1.103.3 (str2p): c) Ernährungslage.

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Die Kabinette Stresemann I und II. Band 2Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

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c) Ernährungslage.

Der Reichsernährungsminister wies auf die durch die letzte Geldentwertung bedingte außerordentliche Lebensmittelnot9 hin und erklärte es nach seiner Auffassung für erforderlich, daß sofort erhebliche Mittel, er denke zunächst an 5 Millionen Dollar, die von der Reichsbank herzugeben seien, zu einer allgemeinen Hilfsaktion zur Verfügung gestellt würden.

9

Der Berliner Brotpreis stand am 3.11.23 bei 25 Mrd. für Brot und 1,8 Mrd. M für Brötchen. 1 Liter Vollmilch kostete 3,8 Mrd. und 1 Liter Magermilch 1,6 Mrd. M (Die Zeit, Nr. 256 v. 4.11.23).

Der Reichsarbeitsminister betonte die Notwendigkeit, überall Volksküchen in Betrieb zu setzen.

Der Reichsminister der Finanzen erklärte, daß er zu einer Heranziehung des Goldbestandes der Reichsbank für derartige Zwecke unter keinen Umständen seine Zustimmung erteilen könne10. Dieser Goldbestand sei bereits etwa zur Hälfte für die Dollarschatzanweisungen verpfändet und der Rest würde in kürzester Frist zerfließen, falls mit einer Inanspruchnahme in der vorgeschlagenen[958] Weise erst einmal begonnen werde. Überhaupt könne er zur Hergabe von Reichsmitteln für Verbilligungsaktionen irgendwelcher Art seine Zustimmung keinesfalls erteilen. Dagegen sei er damit einverstanden, daß die Mittel für die Erwerbslosenfürsorge11 gekürzt und die Überschüsse den Gemeinden für öffentliche Speisungen zur Verfügung gestellt würden.

10

Der Goldbestand der Reichsbank, der am 15.8.23 noch einen Wert von 516 Millionen Goldmark gehabt hatte, lag nun bei einem Wert von 467 Millionen GM (Geschäftsbericht der Rbk für 1924, S. 56; R 43 I/638).

11

Zur Entwicklung des Erwerbslosenproblems s. Dok. Nr. 227, P. 79.

Der Reichsernährungsminister erklärte, die Verantwortung für sein Amt nicht tragen zu können, falls nicht unverzüglich <seitens der Regierung etwas zur Linderung der Not geschehe>12.

12

Der ursprüngliche Text lautete: „eine Kundgebung in der von ihm vorgeschlagenen Art zur Beruhigung der Öffentlichkeit erfolge.“

Der Reichskanzler teilte mit, daß eine außerordentlich wichtige Meldung über die Lage in Nordbayern ihn nötige, sofort den Herrn Reichspräsidenten aufzusuchen13, und übertrug den Vorsitz dem Reichsarbeitsminister.

13

Vgl. Anhang Nr. 1 über eine Meldung Pregers am 3.11.23. – Der „Vorwärts“ berichtete am 3.11.23, von Kahr habe das Kabinett von Knilling gestürzt und die Regierungsgewalt in Bayern übernommen, damit in Verbindung muß eine Meldung über die Stationierung bayerischer Polizei an der Grenze zu Thüringen gestanden haben. Am Nachmittag sagte MinPräs. von Knilling zu StS von Haniel, wie dieser telefonisch um 18 Uhr berichtete: „Es handele sich an thüringischer Grenze um 500 Mann Notpolizei, die von Kahr aufgeboten sind, ohne die Regierung zu benachrichtigen. Infolgedessen hatte sich auch die Regierung heute morgen mit dieser Frage beschäftigt [Dok. Nr. 78 in: E. Deuerlein, Der Hitlerputsch], aber wesentlich vom finanziellen Standpunkt aus, da natürlich keine Gelder für diese Leute vorhanden seien“. Er habe noch nicht mit v. Kahr sprechen können, der zu einer Beerdigung gegangen sei. „Außerdem seien etwa 1000 Mann von verschiedenen Verbänden dort, ebenfalls für den Grenzschutz; mit diesen habe weder die Regierung noch Herr v. Kahr zu tun. Sie betrieben von sich selbst aus Grenzschutz (Wikinger, Blücher und verschiedene andere Verbände). Die Hitler-Verbände seien nicht dabei vertreten, oder sie spielten wenigstens nicht die Hauptrolle. Alles in allem also 1500 Mann. Daß irgend eine offensive Aktion etwa von diesen Verbänden geplant sei, sei ihm nicht bekannt“ (R 43 I/2264, Bl. 274). S. a. Dok. Nr. 222, P. 2.

Der Reichsernährungsminister wies darauf hin, daß die Verbilligung der Lebensmittel aus Reichsmitteln zugleich die Folge haben werde, die vorhandenen Läger freizumachen und auf diese Weise die allgemeine Ernährungslage zu entspannen. Er denke auch daran, erhebliche Mengen von Reis, welche in Hamburg greifbar seien, anzukaufen und zur Verfügung zu stellen.

Zur Kennzeichnung der Dringlichkeit der Lage machte er darauf aufmerksam, daß in Potsdam 1 Brot schon 165 Milliarden koste und daß ihm von verschiedenen Seiten mitgeteilt worden sei, der Preis des Getreides mache nur 10% des Brotpreises aus, die übrigen Unkosten wie Mahllöhne, Feuerungskosten usw. seien ins Unermeßliche gestiegen. Unter diesen Umständen halte er es für fraglich, ob sich eine Verbilligungsaktion bei den Berliner Bäckern überhaupt noch lohne14.

14

S. hierzu Dok. Nr. 223, P. 1.

Der Reichsarbeitsminister faßte alsdann das Ergebnis der Besprechung dahin zusammen, daß durch den Reichsernährungsminister in der Morgenpresse vom 4. November eine Kundgebung erfolgen solle, worin auf die günstigen Rückwirkungen der Stabilisierung der Mark auf die Ernährungslage hingewiesen werde. Die Folge der Stabilisierung werde sein, daß die Lebensmittel leichter in die Städte kämen. Eine Kontrolle der Preisgestaltung werde damit Hand in Hand gehen. Ferner werde das Reich die zum Erwerb von Reis und Fett notwendigen[959] Beträge den Konsumvereinen alsbald zur Verfügung stellen. Es sollen also in dieser Veröffentlichung die drei Fragen der Währung, der Ernährung und der Preispolitik behandelt werden15.

15

Diese Pressekundgebung konnte nicht ermittelt werden.

Schließlich sei es nötig, den Brotpreis wenigstens noch für zwei Tage in Berlin niedrigzuhalten. Die Verbilligungsaktion bei den Bäckern solle also noch für zwei Tage fortgesetzt werden16.

16

Der Brotpreis betrug am 5.11.23 140 Mrd. M und der Brötchenpreis 4 Mrd. M (Die Zeit, Nr. 257 v. 6.11.23).

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