2.1 (str2p): Nr. 1 Materialsammlung des Generalleutnants z. V. Lieber über die Beziehungen der Heeresleitung zum Kabinett Stresemann und ihre Einstellung zur deutschen Innenpolitik vom September bis November 1923

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Die Kabinette Stresemann I und II. Band 2Gustav Stresemann und Werner Freiherr von Rheinhaben Bild 102-00171Bild 146-1972-062-11Reichsexekution gegen Sachsen. Bild 102-00189Odeonsplatz in München am 9.11.1923 Bild 119-1426

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Nr. 1
Materialsammlung des Generalleutnants z. V. Lieber über die Beziehungen der Heeresleitung zum Kabinett Stresemann und ihre Einstellung zur deutschen Innenpolitik vom September bis November 19231

1

Diese Materialsammlung wurde für die Seecktbiographie Rabenaus vor allem auf der Basis von Exzerpten aus dem inzwischen verschollenen Tagebuch des früheren Leiters des Truppenamts im RWeMin. Generalmajor Otto Hasse zusammengestellt. Lieber ordnete seine Aufzeichnungen in sich inhaltlich überschneidende und ergänzende Einzelabschnitte mit Überschriften wie „Innenpolitisches“, „Wehrmacht“, „Persönliches“, „Ostfragen“, „Westfragen“. S. zur Zuverlässigkeit der Aufzeichnungen H. Meier-Welcker, Seeckt, S. 10; S. 364 Anm. 56; S. 37 Anm. 5.

BA-MA: NL von Rabenau 40 Auszug, Bl. 23–31, 45–46, 48–52

[…]2 Am 7. 9. sind Schleicher und Geßler bei Stresemann wegen der in Sachsen drohenden Gefahr. „Kanzler will nicht drohen, sondern evtl. verhaften“3.

2

Hinweis auf eine Lücke im Tagebuch und auf das Ineinandergreifen der politischen Verhältnisse in Bayern, Sachsen und Thüringen.

3

S. Dok. Nr. 51, Anm. 9 und Dok. Nr. 53, Anm. 7.

11. 9. „Seeckt beruhigt in Ansprache an 3. Div.4 über die innere Lage. Er weist auf unser wirkliches Können hin, das in nationalen Kreisen oft unterschätzt5 wird, namentlich von alten Generalen, die unsere Zurückhaltung als Schlappheit und Furcht auslegen.“

4

Seeckt besuchte die 3. Division, die ihren Standort in Berlin und Potsdam hatte, auf dem Truppenübungsplatz Alten-Grabow. Von dort aus fuhr er weiter nach Dresden und zur 4. Division auf den Truppenübungsplatz Königsbrück (Seeckt an seine Frau, 12. u. 14.9.23; BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 128, 130). – Im Abschnitt „Wehrmacht“ ist in den Lieber-Aufzeichnungen mit dem Datum 10. 9. ein Erlaß Seeckts angeführt, der in einem ähnlichen Tenor abgefaßt ist: „Wir stehen vor der größten Krise, die das Reich bisher durchgemacht hat. Nur durch die unbedingte und rücksichtslose Aufrechterhaltung der Staatsautorität wird diese Krise überwunden werden können. Die Abneigung der Soldaten, in den inneren Kampf einzugreifen und Polizeidienste zu verrichten, ist begründet. Sie darf aber nicht dazu führen, daß durch übermäßige Zurückhaltung der Truppe die Staatsautorität aufs Spiel gesetzt wird. Sonst wird die Reichswehr schließlich auch die Sympathie derjenigen staatsbejahenden Kreise verlieren, die von ihr mit Recht den verfassungsmäßigen Schutz gegen ungesetzlichen Terror erwarten. – Seeckt gibt dann zusammenfassend die Bestimmungen über die Durchführung mil. Hilfeleistung auf Anforderung von Zivilbehörden und über den Waffengebrauch“ (BA-MA: NL von Rabenau 40, Bl. 43).

5

Mit Rotstift verbessert aus: „überschätzt“.

12. 9.6 Besprechung bei Stresemann in Anwesenheit mehrerer Sozialdemokraten über den Verkehr des W.K. IV mit der sächsischen Regierung7. Hierbei ergibt sich, daß Zeigner über alle Fragen der gerichtlichen Untersuchung gegen Roßbach im einzelnen unterrichtet ist. Offenbar durch den Untersuchungsrichter; auch über die Frage einer Vernehmung Seeckts und des Kanzlers8. Die thüringische Regierung wird von Bürgerlichen und Kommunisten[1177] gestürzt9, in Dresden schießt die Polizei scharf10. – Luther wünscht Einsatz von Reichswehr als Schutz für die Landwirtschaft. Doch werden ihm nur kleinere Übungen in einzelnen Gegenden bewilligt.

