2.117 (sch1p): Nr. 111 Der Preußische Minister des Innern an die Reichsregierung. 14. Juni 1919

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Nr. 111
Der Preußische Minister des Innern an die Reichsregierung. 14. Juni 1919

R 43 I/1830, Bl. 22, 32 f., 28-31 Abschrift1

1

Der folgende Erlaß war am 14.6.1919 an die OPräs. in Königsberg, Danzig und Posen (z. Hd. des RegPräs. in Bromberg) gerichtet und in Abschriften mit demselben Datum an RReg., PrStReg., die PrStM, den Chef des politischen Büros des RPräs., die Zentralstelle Grenzschutz Ost (Zegrost), das AA, die Friedensdelegation und die Geschäftsstelle für Friedensverhandlungen geleitet worden.

[Betrifft: Abtrennungsbestrebungen der preußischen Ostprovinzen vom Reich]

Die am 5. und 6. Juni unter meinem Vorsitz mit den Herren Oberpräsidenten von Königsberg, Danzig und Posen gepflogenen Besprechungen2 haben mir[455] bestätigt, daß in Ost- und Westpreußen und Posen gewisse Bevölkerungskreise, oder aber zum mindesten einzelne Persönlichkeiten sich mit dem Gedanken der Bildung eines selbständigen Oststaates beschäftigen. Wie ich bereits in der Besprechung hervorgehoben habe, können diese Gedankengänge weder mit dem Interesse der Ostprovinzen noch mit dem von Reich und Staat begründet werden. Sie gefährden im Gegenteil die Zukunft sowohl der Gesamtheit wie jener Gebietsteile.

2

An der Sitzung nahmen neben dem PrIM und seinen beiden UStS Freund und Meyer teil: die RegR Dr. Loehrs und Krahmer-Moellenberg, Verfasser der anliegenden Denkschriften, aus dem PrIMin., UStS Göhre vom PrStMin., Gesandter Nadolny vom Politischen Büro des RPräs., der Gesandte Frhr. v. Romberg, AA, Major Frhr. v. Willisen, Stabschef der Zentrale Grenzschutz Ost, OPräs. v. Batocki, Ostpreußen, OPräs. Schnackenburg, Westpreußen, RegPräs. v. Bülow, der als RegPräs. von Bromberg mit der Führung der Geschäfte des OPräs. von Posen beauftragt war, sowie Reichs- und StKom. Winnig. Gegenstand der Sitzung waren die Loslösungsbestrebungen in den pr. Ostprovinzen und die Frage der Stellung der pr. und RReg. zur Zukunft der Ostprovinzen. Das Ergebnis der Sitzung faßte Heine so zusammen: „Die RReg. und die PrReg. sind sich in ihren Entschließungen vollständig einig und fest. Sie wissen, daß auf Seiten der Entente ein dringender Wunsch, zum schleunigen Frieden zu kommen, vorhanden ist. Das Ziel unserer Gegner ist ganz offensichtlich, die Nerven unseres Volkes durch die widersprechenden Nachrichten zu ermüden. Diese krampfhaften Versuche des Gegners, uns auf diese Weise zur Nachgiebigkeit zu bringen, sind der beste Beweis für die erwähnte innere Zwangslage der Entente. Diese Erkenntnis muß uns darin bestärken, daß wir fest bleiben und uns einig hinter die Regierung stellen, um mit ihr diejenige Verbesserung des Friedens zu erlangen, die allein uns die Lebensfähigkeit für die Zukunft gewährleistet. Gäbe es eine Deutsche Regierung, die einen Frieden unterschriebe, der unsern Lebensinteressen nicht Rechnung trägt, dann müsse jeder auf sich stehen. Gerade in diesem Falle muß das Wiedererstehen des deutschen Reiches vom Osten ausgehen, und deshalb muß für den Osten bei allem, was er unternimmt, der leitende Gedanke sein, festhalten zum alten Vaterlande, um an seinem Wiederaufbau zu helfen. So und nicht anders will und kann ich auch nur das verstehen, was im Osten an Plänen und Ideen zur Zeit vorhanden ist.“ (Protokoll von der Hand Krahmer-Moellenbergs in: R 43 I/1830, Bl. 23-27).

In der schicksalschweren Stunde, die das deutsche Volk gegenwärtig erlebt, muß es die Pflicht aller Deutschen sein, dem künftigen Wiederaufbau des Reichs die Wege zu ebnen. Dieser Wiederaufbau aber erfordert vor allem den festen staatlichen Zusammenhalt alles dessen, was deutsch ist, und die Erhaltung eines kräftigen Preußens als des Kernes des Reichs. Diesen Aufgaben zu dienen, ist vor allem auch die Pflicht der Beamten. Ich erwarte daher, daß die Beamten den verderblichen Loslösungsbestrebungen ihre besondere Aufmerksamkeit widmen und ihnen, wo sie in die Erscheinung treten, mit Nachdruck entgegenarbeiten. Ich mache dies den Herren Oberpräsidenten zur besonderen Pflicht und ersuche sie, in geeigneter Weise vertraulich die ihnen nachgeordneten Beamten mit entsprechenden Weisungen zu versehen. Es bedarf keines besonderen Hinweises, daß ich gegen Beamte, die sich etwa an solchen Bestrebungen beteiligen sollten, mit unnachsichtlicher Schärfe vorgehen werde.

