2.8 (str1p): Nr. 8 Aufzeichnung Reichskanzler Stresemanns über den Besuch ausländischer Botschafter vom 17. August 1923

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Nr. 8
Aufzeichnung Reichskanzler Stresemanns über den Besuch ausländischer Botschafter vom 17. August 1923

R 43 I/162, Bl. 58–641

1

Nach dem Terminkalender des persönlichen Referenten Stresemanns Dr. Ehlers (s. Anm. 2 zu Dok. Nr. 6) begann der Besuch der Botschafter am 17.8.23 um 16 Uhr (BA: NL von Stockhausen  15). Ehlers leitete diese Aufzeichnung StS von Rheinbaben am 18.8.23 zu.

Bei dem Besuch der Botschafter bemerkte ich Lord d’Abernon gegenüber2, daß ich mit Genugtuung die starke Entschiedenheit festgestellt hätte, die in der Note der englischen Regierung zum Ausdruck gekommen wäre3. Es[19] hätte nahe gelegen, diese Entschiedenheit auch in der Erklärung der Reichsregierung zum Ausdruck zu bringen. Angesichts der gegen das Kabinett Baldwin von den Diehards gerichteten Angriffe, daß es sich von der gemeinsamen Linie der Alliierten entferne und eine Deutschland zugeneigte Politik triebe, hätte ich aber geglaubt, daß es im wohlverstandenen Interesse der englischen Politik läge, wenn jeder Gedanke eines etwaigen Zusammenwirkens zwischen England und Deutschland vermieden würde, und deshalb in der Regierungserklärung irgend eine starke Freude und Genugtuung über diesen Schritt Englands nicht zu stark zum Ausdruck käme4. Ich wies darauf hin, daß die französischen Pressestimmen den Eindruck erwecken können, als wenn die Politik der Regierung durch das neue Kabinett einen Wechsel erfahren sollte5. Demgegenüber betonte ich, daß ich überhaupt mit keiner französischen Stelle Fühlung genommen hätte und daß meine Auffassung dahinginge, daß Deutschland keine Veranlassung hätte, irgendwie einen Zwiespalt unter den Alliierten herbeizuführen oder die eine Macht gegen die andere auszuspielen. Wir dächten gar nicht daran, den Lockrufen zu folgen, die auf direkte Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich hinausliefen. Die Alliierten ständen uns in ihrer Gesamtheit als Reparationsgläubiger gegenüber und ich könnte mir eine verständige Lösung der Reparationsfrage nur so denken, daß eine Verhandlung stattfände zwischen den Alliierten auf der einen Seite und Deutschland auf der anderen Seite.

2

S. hierzu die Tagebuchaufzeichnung d’Abernons über seinen Empfang durch den RK, in: Botschafter der Zeitwende II, S. 276 f.

3

Gemeint ist die englische Note vom 11.8.23; s. in: RT-Drucks. Nr. 6204 , S. 124 ff., Bd. 379, zusammengefaßt in Schultheß 1923, S. 413 ff.; vgl. dazu auch Baldwins Ausführungen vor dem Unterhaus am 2.8.23, in: Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1058. Der deutsche Botschafter in London Sthamer hatte dem AA am 16.8.23 mitgeteilt, die Schärfe der englischen Note vom 11.8.23 scheine das Ende der Entente herbeigeführt zu haben. Die bestehenden Differenzen seien kaum zu überbrücken, da Poincaré seine Stellung in Europa wahren werde. England werde aus militärischen und vor allem aus wirtschaftlichen Gründen der Note jedoch keine Taten folgen lassen. Da die öffentliche Meinung dort Frankreich näher als Deutschland stehe, verhalte sich die britische Regierung zurückhaltend und schließe eine Wiederannäherung nicht aus. Sollte eine Verständigung mit Frankreich nicht möglich sein, werde an eine Sachverständigenkommission unter amerikanischem Vorsitz zur Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit gedacht (Pol.Arch.: Abt. III, England Pol. 3, Bd. 2).

