1.121 (str2p): Nr. 235 Die Vertretung der Reichsregierung in München an die Reichskanzlei. 9. November 1923

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Nr. 235
Die Vertretung der Reichsregierung in München an die Reichskanzlei. 9. November 1923

R 43 I/2218, Bl. 295–298

Inhalt: Die Hitler-Revolution1.

1

S. hierzu Dok. Nr. 232, P. 1.

Die sich überstürzenden Ereignisse des Münchener November-Putsches haben bis zur Stunde das Ergebnis gezeitigt, daß der von Hitler unternommene, die gesamte hiesige Regierung und Öffentlichkeit überrumpelnde Handstreich durch List des bayerischen Generalstaatskommissars gescheitert ist. Die Ereignisse selbst sind durch die Presse zur Genüge bis in alle Einzelheiten bekannt geworden, so daß ich mir ein näheres Eingehen daraus versagen darf. Fest steht jedenfalls, und das war auch von vornherein mein persönlicher Eindruck bei den dramatischen Augenblicken im Bürgerbräu, daß Herr von Kahr, der bis dahin ruhig an seinem Rednerpult seinen Vortrag gelesen hatte, durch die hereinbrechenden, schwer bewaffneten, drohenden Hitler-Leute völlig überrumpelt war und daß die Abführung des Generalstaatskommissars, des Generals von Lossow und des Obersten Seißer im ersten Augenblick alles andere wie[1012] den Eindruck erweckte, als ob in wenigen Minuten bereits eine Einheitsfront zwischen den soeben noch schwer Bedrohten und Hitler zu gewärtigen sei. Erst die Versicherung – auch das Publikum nahm den „Staatsstreich“ anfangs durchaus nicht mit Sympathie auf –, daß Herr von Kahr mit in die neue Deutsche Regierung eintreten solle, löste einen allgemeinen Jubel aus. Nach einer längeren Weile kehrten alle Herren wieder in den Saal zurück und gaben ihre bekannten Erklärungen ab. Bei aller Verblüffung über diese plötzliche Einigung war doch eine aufrichtige Begeisterung, die namentlich der Person von Kahr galt, innerhalb der Versammlung unverkennbar, und niemand ahnte, daß dieser Bund, der unter Verkennung der näheren Umstände für fest und dauerhaft gehalten wurde, schon nach so wenigen Stunden zerbrechen würde, geschweige denn bereits im Augenblick des Entstehens als nichtig betrachtet worden war.

Bereits in den späten Nachtstunden war indessen von eingeweihten Hitler-Leuten zu erfahren, daß diese Einigung nicht ohne „Sporenstiche“ erfolgt sei, und in den frühen Morgenstunden war ferner von Vertrauensleuten gemeldet worden, daß die Reichswehr Herrn Hitler, als er in den Kasernen Einlaß begehrte, schroff abgewiesen habe. Die Erklärung für all dies erhielt ich gegen 9 Uhr früh, als mir von militärischer Seite der offene Bruch zwischen Hitler-Ludendorff einerseits und Kahr-Lossow andererseits bekanntgegeben wurde, eine Tatsache, die noch bis in die Mittagsstunden hinein dem großen Publikum auf den Straßen verborgen blieb und erst durch Plakate Kahrs in den Straßen bekannt wurde. Zunächst sah man, trotz dieser offenen Gegnerschaft, die Truppen beider Parteien friedlich aneinander vorbeiziehen, und in der Bevölkerung hielt man anfangs diese den Kampf Kahrs gegen Hitler ansagenden Plakate für Fälschungen. Kurz vor 1 Uhr indes wurde es ernst. Die von den Hitler-Garden bewachten Gebäude wurden jetzt durch Stacheldraht gesichert. Auf dem Odeonsplatz vor der Feldherrnhalle wurde ein Panzerauto der Reichswehr aufgestellt, die beiderseitigen Truppen begannen sich zu sichern, ohne daß indes das Publikum, welches in dichten Massen durch die Straßen strömte, sich hierdurch hätte beirren lassen. Um 1 Uhr erfolgte dann am Odeonsplatz vor der Residenz der Zusammenstoß der Reichswehr mit der Hitlerschen Hauptmacht, der mit der Zersprengung und Entwaffnung der Nationalsozialisten und mit der Gefangennahme Ludendorffs sowie mit der Flucht des verwundeten Hitler endete.