Beobachtungen über die Entwicklung der Loslösungsbestrebungen sind mir unter „Eigenhändig“ und mit besonderer Beschleunigung vorzutragen. […]

Abschrift3 meines heutigen Erlasses an die Herren Oberpräsidenten in Königsberg, Danzig und Posen nebst den diesen beigefügten Niederschriften übersende ich ergebenst zur vertraulichen Kenntnisnahme.

3

Die folgenden zwei Absätze sind der Abschrift des Erlasses an die OPräs. für die RReg. hinzugefügt.

Den Ablösungsbestrebungen im Osten werde ich meine besondere Aufmerksamkeit widmen und wäre dankbar, wenn mir alle dort etwa bekannt werdenden Beobachtungen in dieser Beziehung mit tunlichster Beschleunigung zugängig gemacht würden.

In Vertretung

Freund

[I]

[Denkschrift des Regierungsrats Krahmer-Moellenberg vom 9. Juni 1919]

Schon seit längerer Zeit ist hier aus Gesprächen einzelner, aus den Ostprovinzen stammender Persönlichkeiten entnommen worden, daß im Osten bestimmte einflußreiche Kreise der Bevölkerung besonders stark neuerdings unter dem Eindruck der Friedensbedingungen mit dem Gedanken einer Loslösung des Ostens vom Preußischen Staat und Deutschen Reich sich beschäftigen. Bezeichnend für diese Bewegung ist der Verlauf der auf die Bildung eines Aktionsausschusses für Ost- und Westpreußen gerichteten Bestrebungen. Während[456] die in dieser Hinsicht auf einer Tagung in Allenstein im April d. J.4 gestellten Anträge noch ohne praktischen Erfolg blieben, gewann die Bewegung nach dem Bekanntwerden der Friedensbedingungen neue Kraft, so daß sich die Staatsregierung dazu verstand, im Laufe des Mai hier in Berlin eine Tagung der in den Provinzen Ost-, Westpreußen, Posen und Schlesien gewählten Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung und der Preußischen Landesversammlung einzuberufen5. Auf dieser Versammlung wurden 2 Gruppen, Nord und Süd, gebildet, in denen die Abgeordneten einmal der Provinzen Ost-, Westpreußen und des Regierungsbezirks Bromberg, zum andern die der Provinz Schlesien und des Regierungsbezirks Posen sich zu besonderen Körperschaften vereinigten, um über die nach Lage der Dinge notwendigen Maßnahmen zu beraten. Daß die Bildung dieser Körperschaften bei vielen Teilnehmern den Eindruck erweckte und vielleicht erwecken mußte, daß sie die Schrittmacher einer Selbständigkeitsbewegung werden würden, ging sehr deutlich aus Privatgesprächen des Unterzeichneten mit einigen Teilnehmern dieser Beratung hervor. Auch in der Öffentlichkeit ist hie und da alsbald die Ansicht aufgetaucht, daß dieses sogenannte Ostparlament eine Vorfrucht der kommenden Selbständigkeit des Ostens sei. Auch außerhalb dieser Kreise wurde mit der Idee eines selbständigen Oststaates bald mehr oder weniger verhüllt gespielt. Bezeichnend ist dafür die – wohl nicht ganz ernst zu nehmende – Bewegung, ein selbständiges Bistum Ermland zu errichten6. Besonders scheint in den Kreisen der deutschen Volksräte die separatistische Idee sehr schnell Boden gewonnen zu haben7. So wurde von einem der Führer der Volksratsbewegung im Osten gegenüber dem[457] Unterzeichneten gelegentlich die Frage angeschnitten, wie die Loslösung des Ostens von Preußen wohl von seiten der Staatsregierung beurteilt werden würde. Auf die sehr scharfe Zurückweisung dieser Anregung ließ der Fragesteller diesen Punkt alsbald fallen. Charakteristisch für die Bewegung war es zweifellos auch, daß auch der in der 3. Maiwoche in Berlin tagenden Versammlung8 alsbald der Gedanke laut wurde, diese Versammlung von Berlin fortzulegen und sie im Osten in den bedrohten Provinzen tagen zu lassen. Diese Tagungen im Osten haben alsdann stattgefunden, und zwar hat am 28. Mai in Marienburg eine Tagung der Volksräte von Westpreußen und Posen und des Heimatdienstes von Ostpreußen stattgefunden9. Auf dieser Tagung ist die bekannte, am 29. Mai in der Berliner Presse veröffentlichte Entschließung gefaßt worden10. Wenn es bisher noch zweifelhaft war, ob mit dem Gedanken einer Selbständigmachung des Ostens in gewissen Kreisen gerechnet werde, so ließ diese Entschließung mit jeder nur wünschenswerten Deutlichkeit erkennen, daß die Selbständigkeitsbestrebungen zweifellos vorhanden sind. Wenn auch die am 29. und 30. Mai in Danzig stattgehabte Tagung des parlamentarischen Aktionsausschusses11 die taktisch außerordentlich ungeschickte Erklärung der deutschen Volksräte mit Nachdruck zurückwies, und zwar vornehmlich auf Betreiben der sozialdemokratischen Teilnehmer dieser Tagung, so wurde doch von einzelnen Abgeordneten, die an dieser Tagung teilgenommen haben, in privaten Unterhaltungen hervorgehoben, daß bei einer Reihe Abgeordneter aus dem Osten der Gedanke einer Loslösung des Ostens durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen sei. Wie weit der Gedanke auch bei Persönlichkeiten, die außerhalb des Aktionsausschusses stehen, an Boden gewonnen hat, ergab sich insbesondere bei Gelegenheit einer längeren Unterredung mit einem aus dem Osten stammenden Beamten in maßgebender Stellung, der mit allem Nachdruck den Gedanken eines selbständigen Ostens verfocht, und gerade mit dem Interesse der Erhaltung des Deutschtums zu begründen suchte. Bis in die letzten Tage hinein sind dem Unterzeichneten12 von den verschiedensten Seiten Andeutungen über diese Bestrebungen und ihre Wortführer gemacht worden. Wenn auch in der Besprechung mit den Herren Oberpräsidenten am 5. und 6. Juni der Gedanke der Begründung eines selbständigen Oststaates nur als gewissermaßen letzte Eventualität hingestellt worden[458] ist, so hat doch diese Besprechung die Befürchtung, daß hier mit einer die Einheit des Staates und Reiches auf das schwerste gefährdende Idee umgegangen wird, durchaus bestätigt.

