2.60 (sch1p): Nr. 55 Reichsminister Erzberger an den Reichsministerpräsidenten. 26. April 1919

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[244] Nr. 55
Reichsminister Erzberger an den Reichsministerpräsidenten. 26. April 1919

R 43 I/2, Bl. 81-85

[Betrifft: Zusammensetzung der deutschen Friedensdelegation]

Sehr verehrter Herr Ministerpräsident!

Im Rückblick auf verschiedene im Laufe dieser Tage den Friedensfragen gewidmete Sitzungen des Kabinetts erachte ich es für meine Pflicht, die Aufmerksamkeit Euer Exzellenz darauf zu lenken, daß der Friedensdelegation, ungeachtet ihres hohen Personalstandes, kein einziger Diplomat angehört, der Frankreich, keiner, der England, keiner, der Italien aus eigener Anschauung kennt, und daß dasselbe hinsichtlich Japans und Belgiens zutrifft. Graf Brockdorff ist nur in Rußland, Österreich-Ungarn und zuletzt Dänemark tätig gewesen und ist aus eigener Anschauung weder mit den politischen Verhältnissen, noch mit den maßgebenden Persönlichkeiten der führenden Ententegroßmächte vertraut. Für Herrn von Haniel, dessen Sachkenntnis in amerikanischen Fragen und dessen besondere persönliche Geeignetheit zu Verhandlungen ich gern anerkenne, trifft das Gleiche zu. Ich versage es mir, mich des Längeren über die durch den italienisch-amerikanischen Konflikt1 geschaffene Lage zu äußern, darf aber immerhin darauf hinweisen, daß Italien durch die neueste Wendung der Dinge in einer Weise in den Vordergrund unserer außenpolitischen Interessen getreten ist, die volle Aufmerksamkeit erfordert. Der Gedanke, daß Graf Brockdorff, dem Italien selber fremd ist, in den kommenden Fragen niemand zur Seite haben soll, der ihn gegebenenfalls über die für die Beurteilung des weiteren Vorgehens Italiens maßgebenden innerpolitischen Verhältnisse dieses Landes berät, ist geeignet, schwere Bedenken zu erwecken. Derselbe Grund zur Sorge ist gegeben, sobald eine nur aus intimer Kenntnis englischer, französischer, japanischer oder belgischer Verhältnisse heraus zu beurteilende Frage auftauchen sollte. Ich vermag die Notwendigkeit der Selbstbeschränkung nicht anzuerkennen, die Graf Brockdorff gerade hinsichtlich des wichtigsten Elementes der deutschen Friedensdelegation, nämlich des diplomatischen Personals sich auferlegen zu müssen glaubt. […]

1

Am 24.4.1919 verließ die ital. Friedensdelegation Paris, da es in der Fiumefrage zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Wilson und Orlando gekommen war; s. Schultheß 1919, II, S. 145, 479 f.

Das ganze Aufgebot an beamteten und technischen Sachverständigen, das unsere Delegation mit sich führt, wird für die ersten Verhandlungen überhaupt nicht zum Zuge kommen, während das Bedürfnis nach diplomatischen Mitgliedern, die für je ein Land als sachverständig angesprochen werden können, sich am ersten Tage geltend machen wird. Ich erachte mich nicht für legitimiert, Vorschläge irgendwelcher Art zu machen, kann Euer Exzellenz aber auf Grund meiner mannigfachen persönlichen Beziehungen zu Herren unseres auswärtigen Dienstes versichern, daß, was ja eigentlich selbstverständlich ist, für die hier[245] in Betracht kommenden Aufgaben ausgezeichnete Kräfte in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

Ich kann Euer Exzellenz nicht verhehlen, daß ich angesichts dieser Sachlage der Tätigkeit unserer Friedensdelegation nur mit schwerer Besorgnis entgegensehe. Ich halte es daher für meine Pflicht, Sie in Ihrer Eigenschaft als Ministerpräsident von dieser meiner Auffassung zu unterrichten und darf Euer Exzellenz gleichzeitig ersuchen, Seiner Exzellenz den Herrn Reichsminister des Äußern hiervon Kenntnis geben zu wollen.

Mit der Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung

Erzberger2

2

Am 27.4.1919 erklärten Ebert und Scheidemann in einem gemeinsamen Schreiben an Brockdorff-Rantzau, „daß wir das Vorgehen von Herrn Erzberger lebhaft bedauern.“ Die Zusammensetzung der Friedensdelegation sei in zahlreichen Kabinettssitzungen im Beisein von RM Erzberger besprochen worden. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Wir sind überzeugt, daß Euer Exzellenz infolge Ihrer Fähigkeiten und Ihrer langjährigen Erfahrungen im diplomatischen Dienst das in Sie gesetzte große Vertrauen vollauf rechtfertigen werden.“

Abschließend wird eine Besprechung der Frage im RKab. in Aussicht gestellt, die allerdings den vorliegenden Kabinettsprotokollen zufolge nicht stattgefunden hat (R 43 I/2, Bl. 184). Hierzu erklärte RM Erzberger in einem Schreiben vom 2.5.1919 an Scheidemann, daß „die detaillierte Bekanntgabe der Zusammensetzung der Friedensdelegation und ihres Stabes nicht in der Kabinettssitzung erfolgt ist“. Erst am Nachmittag des 26.4.1919 habe er von der Friedensstelle des AA eine detaillierte Liste über die Zusammensetzung der Friedensdelegation erhalten und sei erstaunt darüber gewesen, daß als einziger Diplomat der Gesandte v. Haniel aufgeführt gewesen sei. „Wenn ich mir in meiner Eigenschaft als Mitglied des Kabinetts gestattet habe, auf das überraschende Mißverhältnis hinzuweisen, in dem […] die Zahl diplomatischer Sachreferenten im eigentlichen Sinne zu dem Gesamtapparat der dt. Friedensdelegation steht, so war das die pflichtgemäße Betonung eines sachlichen Gesichtspunktes, der alsbald vorgebracht werden mußte, um die nach meinem Dafürhalten absolut notwendige Ergänzung der Delegation noch herbeizuführen. […]“ (PA, Nachl. Brockdorff-Rantzau , Az. 17). Die Zusammensetzung der Friedensdelegation wurde nicht geändert.

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