2.120 (sch1p): Nr. 114 Aufzeichnung des Ersten Generalquartiermeisters über die Tage in Weimar vom 18. bis zum 20. Juni 1919

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[476] Nr. 114
Aufzeichnung des Ersten Generalquartiermeisters über die Tage in Weimar vom 18. bis zum 20. Juni 19191

1

Die folgende Niederschrift ist im Nachl. Groener  nicht vorhanden, obgleich in Groeners Tagebuch unter „18.–20. Juni“ auf „eine besondere Niederschrift“ verwiesen wird (BA-MA, N 46/25). Darüber hinaus hat diese Niederschrift Groener bei der Abfassung seiner Memoiren vorgelegen (Groener, Wilhelm: Lebenserinnerungen, hrsg. v. Friedrich Frhr. Hiller v. Gaertringen = Dt. Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts, hrsg. v. d. Historischen Kommission der Bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. 41, Göttingen 1957, S. 501 ff. ). Auf welchem Weg das Manuskript in den Nachl. Schleicher hineingekommen ist, ist nicht mit Sicherheit zu sagen; jedenfalls stammen die handschr. Verbesserungen und Einschübe im Text, hier durch spitze Klammern (<>) gekennzeichnet, von der Hand Groeners. Der Zeitpunkt der Niederschrift geht aus dem Manuskript nicht hervor.

BA-MA, Nachlaß Schleicher, N 42/12

Am 16. Juni war ein Fernschreiben gez. von Reinhardt und Noske bei der Obersten Heeresleitung eingegangen, das mich sowie den Chef des Generalstabes A[O]K Süd, General von Loßberg und den kdr. General XVII. AK’s General von Below nach Weimar berief. Ich stutzte über diese Maßnahme, da die Teilnahme dieser Generale nur zu einem höchst unfruchtbaren Kriegsrat führen konnte, wenn nicht die Absicht seitens des Kriegsministers vorlag, in diesen eine Unterstützung für seine Auffassung der Lage zu finden. Die Verschiedenheit der Auffassung zwischen Noske und mir einerseits, dem Kriegsminister andererseits war schon früher bei Besprechungen in Berlin zu Tage getreten, insbesondere am 14. Mai, an welchem Tage die Chefs der Generalstäbe der westlichen Generalkommandos nach Berlin berufen waren, um über die Möglichkeit eines militärischen Widerstandes im Westen bei einem Einmarsch der Entente im Falle der Ablehnung des Friedens Bericht zu erstatten2. Diese Berichte stellten unsere völlige militärische Ohnmacht bei einem Kampf gegen Westen fest. Der Reichswehrminister sowohl wie ich sprachen sich dahin aus, daß die Wiederaufnahme des Kampfes mit der Entente ein aussichtsloses Unternehmen sei. Der Kriegsminister war der Auffassung, daß der Kampf sich nicht werde vermeiden lassen, und daß es jedenfalls im Osten zu einem solchen kommen[477] werde, ob man wolle oder nicht. Im Zusammenhang des Vorausgegangenen glaubte ich daher annehmen zu müssen, daß durch die Herbeirufung der beiden Generale aus dem Osten zu den Besprechungen in Weimar eine vielleicht auch im Schoße der Regierung vorhandene Strömung im Sinne der Reinhardt’schen Ideen zur Geltung gebracht werden sollte. Ich war im Zeifel, ob unter den gegebenen Umständen meine Reise nach Weimar zweckmäßig war, und ob es nicht vom Standpunkte der Obersten Heeresleitung vorzuziehen gewesen wäre, der Regierung eine schriftliche Beurteilung der militärischen Lage zu übersenden. Ich entschloß mich zur Reise, weil ich besorgt war, daß durch den Einfluß der <sehr patriotisch gesinnten, aber> wenig nüchtern denkenden Generale3 von Below und von Loßberg es zu Entschlüssen kommen konnte, deren militärische Tragweite zu übersehen die Regierung unmöglich in der Lage war. <Auf meine Veranlassung wurden dann noch der Chef des Generalstabes AOK Nord Oberst Heye sowie General von Lüttwitz mit Chef Major von Stockhausen zu der Besprechung hinzugezogen.> Um in der Stellungnahme der Obersten Heeresleitung jeglichen Zweifel auszuschließen, wurde der 17. Juni von mir benutzt, um eine umfassende Denkschrift über unsere militärische Lage auszuarbeiten, die, wie ich annahm, in einer Kabinettssitzung von mir vorgetragen werden sollte4. Außerdem veranlaßte ich den <sachlich mit mir durchaus einig gehenden> Generalfeldmarschall, eine kurze persönliche Erklärung über die Aussichten einer Wiederaufnahme des Kampfes niederzuschreiben, die alsdann auch in Weimar im Original von mir dem Reichswehrminister übersandt worden ist (s. die amtliche Kundgebung der Obersten Heeresleitung vom 25. Juni durch WTB)5.

2

Dazu schrieb Groener in seinen Erinnerungen: „Bei einer Unterredung mit den Chefs der westlichen Generalkommandos am 14. [5. 1919] stießen meine und des Kriegsministers Reinhardt Anschauungen heftig aufeinander. Dieser vertrat hier zum ersten Male mit aller Deutlichkeit den Gedanken, die dt. Einheit vorübergehend aufzugeben, um vom selbständigen Osten her den Widerstand gegen den Feind aufzunehmen.

Für diesen Plan, der in zahlreichen pr. Köpfen eine Rolle spielte, hatte ich kein Verständnis. Die Erhaltung der Reichseinheit war die conditio sine qua non, für die ich zu jedem Opfer bereit war. […] In den pr. Köpfen lebte die Erinnerung an 1806–13, für sie war deshalb die Unversehrtheit des Ostens die Voraussetzung aller nationalen Erneuerung; aus der gleichen Erinnerung heraus wurde gerade in nationalen Kreisen der Ruf laut nach dem Bündnis mit den Russen, und das Schlagwort ‚Kosaken am Rhein‘ tauchte auf. Vielleicht hatte es der Süddeutsche deshalb leichter, nüchtern zu denken, da die Erinnerung an jene Zeit ihn nicht bestach.“ (Groener, Lebenserinnerungen, S. 493). Allerdings war Reinhardt ebenfalls Württemberger; zu seiner Haltung in der Frage der Ostprovinzen und Vertragsunterzeichnung s.: Ernst, Fritz: Aus dem Nachlaß des Generals Walther Reinhardt, Teil II, in: Die Welt als Geschichte, 18. Jg. 1958, S. 70 ff. Zur Frage eines separaten Oststaats s. Dok. Nr. 111.

3

Hier folgt, nachträglich durchgestrichen: „von Lüttwitz“.

4

Die Denkschrift Groeners vom 17.6.1919 über die militärische Lage in: BA-MA, Nachl. Schleicher , N 42/12; abgedruckt in: Groener-Geyer, Dorothea; General Groener. Soldat und Staatsmann, Frankfurt/M. 1954, Dok. Nr. 8, S. 379 ff. Ob die Denkschrift dem RKab. vorgelegen hat, ist aus den vorhandenen Aktenbeständen nicht zu ermitteln.

5

In einem Telegramm Hindenburgs an den RPräs. vom 23.6.1919 hieß es: „Am 20. 6. ist dem Herrn RWeM folgende Erklärung übersandt: Gr. H. Qu., den 17. Juni 1919. – Wir sind bei Wiederaufnahme der Feindseligkeiten militärisch in der Lage, im Osten die Provinz Posen zurückzuerobern und unsere Grenzen zu halten. Im Westen können wir bei ernstlichem Angriff unserer Gegner angesichts der numerischen Überlegenheit der Entente und deren Möglichkeit, uns auf beiden Flügeln zu umfassen, kaum auf Erfolg rechnen. – Ein günstiger Ausgang der Gesamtoperationen ist daher sehr fraglich, aber ich muß als Soldat den ehrenvollen Untergang einem schmählichen Frieden vorziehen. gez. v. Hindenburg […]“ (R 43 I/702, Bl. 33 f.). Die erwähnte WTB-Meldung vom 25.6.1919 in: Schultheß 1919, I, S. 263 f.