4

Hinweise auf diese Tagung sind in den in Frage kommenden Aktenbeständen nicht zu ermitteln.

5

Siehe Dok. Nr. 91, P. 4.

6

Dazu ist in den Akten der Rkei nichts zu ermitteln; zum Plan der Errichtung einer großermländischen Republik s. die Erinnerungen des damaligen Vorsitzenden des Masuren- und Ermländerbundes: Worgitzki, Max: Geschichte der Abstimmung in Ostpreußen. Der Kampf um Ermland und Masuren, Leipzig 1921, S. 30.

7

Die dt. Volksräte waren in den Ostprovinzen Ende 1918 als Gegengewicht zu den polnischen Volksräten gebildet worden und schlossen sich am 3.6.1919 zu den „Vereinigten Deutschen Volksräten der Provinz Posen und Westpreußen“ zusammen. Ihre Aufgabe war, laut ihrem Vorsitzenden Georg Cleinow: „1. Die Werbung unter der Bauernschaft zur Schaffung örtlicher Selbstschutzorgane und zum Eintritt in Freiwilligenformationen; 2. Stärkung des nationalen Gewissens im Hinblick auf die Gefahren, die über die Polengefahr hinaus der Nation durch den Bolschewismus drohten; 3. Entgegennahme und Weiterverbreitung von Kundgebungen und Protesten gegen die Loslösung preußischer Landesteile zugunsten eines polnischen Staates.“ (Cleinow, Georg: Der Verlust der Ostmark, Die Deutschen Volksräte des Bromberger Systems im Kampf um die Erhaltung der Ostmark beim Reich 1918/19, Berlin 1934, S. 163; hierin passim Geschichte und Entwicklung der dt. Volksratsbewegung in den Ostprovinzen). Cleinow selbst war frühzeitig Anhänger eines separaten Oststaates; bereits am 22.2.1919 legte er seine Auffassung vor einer Versammlung des Vereins deutsche Kriegerhilfe Ost dar: die Ostmark müsse sich auf die Möglichkeit vorbereiten, in der Form eines Freistaates aus dem Reichsverband auszutreten und im Verein mit den im Osten stehenden Militärs „im Notfalle auch gegen die Absicht einer schwächlichen Regierung in der Ostmark nationale Aufgaben“ zu verwirklichen. Später, wenn der Druck der Westmächte auf das Reich nachgelassen habe, könne man ihm wieder beitreten. Sollte das nicht möglich sein, so bleibe noch die Chance eines Beitritts des Oststaates in ein föderativ gegliedertes Polen, dessen voraussichtlicher Zerfall durch die Aufnahme eines solchen Fremdkörpers nur beschleunigt werden könne (Cleinow, Verlust der Ostmark, a.a.O., S. 210 ff. ).

8

Siehe Anm. 5.

9

Nicht mit der Tagung des parlamentarischen Aktionsausschusses auf der Marienburg am 27.5.1919 zu verwechseln, s. Dok. Nr. 91, P. 4.

