2.43 (str1p): Nr. 43 Besprechung mit rheinischen Abgeordneten. 6. September 1923, [11 Uhr]

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Die Kabinette Stresemann I und II. Band 1Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

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[197] Nr. 43
Besprechung mit rheinischen Abgeordneten. 6. September 1923, [11 Uhr]1

1

Die Zeit geht aus einem Diensttelegramm an OB Adenauer hervor, in dem ihm der Zeitpunkt des Empfanges von RM Fuchs mitgeteilt wurde (R 43 I/189, Bl. 88).

R 43 I/215, Bl. 14 eigenhändig

Anwesend: Stresemann, Fuchs, von Raumer, Hilferding, Sollmann; Generalkommissar Schmid; OB Jarres, Adenauer; Zörgiebel, Meerfeld, Falk, Mönnig, Moldenhauer, Hagen; [Protokoll: StS von Rheinbaben].

Allgemeine Überzeugung: Sofort Verhandlungen mit Frankreich – passiven Widerstand aufrecht erhalten, damit Zeit zu Verhandlungen2.

2

Zu Äußerungen, daß es in dieser Besprechung zu Meinungsverschiedenheiten gekommen sei, s. Dok. Nr. 47. „Die Zeit“, Nr. 208 vom 9.9.23, berichtete: „Anläßlich einer vertraulichen Aussprache zwischen Abgeordneten und anderen Vertretern aus dem besetzten Gebiet und Mitgliedern der Reichsregierung sind verschiedene Äußerungen in die Presse gelangt, die geeignet sind, unrichtige Vorstellungen zu wecken. Der Reichskanzler hat in jener Besprechung politische Mitteilungen gemacht und im Anschluß daran haben sämtliche Teilnehmer, auch die Abgeordneten aus vier Parteien, ihre volle Zustimmung zu der Haltung der Reichsregierung ausgesprochen, so daß in jeder Hinsicht volle Einmütigkeit der Auffassungen festzustellen war. Alle waren auch einmütig der Ansicht, daß der passive Widerstand, solange fortgesetzt werden müsse, bis sein Zweck erfüllt sei, eine Verständigung mit Frankreich und der Entente unter ehrenvollen Bedingungen und die Befreiung von Rhein und Ruhr von den furchtbaren Bedrückungen zu erzielen, denen sie zur Zeit unterworfen sind. – Aus einer Notiz des ‚Lokal-Anzeigers‘ in Nr. 396 vom Freitagmorgen [7. 9.] könnte man vielleicht einen gewissen Gegensatz zwischen der Auffassung der Reichsregierung und den Vertretern des besetzten Gebietes insofern herauslesen, als diese sich schärfer gegen den Abbau des passiven Widerstandes ausgesprochen hätten. Demgegenüber sei nochmals betont, daß volle Einmütigkeit in jeder Hinsicht vorhanden war, also auch darüber, daß versucht werden solle, den passiven Widerstand elastischer zu machen.“ Vgl. ferner das Schreiben Adenauers und Hagens an den RK vom 7.9.23 (Dok. Nr. 46). Bernhard Falk berichtet in seinen Lebenserinnerungen: „Über die Stimmungen im Rheinland über das Spiel der Kräfte, über die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, die bewältigt und benutzt werden mußten, war man in Berlin nur höchst ungenügend unterrichtet. Deshalb baten wir den Reichskanzler Stresemann um eine Unterredung. Die denkwürdigen Besprechungen fanden in der Reichskanzlei in den Tagen vom 4.–6. September statt. An ihnen nahmen auch Adenauer als Vorsitzender der Vereinigung der Städte im besetzten Gebiet und Louis Hagen als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses statt. Wir waren maßlos überrascht, als uns der Kanzler eröffnete, daß der passive Widerstand schleunigst abgebrochen werden müsse. Die Begründung, die uns Stresemann dafür gab, war schmerzlich aber einleuchtend. Die Finanzen des Reiches waren völlig zerrüttet. Es war nicht mehr möglich, die ungeheuren Geldsummen aufzubringen, die das alt- und neubesetzte Gebiet tagtäglich verschlang. Die Fortsetzung des passiven Widerstandes erschien uns daher wenig aussichtsvoll. Umsomehr wehrten wir uns mit aller Kraft gegen das Ansinnen, daß von uns aus dem besetzten Gebiet heraus, das Verlangen nach Einstellung des Widerstandes gestellt werden sollte. Dieser Schritt hätte vielleicht der Reichsregierung die Geschäftsführung erleichtert und ihre Stellung der Öffentlichkeit und der Volksvertretung gegenüber gestärkt, das durfte aber für uns nicht entscheidend sein. Denn dieser Möglichkeit stand für uns die Gewißheit gegenüber, daß dadurch der Wille zum Widerstand gegen den Terror und gegen die Loslösungsbestrebung unermeßlichen Schaden erlitten hätte. Nicht mit Unrecht würde man hüben und drüben, nicht zum mindesten in den Kreisen der Besatzungsbehörden und in Frankreich darin ein Zeichen der Schwäche gesehen [haben], und ein Nachlassen der Kampffreudigkeit. Wir bestanden daher darauf, daß die Reichsregierung ganz allein und ausschließlich die Verantwortung übernahm und aus eigenem Antrieb den passiven Widerstand aufgab. Wir drangen mit unserer Auffassung nicht [nur] vollkommen durch, sondern konnten auch die Zusicherung mit nach Hause nehmen, daß die Reichsregierung in Verhandlungen mit Frankreich versuchen wolle, für den Verzicht auf den passiven Widerstand Erleichterungen für das besetzte Gebiet einzutauschen. Stresemann sagte uns zu, uns [vor] der Entscheidung der Reichsregierung nochmals zu hören, wenn das etwa nicht gelingen werde. Es gelang bekanntlich nicht“ (BA: Kleine Erwerbungen 385, Bl. 156/157).

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