Am 18. Juni gegen 12 Uhr mittags trafen wir in Weimar ein. Die erste Besprechung hatte ich um 3 Uhr nachmittags mit dem Kriegsminister, wobei die beiderseitigen nächsten Begleiter anwesend waren. Der Eindruck, den ich hierbei vom Kriegsminister gewann, bestätigte mir meine Vermutung. Der Kriegsminister hatte offenbar die Absicht, die herbeigerufenen Generale zu benutzen, um seine Anschauungen gegenüber der Regierung zu stützen, und andererseits die Generale für seine Ideen zu gewinnen. Der Kriegsminister ließ keinen Zweifel darüber, daß er den einzigen Ausweg in einer von uns selbst vorzunehmenden Zerstückelung des deutschen Reiches sähe, da es doch nicht möglich[478] sei, bei Annahme der Friedensbedingungen die Einheit des deutschen Reiches zu erhalten. Er spekulierte bei solcher Selbstzerstückelung auf die nach seiner Ansicht dem deutschen Volke innenwohnende Kraft zur Wiedervereinigung, wenn nur im Osten der Kern des alten Preußischen Staates erhalten bliebe. Die Abtrennung West- und Süddeutschlands würde alsdann nur eine vorübergehende sein.

<Dem widersprach meines Erachtens nicht allein die historische Entwicklung des deutschen Volkes, sondern vor allem auch die Tatsache, daß infolge der trostlosen politischen und wirtschaftlichen Lage die im deutschen Volke an sich schon vorhandenen zentrifugalen Kräfte neuen Anreiz erfahren hatten.> Dieser Beweisführung vermochte ich nicht zu folgen. Schon im Kreise der Obersten Heeresleitung hatte ich mich am 19. und 20. Mai in einem längeren Vortrage über unsere Lage eingehend ausgesprochen6. <Dieser Vortrag war auch den Generalstabschefs der beiden Oberkommandos bekanntgegeben worden.> Nach meiner Auffassung war es die Aufgabe, die Einigkeit des deutschen Volkes und die Einheit des deutschen Staates zu erhalten und allen Sonderbestrebungen, mochten sie im Westen, Süden oder Osten auftreten, nachdrücklichst entgegenzuwirken. Ich konnte mich daher bei der Gegensätzlichkeit unserer Auffassung auf eine längere Auseinandersetzung mit dem Kriegsminister nicht einlassen und lehnte seine unzweideutige Aufforderung, im Osten auch bei Annahme des Friedens seitens der Regierung die Führung eines Aufstandes zu übernehmen, für meine Person ebenso ab wie für die Oberste Heeresleitung als Organ der Regierung. Dem Feldmarschall müsse die persönliche Entscheidung vorbehalten bleiben. Sollte jedoch die Regierung sich entschließen, den Frieden abzulehnen, so sei selbstverständlich die Oberste Heeresleitung als Organ dieser Regierung verpflichtet, die militärische Führung zu übernehmen, auch bei einem aussichtslosen Kampfe. Die Verantwortung hierfür falle alsdann der Regierung zu.

6

Der Vortrag des Ersten Generalquartiermeisters über die Lage, gehalten im Großen Hauptquartier am 19. und 20.5.1919, in: BA-MA, Nachl. Schleicher , N 42/12.

Nach dieser Besprechung begab ich mich in’s Schloß, wo um 4 Uhr eine Kabinettssitzung7 angesagt war, an der ich teilnehmen sollte. Bei meinem Eintreffen dort teilte mir Unterstaatssekretär Albert von der Reichskanzlei mit, ich könne an der Kabinettssitzung nicht teilnehmen. Zwischen den Ministern seien starke Gegensätze vorhanden, die sie zunächst unter sich auszutragen wünschten. Ministerpräsident Scheidemann, der kurz darauf hinzukam, bestätigte dieses und meinte, daß eine Entscheidung über die Haltung der Regierung an diesem Tage nicht mehr zu erwarten sei. Aus den Gesprächen mit Albert und anderen Persönlichkeiten gewann ich den Eindruck, daß eine schwere Regierungskrise bereits im Gange und es nicht unwahrscheinlich war, daß der Ministerpräsident Scheidemann gar nicht den Wunsch hegte, einen Vortrag über die militärische Lage im Kreise der Regierung herbeizuführen8.

7

Siehe Dok. Nr. 118.

8

Hier folgt, nachträglich durchgestrichen: „sondern alles vermeiden wollte, was zu einem Ausgleich der Gegensätze innerhalb der Regierung führen konnte. Scheidemann wollte sich einen guten Abgang verschaffen“.

[479] Den Abend verbrachten wir auf dem Belvedere. Noske war auf meine Bitte heraufgekommen, da ich ihn vorher nicht hatte sprechen können, und aß mit uns Abendbrot. Während des Essens besprachen wir in Kürze die Lage. Ich konnte dabei nur wiederum feststellen, wie schon bei früheren Besprechungen, daß unsere Anschauungen übereinstimmten. Ich ließ am Abend des 18. Noske auch keinen Zweifel, daß bei Wiederaufnahme des Kampfes im Osten sicherlich vorübergehende schöne Erfolge zu erzielen seien, daß aber der Enderfolg, wenn die Entente entschlossen sei, den Kampf durchzuführen, woran ich nicht zweifelte, die vollkommene Kapitulation des deutschen Volkes sein würde. Die Frist, die für militärische Operationen bis zum Eintritt dieses Enderfolges zur Verfügung stehe, sei zu kurz, um einen völligen Umschwung in den Absichten der feindlichen Regierungen oder gar revolutionäre Bewegungen <in den feindlichen Ländern zu unsern Gunsten> erwarten zu lassen. Wie schon bei den früheren Unterredungen mit Noske, so hatte ich auch diesmal keinen Zweifel, daß Noske nicht nur aus innerpolitischen, sondern auch aus militärischen Gründen die Annahme des Friedens für unvermeidlich hielt.

Der 19. Juni begann 9 Uhr vorm. mit einer großen militärischen Besprechung, zu der vom Kriegsminister Fragebogen ausgegeben waren9. Es nahmen teil: der Reichswehrminister, Kriegsminister, General von Lüttwitz, <General v. Below, General v. Loßberg, Oberst Heye>, die obersten Militärbefehlshaber von Bayern und Sachsen, <der Militärbevollmächtigte von Württemberg>, der Chef der Admiralität, ich und eine größere Zahl von begleitenden Offizieren10. Die vom Kriegsminister gestellten Fragen bedeuteten nichts anderes als die Abhaltung eines militärisch unnötigen, ja schädlichen Kriegsrates, wie ich dies vermutet hatte. Politisch konnte dieser Kriegsrat zur größten Katastrophe für Deutschland führen. Im Kern bedeutete der Kriegsrat nichts anderes als die Aufforderung seitens des Kriegsministers an die anwesenden Generale, für den Fall der Annahme der Friedensbedingungen durch die Regierung an die Spitze allgemeiner Aufstandsbewegungen im Osten zu treten. Daß dies von den Generalen auch so aufgefaßt wurde, geht aus einer Äußerung des General von Below hervor, die er nach der Besprechung tat, und in der er seiner Genugtuung Ausdruck gab, eine „Yorckrolle“, wie er glaubte, übernehmen zu können. Über die Einzelheiten dieses Kriegsrates braucht nicht viel gesagt zu werden. Eine Niederschrift, die ich anfertigen ließ, gibt nähere Auskunft11; nur weniges ist hervorzuheben.[480] Die Urteile der Generale über die militärische Lage gründeten sich lediglich auf die Verhältnisse12 ihres eigenen Befehlsbereichs und faßten nur die nächsten Ziele eines Kampfes im Osten ins Auge; <die militärischen Maßnahmen der Entente wurden nicht berücksichtigt, ein Endergebnis der Gesamtoperationen nicht gezogen. Man sprach über den Kampf im Osten, wie wenn sich dieser von den im Westen zu erwartenden Ereignissen völlig trennen lassen könnte. Insbesondere gab man sich einer groben Selbsttäuschung hin, wenn man annahm, daß die Entscheidung über den Frieden durch Kampferfolge gegenüber den Polen zu unseren Gunsten geändert werden könnte. Über den Frieden und seine Bedingungen fielen im Westen die Würfel>. Die politischen Auffassungen <der Generale> waren naiv, die militärischen begrenzt vom engen Horizont des Truppenführers, insbesondere General von Loßberg berauschte sich an seinen eigenen Worten13, die jedes nüchterne, klare und logische Wägen eines im Kriege bewährten Generalstabschefs vermissen ließen. General von Below14 beschränkte sich auf wenige Worte, die seine Entschlossenheit und Energie zum Ausdruck bringen sollten. Mit mehr Einsicht beurteilte Oberst Heye die Lage, aber auch er schien befangen in dem Gedanken, daß die Regierung selbst eine solche Aufstandsbewegung nicht nur des Militärs, sondern des ganzen Volkes im Osten wünsche <und vorbereiten wolle>.