10

In der Entschließung der Volksräte vom 28.5.1919 hieß es u. a.: „[…] Wir stehen unerschüttert auf dem Boden, daß der uns angebotene Friedensvertrag unbedingt abzuweisen ist. […] Wir erwarten, daß das polnische Volk uns durch Ablehnung dieses Friedensvorschlages [des dt.] nicht zwingt, ererbte Rechte mit der Waffe in der Hand zu verteidigen; denn darüber soll vor der ganzen Welt kein Zweifel bestehen, daß die Deutschen der Ostmark wie ein Mann aufstehen werden, um das Erbe ihrer Väter, das ihnen geraubt werden soll, mit allen Mitteln zu verteidigen. Ein solcher Krieg in der Ostmark, den die Polen dann entfachen würden, wäre einer der fürchterlichsten Bürgerkriege, die wir kennen.“ (Mitteilungen der dt. Volksräte Posens und Westpreußens, Nr. 14, 11.6.1919). Ergänzend dazu erklärte der Vorsitzende der dt. Volksräte, Georg Cleinow, daß die Schaffung eines separaten Oststaates bevorstand für den Fall, daß die RReg. den all. Friedensvertragsentwurf unterzeichnen sollte (ebd.).

11

Siehe weiter unten die Denkschrift des GehRegR im PrIMin. Loehrs, S. 459.

12

RegR Krahmer-Moellenberg war Referent im PrIMin. und Polenreferent bei der Wako.

gez. Krahmer-Moellenberg

[II]

[Denkschrift des Geheimen Regierungsrats Loehrs vom 10. Juni 1919]

Am 28. Mai d.J. haben die Vertreter der deutschen Volksräte aus Posen und Westpreußen sowie der entsprechenden Organisationen aus Ostpreußen einen Beschluß gefaßt, in dem an „sämtliche Bewohner des deutschen Ostens ohne Unterschied der Muttersprache“ die Aufforderung gerichtet ist, „die Frage der Ostmark nicht von außen regeln zu lassen“; durch einen von der Bevölkerung der betreffenden Gebiete selbst herbeizuführenden „deutsch-polnischen Ausgleich“ und „im Rahmen eines großen freien Rechtsstaates“ würden die kulturellen und wirtschaftlichen Güter beider Nationalitäten am besten geschützt13.

13

Siehe Anm. 10.

Im Pressebericht der vereinigten deutschen Volksräte für Posen und Westpreußen vom 31. Mai d. J. wird diese Entschließung wie folgt kommentiert: „So schiebt sich die Ostmark in den Teilungsprozeß zwischen Deutschland und Polen als hauptbeteiligter Dritter hinein, der vor dem internationalen Friedensgerichtshof gleichfalls Gehör verlangt, und zwar auf Grund eigenen Rechtes. Die Ostmark als wirtschaftlich und geographisch zusammenhängendes Ganzes ist trotz größerer überwiegend deutscher und geringer überwiegend polnischer Gebietsteile weder rein deutsch – als Ganzes wohlverstanden – noch rein polnisch, sondern deutsch-polnisch. Wer die Ostmark zerreißen oder ungeteilt an Polen geben will, aber auch wer sie in ihrem jetzigen Zustande bei Deutschland belassen möchte, verkennt, daß er keine Lösung, keinen Ausgleich schafft, sondern wie die Marienburger Entschließung besagt, beiträgt zur Verewigung des deutsch-polnischen Streites, zur Verewigung des nationalen Hasses und der Zerrissenheit mit all ihren bösen Folgen für die gesamte Kultur der von Deutschen und Polen bewohnten Gebiete.“

Dem geistigen Vater dieser Entschließung14 und seiner Gefolgschaft schwebt anscheinend der mehr oder minder klar ins Bewußtsein gelangte Gedanke vor, daß im Rahmen eines autonomen aus den Provinzen Posen, West- und Ostpreußen bestehenden, an Polen sich anlehnenden Staates bessere Gewähr für den Schutz der kulturellen Interessen des ostmärkischen Deutschtums gegeben sei, als in einem polnischen Einheitsstaate, und man verfolgt außerdem offenbar den Zweck, auf diesem Wege den Bewohnern der genannten Gebiete die wirtschaftlichen Früchte des Rohstoff- und Warenaustausches zwischen Polen und dem Auslande in möglichst großem Umfange zu sichern. Die Hoffnung, auf polnischer Seite Entgegenkommen und Verständnis zu finden, leitet man aus der Annahme her, daß eine starke Gegensätzlichkeit zwischen den bisher preußischen Anteilen und dem übrigen Polen bestehe, während andererseits die gemeinsame[459] kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung trotz aller Nationalitätenfeindschaft ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl habe aufkommen lassen. Und man zeigt sich bereit, um den Verständigungswillen der Polen zu steigern und dem Deutschtum im künftigen Oststaate eine breitere Basis zu geben, den in den Friedensbedingungen unserer Feinde vorgesehenen Länderverlust Preußens durch Einbeziehung ganz Ost- und Westpreußens in den autonomen Oststaat zu erweitern.

14

GehR Georg Cleinow, s. Anm. 7, 10.