4

In einem Bericht „über die Lage in England“, der am 20.9.23 vom AA an die Rkei gegeben wurde, heißt es im Rückblick auf die vergangenen Wochen: „Die Minister sind seit der Veröffentlichung der Note des Mr. Baldwin in den Ferien, und es hat äußerlich den Anschein als interessiere sich England nicht mehr für die Ereignisse auf dem Kontinent. Dieser Schein ist nur äußerlich, innerlich dagegen bereiten sich wichtige Ereignisse und Entscheidungen vor. Mr. Baldwins Gegnerschaft in der Die-Hards Partei ist merklich im Zurückgehen, und damit wird die Stellung Mr. Baldwins von Tag zu Tag stärker. Die Gefahr, daß er stürzen könnte, daß das Parlament aufgelöst werden müsse, daß eine Labour-Regierung kommen könnte, ist nicht mehr aktuell“ (R 43 I/59, Bl. 220). Die „Diehards“, der rechte Flügel der Konservativen Partei, drängten auf Fortdauer einer engen Allianz zwischen Frankreich und Großbritannien.

5

Nach der Darstellung der Stresemann und der DVP nahestehenden Berliner Tageszeitung „Die Zeit“, Nr. 185 v. 14.8.23, hatte „Echo de Paris“ geschrieben, es sei möglich, daß der Regierungswechsel den Anfang einer Entwicklung darstelle, die zur Unterwerfung Deutschlands führen werde, wenn man auch noch nicht mit einer sehr raschen Kapitulation rechnen dürfe. Am folgenden Tag stellte „Die Zeit“, Nr. 186, fest, daß unter dem Eindruck der britischen Note vom 11.8.23 französische und französisch orientierte amerikanische Zeitungen für das Kabinett Stresemann Beteuerungen des Vertrauens vorgetragen hätten. Stresemann habe im März verschiedene Reparationsvorschläge gemacht, die mit Poincarés Ansichten vom Januar 1923 in Überstimmung seien. Damit gebe es eine Grundlage für die Lösung des Reparationsproblems, wenn Deutschland zuvor den passiven Widerstand beende. In den folgenden Tagen, insbesondere nach der Regierungserklärung im RT, konstatierte „Die Zeit“ eine Abkühlung im Ton der frz. Presse und erneute Angriffe auf die RReg. – Zu dieser Frage hat am 20.8.23 StS von Maltzan (evtl. MinDir. von Schubert) an Botschaftsrat Dufour-Feronce in London geschrieben: „Ich glaube versichern zu können, daß zur Zeit ein englisches Mißtrauen gegen Deutschlands Haltung nicht berechtigt ist. Die jetzige Regierung ist gesonnen, die bisherige Politik weiterzuführen. Ich glaube, Sie ohne weiteres ermächtigen zu können, eine solche Zusicherung zu geben, natürlich in offiziöser Weise. – Daß die Franzosen den Kabinettswechsel ausnützen würden, um die [!] Sirenenklänge zu locken, war vorauszusehen. In manchen französischen Kreisen hatte man offenbar angenommen, daß die neuen Leute sofort Fühlung in Paris aufnehmen würden. Hierin werden sie sich aber täuschen“ (Pol.Arch.: Handakten von Schubert E, Schriftverkehr, Bd. 9).

[20] Lord d’Abernon stimmte den von mir zum Ausdruck gebrachten Grundsätzen durchaus zu. Ich betonte ihm gegenüber besonders, daß meine Äußerung, wonach die beste auswärtige Politik die Ordnung der inneren Verhältnisse sei, Bezug nehme auf die Unterredungen, die ich wiederholt mit ihm gehabt hätte und in denen er als einen der Hauptgründe, die England verhinderten, sich für Deutschland stark einzusetzen, immer wieder die trostlose Lage der deutschen Finanzen und die angebliche Untätigkeit der Deutschen Regierung demgegenüber angeführt habe6. Allerdings dürften uns die Alliierten bei diesem Versuch, die Finanzen zu bessern, keine Schwierigkeiten machen und ich hoffte, daß die Note der Alliierten, die gegen die Goldanleihe Protest erhebe, lediglich den Charakter einer formalen Rechtsverwahrung in sich trage7.

6

Vgl. D’Abernons Aufzeichnung über ein Gespräch mit Stresemann am 11.8.23, in: Botschafter der Zeitwende II, S. 271.