9

Über die Besprechung im PrKriegsMin. am 19.6.1919, 9 Uhr, existieren neben der vorliegenden zwei weitere Quellen: ein ungezeichnetes, 10 Seiten umfassendes Protokoll aus dem Nachl. Reinhardt , in: BA-MA, N 86/17, sowie eine umfangreiche Aufzeichnung im Tagebuch des Oberst van den Bergh, Chef der Ministerialabt. im PrKriegsMin., unter dem 19.6.1919, in: Institut für Zeitgeschichte München, ED 70. Im Nachl. Reinhardt, N 86/17 auch der Text des erwähnten Fragebogens, abgedruckt in: Ernst, Fritz: Aus dem Nachlaß des Generals Walther Reinhardt, II, in: Die Welt als Geschichte, 18. Jg. 1958, S. 73 f. Der Fragebogen Reinhardts betraf hauptsächlich die Lagebeurteilungen der anwesenden Kommandeure, vor allem für den Fall der Wiederaufnahme des Krieges im Osten.

10

Die im BA-MA, Nachl. Reinhardt , N 86/17 vorliegende Anwesenheitsliste umfaßt insgesamt 32 Namen; der oberste Militärbefehlshaber von Bayern war Gen. v. Möhl, von Sachsen Gen. Forthmüller, der württ. Militärbevollmächtigte Gen. Renner.

11

Eine Niederschrift Groeners über die Besprechung im PrKriegsMin. am 19.6.1919 9 Uhr ist weder im Nachl. Groener  noch im Nachl. Schleicher zu ermitteln.

12

Statt „die Verhältnisse“ hatte Groener ursprünglich geschrieben „den engen Ausschnitt“.

13

Der folgende von Groener teilweise durchgestrichene Halbsatz lautete ursprünglich: „während General v. Below[’s Worte] in ihrer großsprecherischen Weise an den Wintervortrag eines jungen Offiziers erinnerten und jedes nüchterne, klare und logische Wägen eines im Kriege bewährten Generalstabschefs vermissen ließen.“ Gen.d.Inf. Otto v. Below war 1916 Generalstabschef einer Heeresgruppe in Mazedonien gewesen, wurde 1917 Kommandierender General der 14. Armee an der ital. Front und 1918 Kommandierender General der 17. Armee in Frankreich, die nach dem Waffenstillstand in ihre Heimatgarnison in Westpreußen mit dem Hauptquartier in Danzig verlegt wurde. Wegen seiner Haltung in der Frage eines selbständigen Oststaats wurde er am 24.6.1919 von Hindenburg zur Disposition gestellt.

14

Im Manuskript folgten hier ursprünglich die später durchgestrichenen Worte: „hatte anscheinend überhaupt nicht viel über die Lage nachgedacht und“.

Der Reichswehrminister, der während der ganzen Dauer der Besprechung nicht anwesend sein konnte, unterbrach die Aussprache, um überzeugend die Unmöglichkeit der Wiederaufnahme des Krieges mit der Entente darzulegen. Er sagte unter anderem15: „Wir müssen uns klar sein, daß die Aufnahme des Kampfes im Westen ein selbständiges Süddeutschland, ein selbständiges Rheinland und vielleicht auch ein selbständiges Hannover zur Folge haben wird. Ferner müssen wir bei Ablehnung des Friedens mit Streiks im großen Umfange rechnen. Mitteldeutschland wird seiner ganzen Lage nach nicht zu halten sein. Bremen ist vielleicht zu halten; Hamburg wird sich sofort zur Räterepublik erklären. Dann der Osten: Er kann in Oberschlesien und Westpreußen Überraschungen bringen. Treten dort Bewegungen von großem Elan hervor, will ich sie nicht unterbinden, ich glaube jedoch nicht an diesen Riesenelan. Die Nachricht aus Danzig[481] (Selbständigerklärung zum Freistaat)16 spricht Bände. Die großen Städte im Osten scheiden für eine Erhebung in nationalem Sinne aus. Die guten Elemente werden hier durch die spartakistischen und kommunistischen ausgeglichen. Der Osten wird nicht lange die genügende Kohle haben, dagegen die Lebensmittel. Diese werden knapp werden, wenn ein größerer Zustrom aus dem Westen erfolgt. Die Materialbeschaffung im Osten ist sehr schwer. Zu berücksichtigen ist, daß sich in der Ostsee 40–50 feindliche Kriegsschiffe befinden. Hierdurch ist auch eine Beunruhigung durch feindliche Fliegerkräfte möglich.“ Dieses Urteil des Reichswehrministers entsprach durchaus meinen Anschauungen, die ich sowohl im Vortrag vom 19. u. 20. Mai wie in der Denkschrift vom 17. Juni17 zum Ausdruck gebracht hatte. So konnte ich auch nur begrüßen, daß der Reichswehrminister am Schlusse seiner Ausführung als unsere Aufgabe für die Zukunft hinstellte: „Nur wenn wir das Reich leidlich intakt erhalten, ist eine Wiedergeburt Deutschlands möglich.“

15

Die folgenden Worte Noskes sind in dem Protokoll aus den Nachl. Reinhardt  (s. Anm. 9) nicht enthalten.

16

Siehe weiter unten die Ausführungen des Danziger OB während der Abendsitzung der Vertreter aller Parteien der Ostprovinzen am 19.6.1919.

17

Siehe Anm. 4, 6.

Der Reichswehrminister machte weiterhin davon Mitteilung, daß die Friedensdelegation sowie auch einige Kabinettsmitglieder sich auf die Ablehnung des Friedens festgelegt hätten; der Rücktritt des Kabinetts sei daher sicher. Ferner sei die Möglichkeit erwogen worden, daß er – Noske – unter Beibehaltung seiner Stellung als Reichswehrminister Ministerpräsident <mit diktatorischen Vollmachten> werde. Hierbei sei für ihn Vorbedingung, daß er der Unterstützung der Offiziere sicher sei, denn auch im Falle des Unterschreibens sei mit Unruhen zu rechnen. Um dann durchgreifen zu können, müsse er gewiß sein, daß die Führer auf seiner Seite seien. Es sei die Ansicht geäußert worden, daß im Falle der Unterzeichnung von seiten des Offizierskorps solches Widerstreben hervortreten würde, daß das Militär unbrauchbar werde. Er selbst habe nicht diese Auffassung, auch nicht nach der heutigen Besprechung.

Der Kriegsminister erwiderte, daß die Annahme der Schmachparagraphen ruhige Leute aus dem Hause treiben werde, die Hitzköpfe sogar ins Gegenlager18. Ich betonte, daß der höchste sittliche Wert, der auf dem Spiele stehe, die Erhaltung der Einheit des Reiches sei, dies sei nur möglich, wenn sich alles hinter den Reichswehrminister stelle; ich würde mit ihm durch dick und dünn gehen. Die Generale von Lüttwitz, v. Below, v. Loßberg, <der Chef der Admiralität> und die Vertreter Bayerns, Sachsens und Württembergs sprachen dem Reichswehrminister ebenfalls ihr Vertrauen aus; sie wiesen aber darauf hin, daß die Annahme der Schmachparagraphen die Offiziere auseinandertreiben werde. General v. Below und v. Loßberg fügten noch bei, daß die Truppe den Befehl der Reichsregierung zur Räumung der abzutretenden und der Gebiete, in denen abgestimmt werden solle, nicht ausführen werde; die Polen möchten sich selbst[482] holen, was sie wollten19. Zum Schlusse wies der R[eichs]W[ehr]M[inister] noch darauf hin, daß es sich nur um eine unverbindliche Anfrage gehandelt habe.