In der am 30. Mai dieses Jahres stattgehabten Sitzung des parlamentarischen Ausschusses für die Ostmark ist seitens des Referenten (des Deutsch-demokraten Fleischer15) und mit besonderem Nachdruck auch seitens der sozialdemokratischen Abgeordneten gegen die Marienburger Entschließung der Volksräte Stellung genommen. Von einer entsprechenden öffentlichen Erklärung ist abgesehen worden, nachdem der Vorsitzende des deutschen Volksrates in Danzig, Archivrat Kaufmann, erklärt hatte, daß mit der Entschließung im Rahmen eines deutschen Rechtsstaates ein Ausgleich zwischen Deutschen und Polen habe befürwortet werden sollen. Der parlamentarische Ausschuß hat indessen seiner abweichenden Auffassung in einer Resolution Ausdruck gegeben, die er den maßgebenden Stellen im Reiche (Reichskanzlei und Auswärtiges Amt) übermittelt hat16. Immerhin soll der Gedanke des autonomen Oststaates von einzelnen, den Mittelparteien angehörigen Abgeordneten des Ostens nicht mit der gleichen Schärfe abgelehnt werden wie von der Mehrheit des parlamentarischen Ausschusses für die Ostmark.

15

Der Abg. der NatVers Dr. Paul Fleischer-Ostpreußen gehörte dem Zentrum an. Er war Geschäftsführer des parlamentarischen Aktionsausschusses Nord.

16

In den Akten der Rkei nicht enthalten; s. Dok. Nr. 91, Anm. 3.

Hinzu kommt, daß einzelne einflußreiche, den maßgebenden Stellen nahestehende politische Persönlichkeiten des Reichsdienstes und der preußischen Verwaltung dem Gedanken des autonomen Oststaates eine gewisse Berechtigung zusprechen17. Wesentlich bestimmend für sie ist die Erwägung, daß die Ostmark, durch den Gang der Dinge auf sich selbst gestellt, selbständige Entschließungen zu fassen haben würde, um die Deutschtumsinteressen des Ostens zu wahren und gegebenenfalls Grundlagen für den Aufbau Preußen-Deutschlands zu schaffen. Auch die außenpolitische Erwägung, daß für Deutschland günstige handelspolitische Abmachungen leichter mit einem autonomen Oststaate als mit Polen zu treffen seien, wirkt in dieser Richtung.

17

Aus dem Protokoll der Sitzung im PrIMin. vom 5. und 6.6.1919 (s. Anm. 2) geht hervor, daß zumindest OPräs. Batocki-Ostpreußen und der Reichs- und StKom. Winnig die Errichtung eines unabhängigen Oststaats für den Fall der Nichtunterzeichnung in Versailles befürworteten; vgl. Winnig, Heimkehr, Hamburg 1935, S. 199 f.: „Wenn das Reich sich von uns lossagte [sic!], mußten wir eine Regierung für den Osten haben. Das war eine schwierige Sache. Mit Herrn von Batocki besprach ich die Bildung eines Direktoriums und war bald mit ihm einig.“ Auch der PrKriegsM Reinhardt gehörte zu den Befürwortern eines separaten Oststaats, wie aus den Aufzeichnungen Groeners über „Die Tage in Weimar vom 18. bis 20. Juni 1919“ hervorgeht, s. Dok. Nr. 114.

Nicht zu leugnen ist endlich, daß neben den lautern Motiven, die vorstehend dargelegt sind, hier und dort auch eigensüchtige Sonderbestrebungen maßgebenden Einfluß ausüben, wie sie im Westen sich geltend machen: Das Bestreben, sich den von Deutschland zu tragenden finanziellen Lasten zu entziehen,[460] skrupelloses Anlehnungsbedürfnis an das feindliche Ausland, persönlicher Ehrgeiz und dergleichen mehr.

Umso notwendiger ist es, allen diesen Erscheinungen Bestrebungen und Erwägungen gegenüber klare Richtlinien aufzustellen auf Grund einer Untersuchung darüber, ob und inwieweit der Gedanke des autonomen Oststaates einen vom vaterländischen Standpunkte aus als berechtigt anzuerkennenden Kern birgt.

