2.3.2 (str1p): 2. Ernährungslage.

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Die Kabinette Stresemann I und II. Band 1Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

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RTF

2. Ernährungslage1.

1

Vgl. hierzu die Notizen Stresemanns in Vermächtnis I, S. 91. – Luther hatte als Tagungsordnungspunkt vorgeschlagen: „Die gegenwärtige Ernährungsnot“ (REM an StSRkei, 14.8.23; R 43 I/1263, Bl. 13).

Reichsminister Dr. Luther schilderte eingehend die Ernährungslage im Reich2. Sie habe sich in den letzten Tagen gebessert. Dem Ernährungsministerium[5] seien reichlichere Devisen zur Verfügung gestellt worden3. Die Ernteaussichten seien im großen und ganzen gut. Besonders seien die Viehbestände gut, vielleicht sogar zu reichlich. Eine Viehzählung würde am 1. Oktober stattfinden4. Auch die Fettversorgung sei zufriedenstellend5. Die bevorstehende Steuerzahlung würde zum Verkauf landwirtschaftlicher Produkte führen. Er stelle folgende Anträge:

2

Zur Lebensmittelversorgung der Bevölkerung hatte der RKom. für die Überwachung der öffentlichen Ordnung in einem Bericht über die allgemeine Lage am 6.8.23 ausgeführt: „Die rücksichtslose Anpassung der Inlandpreise, namentlich der Preise für Nahrungsmittel, bringt alle Minderbemittelten in eine akute Notlage, da sie nicht mehr in der Lage sind, sich den für ihren Lebensunterhalt notwendigen Bedarf zu beschaffen. Dazu kommt, daß einige fundamentale Nahrungsmittel, wie z. B. Kartoffeln, infolge des Übergangs von der alten zur neuen Ernte, vom Markte so gut wie verschwunden sind. Auch bei anderen wichtigen Nahrungsmitteln, wie z. B. Fetten, ist eine Stockung in der Belieferung eingetreten, so daß der Kleinhandel, ähnlich wie in der Zeit des Krieges, zu der Rationierung der vorhandenen Vorräte gezwungen war. […] Infolge des großen Andranges der Käufer bildete sich wieder die Notwendigkeit des ‚Anstehens‘ auf Waren heraus. Vielfach sind die knappen Vorräte an Lebensmitteln in den Detailgeschäften ausverkauft. In Einzelfällen mag auch eine Zurückhaltung von Waren wegen des unsicheren Preisstandes stattfinden. Der Brotpreis wurde in letzter Zeit von Woche zu Woche erhöht“ (R 134/20, Bl. 71 f.). Der REM hatte vor dem RT in einer Rede am 10.8.23 darauf hingewiesen, daß „Lebensmittel im erforderlichen Umfang“ vorhanden seien, jedoch Schwierigkeiten wegen der Zahlungsmittel und der Kreditwirtschaft bestünden. Weiterhin hatte er erklärt, daß sich bei Kartoffeln und Gemüse die verspätete Ernte des Jahres 1923 bemerkbar gemacht habe (RT-Bd. 361, S. 11826  f.).

3

S. hierzu Das Kabinett Cuno, Dok. Nr. 242; vgl. ferner Schultheß 1923, S. 145: 7.8.23. Danach hatten Banken, Handel und Industrie der Rbk gegen Dollarschatzanweisungen Devisen in Höhe von 50 Mill. Goldmark zur Beschaffung von Lebensmitteln zur Verfügung gestellt.

4

Die Viehzählung vom 1.10.23 ergab: Rindvieh 16 691 447 (1913: 18 474 377; 1922: 16 315 541), Schweine: 17 307 815 (22 533 393; 14 678 285), Schafe: 6 104 510 (4 987 828; 5 566 249), Ziegen: 4 675 422 (3 163 813; 4 140 199) (Statist. Jahrbuch 1924/25, S. 63 f.).

