2.94.2 (sch1p): 2. [Rundschreiben der Obersten Heeresleitung]

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[382]2. [Rundschreiben der Obersten Heeresleitung]

Ministerpräsident Scheidemann verliest ein ihm vom Gouverneur von Berlin, Schöpflin, übergebenes Rundschreiben der Obersten Heeresleitung an die Verbindungsoffiziere, in dem Feststellungen darüber gefordert werden, wie sich das Volk zu einer Wiederaufnahme des Kampfes stellen würde2. Er weist auf die gefährliche Wirkung hin, die das Bekanntwerden dieses Rundschreibens auf die schwebenden Friedensverhandlungen haben würde und hält es für notwendig, der OHL sofort die schärfste Mißbilligung des Kabinetts auszusprechen und die bereits beschlossene Auflösung der OHL nunmehr beschleunigt durchzuführen3.

2

Text des Rundschreibens des Chefs der Heeresleitung vom 21.5.1919, s. Dok. Nr. 93, Anm. 1.

3

Das Telegramm der RReg. an die OHL vom 27.5.1919 lautete: „Rundfrage der OHL vom 21.5.1919 betreffend Befragung der Bevölkerung wegen etwaiger Wiederaufnahme des Krieges wird von der RReg. nicht gebilligt. RReg. ersucht, Rundfrage und Beantwortung sofort abzustellen, da sie als politisch anzusehen und daher über den Rahmen der Tätigkeit der OHL hinausgeht.“ (DAZ, Nr. 265, 2.6.1919; handschr. Entwurf Scheidemanns in: R 43 I/702, Bl. 14).

Unterstaatssekretär Albert berichtet über seine telefonische Rücksprache mit der OHL.

In der Diskussion wird das Vorgehen der OHL allgemein mißbilligt und als politisch unklug bezeichnet, auch wird betont, daß die OHL durch das Rundschreiben ihre Befugnisse überschritten habe, da es sich nicht um eine rein militärische, sondern um eine politische Feststellung handle, die Sache der Reichsregierung sei.

Kriegsminister Reinhardt warnt vor übereilten Maßnahmen und bittet dringend, Entscheidungen nicht ohne Anhörung des Reichswehrministers Noske zu treffen.

Unterstaatssekretär Albert weist auf den Einfluß hin, den die Auflösung der OHL im jetzigen Augenblick auf die Verhältnisse im Osten haben könnte.

Es wird der Entwurf eines Schreibens an die OHL festgestellt. Das Kabinett beschließt jedoch, von der sofortigen Absendung des Schreibens um deswillen abzusehen, um die Meinung des abwesenden Reichswehrministers zu hören. Vize-Admiral von Trotha wird das Schreiben dem Reichswehrminister morgen in Hamburg vorlegen und seine Stellungnahme telefonisch oder telegrafisch mitteilen. Inzwischen soll an die OHL ein Telegramm abgehen, in dem die Umfrage mißbilligt und Aufhebung der Umfrage angeordnet wird4.

4

Über diesen TOP berichtete der Leiter der Nachrichtenabteilung des AA, Gesandter Naumann, in einem Schreiben vom 28.5.1919 an RAM Brockdorff-Rantzau: „[…] Die gestrige Kabinettssitzung, die spät abends stattfand, war insofern interessant, als ein Schriftstück der OHL vorlag, das an die Verbindungsoffiziere gerichtet war und Fragen enthält […] Die OHL suchte nun die Sache so darzustellen auf telefonischen Anruf, als habe sie den Schritt nur getan, um eine negative Antwort zu erhalten. Natürlich ist dieser Schritt, wenn er herauskommt, und bei der Fülle von Verbindungsoffizieren wird er vielleicht herauskommen, politisch so ungefähr das Gefährlichste, was man sich denken kann. Infolgedessen hat das Kabinett, wie Sie ja bereits wissen werden, an die OHL die Frage gestellt, wann sie sich auflösen würde, und zugleich ist den Verbindungsoffizieren telegrafischer Bescheid gegeben, von der Order keinen Gebrauch zu machen. Der Brief an die OHL enthält außerdem die schärfste Mißbilligung des Vorgehens dieser Behörde. Ich kann aber nicht umhin, zur Orientierung zu bemerken, daß in weiten Offiziers- und Unteroffizierskreisen sowie im ganzen Osten die Stimmung so ist, daß man unter allen Umständen losschlagen will; ob die Reg. die Kraft hat, das zu verhindern, erscheint mir zweifelhaft. […]“ (PA, Nachl. Brockdorff-Rantzau , Az. 19). Der von Naumann erwähnte Brief an die OHL ist, wie das Protokoll ausweist, nicht abgesandt worden; in einem Telegramm vom 28.5.1919 an den RMinPräs. (R 43 I/702, Bl. 23) riet der RWeM auch von der Absendung ab. Das vom RKab. verfaßte Schreiben (Entwurf und Reinschrift in: R 43 I/702, Bl. 18-21) bezeichnet das Vorgehen der OHL als einen Eingriff in die Kompetenzen des RKab., der zu schwerwiegenden außenpolitischen Folgen führen und die Verhandlungen in Versailles gefährden könne; darüber hinaus ersuchte das RKab. die OHL um die Angabe eines Auflösungstermins.

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