Es kann zunächst keinem Zweifel unterliegen, wie auch gelegentlich der Besprechung mit dem zuständigen Oberpräsidenten am 5. Juni18 d. J. einmütig anerkannt worden ist, daß die Marienburger Entschließung der Volksräte vom 28. Mai verfehlt war. Diese Entschließung, welche eine Regelung von „außen“, d. h. also auch von seiten der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung, ausdrücklich ablehnt, muß den unsern Feinden jedenfalls sehr willkommenen Eindruck erwecken, daß es sich auch hier wieder um eine der neuerdings leider in verschiedenen Gegenden Deutschlands zutage tretenden Absplitterungsbestrebungen handelt. Dieser Eindruck muß die Stellung Deutschlands bei den Friedensverhandlungen schwächen und die ohnehin schon maßlosen territorialen Aspirationen der Polen ermutigen, die unter Berufung auf die Resolution darauf hinweisen können, daß auch die deutsche Bevölkerung des Ostgebietes ihr Heil in einem Anschluß an Polen zu erblicken beginne. Solange die Friedensbedingungen nicht endgültig feststehen, sprechen jedenfalls Pflicht und Klugheit dafür, daß die Deutschen des Ostens sich nicht bereit zeigen, den uns zugemuteten Länderverlust durch freiwillige Anerbietungen sogar noch zu vergrößern. Sie müßten vielmehr selbst für den Fall, daß uns ein Friede auf der Grundlage der bisher vorliegenden feindlichen Bedingungen aufgezwungen würde, die feste Entschlossenheit betonen, trotz aller Widrigkeiten mit Stolz an ihrem durch tausendfältige Fäden einer gemeinsamen ruhmreichen Geschichte mit ihnen verbundenen Vaterlande festzuhalten und als Vorposten Deutschlands auf der Wacht zu sein. Sie dürften im Augenblick von einem Ausgleich zwischen Polen und Deutschen ausschließlich in dem Sinne reden, daß die Polen sich bisher unfähig erwiesen hätten, nationalen Minderheiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, daß man ihnen daher nur auf die Gefahr eines chronischen Bürgerkrieges hin so starke rein deutsche Bevölkerungsteile anvertrauen könne, wie dies in den Friedensbedingungen der Feinde vorgesehen sei, und daß andererseits in Deutschland die läuternden Erfahrungen des Weltkrieges und die innerpolitische Entwicklung volle Gewähr für eine verständnisvolle Lösung der Frage des Minoritätenschutzes böten. Wenn es auch selbstverständlich für unzweckmäßig zu erachten ist, diese taktische Verfehltheit der Marienburger Entschließung in der breiten Öffentlichkeit zu erörtern, so erscheint es doch angezeigt, den leitenden Persönlichkeiten der Volksräte keinen Zweifel darüber zu lassen, wie das Ergebnis der Tagung vom 28. Mai seitens der Reichs- und Staatsregierung beurteilt wird. Hierbei könnte man sich auf bereits vorliegende polnische Presseäußerungen berufen, welche die Marienburger Resolution als Anbiederungsversuch unzweideutig und beschämend zurückweisen. Da die Polen,[461] wie auch neuerdings wieder gegenüber auswärtigen Journalisten ihrerseits betont worden ist, mit einer schnellen Assimilisation der Deutschen im polnischen Staat rechnen, sind sie weniger auf eine ausgleichende Nationalitätenpolitik als auf Polonisierung gestimmt. Eine Haltung des Deutschtums, die sie als nationale Fahnenflucht werten werden, muß ihre ohnehin geringe Neigung, den Interessen der ihnen anvertrauten deutschen Minderheit gerecht zu werden, auf ein noch bescheideneres Maß zurückführen. Die Widerstandskraft der deutschen Bevölkerung gegen etwaige gewaltsame Aktionen der Polen aber muß stark beeinträchtigt werden, wenn Gedanken, wie diejenigen der Resolution Verwirrung und Unsicherheit in ihren Reihen verbreiten. Ein Deutschtum, das auch nur den Anschein erweckt, als ob es sich mit der jetzigen durch den Krieg geschaffenen Lage den Polen gegenüber abzufinden bereit sei, wird sich der tödlichen Gefahr der Polonisierung gegenüber sehen. Man denke an die Entwicklung eines Teils der Lodzer Deutschen.

18

Siehe Anm. 2.

