1.86 (str2p): Nr. 200 Der Reichskanzler an General Smuts. 29. Oktober 1923

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[894] Nr. 200
Der Reichskanzler an General Smuts. 29. Oktober 1923

R 43 I/39, Bl. 439–440 Durchschrift1

1

S. den Abdruck in Vermächtnis I, S. 176 f. – Ein ungezeichneter Vorentwurf des Schreibens mit dem handschriftl. Vermerk „Der Brief müßte kurz sein“ und der Rotstiftdatierung „27. X. 1923?“ befindet sich in Pol.Arch.: Büro RM PA, Bd. 1: „Dank für die Rede und die durch Herrn de Haas überbrachte Mitteilung von seiner Hilfsbereitschaft. – Es sei erhebendes Gefühl, daß er soviel Verständnis für unsere Lage zeige. – Wir begrüßen den Konferenzgedanken mit Freuden, nur müsse die Konferenz schnell zusammentreten, da unsere jetzige Lage nicht lange andauern könnte, ohne daß es zu einer verheerenden Katastrophe käme. – Wir seien bereit, schwere Bindungen auf uns zu nehmen, nur dürfe das Reich unter keinen Umständen weiter zerstückelt werden und dem deutschen Volke müßte die Lebensmöglichkeit gewahrt bleiben. – Um dieses Ziel zu erreichen, hätten wir die gegebenen Anregungen in Erwägung gezogen und sei Herr de Haas beauftragt, mit ihm unsere Absichten zu besprechen. Für seinen freundlichen Rat würden wir besonders dankbar sein. – Hoffnung, daß sich eine persönliche Begegnung irgendwie ermöglichen lassen werde.“

[Betrifft: Dank für Smuts’ Rede gegen die Ruhrbesetzung.]2

2

Im Zusammenhang mit oppositionellen Vorwürfen in Südafrika hatte General Smuts bereits im Frühjahr 1923 versucht, seine Rolle auf der Pariser Friedenskonferenz als gering erscheinen zu lassen; außerdem hatte der südafrikanische Premier sich kritisch mit der Reparationsbelastung Deutschlands und der Sanktionspolitik Frankreichs auseinandergesetzt (Pol.Arch.: Abt. III: Allgem. ausw. u. innere Politik Südafrikas Bd. 1; Politische Beziehungen Südafrikas zu Dtl., Bd. 1). Im Februar 1923 hatte der Handelskommissar Südafrikas für Nord-Europa Spilhaus, ein gebürtiger Lübecker, der persönlicher Freund und Vertrauensmann Smuts’ war, den damaligen RK Cuno besucht. MinDir. de Haas hatte damals den RK über die Äußerungen Smuts’ orientiert und gemeint, „es sei zu empfehlen, einige anerkennende Worte über die letzten Äußerungen Smuts zu der Reparationsfrage […] zu sagen, da letzterer für Derartiges außerordentlich empfänglich ist“ (R 43 I/43, Bl. 6–11). Noch vor seiner Abreise zur Imperial Conferenz in London gab Smuts dem dt. Generalkonsul in Pretoria Haug zu verstehen, er werde dort gegen die Reparationspolitik Stellung nehmen (Pol.Arch. Abt. III: Politische Beziehungen Südafrikas zu Dtl., Bd. 1). Inzwischen hatten von privater Seite intensive Bemühungen in Deutschland eingesetzt, um den südafrikanischen Premier zu möglichst weitgehenden Äußerungen zu Gunsten Deutschlands zu veranlassen. Vor allem sollte Smuts dazu gebracht werden, die von ihm in Versailles erhobene Forderung, Deutschland habe die alliierten Kriegspensionen zu tragen, zurückzunehmen. Besonders bemüht waren in dieser Beziehung Oswald Spengler und Paul Reusch (Pol.Arch.: NL Stresemann  1 u. 2; O. Spengler, Briefe 1913 bis 1936). S. hierzu auch Dok. Nr. 158.

Sehr geehrter Herr General!

Die Rede, mit der Sie des an Deutschland durch die Ruhrbesetzung verübten Unrechts in so offener und eindrucksvoller3 Weise gedachten4, hat mich[895] ebenso mit Dank erfüllt, wie die mir von Herrn de Haas freundlichst überbrachte Mitteilung von Ihrer Bereitschaft5, uns in unserer Lage beizustehen6. Es ist7 für unser Land ein erhebendes Gefühl von einem Manne von Ihrer Weltbedeutung und Kenntnis der Verhältnisse der Völker und Geschichte so viel Verständnis für die wirklichen Zustände in Deutschland und für die Notwendigkeit der Änderung dieser Verhältnisse zu finden. Den von Ihnen angeregten Konferenzgedanken begrüßen wir mit Freude; nur muß diese Konferenz schnell zusammentreten, daß unsere jetzige Lage nicht länger andauern kann, ohne daß eine verheerende Katastrophe über uns hereinbricht.

3

Im Entwurf zunächst „tapferer“, dann von Stresemann hs. eingefügt und wieder ausgestrichen „hilfreicher“ (R 43 I/39, Bl. 441/442).