7

S. Schultheß 1923, S. 415.

Lord d’Abernon begrüßte diese Ausführungen außerordentlich und betonte, daß sie vollkommen den Auffassungen Englands entsprächen.

Auch dem italienischen Botschafter8 gegenüber sprach ich mich über die Absichten Deutschlands in ähnlicher Weise aus, wie gegenüber Lord d’Abernon. Er brachte mir persönlich Grüße von Mussolini, der sich sehr gern der Unterhaltung entsänne, die er mit mir anläßlich seiner Anwesenheit in Berlin gehabt habe9. In der Unterredung bat er um eine Erklärung darüber, ob das neue Kabinett bereit sei, die Zusagen zu erfüllen, die ihm Herr v. Rosenberg in Bezug auf die Kündigung der Reparationsleistungen gemacht habe nach der Richtung, daß wir die Kohlenlieferung nach Italien soweit als möglich fortsetzen würden10. Ich betonte, daß ich darüber nicht im Bilde sei, ihm aber ehebaldigst Nachricht geben würde, nachdem ich mich mit dem Auswärtigen Amt und dem Reichswirtschaftsministerium in Verbindung gesetzt hätte. Er betonte, daß diese Frage für Italien eine dringende sei, während es in Bezug auf alle anderen Lieferungen uns nicht drängen würde11. Wir sprachen alsdann über die gemeinsamen Interessen Deutschlands und Italiens und ich betonte [ihm] gegenüber, daß wir doch beide das gemeinsame Interesse hätten, daß nicht etwa in der Form der Donaukonföderation das alte Österreich wieder erstände, daß vielmehr angestrebt werden müßte, eine gemeinsame Grenze zwischen Italien und Deutschland11a und eine möglichst innige wirtschaftliche Verbindung, die dem[21] Verkehr über den Hafen Triest erst <das richtige wirtschaftliche Hinterland>12 geben würden – Gedanken, denen er mit äußerster Lebhaftigkeit zustimmte – von denen er erklärte, daß sie den Auffassungen Italiens durchaus entsprächen.

8

Conte de Bosdari.

9

Es handelt sich um die Reise Mussolinis nach Berlin im März 1922, über die er mehrere Artikel im „Popolo d’Italia“ veröffentlicht hatte. Er hatte damals außer mit Stresemann auch Gespräche mit Rathenau, Wirth und Theodor Wolff geführt.

10

S. Das Kabinett Cuno, Anm. 16 zu Dok. Nr. 235. – In dieser Angelegenheit hatte Botschafter von Neurath am 6.8.23 aus Rom gemeldet, die Aufgabe der Sachlieferungen werde in Italien Verständnis finden, wenn weiterhin dorthin Kohlen geliefert würden; denn sonst trete eine Annäherung an Frankreich ein. Bei Regierung und Öffentlichkeit werde es einen guten Eindruck machen, wenn von Deutschland auch zukünftig Kohlen geliefert würden (Pol.Arch.: Büro RM 8, Bd. 1).

11

In einem Telegramm an Botschafter von Neurath teilte der RK am 20.8.23 mit, er habe auf die Frage Bosdaris geantwortet, die Regierung wolle „soweit irgend möglich“ die Kohlen weiter liefern (Pol.Arch.: Büro RM 8, Bd. 1). Zum Fortgang s. Dok. Nr. 173.

11a

) S. zum „Anschlußgedanken“ A. Thimme, Gustav Stresemann, S. 46; H. L. Bretton, Stresemann and the Revision of Versailles, S. 21 f.

12

Aus: „die richtige Bedeutung“; hs. Korrektur Stresemanns.

[Im Gespräch mit dem spanischen Botschafter13 drückt der RK die Erwartung aus, daß der deutsch-spanische Handelsvertrag bald abgeschlossen werden kann14. Gegenüber dem japanischen Botschafter15 spricht sich der RK für den Besuch japanischer Studenten in Deutschland aus. Außerdem betont er, der Frieden Europas mache den Wiederaufstieg Deutschlands nötig.]

13

Pablo Soler y Guardiola.