5

S. dazu Das Kabinett Cuno, Dok. Nr. 244. – Verbunden mit Angriffen auf die Rbk und den Reichsverband des Lebensmittelgroßhandels hatte der pr. LT-Abg. Engberding (DVP) aus Münster dem REM am 10.8.23 mitgeteilt, daß die Wirtschaft 50 Mio Dollar für die Versorgung des Industriegebietes mit Fett gezeichnet habe. Engberding hatte außerdem seine zuvor in einer Unterredung mit Luther ausgesprochene Bitte erneuert, „daß 1) die angeforderten Devisen für den Fettimport voll geliefert werden, daß 2) die Reichsbank alle Wechsel des Fetthandels restlos diskontiert, 3) daß sowohl die 50 Mio Goldmark der Industrie als auch die 2 Billionen Papiermark, die das Reich hergibt, direkt dem Großhandel unter Ausschaltung des Reichsverbandes des deutschen Lebensmittelgroßhandel zugeführt werden“ (R 43 I/1263, BL. 7–9). S. a. Dok. Nr. 55, P. 4.

1.

Die Devisenbeschaffung aus der Wirtschaft soll mit größter Eile betrieben werden;

2.

Die Reichsbank wird ersucht, für die notwendigen Lebensmittelgeschäfte, auch zwecks Beschaffung von Devisen, Markkredite – zunächst nur auf kurze Zeit und in der Regel noch nicht wertbeständig – im erforderlichen Umfang zur Verfügung zu stellen;

3.

Über die daneben erforderlichen Kredite oder Bürgschaften des Reichs bleibt Kabinettsbeschluß vorbehalten, soweit Verständigung zwischen Reichsfinanzminister und Reichsernährungsminister erfolgt;

4.

Die Schaffung einer wertbeständigen Währung ist sofort zu betreiben6.

6

Vgl. zu den Ausführungen Luthers auch Dok. Nr. 15. Zu den von Helfferich vertretenen Vorstellungen betr. die Währungssanierung s. Dok. Nr. 9; dort und insbesondere in Dok. Nr. 47, P. 2 die Ansichten Hilferdings zu diesem Problem. – Der Direktor der Darmstädter und Nationalbank Hjalmar Schacht hatte gegenüber Stresemann bereits am 1.8.23 als Programm zur Finanzreform die folgenden Punkte genannt: „1.) Drosselung aller überflüssigen Einfuhr, 2.) größtmögliche Freiheit des Devisenverkehrs, damit Leute, die ihre Devisen wieder ins Geschäft hineinstecken auch die Freiheit haben, dieselben für ihren Rohstoffbedarf wieder beschaffen zu können, 3.) einfache, schnell wirkende, der Entwertung angepaßte Steuern auch auf die Gefahr hin, daß dieselben im Augenblick nicht den höchsten Grad der Gerechtigkeit darstellen, 4.) endlich eine Valorisierung unserer Kreditgewährung, damit die Spekulation auf die Notenpresse endlich aufhört und der Kreditbedarf sich auf das wirtschaftlich wirklich Notwendige beschränkt“ (Pol.Arch.: NL Stresemann  260).

Das Kabinett stimmt den Anträgen des Reichsernährungsministers im Grundsatze zu, wobei es im Antrag 4) den Kernpunkt der gesamten Frage sieht.

Ferner faßte das Kabinett folgenden Beschluß:

Der Antrag des Reichsernährungsministers an den Reichsrat wegen Verlängerung der Brotversorgung bis 15. Oktober wird nachträglich genehmigt7.

7

Nach dem Gesetz vom 23.6.23 (RGBl. I. S. 410) waren gemäß § 3 die Bestimmungen zur Sicherung der Brotversorgung bis zum 15.9.23 befristet, konnten aber mit Zustimmung des RR verlängert werden. Der RR genehmigte diese Verlängerung am 23.8.23 (Schultheß 1923, S. 158; RGBl. I S. 843 : VO vom 28.8.23).

[6] Reichsminister der Finanzen Hilferding: Prinzipiell teile er die Auffassung des Reichsernährungsministers. Vordringlich erscheinen ihm die Verhandlungen mit der Wirtschaft über Zurverfügungstellung von Devisen, die er morgen in Gemeinschaft mit Minister von Raumer fortsetzen werde.

