2.97.4 (sch1p): 4. [Lage in den Ostprovinzen]

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Das Kabinett ScheidemannReichsministerpraesident  Philipp Scheidemann Bild 146-1970-051-17Erste Kabinettssitzung der neuen deutschen Reichsregierung am 13.2.1919 in Weimar Bild 183-R08282Versailles: die deutschen Friedensunterhändler Bild 183-R11112Die Sozialisierung marschiert! Plak 002-005-026

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4. [Lage in den Ostprovinzen]

Reichsminister Erzberger verliest ein Telegramm, wonach die Aufregung im Osten sehr groß und ein Losbrechen der Bewegung nicht ausgeschlossen sei7. Er regt an, eine Kundgebung zu erlassen, wie dies mit guter Wirkung für den Westen geschehen sei. Reichsminister David unterstützt diesen Vorschlag.

7

In einem Telegramm der RReg. vom 23.5.1919 hatten die Kreisvorstände der CVP, DDP, DNVP und MSPD des Kreises Oletzko darauf hingewiesen, daß die Bevölkerung der Ostprovinzen entschlossen sei, „unser Deutschtum mit allen Mitteln zu verteidigen, falls die RReg., wie es den Anschein hat, uns verraten will.“ Das Telegramm endet mit dem Satz: „Handelt die RReg. nicht, so werden wir handeln.“ (R 43 I/1795, Bl. 262). In einem von Scheidemann unterzeichneten Antworttelegramm vom 30.5.1919 erklärte die RReg., sie wolle „durchaus nicht auf ostpreußische Gebiete verzichten“ und hoffe, „daß der westpreußische Korridor niemals eine gegebene Tatsache wird.“ Im übrigen wurde auf die dt. Gegenvorschläge zu den all. Friedensforderungen verwiesen und die Hoffnung ausgesprochen, „daß die Treue der Ostpreußen zum Reich über jeden Zweifel erhaben“ sei (Entwurf in: R 43 I/1795, Bl. 263).

Gesandter Nadolny berichtet über die Verhandlungen des parlamentarischen Aktionsausschusses in Marienburg und die dort gefaßten Beschlüsse. Der Ausschuß werde der Reichsregierung in den nächsten Tagen eine Denkschrift überreichen8.

8

Am 22.5.1919 waren in Berlin die ostdt. Abg. der NatVers und pr. Landesvers. zusammengetreten, um sich zu einem „Parlament des Ostens“ zu konstituieren und so die Aktionen des Ostens gegen den all. Friedensvertragsentw. unter einer gewissen parlamentarischen Kontrolle zu halten. Die Vollversammlung wählte zwei Aktionsausschüsse, den „Aktionsausschuß Nord“ für Ost- und Westpreußen sowie den RegBez. Bromberg und einen „Aktionsausschuß Süd“ für Schlesien und die verbleibenden Gebiete Posens (GehStA Berlin-Dahlem, Rep. A 419, Nr. 25). Am 27.5.1919 trat der Aktionsausschuß Nord in der Marienburg zusammen; in einer Entschließung faßte er seine Forderungen zusammen: „[…] 1. Weite dt. Volkskreise in der Ostmark sind entschlossen, etwaiger poln. Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Neues Blutvergießen und neue Vergiftung der Beziehungen zwischen den auf ein Zusammenleben angewiesenen Deutschen und Polen der Ostmark wäre die Folge. Das zu verhindern ist unser oberstes Ziel. […] 2. Mit der Aufrechterhaltung des Anschlusses an das Deutsche Reich können und sollen beste nachbarliche Beziehungen zu Polen, Litauen und den übrigen Teilen Rußlands verbunden werden. 3. [Forderung nach weitgehenden sozialen Maßregeln]. 4. [Schaffung ausreichender Arbeitsplätze]. 5. [Enteignung von Großgrundbesitz zur Vergrößerung unrentabler landwirtschaftlicher Betriebe]. 6. Durch eine sofort vorzunehmende auf freiester demokratischer Grundlage beruhende Volksabstimmung ist klarzustellen, ob die Mehrheit der Bevölkerung diese Regelung wünscht. Ihrer Entscheidung ist dann auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes Nachdruck zu verleihen.“ (Staatl. Archivlager Göttingen, Staatsarchiv Königsberg (Archivbestände pr. Kulturbesitz), Rep. 2 A, Nr. 4261).

Reichsminister Dernburg teilt mit, ihm sei die Nachricht zugegangen, daß man in Warschau über die geplante Abtretung Oberschlesiens an Polen überrascht gewesen sei. Die Abtretung werde damit in Zusammenhang gebracht, daß Polen 17 Milliarden der Schulden des Russischen Reiches an Frankreich übernehmen[397] solle. Reichsminister Erzberger weist darauf hin, daß hiernach Oberschlesien gegen 17 Milliarden an Polen verkauft werden solle. Dies müsse ausgeschlachtet werden.

Das Kabinett erklärt sich damit einverstanden, daß Ministerpräsident Scheidemann eine Proklamation für den Osten verfaßt, in der der Bevölkerung erklärt wird, daß das Reich für sie eintreten würde und sie zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt wird9.

9

Am gleichen Tag erließ die RReg. einen Aufruf „An die Deutschen im Osten: Die dt. Gegenvorschläge sind in Paris überreicht worden. Sie treten mit allem Nachdruck und Ernst für das Verbleib der dt. Landesteile im Osten beim Reich ein. Sie führen den Nachweis, daß weder Oberschlesien noch Westpreußen, weder Danzig und Memel von Deutschland losgerissen werden dürfen; daß Ostpreußen nicht verkümmern darf durch die Einschiebung eines Korridors zwischen dt. Gebietsteile. Jetzt heißt es, diese Gegenvorschläge zu unterstützen und alles zu vermeiden, was ihre Wirkung beeinträchtigen könnte. Wer heute den Gegnern einen Vorwand für Einmarsch und gewaltsame Besitzergreifung liefert, macht sich gegen seinen Willen zu ihren Bundesgenossen. Deutsche im Osten! Bewahrt das Reich vor dieser Lebensgefahr durch Ruhe und Disziplin! Laßt keine unruhigen Köpfe das Schicksal Deutschlands und vor allem des dt. Ostens gefährden! Verhandlungen, nicht Kampf! Das muß jetzt die Parole sein! Werden unsere Gegenvorschläge abgelehnt, so wird die RReg. ihre Entschlüsse für Reich und Deutschtum so fassen, wie es für das Leben des ganzen Volkes notwendig ist! Wir kennen unsere Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft!“ (Vorwärts, Nr. 275, 31.5.1919).

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