14

Zum dt.-span. Handelsvertrag s. Das Kabinett Cuno, Dok. Nr. 85, P. 1; Dok. Nr. 238, P. 3; Die Kabinette Marx I/II, Dok. Nr. 244, P. 1.

15

Eki Hioki.

Der französische Botschafter, der die Unterhaltung mit mir in englischer Sprache führte, beglückwünschte mich zu der Übernahme des Reichskanzleramts, die Mut erfordere, der aber immer der Vorposten des Erfolges sei und gab der Hoffnung Ausdruck, daß eine andere Art der Fühlung16 eintreten möchte, die eine Lösung der Reparationsfrage ermögliche. Man habe in Frankreich die Auffassung, daß das neue Kabinett einer solchen Lösung geneigt sei und man sei in Frankreich durchaus bereit, auf den Boden einer solchen Lösung zu treten17. Ich erwiderte ihm, daß wir uns nicht klar wären über die Ziele der französischen Politik. Bei uns bestände die Auffassung, daß Frankreich darauf ausgehe, Deutschland zu zerstören oder zum mindesten die Einheit Deutschlands dadurch zu vernichten, daß man das Rheinland von Deutschland abtrennen wolle18 und daß man auch Bestrebungen in Süddeutschland, die auf Abtrennung Bayerns19 hinausliefen, unterstützte. Eine solche Politik vernichte gleichzeitig[22] die Möglichkeit deutscher Reparationsleistungen und mache den Gedanken einer Verständigung unmöglich.

16

Richtiger wahrscheinlich „Führung“ oder „Fühlungnahme“.

17

S. dazu o. Anm. 5.

18

In einem vergeblichen Antrag des RMbesGeb. vom 8.9.23, gegen die Führer des Separatismus auch in absentia einen Hochverratsprozeß zu führen, heißt es über die Lage der separatistischen Bewegung, die Gruppe um Smeets befinde sich in Auflösung. „Als Erbin meldet sich außer der neuen Partei Frei-Rheinland (Bonn) die Rheinische Unabhängigkeitspartei in Düsseldorf an, die am 5. August ins Leben trat und gleichfalls die Loslösung von Deutschland fordert. An der Spitze dieser neuen Partei zu Düsseldorf stehen Rechtsanwalt Dr. Wolterhoff und Hauptmann a. D. von Metzen. Diese Neugründung ist durchaus ernst zu nehmen und bedeutet jedenfalls für die Franzosen einen Gewinn, da die Führer der intellektuellen Welt angehören und sich für französische Auslandspropaganda besser eignen als Smeets und Genossen. […] Die Dorten-Bewegung hat bei ihrer Versammlung am 29. Juni 1923 in Koblenz nach objektiven Angaben einen gewissen Erfolg erzielt. Die Versammlung war gut besucht und wies zahlreiche Teilnehmer aus intellektuellen Kreisen auf. […] Die Separatisten würden nichts bedeuten ohne Frankreich. Frankreichs Macht stellt sich trotz aller offiziellen Ableugnung immer offener dem Separatismus zur Verfügung. Der Separatismus darf sich immer ungescheuter auf die französische Unterstützung berufen. […] Es ist natürlich ungewiß, ob Frankreich in naher Zeit einen entscheidenden Schlag gegen das Reichsgefüge führt. Verschiedene Tatsachen erfordern aber jedenfalls ernste Beachtung. Die ganze Ruhraktion dient, wie Frankreich eingesteht, seinen machtpolitischen Zwecken. Es erwartet den wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands und erhofft sich daraus politischen Gewinn. Außerdem hat es den Verwaltungsapparat des Staates im Rheingebiet zum größten Teil zerstört und sich dadurch freien Raum für seine Pläne geschaffen“ (R 43 I/1838, Bl. 372–375).

19

Stresemann dürfte sich hier auf den Prozeß Leoprechting bezogen haben (s. Schultheß 1922, S. 88 u. 97; Die Kabinette Wirth I u. II, Anm. 13 zu Dok. Nr. 344) sowie auf den im Juli 1923 abgeschlossenen Fuchs-Machaus-Prozeß (s. Schultheß 1923, S. 128 u. 133 f.; Das Kabinett Cuno, Dok. Nr. 202). In beiden Fällen waren die Angeklagten verurteilt worden, weil sie nach Ansicht des Gerichts überführt worden waren, französische Gelder zur Loslösung Bayerns vom Reich verwendet zu haben.