18

Nach dem Protokoll im BA-MA, Nachl. Reinhardt , N 86/17 sagte Reinhardt: „Ich habe in manchem eine andere Stellung als die von Exzellens Groener sachlich sehr klar vorgetragene. Man muß aber auch damit rechnen, welche Rolle die sittlichen Werte spielen. Unter allen Umständen müssen der Auslieferungsparagraph und die anderen Schmachparagraphen raus.“

19

Nach dem Protokoll im Nachl. Reinhardt , s. Anm. 18, erklärte der Stabschef des AOK Süd in Breslau, GenMaj. Loßberg: „Der Name des Reichswehrministers hat einen guten Klang in der Truppe. Persönlichen Mut, Entschlußfreudigkeit hat der Reichswehrminister oft gezeigt. Wird der Friede abgelehnt, dann steht alles restlos hinter dem Reichswehrminister. Wird er angenommen, so müssen die Strafbedingungen pp. unbedingt gesichert sein. In den Grenzschutztruppen wird möglicherweise der Entschluß entstehen, Befehlen zur Räumung des ihnen anvertrauten Gebietes nicht nachzukommen.“ Eine Äußerung Gen. v. Belows hierzu ist in dem Protokoll nicht halten.

Den Sinn der Ausführungen des R[eichs]W[ehr]M[inisters] haben ich <und meine Begleiter> dahin aufgefaßt, daß er bereit sei, als Ministerpräsident die Verantwortung für den Frieden, dessen Annahme er für unvermeidlich hielt, zu übernehmen unter der Voraussetzung, daß er sich auf die Zuverlässigkeit der militärischen Führer stützen könne. Das persönliche Vertrauen war dem R[eichs]W[ehr]M[inister] wohl von allen Anwesenden ausgesprochen worden; für den Fall der Annahme des Friedens jedoch nur bedingt, d. h. es wurde Ablehnung der sogenannten Schmachparagraphen gefordert. Ich glaube nicht fehlzugehen in der Annahme, daß dies Ergebnis der Aussprache mit dem R[eichs]W[ehr]M[inister] die <taktische> Haltung der Regierung in den nächsten Tagen wesentlich beeinflußt hat. Die Kombination, daß Noske die Ministerpräsidentenschaft übernehmen solle, ist wohl infolgedessen wieder fallengelassen worden. Naheliegende Gründe ließen es mit Rücksicht auf die möglicherweise unsichere Haltung der Offiziere geboten erscheinen, daß der R[eichs]W[ehr]M[inister] persönlich in der Abstimmungsfrage freie Hand behalte. Am anderen Tag sagte mir der Reichspräsident bei meinem Besuch, daß für das Fallenlassen der Kombination Noske, <abgesehen von der praktischen Unmöglichkeit, die Ämter des Ministerprädidenten und Reichswehrministers in der jetzigen Zeit gleichzeitig zu versehen,> auch die Sorge maßgebend gewesen sei, seine Ministerpräsidentenschaft würde auf die Arbeiterschaft provozierend wirken. Dieser Grund war allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Nachdem der R[eichs]W[ehr]M[inister] die Sitzung verlassen hatte und der Kern der Besprechung seine Klärung erfahren hatte, erübrigte sich m. E. jede weitere Aussprache. Der Kriegsminister jedoch schien besonderen Wert darauf zu legen, die Beantwortung seines Fragebogens weiter fortzusetzen, wodurch fraglos die anwesenden Offiziere in der Auffassung bestärkt wurden, daß der Kampf im Osten auch gegen den Willen der Regierung beabsichtigt sei, trotzdem eigentlich die Ausführungen von Noske bei jedem unbefangenen Zuhörer den gegenteiligen Eindruck erweckt haben mußten.

Die Ausführungen der Generale von Loßberg und von Below ließen erkennen, daß sie die Erhebung des Ostens zunächst als reines militärisches Unternehmen sich dachten und hierzu die Oberleitung durch die Oberste Heeresleitung forderten. Damit würden die Generale auch der persönlichen Verantwortung enthoben worden sein. Dies mußte ich aus den schon oben angeführten Gründen ablehnen. Ich wies darauf hin, daß die militärische Leitung von Operationen im Falle einer Aufstandsbewegung durchaus getragen sein müsse von einer politischen Führung und von dem Vertrauen der Bevölkerung, daß also in[483] erster Linie die berufenen Vertreter der Bevölkerung im Osten, d. h. die Abgeordneten zur Nationalversammlung und zur Preußischen Landesversammlung <sowie andere führenden Persönlichkeiten> unter Lossagung vom Reiche und von Preußen zu einer staatlichen Neubildung entschlossen sein müßten. Die militärischen Führer und die Truppen würden alsdann lediglich ausführendes Organ einer neuen Regierung werden, indem sie in deren Dienste treten. Ich warnte die Generale vor der Idee, ihrerseits auch die politische Führung zu übernehmen, da sie alsdann staatsrechtlich und völkerrechtlich lediglich die Rolle von Rebellen übernehmen würden und als solche von den Ententeregierungen zweifellos betrachtet und behandelt werden würden. Politisch würde durch ein solches Vorgehen gar nichts gewonnen sein. Ob die führenden politischen Persönlichkeiten des Ostens bereit waren, im Falle der Unterzeichnung des Friedens durch die Reichsregierung den Abfall vom Reiche und von Preußen zu proklamieren und sich hierbei auf die allgemeine Zustimmung der Bevölkerung stützen konnten, war mir persönlich höchst zweifelhaft; darüber mußte die für den Abend des 19. 6. angesagte Besprechung mit den Vertretern des Ostens Klarheit schaffen. Zu dieser Besprechung waren die militärischen Vertreter eingeladen. Ich hatte den Eindruck, daß die Generale von Below, von Loßberg und Oberst Heye die Besprechung mit dem Kriegsminister in dem Gedanken verließen, es sollten am Abend mit den Vertretern des Ostens tatsächlich die Maßnahmen für eine Aufstandsbewegung vereinbart werden.

