1.84 (str2p): Nr. 198 Unterredung des Regierungspräsidenten Graf Adelmann mit dem französischen Bezirksdelegierten Oberst Gelin in Bonn am 29. Oktober 1923

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Nr. 198
Unterredung des Regierungspräsidenten Graf Adelmann mit dem französischen Bezirksdelegierten Oberst Gelin in Bonn am 29. Oktober 1923

R 43 I/1838, S. 565–571 Abschrift1

1

Dieser Bericht war als Anlage einem Brieftelegramm des PrIMin. an das AA beigefügt und wurde der RReg. und dem PrStMin. zur Kenntnisnahme zugeleitet (1.11.23; R 43 I/1838, S. 549–571).

Ich begab mich heute nachmittag zu Oberst Gelin, Bezirksdelegierter der Rheinlandkommission in Bonn und erklärte ihm folgendes:

[886] „Ich halte es für mein Recht und meine Pflicht, Ihnen meine und der Regierung, die ich vertrete2, Auffassung über die Ereignisse der letzten Tage zum Ausdruck zu bringen. Es handelt sich nicht, wie französischerseits gesagt wird, um eine Revolution, die von der öffentlichen Meinung des rheinischen Volkes getragen ist3, Die Hauptbewegung der Separatisten hätte niemals Erfolg gehabt, ohne die aktive Hilfeleistung der Besatzungstruppen der franz. und belgischen Zone. Wenn die Hilfsmittel auf beiden Seiten die gleichen gewesen wären, so hätten die Separatisten niemals eine öffentliche Gewalt erlangt oder sie beizubehalten. Die Stellung, die sie jetzt teilweise innehaben, ist nicht auf revolutionärer Grundlage zustande gekommen, sondern ist der Bevölkerung von außen aufgezwungen. Die Tatsache der Entwaffnung auf der einen Seite, die Möglichkeit sich zu bewaffnen auf der anderen Seite, haben die Separatisten den Weg gebahnt. Die Polizei wäre leicht der Separatisten Herr geworden, wenn sie Waffen gehabt hätte, bzw. es ihr erlaubt gewesen wäre, Waffen zu benutzen. Wenn die Separatisten jetzt im Besitze von öffentlichen Gebäuden sind, wenn sie Herr der Lage da und dort wurden, so haben sie dies nicht durch eigene Kraft, sondern durch das Dazwischentreten der militärischen Kräfte der Besatzungsmächte erreicht. Trotz alledem haben aber die Separatisten auch heute noch keine Verwaltung, die ihnen ergeben ist. Die Volksmeinung würde sie nicht eine Stunde länger offiziell dulden, wenn sie nicht von einer Macht beschützt wären, die respektiert werden muß und gegen die es kein Mittel gibt. Es handelt sich also um einen fait accompli, der in Wirklichkeit ein „fait artificiel“ ist, eine Tatsache, die der Stimmung der Bevölkerung nicht entspricht und deren Vertreter von Seiten der legalen Gewalt niemals anerkannt werden können4.“ Oberst Gelin erklärte hierauf: „Ich nehme Kenntnis von Ihrem offiziellen Einspruch. Sie werden wissen, was ich darauf offiziell erwidern muß, daß es sich um eine tatsächliche Gewalt handelt, über deren Bestehen nicht hinweggegangen werden kann. Im übrigen habe sich Frankreich und Belgien diesen Leuten gegenüber neutral gehalten5. Inoffiziell wolle er mir folgendes sagen, mehr als eine persönliche Meinung; er wisse nicht, ob dies in allen Punkten von Monsieur Tirard geteilt werde: In Frankreich sei man der Meinung, daß ungefähr alle Rheinländer beim Reich bleiben wollen, aber die Majorität von Preußen loskommen möchte. Zu diesem Punkte erklärte ich ihm sofort offiziell, daß das erste richtig sei, die zweite Annahme jedoch nicht zutreffe. Die Majorität der Rheinländer wollte auch bei Preußen bleiben, dessen Verwaltung seit Generationen auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet[887] erfolgreich gearbeitet habe und dankbar anerkannt würde und daß ein starkes Band das Rheinland mit dem übrigen Preußen verknüpfe. Im übrigen müsse er jede Unterhaltung über eine Trennung von Preußen als indiskutabel abweisen. Oberst Gelin fuhr fort, eine andere Gestalt der staatsrechtlichen Verhältnisse des Rheinlandes entspreche also den Wünschen der eigenen Bevölkerung, sie entspreche aber auch den Bedürfnissen Frankreichs, die erst durch einen selbständigen Staat diejenige Sicherheit erlangen müsse, die man allgemein in Frankreich verlange6. Die erste Bewegung gehe jetzt von Kreisen aus, die gewiß nicht den Wünschen der Bevölkerung entsprächen, obwohl auch einige anständige Männer darunter seien. Als solchen nannte er Ingenieur Dr. Müller. Aber es käme nicht darauf an, wer die Bewegung in Gang gebracht habe, etwas habe geschehen müssen und nun sei es eben so gekommen. Übrigens sei die franz. Oberleitung von