Herr von Magerie erklärte sehr lebhaft, daß er aufs äußerste bedauere, daß die Erklärung des Herrn Poincaré in Deutschland mißverständig aufgefaßt werden könnte, obwohl Herr Poincaré doch gar keinen Zweifel darüber gelassen habe, daß er weder eine Zerstörung Deutschlands im Auge habe, noch die Integrität des deutschen Besitzes antasten wolle20. Als Beweis dafür glaubt er, anführen zu sollen, daß der französische Ministerpräsident den Versuch des Herrn Dorten, von ihm empfangen zu werden, abgelehnt habe, da er der Meinung sei, daß die Zukunft des Rheinlandes von dem Rheinland selbst abhinge21. Der Gedanke Frankreichs sei lediglich der, sich Sicherheiten dafür zu schaffen, daß Frankreichs Ansprüche befriedigt würden. Ich erwiderte darauf, daß dazu eine Sanierung der deutschen Finanzen notwendig sei, die wir durch unsere Finanzgesetzgebung anstrebten. Schon bei dem ersten Schritt stießen wir aber wieder auf französische Schwierigkeiten, denn die erste Note, die ich empfangen hätte, erhebt Protest gegen die deutsche Goldanleihe und sei geeignet, deren Erfolg in Frage zu stellen22. Der Herr Botschafter erklärte darauf, daß diese Auffassung doch nicht haltbar sei; ich sei doch selbst Jurist und würde wissen, daß diese Note keinen anderen Charakter hätte, als den einer gewissen Feststellung wohlerworbenen Rechts. Sie sei nur ein nochmaliger Hinweis darauf, daß die deutsche Steuergesetzgebung nicht die allgemeinen Grundsätze des Friedensvertrages verletzen dürfe. Er sei überzeugt, daß die französische Regierung sympathisch allen Bestrebungen Deutschlands gegenüberstände, seine Finanzen in Ordnung zu bringen; sei doch diese Ordnung der Finanzen die Grundlage, um überhaupt Reparationsleistungen für Frankreich zu ermöglichen.

20

S. dazu die Angaben über die Denkmal-Einweihungsreden Poincarés vom 12.8.23 in: Schultheß 1923, S. 316.

21

Dorten berichtet in seinen Erinnerungen, er sei im Mai 1923 nach Paris gefahren und habe dort im Lauf von 2 Monaten mit mehreren Journalisten und Parlamentariern Gespräche geführt. „Aber Herr Poincaré blieb verschlossen und unnahbar. – Einer seiner Minister, Herr Reibel, den ich privatissime bei Gustav Le Bon kennenlernte, setzte mich in liebenswürdigster Weise von der gegen mich und meine Aktion verfügten präsidentiellen Acht- und Bannerklärung in Kenntnis und deutete mir zart an, daß mein Aufenthalt in Paris schon reichlich lang gedauert habe und ein plötzliches Ende nehmen könne, falls ich fortfahre, die öffentliche Meinung zu aktivieren. – Herr Peretti della Rocca, der den Geschicken des Quay d’Orsay vorstand […] bemühte sich, mir das negative Resultat meiner Bemühungen vorauszusagen und empfahl mir, die rheinische Sache im Rheinland selbst zu fördern. Er erklärte mir mit dankenswerter Offenheit, daß mich Herr Poincaré als einen General ohne Truppen betrachte, dazu noch von sehr zweifelhafter Zuverlässigkeit, und er der Ansicht sei, daß es sich für Frankreich kaum lohnen werde, wegen einer so unbedeutenden und so wenig interessanten Persönlichkeit sich zu exponieren. Nach Angabe des Staatssekretärs des Auswärtigen war der Regierungschef davon überzeugt, daß es weder den Autonomisten noch den Separatisten gelingen werde, nennenswerte Teile der Bevölkerung zu gewinnen.“ Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Poincaré zu gewinnen, und einer Unterredung mit Herriot, die gleichfalls ohne das gewünschte Ergebnis geblieben war, hatte der frz. MinPräs. durch Mittelsmänner Dorten nachdrücklich nahelegen lassen, aus Frankreich abzureisen. Im Juli war Dorten nach Koblenz zurückgekehrt (H. A. Dorten, Mein Verrat. Das rheinische Drama 1918–1924; Abschrift in BA: ZSG 105/4, Bl. 139–150).