Waren bis dahin die Sympathien der Menge für die streitenden Parteien geteilt, ohne daß Tätlichkeiten die Folge davon gewesen wären, so ist nicht zu verkennen, daß die Stimmung sich fast einhellig gegen die Truppen der Reichsregierung gewandt hat, die, wie behauptet wird, direkt in die in Marschkolonne, Gewehr über, singend heranmarschierenden Nationalsozialisten hineingeschossen haben. Auch jetzt verschärft sich die Stimmung noch stündlich, und es fehlt nicht an Beschimpfungen schärfster Natur an die Adresse der Truppen und des Generalstaatskommissars. Es finden im Augenblick gewaltige Massendemonstrationen für Hitler statt, die aber infolge stärksten Aufgebots von Reichswehr und Polizei bisher noch zu keinen Zwischenfällen geführt[1013] haben. Jedenfalls haben zur Stunde Kahr und Lossow die Macht fest in Händen.

Eine gewisse Gefahr könnte ihnen an sich von dem weißblauen Flügel der bayerischen Volkspartei drohen, wofür bereits gestern in dem Aufruf des stellv. Ministerpräsidenten Matt gewisse Anhaltspunkte vorliegen könnten2. Die antipreußische Tendenz dieser Kundgebung, für die anfangs von der Menge Herr von Kahr selbst verantwortlich gemacht wurde, was die Stimmung gegen ihn verstärkte, hat hier allerdings zunächst keinen Widerhall gefunden. Vielmehr hat die rechtsstehende Presse, insbesondere die Münchener Neuesten Nachrichten und die München-Augsburger Abendzeitung, unbeschadet der Verurteilung des Putsches selbst, eine derartige, den bayerischen Instinkt in bedenklicher Weise anfachende Einstellung aufs schärfste mißbilligt und, wie ich höre, darob starke Verlegenheit in den Reihen der bayerischen Volkspartei erweckt, so daß heute Abend der Bayerische Kurier, der sonst gewiß den Ludendorff-Putsch als besonders erwünschten Anlaß zum Hissen der weißblauen Fahne benutzt hätte, über diesen Fall recht vorsichtig zu schreiben sich veranlaßt fühlt. Auch Herr von Kahr schreibt offenbar als Antwort auf diese Kundgebung an das Ministerium, daß nur er und nicht das Gesamtministerium öffentliche Anordnungen zu erteilen habe.

2

S. dazu E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 141.

Dieser Vorfall scheint im übrigen nur ein Streiflicht auf die bereits latenten Gegensätze zwischen dem Generalkommissariat und General von Lossow auf der einen und gewissen Mitgliedern des Kabinetts Knilling auf der anderen Seite zu werfen3. Der innere Konflikt hat sich jetzt offenbar noch verschärft. Man wird dabei nicht übersehen dürfen, daß nach Hitlers jetziger Ausschaltung ein starkes Gegengewicht gegenüber den weißblauen Tendenzen verloren gegangen ist, daß die Föderalisten nunmehr in Herrn von Kahr den einzigen Wall gegen ihre, den deutschen Gedanken jedenfalls nicht in den Vordergrund stellenden Ziele erblicken, für dessen Beseitigung die gegenwärtige Volksstimmung vielleicht der günstige, sobald nicht wiederkehrende Augenblick gekommen sei. Dies sollte trotz aller vorausgegangenen Reibungen, im Interesse der deutschen Einheit, auch in Berlin nicht übersehen werden.

3

S. hierzu ebd., Dok. Nr. 92, 105, 115.

Im Auftrage

Braun v. Stumm

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