Am Nachmittag war eine lange Sitzung des Staatenhauses, an der ich mit meinen Begleitern als Zuhörer teilnahm20. Die anderen militärischen Vertreter waren hierbei nicht anwesend. Reichsminister Dernburg eröffnete die Aussprache mit längeren Ausführungen über die Friedensbedingungen, deren neuer Entwurf zwar einige Verbesserungen enthalte, die jedoch nur unwesentlich seien. Die allgemeine Tendenz des ursprünglichen Friedensentwurfes sei unverändert bestehen geblieben. Der Zweck der heutigen Sitzung sei, die Gliedstaaten zu der Frage Annahme oder Ablehnung des Friedensvertrages zu hören. Für Preußen erklärte der Kriegsminister, daß auch jetzt der Friedensvertrag für uns unannehmbar sei. Der Ministerpräsident von Bayern stellte die Frage, wie weit die Reichsregierung mit ihren Entschlüssen gekommen sei, worauf Minister Dernburg erwiderte, daß die Reichsregierung eine Erklärung über ihre Auffassung zur Zeit noch nicht abgeben könne. Der Ministerpräsident von Sachsen führte aus, daß die Ablehnung des Friedens zu einer Katastrophe führen werde; es werde zu einer neuen Revolution kommen, die uns dann eine Regierung bringen werde, die doch unterschreibe. Die Annahme des Friedens bedeute für uns Zeitgewinn, denn er glaube an die Möglichkeit politischer Veränderungen, die auf einen gemeinsamen Wiederaufbau Europas hinzielen. Er frug, ob seitens der Regierung der Versuch gemacht werde, die Basis für eine Verständigung zu schaffen, worauf Minister Dernburg erwiderte, daß natürlich diese Neigung bestehe, wenn auch verschiedene Strömungen innerhalb des Kabinetts vorhanden seien. Reichsminister Giesberts, der unterdessen herbeigeholt worden war, erklärte,[484] daß die Friedensdelegation den vorliegenden Vertragsentwurf als unannehmbar, undurchführbar, rechtsverletzend und unaufrichtig bezeichnet habe21, daß das von der Friedensdelegation abgegebene Urteil ohne Berücksichtigung der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland abgefaßt sei, da die Delegation während ihres Aufenthaltes in Versailles über diese nicht unterrichtet gewesen sei. Der Ministerpräsident von Württemberg sprach aus, daß der Einmarsch der Franzosen in Süddeutschland das Ende des deutschen Reiches bedeute. Wenn auch Württemberg beim Reiche bleiben wolle, so sei es doch nicht sicher, ob die Bevölkerung auf die Dauer den Versuchungen, die an sie herantreten werde, widerstehen könne. Wenn erst einmal ein neuer Rheinbund geschaffen sei, werde es sehr schwer halten, die Sache später wieder in Ordnung zu bringen. Die Unterzeichnung sei das kleinere Übel. In Württemberg seien alle Parteien gehört worden, besonders auch die ländliche Bevölkerung, die bei Ablehnung am ersten geneigt sein werde, in das andere Lager überzugehen.

20

Vgl. die Schilderung der Sitzung des Staatenausschusses und der MinPräs. der Länder in der Aufzeichnung Brockdorff-Rantzaus vom 2.7.1919, Dok. Nr. 118.

21

Siehe Dok. Nr. 113.

Die Aussprache seitens der Vertreter der Bundesstaaten wurde unterbrochen durch das Eintreten des Reichsministers Graf Brockdorff-Rantzau, der zu längeren Ausführungen das Wort nahm. Er dankte für das ihm bisher entgegengebrachte Vertrauen und bat, dies weiter ihm zu schenken, auch wenn seine Ausführungen vielfach nur auf Kombinationen beruhen; die Aufgabe der Friedensdelegation sei unerfüllbar gewesen. Dem Gedanken der Erhaltung der Reichseinheit auf der einen Seite habe auf der anderen die Forderung, brauchbare Friedensbedingungen zu schaffen, gegenübergestanden. Die Unterzeichnung werde schwere Folgen haben, die Ablehnung nicht minder, unsere Festigkeit werde aber einen Keil in die Einigkeit der Entente treiben. Die Verhältnisse in den einzelnen Ententeländern schildert Graf Brockdorff folgendermaßen22:

22

Der folgende Text gibt den Inhalt der Ausführungen des RAM nur sinngemäß wieder; eine Niederschrift, die sich jedoch substantiell von der Aufzeichnung Groeners nicht unterscheidet, findet sich in: PA, Dt. Friedensdelegation Versailles, Pol 1 b, Bd. 2; der Urheber ist nicht genannt.

„In Frankreich nimmt die Streikgefahr mehr und mehr zu. Die Streiks tragen politischen Charakter, die Arbeiter machen immer mehr größere Schwierigkeiten. Die Disziplin der Truppe hat nachgelassen. Die Wirtschaftspolitiker, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, sind entschieden gegen den Gewaltfrieden, der geschlossen werden soll.

In England macht sich eine schwankende Haltung bemerkbar. Lloyd George hat Versuche zum Einlenken gemacht. Die öffentliche Meinung ist gegen die Wiederaufnahme der Blockade; dagegen herrscht viel Stimmung für sofortige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Bei den englischen Truppen sind bereits Meutereien vorgekommen.

In Amerika will die Geschäftswelt vor allen Dingen die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Verbindungen und ist gegen eine Abtrennung Deutschlands. Sagen wir ja, so nehmen wir Amerika die Möglichkeit, uns zu helfen, da die Entente sich dann immer auf unsere Unterschrift berufen wird. Amerikanische Reisende haben allgemein vor der Unterzeichnung gewarnt. Die Truppen sollen[485] zwar zum Vormarsch bereit sein; ihr Wunsch, nach Hause zu kommen, soll aber immer zunehmen.

Von italienischer Seite ist ein Angriff auf Süddeutschland zweifelhaft. Man kann sagen, daß Italien innerlich schon auf unserer Seite steht. Orlando will neue Gewaltpolitik gegen Deutschland nicht mitmachen, da Italien ein zu starkes Frankreich zu fürchten hat.

Japan hat ein lebhaftes Interesse, Deutschland nicht weiter zu schwächen; man darf annehmen, daß es der Entente eher Schwierigkeiten [bereiten], als sie in ihrer Gewaltpolitik gegen Deutschland unterstützen wird.

In Belgien ist der Wunsch nach Rache und Vergeltung nach wie vor sehr groß. Aber auch dort macht sich die sozialistische Bewegung bemerkbar. Belgien wird über kurz oder lang selbst Revolution haben.

Es liegt ein Telegramm des Gesandten in der Schweiz vor, nach diesem ist die Revolution in Frankreich und Italien sicher zu erwarten.“

Die Ausführungen des Grafen Rantzau hinterließen auf die Anwesenden keinen besonderen Eindruck. Ich für meinen Teil mußte mich sehr wundern über den völligen Mangel an positiven Angaben über die außenpolitische Lage. Es war weniger als Kombination, was Graf Rantzau bot und erhob sich nicht über kritiklose Gemeinplätze, die man täglich in den Zeitungen lesen konnte. Was ich insbesondere vermißte, das war eine klare Stellungnahme zu den Absichten und dem Charakter der feindlichen Staatsmänner und eine nüchterne Beurteilung der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Folgen im Falle der Ablehnung oder Annahme des Friedensvertrages. Darüber konnte doch kein Zweifel sein, daß die Grundlage für jeden Entschluß die kühle Erwägung der Folgen des Entschlusses bilden mußte.

Daß die Ausführungen des Grafen Rantzau auf die Ansichten der Vertreter der Gliedstaaten einflußlos geblieben waren, bewies die Fortführung der Aussprache. Der Wunsch des Grafen Rantzau, lediglich aus Vertrauen zu seiner Person auch seine Ansicht zu teilen, wurde nicht erfüllt. Der Ministerpräsident von Baden schloß sich den Ausführungen der Vertreter von Sachsen und Württemberg an. Baden werde am meisten unter der Besetzung zu leiden haben. Die Bevölkerung wolle zu 85 – 90% das „Ja!“ hören. Die Ablehnung könne uns auch keinen besseren Frieden bringen. Der Ministerpräsident von Hessen erklärte, er glaube nicht an die Revolution in den Ententeländern. Lehnen wir den Frieden ab, so werde die Entente uns zwingen. Unterzeichnen wir, so können wir wenigstens den Wiederaufbau in die Hand nehmen. Mehr als 95% der Bevölkerung wolle das „Ja!“ hören.