4

Smuts hatte in einer Rede auf einem Bankett am 23.10.23 erklärt, daß der Krieg noch immer nicht vorüber sei, sondern auf wirtschaftlichem Gebiet weitergeführt werde; alle sähen einer unvermeidlichen Niederlage entgegen. „Es muß daher verlangt werden, daß man die bestehenden Verträge revidiert. Jetzt ist die Stunde gekommen, um eine internationale Konferenz zwischen den interessierten Mächten einzuberufen. Man braucht sich weder an den Völkerbundrat, noch an die Reparationskommission wenden. Es sind Verhandlungen im Gange, um eine derartige Konferenz einzuberufen. Ich glaube nicht, daß irgend eine der interessierten Mächte sich weigern werde, an einer derartigen Verhandlung teilzunehmen. Sollte jedoch wider Erwarten eine solche Weigerung einer Macht eintreten, so müßten die anderen Nationen zusammentreten, um sich ernsthaft mit der Lage zu befassen.“ Es sei wichtig, daß sich Amerika an der Konferenz beteilige. Weiterhin hatte Smuts ausgeführt, daß die Ruhrbesetzung vom VV nicht gedeckt werde. Die Verhandlungen zwischen General Degoutte und den Ruhrindustriellen müßten juristisch angefochten werden. Er hatte außerdem erklärt, Frankreich sei für die bevorstehende Zerstückelung Deutschlands verantwortlich. Schließlich war England vor den frz. Rüstungen zu Lande und zur See gewarnt worden (DAZ, Nr. 494 v. 24.10.23). S. a. K. v. Zwehl, Die Deutschlandpolitik Englands, S. 549 ff.

5

Danach im Entwurf: „Hilfsbereitschaft für unsere Lage“.

6

Durch Vermittlung von Spilhaus (s. o. Anm. 2) waren Verhandlungen, die MinDir. de Haas mit Smuts über das Mandatsgebiet Südwestafrika zu führen hatte, ausgedehnt worden auch auf die derzeitigen innen- und außenpolitischen Verhältnisse. Auf Bitte Smuts’, der sich mehrfach über die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland orientieren ließ, blieb de Haas bis Mitte November in London als Verbindungsmann zwischen der dt. Regierung dem südafrikanischen Premier. Weitere Erörterungen über die finanzielle Situation Deutschlands fanden zwischen Smuts und Dr. Melchior vom Hamburger Bankhaus Warburg statt (Pol.Arch.: NL Stresemann  263; Büro RM PA, Bd. 1; Handakten v. Schubert: Sache Smuts, Reparationskonferenz).

7

Danach im Entwurf: „mir“.

Wir sind, wie ich wiederholt ausgeführt habe, bereit, auch äußerst schwere Belastungen auf uns zu nehmen, aber jede Last ist unmöglich, wenn das Reich durch die Politik Frankreichs weiter zerstückelt wird, und wenn dem deutschen Volke nicht die Lebensmöglichkeit erhalten bleibt. Die durch Herrn de Haas mir gegebenen Anregungen habe ich mit den maßgebenden Herren besprochen und gern in Erwägung gezogen. Herr de Haas ist beauftragt, mit Ihnen, Herr General, unsere Absichten hinsichtlich eines solchen Aufrufs zu besprechen. Für Ihr Urteil über die Wirkung dieses Aufrufs würden wir Ihnen besonders dankbar sein8.

8

S. hierzu Dok. Nr. 227, Anm. 14.

In den wenigen Zeilen, die ich Ihnen hierdurch übersende, kann ich nur in ganz großen Strichen unsere Situation kennzeichnen. Ich würde es sehr begrüßen9, wenn ich Gelegenheit fände, mit Ihnen an einem noch zu bestimmendem Orte zusammenzutreffen, um die derzeitigen Weltprobleme und Deutschlands Stellung innerhalb der Geschehnisse der Gegenwart mit Ihnen zu besprechen. Ich10 würde mich freuen, wenn sich dies ermöglichen ließe und wenn dem mittelbaren Gedankenaustausch die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen folgen und vielleicht der Entwicklung der Dinge nützen könnte11.

9

Aus: „Außerordentlich würde ich es begrüßen“.

10

Im Entwurf lautete der Schlußsatz zunächst: „Ich hoffe, daß sich dies ermöglichen läßt und würde mich freuen, wenn dem persönlichen Gedankenaustausch die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen folgen und vielleicht der Entwicklung der Dinge nützen könnte.“ Daraus wurde in einer ersten Korrektur: „Ich bin der Überzeugung, daß wenn sich ein solcher persönlicher Gedankenaustausch ermöglichen ließe, dies zur Klärung der Lage beitragen würde.“

11

In seinem Antwortschreiben vom 15.11.23 betonte Smuts, dem RK werde sein Standpunkt von de Haas und Melchior dargelegt worden sein. „It seems to me that your task is to keep Germany going while a more favourable opinion is being slowly formed externally, especially in the British Empire and the United States. I know how hard this task must be, and I fear it is going to be harder still this coming winter. But if only you can keep Germany going, you will find that the increasing gravity of your internal situation will react favourably on public opinion outside and will in the end secure you strong support. My conviction is that there is a real and rapid improvement under the surface, which at an early date may find open expression. In the meantime I trust you will be able to hold your people together in patience and strength of soul. Especially do I hope that, as the responsible Government for a united Germany, you will do everything possible to feed the starving not only in unoccupied but also in occupied Germany.“ Smuts erklärte, er werde auch nach der Rückkehr nach Südafrika die Entwicklung weiterverfolgen und nötigenfalls nach Europa zurückkehren; doch sei er überzeugt, die Lage habe sich gebessert (Pol.Arch.: Handakten von Schubert: Sache Smuts; Reparationskonferenz). Vgl. auch die Behandlung dieser Episode nach Smuts späterem Bericht in: S. G. Millin, General Smuts, vol. II, S. 259 ff., insbesondere S. 264 ff.; W. K. Hancock, Smuts, vol. II, S. 131 ff.

In aufrichtiger Hochachtung bin ich,

Herr General, Ihr Ihnen sehr ergebener

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