22

S. Schultheß 1923, S. 415.

[23] Die Unterhaltung mit dem russischen Botschafter hatte keinen besonderen politischen Charakter23. Ich erwähnte ihm gegenüber, daß ich mit Rußland schon während des Kaiserreichs [!] Fühlung genommen hätte in der Zeit, als Herr Joffe die russische Regierung vertrat24, und daß ich für notwendig hielte, daß beide Länder ihre wirtschaftlichen Beziehungen verstärkten, daß sie in vieler Beziehung aufeinander angewiesen seien, und betonte ferner, daß mir die bestehenden Verträge der Industriefirmen und andere Vereinbarungen bekannt seien und von mir gebilligt würden25. Notwendig erschiene mir aber für die fortdauernde Weiterentwickelung dieser Beziehungen, daß jeder Eingriff in die innere Entwickelung des Landes unterbliebe, daß die russische Regierung ebensowenig in die inneren Verhältnisse Deutschlands einzugreifen versuche, wie dies uns Rußland gegenüber fernläge. Herr Krestinski betonte, daß sein Verhalten seit den zwei Jahren seines Aufenthalts in Deutschland wohl die Gewähr dafür gebe, daß er diese Auffassung durchaus billige und zu der seinen mache26.

23

Der Besuch Nikolai Krestinskis hat dem Terminkalender nach (s. o. Anm. 1) um 17.45 Uhr begonnen.

24

Mit Joffe und Krassin hatten im Juli und August 1918 Nadolny, Prittwitz, Graf Keßler, Kommerzienrat Litwin und Stresemann Gespräche über deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen geführt.

25

Eine Woche nach dieser Äußerung wandte sich der REM schriftlich an den RK und fragte an, ob er der Einladung des Hauptausschusses der Allrussischen Landwirtschafts- und Heimatindustrie-Ausstellung in Moskau folgen solle, von der sich der Ausschuß eine weitere ökonomische Annäherung der beiden Staaten verspreche. Luther befürchtete, daß die Reise nach Moskau sich negativ auf die derzeitigen Verhandlungen mit Großbritannien auswirken würde. „Auch die Beziehungen mit Amerika dürften beachtet werden, da sich Amerika für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Verhältnisse in Rußland sehr interessiert. Wir unsererseits wollen von Amerika jetzt möglichst einen Getreidekredit bekommen. Ich könnte mir vorstellen, daß meine Reise nach Rußland, nachdem bekannt geworden ist, daß Rußland Getreide exportiert, als Unterstützung des Kreditwunsches bei Amerika wirken könnte, weil die Amerikaner mit ihrem Bedürfnis, Getreide auszuführen, den deutschen Markt sicher nicht gerne an Rußland abtreten werden. Ob das außenpolitisch richtig gesehen ist, vermag ich aber nicht endgültig zu beurteilen.“ Im Gegensatz zu StS von Maltzan sei er der Ansicht, gegen die Annahme der Einladung spreche, daß sie vom Leiter des Berliner Büros der Ausstellung und nicht vom Botschafter ausgehe. Der RK erwiderte am 30.8.23, er sei auch der Meinung, daß eine Reise nur nach einer Einladung durch die Regierung stattfinden könne. Außerdem sprächen neben den außenpolitischen auch wirtschafts- und innenpolitische Gründe gegen einen Aufenthalt des Ministers außerhalb des Landes (R 43 I/133, Bl. 609–617).

26

S. hierzu Dok. Nr. 83, P. c; vgl. außerdem die mit Vorsicht zu benutzenden Erinnerungen von B. Bajanov, Avec Staline dans le Kremlin, S. 195, wo Krestinski als Verwalter der Geldmittel für die kommunistische Revolution in Deutschland dargestellt wird; ibid., S. 199 f.: Krestinski als treibende Kraft eines kommunistischen Aufstandes in Deutschland.

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