Reichsminister Erzberger führte aus, die Ablehnung des Friedens könne die Aussichten nicht verbessern. Das Hauptziel sei die Erhaltung der Reichseinheit. Diese sei im Falle der Ablehnung gefährdet. Die Rheinlande werden verlorengehen, ebenso Hannover. Süddeutschland werde abgesprengt werden. Auch aus innerpolitischen Gründen sei die Annahme des Friedens notwendig. Die weiteren Äußerungen der Vertreter der Gliedstaaten bieten kein besonderes Interesse. Die meisten sprachen sich mehr oder weniger bestimmt dahin aus, daß die Unterzeichnung des Friedens unvermeidlich sei. Dagegen nahmen sehr scharf Stellung die Vertreter der Hansastädte; auch der Vertreter von Lippe lehnte ab.[486] Der Preußische Ministerpräsident bestätigte nochmals die eingangs erwähnte Stellungnahme des Kriegsministers, daß der Friedensvertrag auch in seiner jetzt vorliegenden Form für die Preußische Regierung ganz unannehmbar sei. Der Badische Minister Dietrich betonte, daß die nationale Ehre gewahrt werden müsse, auch die territorialen Forderungen gingen zu weit. Der bayerische Finanzminister nahm gegen die Ehrparagraphen und andere Bedingungen, die unerfüllbar seien, Stellung und erklärte, daß wir nur mit Einschränkung unterzeichnen könnten. Auch ein zweiter Vertreter von Hessen sprach sich im ähnlichen Sinne aus. Er meinte, noch seien wir nicht so weit, daß wir keinen anderen Ausweg als Unterzeichnung mehr hätten. Dies sei auszunutzen. Notwendig sei zunächst eine Einigung in der Regierung. In seinen Schlußworten faßte Reichsminister Dernburg seine persönliche Ansicht dahin zusammen, daß das Volk über die Bedeutung des Friedensvertrages noch gar nicht unterrichtet sei; erst wenn die Durchführung komme, werde sich das Volk über die Schwere der Bedingungen klar werden und dann Vorwürfe gegen die Regierung, die diesen Frieden unterzeichnet habe, erheben. Es gäbe keinen Friedensvertrag, der so gegen die Arbeiter gerichtet sei, wie der vorliegende. Noch hätten wir die Kraft, diese müsse aber auch erprobt werden. Wir dürften daher den vorliegenden Friedensvertrag nicht annehmen.

Der Gesamteindruck, den ich von dieser Sitzung des Staatenhauses mitnahm, war, daß der Westen und Süden sowie Mitteldeutschland, wo die Folgen des Einmarsches der Entente angesichts unserer völligen militärischen Ohnmacht im Westen unmittelbar vor Augen standen, unbedingt für Annahme des Friedens waren, während im Osten, als deren Vertreter die Preußischen Minister zu sprechen hatten, und wo einerseits infolge der Entfernung vom Rhein die von dorther drohende Gefahr vermindert, andererseits infolge unserer militärischen Kraftentfaltung gegenüber den Polen die Kampfaussichten günstig schienen, die Stimmung für Ablehnung des Friedens zunahm. In welchem Maße die Bevölkerung des Ostens tatsächlich bereit war, den Kampf wieder aufzunehmen und dafür bei den höchst unsicheren Endaussichten das letzte Blut und Gut zu opfern, da es ja nicht etwa mit einer Wiedernahme der Provinz Posen und örtlichen Verteidigungskämpfen an der Grenze getan war, sollte bei der am Abend folgenden Besprechung mit den führenden Persönlichkeiten des Ostens nochmals festgestellt werden. <Die Oberste Heeresleitung allerdings war schon früher auf Grund ihrer Umfrage, die seinerzeit in der Presse einigen Staub aufgewirbelt hatte, zu hinreichender Klarheit über diese Frage gelangt.>

Die Abendsitzung von Vertretern aller Parteien der Ostprovinzen fand unter dem Vorsitz des Preußischen Ministers des Innern Heine statt. An Militärs nahmen außer mir und meiner Begleitung die Chefs der Generalstäbe des [A] OK Süd und Nord sowie General von Below, Kdr. General des XVII. AK teil. Minister Heine wies zunächst auf den ablehnenden Standpunkt der Preußischen Regierung hin und bemerkte, daß die Lage dadurch erschwert sei, daß die Fraktionen in sich gespaltet seien. Die Verhandlungen zwischen den Fraktionen schienen jedoch der Lösung zuzustreben, den Friedensvertrag anzunehmen. Es sei nicht wahrscheinlich, daß die Polen vorzeitig angreifen, da ihnen alles, was ihnen zugesprochen sei, auch in sicherer Aussicht stehe. Es müsse die Frage geklärt[487] werden, was geschehe, wenn der Frieden geschlossen sei; wie die militärischen Bedingungen im Osten liegen, ob die Truppe allein losschlagen werde und mit welcher Aussicht. Weder Reichs- noch Preußische Regierung könnten nach Annahme des Friedensvertrages einen neuen Krieg heraufbeschwören.

Die militärischen Vertreter wurden vom Vorsitzenden aufgefordert, zunächst ein Bild der militärischen Lage zu geben. General von Loßberg entwickelte seine Anschauungen mit etwa denselben Worten wie bei der militärischen Besprechung am Vormittag und entrollte ein sehr aussichtsreiches Bild für den Fall, daß wir uns selbst zum Angriff gegen die Polen entschließen würden. Er betonte, daß bei Unterzeichnung des Friedens die Truppe auch gegen den Willen der Regierung losschlagen werde, da sie die fraglichen Gebiete freiwillig nicht räumen würde. Der Offizier werde sich bei der Wahl, entweder die unterstellten Mannschaften zu führen oder den Abmachungen der Regierung entsprechend zu handeln, seinen Mannschaften anschließen, da diese ohne Führer eine große Gefahr auch für das eigene Land bilden würden. Demgegenüber wies Minister Heine darauf hin, daß das Entscheidende sei, welche Pflicht der Offizier dem Staate gegenüber habe. Auch Oberst Heye beurteilte die militärischen Aussichten im Osten im Befehlsbereich des [A]OK Nord günstig. Er betonte, daß die Truppe fest in der Hand der Führer sei; trotzdem könnten sich bei Annahme des Friedensvertrages die Verhältnisse bei der Truppe so gestalten, daß das nationale Empfinden die Einsicht übertreffe und die Truppe allein losschlagen werde.

Die Ausführungen des Generals von Loßberg und des Oberst Heye wurden von mir in einigen Punkten ergänzt. Nach meiner Ansicht war eine Offensive der Polen vorläufig nicht zu erwarten, da eine solche weder politisch noch militärisch im Sinne der Entente sein konnte. Es war anzunehmen, daß bei einem Angriff von unserer Seite Marschall Foch den Polen vielmehr zum Ausweichen raten werde, bis eine Unterstützung der Polen durch das Vorgehen der Ententetruppen möglich sei. Dies könne <mit erheblichen Kräften> an den schlesischen Grenzen in etwa 6 Wochen eintreten, wenn die Entente das Wegerecht durch Süddeutschland in Anspruch nehme.

Auf eine Frage von Professor Herrmann23 wegen der Ausrüstung der Truppen erklärte General von Loßberg, daß das [A]OK Süd mit Munition für 10 Tage versorgt sei; weitere Munition sei in Aussicht gestellt. Bekleidung würde knapp werden, wenn starker Zustrom von Freiwilligen aus dem Westen käme. Bei der Eisenbahnlage sei zu berücksichtigen, daß nach Auskunft des Eisenbahndirektions-Präsidenten in Kattowitz 70% der Eisenbahner nicht absolut zuverlässig seien. Diese Angaben wurden von mir für den ganzen Osten dahin ergänzt, daß die dort vorhandenen Vorräte etwa für ein Vierteljahr reichen würden, die weitere Versorgung hänge alsdann von der Entwicklung der Lage ab. Bei Ausfall des Ruhrgebietes infolge feindlicher Besetzung und bei erheblichem Rückgang der Kohlenförderung in Oberschlesien sei zu erwarten, daß die Eisenbahnen nach 14 Tagen für größere Truppenverschiebungen ausfallen würden und nur noch für Nachschubzwecke Verwendung finden könnten. Militärische Operationen[488] im Osten seien daher entscheidend von der Kohlenproduktion Oberschlesiens abhängig. An Feldartillerie seien wir den Polen erheblich überlegen, an schwerer Artillerie gewachsen. Während die Polen über etwa 150 Tanks verfügten, seien solche bei uns nicht vorhanden.

23

Prof. Alfred Herrmann (DDP) war Abg. der NatVers für den Wahlkreis Posen.

Minister Heine wies auf Nachrichten hin, die behaupten, daß die Stimmung der Truppen in Ost- und Westpreußen viel zu wünschen übrig lasse. General von Below hält diesen Vorwurf für unberechtigt, während Oberst Heye glaubt, daß vielleicht unter den aus dem Baltikum kommenden Verbänden ungeeignete Elemente sich befinden würden. Von meiner Seite wurde auf den Unterschied zwischen den Mannschaften hingewiesen, die ihre Heimat verteidigten und gut sind, und denjenigen, die der Gelderwerb und ähnliche Motive zur Truppe gelockt hat.