Der Vorschlag zu 2) des Ernährungsministers hänge mit dem gesamten Reichsbankproblem zusammen. Über den vierten Antrag würde morgen eine Besprechung stattfinden. Auch hier sei die Mitarbeit der Reichsbank erforderlich.

Reichskanzler teilt mit, daß die Direktoren der D-Banken ihn aufsuchen wollten8.

8

Nach seinen Tagesnotizen führte Stresemann am 16.8.23 um 13 Uhr eine Unterredung mit dem Direktor der Deutschen Bank von Stauß und um 19 Uhr mit dem Direktor der Commerz- und Privatbank Sobernheim. Am 17.8.23 empfing er um 9.30 Uhr die Vertreter der D-Banken, d. h. der Deutschen, der Dresdner, der Discont sowie der Darmstädter und Nationalbank (Vermächtnis I, S. 92).

Auf Wunsch des Reichsfinanzministers wird dieser zu der Besprechung hinzugezogen werden.

Reichsverkehrsminister Oeser schildert die Verkehrslage als sehr schlecht. Dies läge größtenteils daran, daß starkes Wagenmaterial im besetzten Gebiet zurückgehalten werde9 und viele Züge infolge der Besetzung umgeleitet werden müßten.

9

Nach einem Bericht des REMin. über die Wirtschafts- und Ernährungslage im August 1923 standen durch die Besetzung des Ruhrgebietes ein Drittel des Wagenparkes an offenen und geschlossenen Wagen nicht zur Verfügung (30.9.23; R 43 I/1273, Bl. 11). Zur Ernährungslage im Ruhrgebiet war in einem Lagebericht vom 11.8.23 (Lagebericht Nr. 14) ausgeführt worden, ausländische Kartoffeln seien nicht zu beschaffen, während die inländische Zufuhr wegen der späten Ernte noch nicht eingesetzt habe. Da die Fettversorgung mit Devisen zu bezahlen sei, sei sie ins Stocken geraten. Die Fleischzufuhr sei knapp und die hohen Preise würden sich ungünstig auswirken. Während die Versorgung mit Milch quantitativ und qualitativ schlecht sei, erscheine die mit Mehl durch Rationierung des Brots einigermaßen gesichert. Gemüse sei knapp und teuer geworden. Infolge der schlechten Situation auf dem Lebensmittelsektor sei die Trunkenheit an Lohntagen besorgniserregend geworden (Pol.Arch.: Pol.Abt. II, Bes. Gebiete: Ruhrgebiet-Lageberichte, Bd. 3).

Reichsminister f. Wiederaufbau Schmidt: An die Frage der Kredite müsse man vorsichtig herangehen, da sonst die Preisbewegung noch gesteigert werden könnte. Die Frage der Wertbeständigkeit der Kredite müsse geprüft werden.

Er befürchte eine starke Zurückhaltung der Landwirte mit der Lieferung.

Reichsernährungsminister Dr. Luther: Es sei erforderlich, größere Mengen Getreide in die Hand der Regierung zu legen, als die gesetzlich vorgesehene Reserve von 1 Millionen t.

Minister Fuchs: Nach einer ihm zugegangenen Nachricht beabsichtigten Vertreter des besetzten Gebiets, und zwar besonders von Essen, sich an französische Behörden wegen besserer Versorgung des Gebiets mit Nahrungsmitteln zu wenden. Es wurde sogar schon davon gesprochen, daß sie dafür ein Nachlassen im Widerstand anbieten wollten10.

