen anbelangt, so müssen wir sie vom allgemeinen Gesichtspunkte aus betrachten. Wir müssen damit rechnen, daß wir uns im Westen die allergrößte Entsagung auferlegen müssen, deswegen müssen wir Entwicklungsfreiheit im Osten haben. Wirtschaftspolitisch ist Litauen für uns viel wichtiger als Lettland, das für uns natürlich seiner deutschen Oberschicht wegen gewisses Interesse besitzt. Litauen ist das Durchgangsland nach dem Fernen Osten.

Nach sicheren Nachrichten hat die Litauische Regierung mit der Entente Verhandlungen geführt, die auch zu einer Verständigung mit Polen geführt haben sollen. Es ist eine Einigung dahin erfolgt, daß Suwalki an Polen fallen soll und Augustowo an Litauen. Diese Einigung ist insofern interessant, als sie voraussetzt, daß Polen ostpreußische Gebiete erhalten soll und Litauen sich mit diesen polnischen Ansprüchen abgefunden hat. Unter diesen Umständen komme ich zu der Überzeugung, daß wir nichts tun dürfen, um ein späteres Zurückfallen dieser Gebiete an Rußland zu verhindern. Die Randstaatenpolitik ist für uns nicht sehr aussichtsreich. Wir stehen vor der Gefahr, daß uns durch die Großpolen ein Sperrdamm nach Rußland aufgerichtet wird. Wir hätten m. E. alles Interesse daran, an unserer Bolschewistenfront den Kampfhandlungen ein Ende zu machen und die Stoßkraft der Bolschewisten auf Polen abzulenken.

An eine Einheitsfront Amerika-Deutschland-Frankreich gegen die Sowjets glaube ich nicht; wir hätten bei dem Kampf die Hauptlast zu tragen und vor allen Dingen dazu das Kostbarste, das Menschenmaterial, herbeizugeben. Wir sollten die Möglichkeit, mit dem Rußland von morgen oder übermorgen zusammenzugehen, nicht außer Acht lassen; wir müssen also vor unseren Entschlüssen die Friedensverhandlungen abwarten.

Gesandter Nadolny: Ich halte den Vorschlag des Reichsministers Gothein, den Polen einen Korridor zur See über Litauen zu geben, für sehr unglücklich,[224] denn das würde die Aspirationen der Polen auf Danzig nicht nur nicht beschwichtigen, sondern im Gegenteil noch mehr reizen.

Ich sehe nicht ein, warum aus der Zugehörigkeit Suwalkis zu Polen auf die Abtretung ostpreußischer Teile an Polen geschlossen werden soll. Die Möglichkeit, mit Rußland in gute Beziehung zu kommen, muß bei allen Maßnahmen im Auge behalten werden.

Reichsminister Erzberger: Das Übereinkommen zwischen Litauen und Polen erstreckt sich nur auf den südlichen Teil des Gouvernements Suwalki, der immer zu Kongreß-Polen gehört hat. Die Verhandlungen zwischen Litauen und Polen werden unter der Aegide der Entente geführt. Die Möglichkeit, von der Herr Winnig sprach, nämlich, daß Litauen, Weißrußland und Polen jemals wieder an Rußland zurückfallen würden, halte ich nicht für gegeben, da diese Länder katholisch sind und deswegen nicht mit Rußland zusammenkommen werden. Ein Hindernis, später wieder mit Rußland zusammenzugehen, wird m. E. der Staat Litauen nicht sein.

Reichskolonialminister Dr. Bell: Ich halte es nicht für zweckmäßig, für die Entente in Beziehung auf den Bolschewismus die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Generalleutnant Groener: Die OHL hatte schon im März d. J. ihre Auffassung über die Situation der Regierung dahin präzisiert, daß sie den Gedanken einer Offensive gegen die Sowjets ablehnt. Meine Ausführungen über die Offensive mit der Entente zusammen gegen die Sowjets waren lediglich hypothetisch.

Ein gemeinsamer Kampf gegen die Bolschewisten könnte natürlich nur erfolgen, nachdem auf der Friedenskonferenz die notwendigen Bedingungen dafür geschaffen sind. Waffenruhe im Osten halte ich augenblicklich nicht für zweckmäßig, denn wir würden dann unsere Truppen aus der Hand verlieren, und es würde, wenn die Truppen nichts zu tun haben, ein leichtes Plündern beginnen. Unsere Truppen sind noch nicht so wie 1914. Wenn sich aus politischen Gründen die Notwendigkeit ergeben sollte, mit Rußland zu einem modus vivendi zu kommen, dann müssen wir die Truppen rechtzeitig darauf vorbereiten. Wenn die bolschewistischen Truppen nichts unternehmen, so verhalten sich unsere Truppen auch ruhig; die Schaffung einer neutralen Zone hat erhebliche Bedenken.

Dem Wunsche des Auswärtigen Amtes, die Verkürzung der Front jetzt nicht vorzunehmen, werden wir entsprechen. Die Kriegsführung ist ein Mittel der Politik, wir entsprechen ihren Forderungen, soweit dies militärisch möglich ist.

In Libau ist eine deutsche Truppe bei dem Umsturz nicht beteiligt gewesen. Daß General von der Goltz an dem Putsch irgendwie teilgenommen hat, glaube ich nicht, denn er hat die bindende Weisung, nichts ohne den Vertreter des Auswärtigen Amtes zu unternehmen29.

29

Siehe Dok. Nr. 53, P. 1.

Das Treiben von Obstruktion in Litauen durch nachgeordnete militärische Stellen werde ich selbstverständlich verhindern.

[225] Mit dem Vorschlage der Errichtung einer Landespolizei in Litauen und Lettland bin ich sehr einverstanden, vorausgesetzt, daß wir die nötigen zuverlässigen Leute finden, aus denen die Polizei gebildet werden kann; ich fürchte aber, es fehlt dort an der nötigen Bildung. An der Litauischen Armee werden wir kein festes Bollwerk gegen den Bolschewismus haben wegen des niedrigen geistigen Niveaus der Litauer.

Hinsichtlich der Verwertung des Kriegsmaterials stehe ich auf dem Standpunkte, daß sie nicht Sache der OHL ist; wir teilen nur dem K[riegs]M[inisterium] unsere Ansicht darüber mit, ob es zweckmäßig ist, Kriegsmaterial an irgendwelche Stellen abzugeben.

Für die Verwendung der Grenzschutztruppen im Innern, die Minister Erzberger angeregt hat, ist eine längere Vorbereitung nötig.

Kriegsminister Reinhardt: Was General Groener gesagt hat, steht in voller Übereinstimmung mit mir und wird auch von mir gedeckt. Nach den Zahlen, die wir heute gehört haben, ist die Veranlassung zu einer Verringerung unserer Kräfte nicht gegeben. Die Zahl von 210 000 Mann Grenzschutztruppen ist sehr gering, wenn man die langen Fronten berücksichtigt, sie ist geringer, als wir in Friedenszeiten in den östlichen Korpsbezirken gehabt haben.

Ministerpräsident Scheidemann: Ich kann das Ergebnis der Verhandlungen dahin zusammenfassen, daß wir unsere Fronten halten wollen. Unsere Truppen sollen sich aber defensiv verhalten. Die Frage der Rückverlegung unserer Front wird verneinend entschieden.

Extras (Fußzeile):