2.57 (str1p): Nr. 57 Der Bayerische Gesandte in Berlin an den Reichskanzler. 14. September 1923

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Nr. 57
Der Bayerische Gesandte in Berlin an den Reichskanzler. 14. September 1923

R 43 I/2218, Bl. 75–76

[Betrifft: Deutsch-französische Verhandlungen.]

Sehr geehrter Herr Reichskanzler!

Die Bayerische Staatsregierung hat mit großem Interesse von den eingehenden Mitteilungen Euer Hochwohlgeboren in der Sitzung des auswärtigen Ausschusses des Reichsrats vom 7. l. Mts. Kenntnis genommen1.

1

Vgl. hierzu E. Deuerlein (hg.), Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 5.

[267] Meine Regierung hat es dankbar begrüßt, daß Euer Hochwohlgeboren in dem Zeitpunkt, in dem politische Entscheidungen heranreifen, die für das Schicksal des Deutschen Reichs unter Umständen entscheidend sein werden, Anlaß genommen haben, dem Auswärtigen Ausschuß des Reichsrates zu sagen, wie Sie die Lage beurteilen und welche praktischen Folgerungen Sie aus dieser Lage abzuleiten gewillt sind.

Die Bayerische Staatsregierung stimmt hinsichtlich der Beurteilung der gegenwärtigen Lage im allgemeinen mit dem Herrn Reichskanzler überein. Dagegen vermag sie ernste Bedenken hinsichtlich des von der Reichsregierung zu ihrer Entwirrung eingeschlagenen Weges nicht zu unterdrücken. Der Herr Reichskanzler hat es als unerläßlich betrachtet, nachdem England bisher zur Lösung des Problems praktisch keine Hilfe geleistet habe2, den Versuch zu unternehmen, ob nicht die Möglichkeit bestehe, sich mit Frankreich auf einer Basis zu einigen, die uns die Souveränität über die Rheinlande läßt und die Verfügung über das Ruhrgebiet wieder gibt, wobei Prestigerücksichten keine Rolle spielen dürfen. Demzufolge haben Euer Hochwohlgeboren auch bereits die Fühlung mit Frankreich aufgenommen und inzwischen wahrscheinlich auch schon Verhandlungen eingeleitet.

2

Der deutsche Geschäftsträger hatte am 7.9.23 aus London gemeldet, Cadogan habe ihm erklärt, daß dem englischen Interesse eine politische und wirtschaftliche Demütigung Deutschlands zuwider laufe, aber große Hoffnungen seien auf Hilfe durch Großbritannien nicht zu setzen (Pol. Arch.: NL Stresemann  261). Am 13.9.23 schrieb der RK an Botschaftsrat Dufour-Feronce, obwohl die RReg. sich auf den Boden der brit. Note vom 20.7.23 gestellt und darüber sogar durch Ausgestaltung konkreter Pfänder hinausgegangen sei, habe sie nie eine Antwort erhalten und wisse auch nicht, welche Stellung die brit. Regierung zur Rheinfrage und dem Reparationsproblem einnehme. „Ob es uns angesichts der wirtschaftlichen Katastrophe Deutschlands, die täglich gefährlichere Formen annehme, möglich sein werde, abzuwarten, bis England aus seiner Interesselosigkeit vielleicht durch die Imperial Conference aufgerüttelt werde, erscheine höchst zweifelhaft. – England wisse ohne Zweifel sehr genau, daß unsere Kräfte zu Ende gehen und daß der Zeitpunkt für eine Vermittlertätigkeit eingetreten ist. Warum es in absoluter Untätigkeit verharre, die sich sogar in Ablehnung jeglicher erträglichen Kreditgewährung, selbst für lebenswichtige Bedürfnisse (z. B. für Eisenbahnkohlen) ausdrücke, sei uns ein Rätsel“ (Pol. Arch.: Büro RM 5, Bd. 14); ähnlich auch StS v. Maltzan am gleichen Tag (ibid.: Büro RM 6, 3, Bd. 2).

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Französische Regierung über unsere Lage genau im Bilde ist. Bei der Hartnäckigkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgt, betrachtet es die Bayerische Regierung als sicher, daß Verhandlungen mit Frankreich nur zur förmlichen Kapitulation Deutschlands führen können. Frankreich wird von seinem Ziele nichts nachlassen, weil diese für Frankreich in Anbetracht unserer katastrophalen Lage nicht notwendig ist. Nach Ansicht der Bayerischen Regierung ist das einzige Moment, das es für Frankreich geraten erscheinen lassen kann, sich mit Deutschland auf Verhandlungen einzulassen, einen Rechtstitel für sein im Widerspruche mit dem Frieden von Versailles stehendes politisches Ziel am Rhein und an der Ruhr zu erhalten. Dazu darf es nach Auffassung meiner Regierung unter gar keinen Umständen kommen; denn die Zukunft wäre damit für Deutschland noch weit mehr versperrt als dies ohnehin der Fall ist3.