Nunmehr nahm der Reichskommissar für Schlesien Hörsing das Wort, um in schärfster Weise den Ausführungen des Generals von Loßberg entgegenzutreten. Er forderte von den Grenzschutztruppen, daß sie den Befehlen der Regierung Folge leisteten. Die Bevölkerung denke nicht daran, falls der Friedensvertrag unterschrieben werde, von sich aus den Krieg zu entfesseln. Der Ostschutz sei seinerzeit geschaffen worden, um zu verhindern, daß die Polen während der Verhandlungen in das Land eindringen, ferner um die Heimat zu verteidigen im Falle der Ablehnung des Friedensvertrages. Wollte der Grenzschutz nach Unterzeichnung des Friedensvertrages auch gegen den Willen der Regierung kämpfen, so würde er hierdurch die Einheit des Reiches zerschlagen. Wir müßten uns daher hüten, in dieser Frage mit dem Feuer zu spielen. Minister Heine lehnte solche Ausführungen in einer unter ihm als Mitglied der Preußischen Regierung stattfindenden Versammlung als nicht diskutierbar ab und bittet Hörsing nochmals um Äußerung über die Kohlenlage in Schlesien. Hörsing schildert die Kohlenlage und führt aus, wenn der Friede angenommen werde und die Truppe die zu räumenden Gebiete nicht freiwillig verlasse, müsse der Kampf entbrennen. Werde der Friede abgelehnt, setze eine neue Blockade ein, es gäbe nichts zu essen. Die Kohlenförderung sei in beiden Fällen innerhalb 14 Tagen erledigt.

Ein Posener Flüchtling erklärte es als Verrat der Regierung, wenn sie entgegen ihren bisherigen Beteuerungen den Friedensvertrag in seiner jetzigen Form annehme und spricht sich für die Aufnahme des Kampfes aus.

Der Zentrumsabgeordnete Ulitzka aus Oberschlesien schildert die Auffassung der Zivilbevölkerung folgendermaßen: „Wird der Friedensvertrag abgelehnt, so wird die Bevölkerung für die Verteidigung deutschen Grund und Bodens eintreten. Die weitere Durchführung liegt dann in Händen der Regierung und der Obersten Heeresleitung. Ob der dann entbrennende Kampf aussichtsvoll ist, kann ich nicht beurteilen. Ich muß auf folgendes hinweisen: das Volk will keinen Krieg. In Oberschlesien haben wir eine Randbevölkerung, die kein ausgeprägtes Nationalgefühl hat. Sie wird sich passiv verhalten, teilweise sogar auf seiten der Polen stehen. Wird der Friede angenommen, so ist ein neuer Krieg nicht möglich. Das Volk muß vor selbständigen kriegerischen Maßnahmen gewarnt werden. Es darf vor allen Dingen kein Volkskrieg entbrennen, da die Kämpfer in diesem Falle als außerhalb des Gesetzes stehend und als Rebellen anzusehen wären.“

[489] Reichskommissar Hörsing fügt hinzu: „Schlesien ist kriegsmüde. Wird der Friede abgelehnt, werden wir alles tun, um unsere Grenzen zu schützen. Wird der Friede angenommen, so ist ein neuer Krieg nicht mehr möglich. Es besteht das Gerücht, daß sich Ostpreußen als selbständige Republik erklären will. Jede Absplitterung muß als ein Verbrechen angesehen werden. Die Gerüchte von der Erklärung einer selbständigen Republik in Schlesien lehne ich als unzutreffend ab.“

Oberbürgermeister Sahm aus Danzig teilt mit, daß Danzig bei Deutschland bleiben wolle, wenn der Friede abgelehnt werde; andernfalls werde sich Danzig aus außen- und innerpolitischen Gründen als selbständiger Freistaat proklamieren. Eine Volkserhebung sei in Danzig nicht zu erwarten, dagegen im Falle der Wiederaufnahme des Kampfes ein Generalstreik der Arbeiter wahrscheinlich.

Reichskommissar Winnig erklärt, daß Ost- und Westpreußen entschlossen seien, jeden polnischen Angriff, solange er rechtswidrig sei, zurückzuweisen. Bei Ablehnung des Friedens seien die Mehrheitssozialisten bereit, an der Verteididung deutschen Boden sich zu beteiligen. Werde der Frieden angenommen, so sei auch Ost- und Westpreußen daran gebunden. Wenn aber der nationale Aufschwung <woran er persönlich zwar nicht glaube> so stark sei, daß er <elementar zum Durchbruch kommend> sich durchsetze, <wer wollte> einer solchen Erhebung <sich entgegenstemmen? Dann komme eben der Kampf>, das sei dann Schicksal. Oberpräsident v. Batocki glaubt, daß bei Annahme des Friedens nur eine geringe Minderheit für den Kampf zu finden sein werde; bei Ablehnung jedoch werde die Masse der Bevölkerung die Truppen in der Abwehr unterstützen.

Ein Zentrumsabgeordneter aus Oberschlesien schließt sich den Ausführungen von Hörsing an und lehnt den Kampf in jedem Falle ab, da man nicht im Osten kämpfen könne, wenn man im Westen dazu nicht in der Lage sei. Auch Abgeordneter Schulz aus Westpreußen hält Widerstand nicht für möglich; die Arbeiter in Westpreußen stehen jedem Kampf ablehnend gegenüber. Er glaubt, daß von den Truppen auch nur diejenigen kämpfen werden, die ihre heimische Scholle verteidigen. Oberpräsident Schnackenburg stimmt im allgemeinen den Ausführungen von Winnig zu. Werde der Frieden angenommen, so sei ein neuer Kampf unmöglich, er befürchte aber, daß die militärischen Stellen einen solchen hervorrufen könnten. Werde der Frieden abgelehnt, so bedeute der neue Kampf auch nur ein Verzweifelungsakt. Habe er auch nur wenig Aussicht auf Erfolg, so sei er doch nicht zwecklos, da die Polen dann nicht in das Land kommen werden. Es seien dann Chancen vorhanden, die wir ausnützen müßten. Abgeordneter Gehl erklärt die Bereitwilligkeit der Bevölkerung zum Kampfe bei Ablehnung des Friedens, bei Annahme sei der Kampf unmöglich. Er bedauert die vorangegangenen Reden der militärischen Vertreter der Oberkommandos Nord und Süd.

Ein Abgeordneter der Rechtsparteien aus Westpreußen dankt dem Militär, daß es im Grenzschutz noch Männer gebe, die zum Kampfe bereit seien. Bei Ablehnung des Friedens werde die Bevölkerung in Westpreußen kämpfen. Die Abgeordnete Käthe Schirmacher tritt für Ablehnung des Friedens ein. Abgeordneter[490] Graf Dohna hält bei Annahme des Friedens den Kampf für unmöglich; der Friede müsse jedoch abgelehnt werden, da sich an der Auffassung seit Übergabe des Friedensvertrages durch die Entente nichts geändert habe.

Ein demokratischer Abgeordneter spricht ebenfalls für Ablehnung des Friedens; so bleibe doch eine, wenn auch geringe Hoffnung. Ende der Kampf mit Mißerfolg, so werde wenigstens für immer ein glühender Haß zurückbleiben.

Damit war die Aussprache beendet. Minister Heine hebt in seinen Schlußworten nochmals hervor, daß die ganze Preußische Regierung für Ablehnung des Friedens eingetreten sei. Für die militärischen Vertreter war nunmehr Klarheit geschaffen, daß im Falle der Ablehnung des Friedens der im Osten entbrennende Kampf die Unterstützung der Masse der östlichen Bevölkerung finden werde, im Falle der Annahme jedoch auf eine Volkserhebung nicht zu rechnen sei.