Die zuletzt dargelegten Gesichtspunkte geben auch über den Bereich der zur Zeit bestehenden taktischen Lage hinaus Fingerzeige für die Beurteilung des hier zur Erörterung stehenden Fragenkomplexes. Wenn schon die polnischen Machthaber in Posen sich bis vor kurzem eine große Selbständigkeit gegenüber der Warschauer Regierung erhalten haben19, und obgleich in der preußisch-polnischen Bevölkerung hier und dort, vor allem in den Kreisen des Großgrundbesitzes, mit einiger Scheu der Verschmelzung des deutschen mit dem ehedem russischen und österreichischen Anteilen entgegengesehen wird, so darf doch diese Gegensätzlichkeit einstweilen nicht als ernsthafter Faktor in unsere politische Rechnung eingestellt werden. Vielmehr hat sich die Entwicklung zunächst gerade in umgekehrter Richtung vollzogen. Der „oberste Volksrat“ in Posen20 hat sich bei seiner abwartenden Politik gegenüber dem polnischen Einheitsstaate scharfen Anfechtungen seitens der polnischen Presse in Deutschland, namentlich seitens des die Arbeiterinteressen vertretenden führenden polnischen Organs in Westfalen, ausgesetzt gesehen, und er ist sicherem Vernehmen nach mit dem Wunsche, daß einem Posener Provinzialminister unter Ausschaltung der Warschauer Ressorts die gesamte Verwaltung des besetzten preußischen Gebietes übertragen werden möchte, nicht durchgedrungen. Die polnisch-nationale Welle ist einstweilen viel zu mächtig, als daß die – an sich sachlich zweifellos begründeten – Bedenken klar blickender polnischer Politiker gegen den aus der Verschmelzung zu erwartenden kulturellen Rückschritt des preußischen Anteils schon maßgebenden Einfluß gewinnen könnten, etwa gar in dem Sinne, daß auf Kosten der Einheitlichkeit des polnischen Staates ein intimeres Verhältnis der deutsch-polnischen Landesteile zum deutschen Reiche in Frage käme. Die Frucht eines Gegensatzes Warschau-Posen, der schon in der Vergangenheit der polnischen[462] Geschichte bestanden hat, und für den die politische, insbesondere die wirtschaftliche Zukunft Polens zweifellos Keime in sich birgt, kann uns erst nach einigem Zeitablauf reifen. Es wäre in hohem Maße verfehlt und hieße diese Entwicklung in Frage stellen, wenn deutscherseits gezeigt würde, daß man Hoffnungen aus dieser Gegensätzlichkeit glaube herleiten zu dürfen. Auch wirtschaftlich, insbesondere handelspolitisch, ist Polen einstweilen durchaus unitarisch orientiert. Es wäre ein Irrtum, wollte man annehmen, man könne alsbald die polnische Politik in Bahnen lenken, die den westlichen Gebieten des neuen Staates gestatten, eine selbständige handelspolitische Stellung einzunehmen und etwa gar mit Deutschland in ein engeres wirtschaftspolitisches Verhältnis zu treten. Die Friedensbedingungen, welche uns unsere Gegner auferlegen möchten, sind im Gegenteil darauf angelegt, den polnischen Seehandel allein über Danzig zu leiten und Deutschland möglichst von jeder Beteiligung am polnischen Handelsverkehr auszuschließen. Zu diesem Zwecke sind ohne Rücksicht auf ethnographische und historische Grenzen tunlichst alle in Betracht kommenden großen Bahnlinien und die diese Strecken bedienenden Eisenbahnknotenpunkte (wie die überwiegend deutschen Städte Oppeln, Lissa, Bentschen, Birnbaum und Schneidemühl) in das Polen zugesprochene Staatsgebiet einbezogen, und es ist bezeichnenderweise im Artikel 98 die Verbindung Deutschlands mit Ostpreußen der Verbindung Polens mit Danzig gegenübergestellt, eine Verbindung Deutschlands mit Danzig aber nicht in Erwägung gezogen21. Die Absicht unserer Feinde geht offenbar dahin, in dem tunlichst schnell zu polonisierenden Danzig den gesamten Überseehandel Polens zu konzentrieren und – unter Ausschaltung Deutschlands – England (vielleicht auch Amerika) eine möglichst gewichtige Rolle bei Vermittlung dieses Handels zuzuweisen. Wir haben versucht, dieser Absicht dadurch entgegenzuwirken, daß wir in unsern Gegenvorschlägen dem polnischen Staate – abgesehen von Danzig – auch für Königsberg und Memel eine Bevorzugung im Umschlagverkehr angeboten und gleichzeitig die Gegenforderung erhoben haben, Deutschlands Handelsverkehr nach Polen und durch Polen nach andern Gebieten des ehemaligen russischen Reiches keine Hindernisse entgegenzusetzen22. Dieses Angebot ist ausschließlich und hinlänglich[463] mit dem Wunsche begründet, dem berechtigten Verkehrsinteresse Polens in möglichst großem Umfange zu genügen, um eine territoriale Verbindung Polens mit Danzig entbehrlich erscheinen zu lassen. Die unsererseits erhobene Forderung, Deutschlands Verkehr mit dem ehemaligen Rußland auf Eisenbahnen und Binnenwasserstraßen nicht über Gebühr zu erschweren, fügt sich zwanglos in diesen Zusammenhang ein. Unklug und aussichtslos aber wäre es, in diesem Augenblicke dem polnischen Staate Vereinbarungen anzutragen, die auf Kosten der Ententemächte Deutschland eine bevorzugte Stellung im Handelsverkehr Polens einzuräumen bestimmt wären. [...]

19

Zwischen dem nationaldemokratischen „Kommissariat“, der provisorischen polnischen Regierungsspitze in Posen unter dem bisherigen polnischen Abg. im dt. RT Seyda, und der radikalliberalen Warschauer Regierung unter StPräs. Pilsudski bestanden erhebliche Differenzen, die auf die Gegensätze zwischen dem national-demokratischen Politiker Roman Dmowski und dem sozialistischen Pilsudski aus der Zeit vor dem Weltkrieg zurückgingen.

20

Der Oberste Volksrat in Posen war am 3.12.1918 von dem polnischen Teilgebietslandtag in Posen zur Vertretungskörperschaft aller Polen im Deutschen Reich bestimmt worden.