den Aachener Ereignissen vollkommen überrascht worden7. Es käme nun darauf an, daß zur Erreichung des im franz. wie im Interesse des Rheinlandes gelegenen Zieles anständige und vertrauenswürdige Leute sich der Bewegung annähmen, die unaufhaltsam sei. Es wäre besser gewesen, wenn diese sofort sich der Dinge angenommen hätten, aber bekanntermaßen gingen die anständigen Bürger bei derartigen Gelegenheiten nicht auf die Straße und die Macher seien dann verwegene Elemente, die später wieder verschwinden müßten8. Einige wenige könnte man ja vielleicht später noch halten9. Ich erklärte, daß die Frage der Sicherheiten gegenüber[888] Frankreich auch ohne diese künstlich aufrührerische Bewegung garantiert sei und daß das Volk es nicht ertrage, daß sein Geschick durch einen Faktor bestimmt werde, der rein gewaltmäßig die Dinge regeln wolle, nämlich durch militärische Gewalt; auf dieser Basis könne man nicht bauen. Auch die Reichsverfassung biete die Möglichkeit auf ganz legalem Wege die Geschichte des Rheinlandes innerhalb des Deutschen Reiches auf eine neue Grundlage aufzubauen. Oberst Gelin meinte, man habe schon lange auf eine solche legale Lösung gewartet, es habe sich aber gezeigt, daß sie nicht kommen werde und nun könne diese gewaltsame Erhebung selbstverständlich nicht ohne weiteres als nicht bestehend angesehen werden. Ich erklärte, daß das Rheinische Volk es nie vergessen würde, daß ihm jetzt eine Entwicklung aufgezwungen werden solle und zwar von militärischen Gewalten, die hierfür keine Berechtigung hätten. Es sei eine so feststehende Tatsache, daß eine aktuelle Hilfeleistung seitens der franz. und belgischen Truppen und Gendarmen den Separatisten zuteil geworden sei und damit eine Vergewaltigung der rheinischen Volksmeinung erfolgt sei. Ich wies insbesondere auf die Vorgänge in Bonn und Aachen hin und schilderte ihm nochmals die Ereignisse auf dem Rathaus in Bonn, die er auch nicht bestritt. […] Nur meinte er, die Bonner Separatisten seien bis auf ganz geringe Ausnahmen nicht bewaffnet gewesen10. Ich erklärte, eine Anerkennung des jetzigen Zustandes als einen legalen werde niemals erfolgen können. Oberst Gelin erwiderte darauf, daß dies auch nicht gefordert werde. Die künftige Entwicklung denke er sich so, daß die Rheinprovinz aus dem Verband des preußischen Staates ausscheide. Dies sei nach franz. Auffassung selbstverständlich. Eine Verbindung mit dem Reiche, wenn auch nur eine lose, könne bestehen bleiben, wenn auch nicht in Form eines Bundesstaates, z. B. gemeinschaftliche diplomatische Vertretung oder dergleichen. Es sei insbesondere Aufgabe der stärksten Partei des Rheinlandes, nämlich des Zentrums, an der Lösung jetzt mitzuarbeiten. Ich erklärte sofort, dies sei meiner Meinung nach ganz ausgeschlossen, eine einzelne Partei könne nichts für sich unternehmen. Oberst Gelin meinte, das Zentrum könne sich ja mit den anderen Parteien darüber verständigen11. Wenn eine Verhandlung mit den Parteien nicht zustande käme,[889] würde ein Chaos entstehen. Oberst Gelin erklärte ganz offiziell, daß Frankreich weder an eine Annexion noch an ein Protektorat denke. Ich erwiderte, aber vielleicht an einen von Frankreich ganz abhängigen neuen Staat. Auch das bestritt er. Weiter sagte er, die Kommission, die jetzt mit Tirard verhandeln wolle, dürfte nicht unter dem Vorsitz von Herrn Adenauer stehen, der in Frankreich als franzosenfeindlich gelte. Moldenhauer, der Schmähreden gegen die Entente gehalten habe, sei von vornherein abzuweisen, aber über die Zusammensetzung würde man sich vielleicht verständigen12. Schon die Währungsfrage dränge auf rasche Verständigung. Er habe morgen wieder deutsche Vertreter eingeladen, um ihre Ratschläge zu hören. Er bat mich dahin zu wirken, daß die Verhandlungen mit den Parteien in Gang kämen. Ich erklärte nochmals, daß ich über die Zugehörigkeit der Rheinlande zu Preußen nicht diskutieren könne und daß eine Anerkennung des bestehenden Zustandes für jeden Rheinländer ein Ding der Unmöglichkeit sei. Die Stadtverwaltung in Bonn habe ich veranlaßt, daß sie nicht weiter in einem Gebäude arbeitet, wo die neue Flagge weht. Der Sitz der Verwaltung soll deshalb aus dem Rathause hinausgelegt werden; daß keine Weisungen von den im Rathaus noch bestehenden Separatisten-Führern angenommen werden dürfen, ist von mir als selbstverständlich stets bezeichnet worden, bisher ist dies auch nicht geschehen.