3

Der Vertreter der RReg. in München von Haniel hatte am 11.9.23 über die Einstellung zur Außenpolitik in Bayern berichtet, billigend sei zur Kenntnis genommen worden, daß der RK dem Ziel, „Rhein und Ruhr dem Reich zu erhalten“, alles unterordnen wolle. „Man zweifelt aber, ob der vom Kanzler beschrittene Weg eines Annäherungsversuches an Frankreich, verbunden mit eine Abwandlung der Form des passiven Widerstandes die erhoffte Wirkung erzielen könne, ob nicht vielmehr diese Politik auf die überhebliche französische Mentalität den gegenteiligen Eindruck, nämlich den zunehmender Schwäche, ausüben und erst recht zur restlosen Durchsetzung der französischen Machtpläne führen werde. Denn, so folgert man, wenn Frankreich trotz allem Entgegenkommens, wie zu erwarten, bei den Verhandlungen stark bleibt, so sei die jetzige Reichspolitik nicht nur ergebnislos gewesen, sondern sie habe in dem unbesetzten Gebiet so demoralisierend gewirkt, daß jeder weitere energische passive oder aktive Widerstand dadurch unmöglich gemacht worden sei.“ Außer in rechtsradikalen Kreisen sei man allerdings überzeugt, daß ein entschiedenes Auftreten nur „innerpolitisch stimulierend zu wirken vermöchte“, aber außenpolitisch keinen Erfolg bringe (R 43 I/2233, Bl. 190).

[268] Die Bayerische Regierung zweifelt nicht daran, daß dies auch die Auffassung des Herrn Reichskanzlers ist. Bei der Zusammensetzung des Reichskabinetts und bei der politischen Einstellung weiter Kreise des deutschen Volkes besteht aber, wie meine Regierung glaubt, die Gefahr, daß die Reichsregierung aus innerpolitischen Gründen sich genötigt sehen wird, bei ihren Verhandlungen mit Frankreich weiter zu gehen, als sie ursprünglich sich vielleicht vorgenommen hatte4. Das Ergebnis wäre dann weit schlimmer als wenn es ohne Verhandlungen zur Verwirklichung des französischen Zieles käme.

4

Zur Einschätzung des Kabinetts Stresemann durch die bayer. Regierung s. E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 1. Aus München hatte von Haniel am 6.9.23 berichtet: „Es sei nicht zu leugnen, daß man in Bayern der gegenwärtigen Regierung ein größeres Mißtrauen entgegenbringt als der Regierung Cuno und sie außenpolitisch nicht für stark genug erachtet. Insbesondere die angeblichen Versuche einer Verständigung mit Frankreich werden hier auf sozialistische Einflüsse zurückgeführt und als ein Abweichen von der nationalen Politik des früheren Reichskanzlers empfunden. Man fürchtet, daß solche Verhandlungen unsere Widerstandskraft lähmen werden und daß wir auch beim besten Willen bei der überwältigenden Übermacht Poincarés in diesen Verhandlungen doch den Kürzeren ziehen und nationale Ziele preisgeben müssen“ (R 43 I/2233, Bl. 171/172). Über ein Gespräch mit MinPräs. von Knilling hatte von Haniel am 12.9.23 mitgeteilt, dieser beurteile „die außerpolitische Lage äußerst pessimistisch. Er teilt die bekannten hiesigen Bedenken gegen jeden Versuch einer Annäherung an Frankreich, fürchtet, daß daraus unter dem Druck der Linken ein neues Versailles entstehen werde, gesteht aber zu, keine Gegenvorschläge machen zu können“ (R 43 I/2233, Bl. 199).

Die Bayerische Regierung möchte daher jetzt schon vor einer solchen Eventualität mit allem Nachdruck warnen; sie würde in Bayern eine Lage schaffen, der mit den allergrößten Besorgnissen entgegengesehen werden müßte.

Das bayerische Kabinett hat sich am 11. ds. Mts. mit dieser Angelegenheit beschäftigt und einstimmig beschlossen, diese Bedenken dem Herrn Reichskanzler nachdrücklich zur Kenntnis zu bringen.

Ich habe deshalb heute den Auftrag erhalten, umgehend beim Herrn Reichskanzler vorstellig zu werden, um die Stellungnahme der Bayerischen Regierung, wie im Vorstehenden dargelegt mitzuteilen.

Indem ich mich beehre, diesen Auftrag hiermit auszuführen, bitte ich Euer Hochwohlgeboren weiterer Weisung zufolge, den bayerischen Bedenken bei weiteren Entschlüssen geneigtest Rechnung tragen zu wollen. Gleichzeitig beehre ich mich Euer Hochwohlgeboren um Stellungnahme zu dem Standpunkte meiner Regierung und um eine baldgeneigte Mitteilung hierüber zu bitten5.

5

Der RK sandte sein Antwortschreiben am 18.9.23 (Dok. Nr. 65) an den bayer. Gesandten. – Vor dem RR-Ausschuß für innere Verwaltung bat der RIM die Länder am 14.9.23 um Unterstützung für das Reich bei der Aufgabe, die Gefahr an Rhein und Ruhr zu meistern. „In seinen Schlußworten konnte der Reichsminister weitgehende Übereinstimmung der Anwesenden mit der Reichsregierung feststellen“ (Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1075).

[269] Mit Vergnügen benütze ich auch diesen Anlaß, um Euer Hochwohlgeboren die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung zu erneuern.

Frhr. von Papius

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