21

Art. 98 der all. Friedensbedingungen lautete ebenso wie Art. 98 des VV: „Deutschland und Polen werden binnen Jahresfrist nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags Übereinkommen abschließen, deren Wortlaut im Streitfalle von dem Rate des Völkerbundes festgesetzt wird, und die einerseits Deutschland für den Eisenbahn-, Draht- und Fernsprechverkehr zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschland durch das polnische Gebiet die volle Möglichkeit geeigneter Betätigung gewährleisten und andererseits Polen für seinen Verkehr mit der Freien Stadt Danzig durch das etwa auf dem rechten Weichselufer zwischen Polen und der Freien Stadt Danzig liegende deutsche Gebiet die gleiche Möglichkeit sichert.“ In: Die Friedensverhandlungen in Versailles, hrsg. v. AA, Teil I, Berlin (Reichsdruckerei) 1919, S. 25.

22

Der entsprechende Passus in den dt. Gegenvorschlägen vom 29.5.1919 lautet, die dt. Reg. sei bereit, „die Häfen von Memel, Königsberg und Danzig zu Freihäfen auszugestalten und in diesen Häfen Polen weitgehende Rechte einzuräumen. […] Die Voraussetzung wäre jedoch, daß auch auf den polnischen und auf den unter polnischem Einfluß stehenden Eisenbahnen Deutschland in der gleichen Beziehung die Gegenseitigkeit und die gleichen Vergünstigungen für die Durchfuhr durch Polen, Litauen und Lettland zugesagt werden.“ (Materialien betr. die Friedensverhandlungen, Teil III: Die dt. Gegenvorschläge zu den Friedensbedingungen der all. und ass. Mächte, Charlottenburg 1919, S. 47).

Ein „deutschpolnischer Ausgleich“ muß unter anderen Zeitumständen und mit tauglicheren Mitteln angestrebt werden. Mit jeder Anregung, zu Deutschland in ein nahes Freundschaftsverhältnis zu treten, würde einstweilen das Gegenteil dessen erreicht werden, was bezweckt wird. Polen sowie die uns feindlichen Großmächte würden sich durch derartige Anerbietungen in der Verfolgung ihrer imperialistischen, auf Ausschließung Deutschlands vom Welthandel gerichteten Ziele nicht beirren lassen, sie würden diese Anerbietungen vielmehr lediglich als Zeichen der Schwäche und des fortschreitenden nationalen Zerfalles werten und sich somit in ihren Bestrebungen ermutigt fühlen. Eine politische Annäherung Ostpreußens an Polen würde bei den Gegnern nur das Bestreben hervorrufen, auch den alten deutschen Ordensstaat in die polnische Hochflut hineinzuziehen und ihn darin zu begraben.

Scheidet aber der Gedanke der Anlehnung an Polen aus, so bleibt nur noch zu prüfen, ob der „autonome Oststaat“ Berechtigung haben würde, als eine für den Fall äußerster Not des Vaterlandes bestimmte Kampforganisation, mit der das Ziel zu verfolgen wäre, Deutschland wieder aufzubauen und den deutschen Lebenswillen im Gegensatz zu polnischer Machtgier durchzusetzen. Auch diese Frage muß verneint werden. Die Ostmarken werden der Aufgabe, sich von neuem als Kernland Preußens, als Urquell der wiedererstarkenden Kraft Deutschlands zu bewähren, zweifellos besser gerecht werden, wenn sie sich, ohne die Verbindung mit Preußen-Deutschland auch nur zeitweilig zu lösen, dem Gewaltfrieden widersetzen, denn ein wider die Entente aufbegehrender Oststaat würde an inneren Widersprüchen und Unklarheiten gegenüber dem In- und Auslande kranken, die seine Widerstandsfähigkeit von vornherein in Frage stellen müßten, während dem deutschen Reiche seitens der Feinde eine etwaige Volkserhebung im Osten genau in dem gleichen Maße zur Last gelegt werden würde, einerlei ob ein „autonomer Oststaat“ oder preußische Provinzen sich zur Wehr setzen. Das Lebensinteresse Deutschlands sowohl wie auch dasjenige der deutschen Bevölkerung in den Ostmarken heischen es gebieterisch, nirgends Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß, wie alle anderen Landesteile, auch der Osten entschlossen ist, mit dem deutschen Vaterlande zusammenzustehen in der Abwehr gemeinsamer tödlicher Gefahr, und daß, wenn sich der Osten gegen den von der Entente unterstützten polnischen Imperialismus erhebt, er nicht für die Herstellung eines neuen, sondern für die Erhaltung des bestehenden staatsrechtlichen Zustandes zu kämpfen entschlossen ist.

Vom Standpunkte einer zielbewußten, auf nationalem Verantwortungsgefühl beruhenden Politik kann ein autonomer Oststaat hiernach weder als Mittel[464] zum Zweck, geschweige denn als Selbstzweck gerechtfertigt werden. Es wird die Pflicht aller führenden politischen Persönlichkeiten des Ostens, vor allem auch der Staatsbeamten in leitenden politischen Stellungen sein, diesen Standpunkt bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit aller Entschiedenheit und Unzweideutigkeit nach außen hin zu vertreten.

gez.: Loehrs

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