2

Gemeint ist das PrStMin.

3

Vgl. hierzu und zum folgenden die Ausführungen des RegPräs. anläßlich der Besprechung in Hagen vom 25.10.23 (Dok. Nr. 179).

4

In diesem Sinne hatte sich auch Kardinal Schulte geäußert, der am Vortage in Koblenz mit Tirard verhandelt hatte, um ihn zum Empfang von Mitgliedern des 15er-Ausschusses zu bewegen (Bericht in der Anlage des Brieftelegramms des PrIMin. vom 1.11.23 (s. o. Anm. 1) eine Parallelüberlieferung über die Verhandlungen des Kardinals, in: K. D. Erdmann, Adenauer in der Rheinlandpolitik, S. 298 ff.; außerdem ein Hinweis in Pol.Arch.: Büro RM 15, Bd. 3; s. u. Anm. 12).

5

Diese Haltung war von Tirard auch gegenüber Kardinal Schulte betont worden (s. o. Anm. 4).

6

Gegenüber Kardinal Schulte hatte am 28.10.23 Tirard ausgeführt, Frankreich wünsche weder eine Annexion noch ein Protektorat. „Eine Irredenta würde nicht aufkommen; die in Frankreich gewünschte Sicherheit sei nur durch einen unabhängigen Staat zu erreichen, dessen Finanzen wohl am besten durch private Finanzaktionen gesichert würden, etwa Banken (Großbanken, Paris und Köln). Der neue Staat würde zunächst keine Reparationen tragen. Seine Handelsbeziehungen müßten mehr nach Osten statt nach Westen hin gelenkt werden, weil Deutschland sonst ganz unfähig wäre zu bestehen, zweitens, weil Frankreich seine eigene Wirtschaft vernichten würde und Kirche und Universität sollen deutschen Charakter behalten. Der Eigenart des rheinischen Volkes werde Rechnung getragen werden. Frankreich könne sich mit der Wirtschaft des neuen Staates nicht belasten, dieser müsse für sich selbst sorgen. Mit der Großindustrie (Wolff) habe man sich verständigt. Mit Stinnes würde dies noch geschehen.“ Der Kardinal hatte diesen Äußerungen mit Entschiedenheit widersprochen. S. a. K. D. Erdmann, Adenauer in der Rheinlandpolitik, Dok. Nr. 8.

7

Zu den Ereignissen in Aachen s. Dok. Nr. 202.

