1.117 (str2p): Nr. 231 Telegramm der Reichsregierung an die Länderregierungen vom 8./9. November 1923

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Die Kabinette Stresemann I und II. Band 2Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

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Text

RTF

[997] Nr. 231
Telegramm der Reichsregierung an die Länderregierungen vom 8./9. November 19231

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In den Akten der Rkei ist das Datum des Telegramms mit „9. 11.“ angegeben, demgegenüber ist der Text in Pol.Arch.: NL Stresemann  263 mit „8. 11.“ datiert. Daraus kann geschlossen werden, daß das Telegramm in der Sitzung des Ministerrats in der Nacht vom 8. zum 9.11.23 entworfen worden ist. In dieser Sitzung ist aller Wahrscheinlichkeit nach kein Protokoll geführt worden; es gibt jedoch über sie mehrere Berichte: O. Geßler, Reichswehrpolitik, S. 274 ff.; H. Luther, Politiker ohne Partei, S. 172 ff.; C. Severing, Lebensweg I, S. 446 ff.; M. v. Stockhausen, 6 Jahre Reichskanzlei, S. 88 ff.; G. Stresemann, Vermächtnis I, S. 203 ff. Eine apokryphe Schilderung der Ereignisse bietet F. v. Rabenau, Seeckt, S. 373 ff. Unter dem 9.11.23 zeichnete Seeckts Adjutant von Selchow in seinem Tagebuch auf: „Abends 11.30 Uhr ruft mich Seeckt an, ich möchte mitkommen ins Reichskanzlerpalais. Kabinettssitzung. Unterwegs erzählt er, daß in München nun doch Revolution. Hitler habe im Verein mit Ludendorff die Reichsregierung für abgesetzt erklärt und sich selbst an die Spitze des Reiches gebracht. Machtergreifung auf illegalem Wege. Das Schlimmste aber sei, daß man keine Nachricht habe, wie Lossow und Kahr dazu stehe [!], d. h. beide schienen mitzumachen, ob aber die Reichswehr, d. h. die 7. Div. mitmache, das wäre eben die Frage. Denn Hitler habe im Frühjahr 1923 Lossow gesagt, eine Revolution könne man nur mit, nie ohne das Heer machen. – Der Vormarsch gegen Berlin solle oder wäre angetreten. Minister Geßler und Schleicher fahren mit zur Reichskanzlei. – Großes Durcheinander in der Reichskanzlei, sämtliche Minister versammeln sich. Zum Schluß erscheint Ebert. – Er ist außer Seeckt der ruhigste von allen. Ganz aus dem Häuschen ist Reichskanzler Stresemann. Er diktiert, als wir eintreten, gerade einen Aufruf an das deutsche Volk. – Severing, preuß. Innenminister, ist auch da, denn die Schutzpolizei ist alarmiert zur Bewachung des Reg. Viertels. Man will doch nicht wieder nach Stuttgart auskneifen! – Folgende Maßnahmen werden beschlossen: Presseverbot aller nicht vom R.W.M. genehmigten Nachrichten. Orientierung aller Wehrkreise. – Verkehrs- und Gütersperre in Richtung Bayern. – Finanzsperre. Nach kurzer Aussprache zwischen Ebert–Seeckt–Geßler überträgt Ebert die vollziehende Gewalt mit erweiterten Machtbefugnissen Seeckt. Nun ist er also zur Macht auf legalem Wege gelangt. Nur Ebert ist er Rede und Antwort schuldig. Gegen 2 Uhr nach Haus. Alle Verbindungen mit Bayern sind unterbrochen. Ist Hitler–Ludendorff stark genug, was steht hinter ihnen? Kahr und Lossow sollen in diese Lage mit vorgehaltenem Revolver gedrängt worden sein. Haben sie sich nicht zu weit mit den Rechtsorganisationen eingelassen? Geht die Saat auf, die sie selbst säten? – Morgens kommt über 5. Div. Nachricht, daß die 7. Div. im Allgemeinen nicht am Putsch beteiligt ist. Kahr und Lossow seien in der Inf.Kaserne. Lossow habe seine Truppen gegen Hitler eingesetzt und General von Kreß nach Regensburg geschickt, um von dort aus einzugreifen“ (BA-MA: NL von Rabenau 11, Bl. 16).

R 43 I/2219, Bl. 272

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Der Text beruht auf einer telefonischen Mitteilung der Mecklenburgischen Gesandtschaft und wurde am 29.11.23 aufgezeichnet.

[Betrifft: Putsch in München.]

Unter Leitung von Ludendorf [!] und Hitler ist in München ein gegen das Reich gerichteter Putsch gemacht worden, an dem Lossow, Kahr und Pöhner beteiligt sind. Die verfassungsmäßige bayerische Regierung ist verhaftet3. Reichsregierung hat einen Aufruf an das deutsche Volk erlassen, der den Länderregierungen durch Wolffbüro zugeht4. Reichspräsident und Reichsregierung, die entschlossen sind, diesen hochverräterischen Versuch mit aller[998] Energie niederzuschlagen, ersuchen die Länderregierungen, die Reichsregierung hierbei mit allen Kräften zu unterstützen5.

3

Zum Ablauf des Putsches in München s. E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 86, 99, 102, 114, 125, 128, 129, 141; H. J. Gordon, Der Hitlerputsch.

4

S. den Aufruf, den der RPräs. zeichnete, in: Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1175 b.

5

Zur weiteren Entwicklung s. Dok. Nr. 232, P. 1.

Reichskanzler Dr. Stresemann

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