Die Besprechungen des 19. 6. im Staatenhause und mit den Vertretern des Ostens hatten demnach für die Regierung volle Klarheit über die Stimmung des deutschen Volkes gebracht. Kriegerischer Geist, wie er für den militärischen Erfolg unbedingte Voraussetzung ist, elementare nationale Begeisterung und höchster Opfermut, wie er vollends für einen Verzweifelungskampf gefordert werden muß, waren in der Gesamtheit des Volkes nicht zu finden, und bei der nationalen Verlumpung des Volkes auch durch einen Hindenburg nicht mehr zu wecken. Die Regierung – mochte sie aus Links- oder Rechtsparteien bestehen – war infolgedessen vor einen unlösbaren Konflikt gestellt. Auf der einen Seite war der Entschluß zu einem im Endergebnis aussichtslosen Kampfe mehr als Hazardspiel; auf der anderen sträubten sich Ehre und Stolz des deutschen Mannes gegen die Schmach des Friedens. Dieser Schmach sich zu beugen mußte der Soldat ablehnen, wie dies Generalfeldmarschall von Hindenburg in seiner Erklärung vom 17. 6. zum Ausdruck gebracht hat, die im Original am 20. 6. dem Reichswehrminister von mir übersandt worden ist24.

24

Siehe Anm. 5.

An diesem Tage wurde ich vormittags vom Reichspräsidenten empfangen, dem ich über die militärische Lage auf Grund der Denkschrift vom 17. Juni25 Vortrag hielt. Auf meine Frage, wie es mit der Regierungskrise stehe, erzählte er mir von der Kabinettssitzung der vergangenen Nacht, die bis gegen 5 Uhr gedauert hätte26. Es sei furchtbar viel geredet worden, und man sei nicht zum Entschluß gekommen, bis er auf den Tisch geschlagen hätte. Das Kabinett sei nunmehr zurückgetreten; jedoch seien Bemühungen im Gange, Scheidemann zu halten. Auch er – Ebert – hätte sich mit dem Gedanken getragen, zurückzutreten, weil er den Frieden für unmöglich halte, hauptsächlich da er glaube, daß infolge der Ostfragen Deutschland auseinanderfalle. Auch im Rheinland hätten die Absonderungsbestrebungen wieder zugenommen; es sei nötig geworden, die dortigen Führer der Mehrheitssozialisten zu ermahnen, sie sollten ihre Leute mehr bei der Stange halten. Über die Umbildung des Kabinetts war er der Ansicht, daß Noske als Ministerpräsident zur Zeit nicht in Frage käme, da die Ämter des Ministerpräsidenten und Reichswehrministers praktisch[491] nicht zu vereinigen seien, und weil die Wahl Noske’s auf die Arbeiterschaft provozierend wirken würde; auch könne man nicht wissen, ob nicht das neue Kabinett nur von kurzer Dauer sein werde. Er bemühe sich, den Reichsarbeitsminister Bauer für die Ministerpräsidentenschaft zu gewinnen. Die Demokraten hätten die Absicht, sich mit dem Friedensschluß nicht zu belasten, aber später wieder in das Kabinett einzutreten; er hätte ihnen aber gesagt, das gäbe es nicht; das Kabinett, das den Frieden schlösse, müsse auch zunächst am Ruder bleiben. Ihm liege besonders daran, den Minister Dernburg als Fachmann für die Finanzen zu halten. Für das Auswärtige käme Bernstorff in Frage, um einem anderen die Tür zu versperren. Persönlich fügte der Reichspräsident noch hinzu, bis dato riefen die Leute im Kabinett ihn erst, wenn die Sachen übel stünden. Von jetzt ab würde er sich aber mehr um die Geschäfte kümmern; es müsse auch in Zukunft strammer regiert werden, damit endlich im Innern Ruhe und Ordnung wiederkehren.

25

Siehe Anm. 4.

26

Siehe Dok. Nr. 118.

Am Nachmittag war ich zum zweiten Male beim Reichspräsidenten, um mich von ihm zu verabschieden, da ich in der kommenden Nacht nach Kolberg zurückzukehren gedachte. Der Reichspräsident machte mir Mitteilung von dem demokratischen Vermittlungsvorschlag, der in Gestalt einer Zwischennote an die Entente soeben entworfen werde27. Den Wortlaut würde ich noch vor meiner Abreise erfahren können.

27

Siehe Dok. Nr. 117, Anm. 2.

Anschließend begab ich mich zum Reichswehrminister, um mit diesem noch einige militärische Fragen zu klären, über die ich vorher auch den Reichspräsidenten informiert hatte.

Die Besprechung mit Noske nahm etwa folgenden Verlauf:

Reichswehrminister Die Lage ist noch ungeklärt. Die Kabinettsbildung bisher nicht geglückt.

Es ist Entschluß zur Absendung einer Zwischennote an die Entente gefaßt.

Inhalt: Es findet sich kein Kabinett, auch keine Mehrheit in der Nationalversammlung, die den Friedensvertrag in der vorliegenden Form annehmen kann. Es wird sich jedoch ein Kabinett finden, wenn Entente in folgenden Punkten Entgegenkommen zeigt: Völkerbundfrage, Schuldfrage, Auslieferungsfrage, Festsetzung der Entschädigungssumme durch neutrale Kommission, Danzig und Westpreußen unter Völkerbund, Revidierung des Vertrages in zwei Jahren durch den Völkerbund.

Nunmehr drei Fälle möglich:

1.

Entente macht Zugeständnisse im Sinne der Note.

2.

Entente lehnt Note ab, gewährt aber Fristverlängerung für neue Entschließung.

3.

Entente lehnt Note glatt ab, dann Wiederbeginn der Feindseligkeiten.

Ich: Im Falle glatter Ablehnung und Wiederbeginn der Feindseligkeiten ist Erklärung des Kriegszustandes notwendig.

Die Truppen im Grenzschutz Ost bleiben zunächst in ihren Stellungen stehen, der Kampf würde erst bei polnischem Angriff oder auf Befehl unsererseits[492] zum Angriff beginnen. Die Regierung muß sich darüber schlüssig werden, ob und wann der OHL die Offensive freigegeben wird.

Es ist in erster Linie Entscheidung notwendig, ob die Provinz Posen wiedergenommen werden soll, wenn der Pole zwar nicht angreift, die Entente jedoch einmarschiert. Der Waffenstillstand ist dann beendet, die Wiedernahme Posens hätte moralische Berechtigung und ist militärisch sogar erwünscht.

In der Frage der Regelung der Kommandogewalt bei Wiederbeginn der Feindseligkeiten betont die OHL die Notwendigkeit der einheitlichen Führung im Osten und Westen. Die Unterstellung des Reichswehrgruppenkommandos I für den Kampf im Westen gegen den äußeren Feind unter die OHL ist erforderlich. Die Unterstellung in der Frage der Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern unter den Reichswehrminister wird hierdurch nicht berührt.

Damit jetzt schon die Vorarbeiten durch Reichswehrgruppenkommando im Sinne der OHL erfolgen, sind mündliche Vereinbarungen mit diesen seitens der OHL beabsichtigt. Kriegsministerium würde für die Versorgung des Heeres zu sorgen haben.

Es wird nochmals betont, daß die Stellung der Offiziere der Freiwilligentruppen bei Annahme des Friedensvertrages im wesentlichen abhängig sein wird von Ein- oder Ausschluß der Schmachparagraphen.“

Nachdem ich Noske verlassen hatte, begab ich mich mit meinen Begleitern zum Theater, um dort im Büro der Nationalversammlung, wo die Zwischennote an die Entente gedruckt werden sollte, mir eine Ausfertigung zu verschaffen. Dies gelang nicht, die Ausfertigung der Note schien sich hingezögert zu haben.

Kurz nach Mitternacht reiste ich mit meinen Begleitern von Weimar ab, in dem Glauben, daß der demokratische Vermittlungsvorschlag angenommen und die Zwischennote tatsächlich an die Entente abgegangen sei28 und daß daher mit Wiederaufnahme des Kampfes gerechnet werden müsse.

28

Tatsächlich wurde die Note nicht abgesandt, s. Dok. Nr. 117.

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