1.43 (str2p): Nr. 157 Vermerk des Reichskanzlers über den Stand der Affäre von Lossow. 20. Oktober 1923

Zum Text. Zur Fußnote (erste von 6). Zu den Funktionen. Zum Navigationsmenü. Zum Navigationsbaum

 

Bandbilder:

Die Kabinette Stresemann I und II. Band 2Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

Extras:

 

Text

RTF

Nr. 157
Vermerk des Reichskanzlers über den Stand der Affäre von Lossow. 20. Oktober 1923

R 43 I/2264, Bl. 108/1091

1

Kempner überschrieb den Vermerk, den er am 20.10.23, 18.45 Uhr aufgenommen hatte: „Diktat des Kanzlers“.

Der Kanzler hat dem bayer. Gesandten heute morgen auf seine telefonische Anfrage, ob die Kündigung an Herrn v. Lossow erfolgt sei, mitgeteilt, daß diese Kündigung vorläufig zurückgehalten werde, und zwar handle es sich um einen Aufschub von etwa 24 Stunden2. Es sei eine Persönlichkeit unterwegs, die noch einmal versuchen solle, ob sich die Angelegenheit nicht durch Einwirkung auf Herrn von Lossow erledigen lasse. Auf die Anfrage des Gesandten, ob es sich um eine militärische Persönlichkeit handle, habe ich ihm erwidert, dies sei nicht der Fall, der Kanzler sei bereit, ihm die Persönlichkeit zu nennen, wenn er zu ihm kommen wolle. Herr von Preger war kurz darauf persönlich bei dem Kanzler, der ihm mitteilte, daß es sich um Minister Brauns handele. Der Gesandte fragte, welche Persönlichkeiten Brauns besuchen wolle, worauf er ihm sagte, daß er das selbst im einzelnen nicht wüßte, und daß der Kanzler dem Minister Brauns die Durchführung seiner Mission überlassen hätte3. Herr v. Preger regte darauf an, eventuell Paul Waitz zu Herrn v. Lossow zu entsenden. Der Kanzler dankte ihm für diese Mitteilung und erklärte, daß er versuchen werde, Herrn Waitz noch heute zu erreichen4.

2

S. Dok. Nr. 151, P. 4.

3

S. den Bericht Brauns’ in Dok. Nr. 159.

4

Hierüber wie auch über die Person des Paul Waitz ließ sich in R 43 I nichts näheres ermitteln.

Minister Brauns war gebeten worden, bis 3 Uhr hierher zu berichten. Etwa um ¾3 Uhr hat dann ein Telefongespräch zwischen Minister Brauns und Minister Geßler stattgefunden. Minister Geßler berichtete dem Kanzler über dieses Gespräch und betonte, daß die Angelegenheit sich leider nicht geändert habe und daß keine Aussicht sei, durch einen freiwilligen Rücktritt Herrn v. Lossows oder durch eine Änderung der Auffassung der bayerischen Regierung den Streitfall aus der Welt zu schaffen5. Der Reichswehrminister wollte sich danach[674] zum Reichspräsidenten begeben. Der Kanzler bat ihn, dem Reichspräsidenten noch von der Möglichkeit der Intervention durch Herrn Paul Waitz Kenntnis zu geben.

5

Bereits am 18.10.23 hatte StS von Haniel an die Rkei geschrieben; Min.Präs. von Knilling habe sich sehr ernst über den Fall von Lossow geäußert. Es handele sich für Bayern nicht um eine juristische oder militärische, sondern um eine hochpolitische Angelegenheit. „Wenn man den Standpunkt des Reichswehrministers durchzusetzen versuche, so sei er zum Äußersten entschlossen und werde sich mit einer geharnischten Erklärung an die Öffentlichkeit wenden. Man scheine in Berlin vergessen zu haben, daß erst seit fünf Jahren Bayern seine militärischen Hoheitsrechte und sein eigenes Kontingent aufgegeben habe“ (R 43 I/2264, Bl. 82). Vgl. zur Haltung in Bayern auch: E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 48, 49, 52.

In der Besprechung des Ministers Geßler mit dem Reichspräsidenten ist anscheinend beschlossen worden, von weiteren Versuchen abzusehen und das Kündigungsschreiben nunmehr zu überreichen. Der Reichskanzler hatte bisher noch keine Gelegenheit, mit dem Herrn Reichspräsidenten über die Angelegenheit zu sprechen, da die Kabinettssitzung sich bis 4 Uhr hinzog. Der Kanzler wird etwa um 7.15 Uhr mit dem Herrn Reichspräsidenten eine Besprechung haben6.

6

Zur weiteren Entwicklung s. Dok. Nr. 159; sowie E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 55.

Extras (Fußzeile):