10

Nachdem der RKom. für die Überwachung der öffentlichen Ordnung in einem Bericht vom 17.7.23 bereits davor gewarnt hatte, daß angesichts der kritischen Lage die Bevölkerung im Ruhrgebiet einem von den Franzosen unterstützten Vorstoß der Separatisten weniger starken Widerstand leisten werden als bisher (R 134/20 Bl. 69), hatte er im Hinblick auf die Lebensmittelversorgung am 10.8.23 erklärt; „Infolge dieser Erscheinungen macht sich nicht nur bei der Arbeiterschaft, sondern ganz allgemein bei der auf Arbeitseinkommen, Gehalt oder Renten angewiesenen städtischen Bevölkerung eine tiefgehende Unzufriedenheit bemerkbar, die mancherorts bis zu einer Verzweiflungsstimmung angewachsen ist. Gewaltsame Ausbrüche dieser allgemeinen Unzufriedenheit und tiefgehende Erregung werden auf die Dauer nur zu vermeiden sein, wenn es gelingt, eine Erleichterung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung zu erreichen“ (R 43 I/20, Bl. 72). In den folgenden Tagen kam es wie in anderen Reichsteilen auch im Gebiet um Aachen zu „wilden Plünderungen“ und erzwungenen Schlachtungen (Frankfurter Zeitung, Nr. 591 v. 12.8.23, Nr. 598 v. 15.8.23). Darüber berichtete der Beauftragte des RArbM für das besetzte linksrheinische Gebiet: „Die ohne Entlöhnung dastehenden Bergarbeiter haben sich in großen Scharen auf das Land begeben und ziehen plündernd umher. Die Landbevölkerung wehrt sich, und es ist bereits zu regelrechten Feuergefechten gekommen. Wie soll unter solchen Umständen der Abwehrwille aufrechterhalten bleiben?“ (RArbM an das RbkDirektorium, 15.8.23; R 43 I/666, Bl. 16). Der Aachener OB telegrafierte am 15.8.23 an den RK: „Ernährung Aachener Bevölkerung bei augenblicklichen Verkehrsverhältnissen unmöglich. Fortgesetzte blutige Zusammenstöße. Bereits über hundert Tote und Verwundete. Plünderung aller Läden und Läger unterschiedslos innerhalb und außerhalb der Stadt. Lebensmitteltransporte werden auf Zuführstraßen ausgeraubt. Veranlaßt unverzüglich Genehmigung für Regiebahn für alle Lebensmittel und Genehmigung großen Kredits zum Einkauf in Holland.“ Der Inhalt des Telegramms wurde vom RK dem RMbesGeb. und dem RFM mitgeteilt (R 43 I/1263, Bl. 17). – In einer Niederschrift über eine Besprechung mit dem Landesverband der Reichs-, Landes- und Gemeindebeamten des besetzten Gebietes in Köln, die der RMbesGeb. den Mitgliedern der RReg. und dem PrIM am 23.8.23 zuleitete, hieß es, die Beamten hätten sich verpflichtet gefühlt, darauf hinzuweisen, „daß der Widerstandswille im besetzten Gebiet sehr nachgelassen habe. Dies sei zurückzuführen auf die Auswirkungen der Sabotageakte, auf das unglaubliche Verhalten von Handel und Gewerbe, die durch Zurückhaltung ihrer Waren verheerend auf die Preisbildung einwirkten, durch das Gebaren der Landwirtschaft, die ihre Waren nicht gegen Papiermark verkaufen wolle, vielfach nur eine Abgabe eines Wochenbedarfs zuließe. Dies alles habe zur Folge gehabt, daß der Wille zum Durchhalten in weiten Kreisen der Bevölkerung nachgelassen habe“ (R 43 I/214, Bl. 321). S. hierzu auch O. Wenzel, Die Kommunistische Partei Deutschlands im Jahr 1923, S. 205 ff.

[7] Weiter weist der Minister auf die äußerst starke Zahlungsmittelnot im besetzten Gebiet hin, die u. a. durch Schaffung von Notgeld gesteuert werden müßte11.

11

Das RArbMin. forderte das Rbk-Direktorium auf, das besetzte Gebiet „unverzüglich“ mit Zahlungsmittel zu versorgen, „da andernfalls die schwerwiegendsten Unzuträglichkeiten zu befürchten“ seien (15.8.23; R 43 I/666, Bl. 16). Der Rkei wurde von der Rbk telefonisch mitgeteilt, daß täglich Zahlungsmittel in Höhe von 400–600 Millionen mit Hilfe holländischer Agenten über die Niederlande in das besetzte Gebiet gebracht würden (ibid.). S. dazu Dok. Nr. 42; zur Frage des Notgeldes s. Dok. Nr. 40, P. 10.

Hierauf wurde die weitere Besprechung vertagt.

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