8

Nach Dortens Lebenserinnerungen ist der Aachener Putsch vom „Comité National Belge“ inspiriert worden („Mein Verrat“; BA: ZSg. 105/4, Bl. 164 ff.). In einem Telegramm an Tirard wurde von Peretti de la Rocca, dem Direktor des frz. Außenministeriums, am 25.10.23 mitgeteilt, am 19. 10. habe der belg. Botschafter ein Telegramm seines Außenministers Jaspar überreicht, in dem sich dieser nach der Haltung der frz. Regierung bei der bevorstehenden Proklamation einer rheinischen Republik in der belg. Besatzungszone verhalten werde. Darauf sei Baron de Gaiffier erwidert worden, am Quay d’Orsay sei von einer bevorstehenden separatistischen Aktion nichts bekannt. Vor wenigen Tagen sei in Brüssel dazu Minister Jaspar vom frz. Botschafter gesagt worden, „qu’en raison du manque d’accord entre les chefs du mouvement séparatiste sur un programme d’action commune et de l’incertitude de l’adhésion des populations à ce programme, nous estimions qu’il convenait de se borner à assurer aux habitants des deux rives du Rhin toute liberté pour manifester leurs sentiments et à les protéger contre les represailes des fonctionnaires prussiens et les brutalités de la police“ (Telegramm Nr. 2599; BA: ZSg. 105/10, Bl. 8–9).

9

In einem Gesamtbericht über die Entwicklung im Rheinland seit dem Ausbruch der Separatistenbewegung teilte Tirard dem Außenministerium am 4.11.23 u. a. mit, daß er mit zahlreichen Vertretern verschiedener Gruppen und Organisationen des Rheinlandes verhandele, die aber ablehnten, mit den Separatistenführern Kontakte aufzunehmen. Es heißt dann weiter: „Les Chefs du mouvement séparatiste qui, à diverses reprises, ont manifesté leur désir d’entrer en contact avec les éléments notables de la population, ont pris une décision dont j’ai transmis le texte au Département [hier nicht enthalten], aux termes de laquelle, tout en maintenant les principes dont ils se réclament, ils se déclarent prêts à en discuter avec les personnalités qui y consentireraient. Je ne crois pas que cette offre rencontre, actuellement du moins, une suite favorable, étant donné l’état des esprits“ (Telegramm Nr. 577; BA: ZSg. 105/10, Bl. 39–40).

10

Im Brieftelegramm des PrIMin. vom 1.11.23 (s. o. Anm. 1) wird der Bericht des Bonner OB über die Besetzung des Rathauses referiert, danach war der Polizei das Tragen von Schußwaffen zunächst verboten worden. Dann durfte die Polizei die Waffen tragen, aber nicht gegen Separatisten anwenden, die im Gegensatz zu den frz. Behauptungen ständig Waffen getragen hätten. Der Vormarsch auf das Bonner Rathaus habe sich in der Reihenfolge vollzogen: „350 Sonderbündler, eine Abteilung franz. Kavallerie, alsdann eine Reihe von Personen, anscheinend die separatistischen Führer, rechts und links begleitet von franz. Soldaten“ (R 43 I/1838, B. 557).

11

Nach dem Bericht des PrIMin. (s. o. Anm. 1) hatte der OPräs. von Kassel mitgeteilt, daß vor dem Putsch der Oberdelegierte an die Parteien in Wiesbaden mit der Aufforderung herangetreten sei, sie sollten mit dem RK über die Bildung eines selbständigen Rheinstaates verhandeln (R 43 I/1838, Bl. 555).

12

Tirard berichtete am 4. 11. (s. o. Anm. 9) „Monsieur Adenauer qui, depuis 4 ans, sans doute sur l’indication des Britanniques s’était abstenue de prendre contact avec moi, sollicite instamment aujourd’hui une audience que de diffère jusq’à nouvel ordre“ (BA: ZSg. 105/10, Bl. 39). Am 28.10.23 hatte Tirard gegenüber Kardinal Schulte erklärt: „In diesem Augenblick könne er, T., nicht mit Leuten verhandeln, die die Franzosen allgemein für franzosenfeindlich halten. Jedenfalls könne nicht mit solchen Leuten die Verhandlungen begonnen werden. Adenauer und Moldenhauer müßten deshalb zunächst ausscheiden. Persönlich sei das T. unangenehm, aber die öffentlichen Meinungen Frankreichs verbieten es, ihn z. Zt. zuzuziehen“ (R 43 I/1838, Bl. 559–561). Die Kölner Gruppe der Presseabteilung der RReg. machte dem Pressechef Kalle am 29.10.23 folgende Mitteilung über den Empfang Kardinal Schultes durch Tirard: „Tirard sagte dem Kardinal, daß er es nach wie vor ablehnen müsse, Leute zu empfangen, wie die Herren Adenauer und Moldenhauer, die in der öffentlichen Meinung Frankreichs allgemein als Franzosenfeinde bekannt seien“ (Pol.Arch.: Büro RM 15, Bd. 3).

gez. Graf Adelmann

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