6

Muß richtig heißen: „11. 9.“.

7

S. Dok. Nr. 53.

8

S. ebd., Anm. 23.

9

S. Schultheß 1923, S. 167.

10

In Dresden hatte es Lebensmittel-Unruhen gegeben.

13. 9. Seeckt wird von Stresemann aus Königsbrück nach Berlin zurückgerufen, doch war die Angelegenheit nicht so eilig11.

11

Diese Rückberufung wird im Zusammenhang mit der Aufgabe des passiven Widerstands zu sehen sein. An seine Frau schrieb Seeckt am 14.9.23: „Früher als beabsichtigt kehre ich zurück, gerufen wegen außenpolitischen Fragen vom Kanzler, ich wäre sonst erst gegen Abend eingetroffen. Es war vielleicht ganz gut, wenn auch nicht unbedingt nötig, daß ich heute hier [Berlin] war“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 130).

15. 9. Die Frage der Verhängung des Ausnahmezustandes soll von Geßler hierbei sehr ungeschickt gewesen sein [!], er versage bei großer Verantwortung12.

12

Zur Behandlung des Ausnahmezustands und Geßlers Rolle in dieser Frage s. auch die Eintragungen zum 19., 20., 22., 23., 27.9.23; vgl. auch Dok. Nr. 83, 92.

19. 9. Seeckt aus Bayern zurück13, sei ungehalten über die Behandlung der Frage Epp. Diesem war dienstlich mitgeteilt, daß er zum 1. 1. verabschiedet würde14. In der Presse wird behauptet, dies geschähe auf Wunsch Zeigners. Vertreter der Landwirtschaft (Berg)15 sind bei Hasse. Die Landwirtschaft ist bereit, Seeckt im Falle einer Diktatur Lebensmittel in großem Umfang zur Verfügung zu stellen. Es bestehe zu Seeckt großes Vertrauen. – Hier taucht erstmalig bei Hasse die Möglichkeit einer Übertragung der vollziehenden Gewalt an Seeckt auf, die von jetzt ab fast in den Vordergrund der Verhandlungen in Berlin tritt.

13

v. Seeckt hatte am Manöver der 7. Division in Amberg teilgenommen (Lieber-Aufzeichnungen; BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 23). An seine Frau schrieb Seeckt am 19. 9.: „Nach Rheinbaben verließ mich eben Berg. Morgen u. a. Vorm. Roesicke und Hergt, Nachm. Spengler. Freitag Finanzen und Wirtschaft. […] schon auf dem Bahnhof empfing mich die Nachricht, daß man meine Abwesenheit von drei Tagen benutzt hatte, drei Dummheiten zu machen“ (BA-MA: NL von Seeckt 223, Bl. 136).

14

Zum Fall Epp s. Anm. 10 zu Dok. Nr. 98.

15

Gemeint ist der ehem. ostpreuß. OPräs. und Chef des Zivilkabinetts Friedrich Wilhelm von Berg-Markienen, der in Ostpreußen ein Rittergut besaß. – Seeckt berichtete seiner Frau, er habe Berg dessen politische Sorgen „zum Teil nehmen“ können (19.9.23; BA-MA: NL v. Seeckt  223, Bl. 138).

20. 9. Vertreter der Landwirtschaft sind bei Seeckt, (Rösicke, Schwerin, Goldacker, Kriegsheim)16 sagen dasselbe wie gestern Berg und wünschen die Entfernung jeglichen sozialdemokratischen Einflusses aus der Regierung. Hasse ist der Auffassung, daß im Falle der Diktatur Seeckt sich nicht von den Wünschen einzelner Parteien abhängig machen dürfe. Immerhin empfiehlt er Goldacker als landwirtschaftlichen Berater bei Seeckt.

16

Gustav Roesicke war Präs. des Reichslandbundes und MdR DNVP; Hans Bogislav Graf Schwerin-Löwitz und Hans von Goldacker gehörten dem Vorstand des Reichslandbundes an; Arno Kriegsheim war Direktor des Reichslandbundes.

Im T[ruppen]A[mt] werden die Vorbereitungen für den Ausnahmezustand getroffen, der nicht mehr zu umgehen ist. Da nur durch ihn das Reich „im Gleise zu halten sei“. Seeckt befiehlt u. a. auch den Ausfall der Chefreise17.[1178] Ferner wird der Geldbedarf für Heer und Polizei für einen Monat sichergestellt18.

17

Unter „Chefreise“ ist eine Übungsreise der Offiziere zu verstehen, die die Aufgaben des durch den VV nicht mehr zugelassenen Generalstabs versahen. Diese Chefreise entspricht den früheren unter Schlieffen eingeführten Generalstabsreisen. Im Jahr 1923 sollte sie nach Ostpreußen führen. Seeckt unterrichtete seine Frau am 19.9.23: „Mir ist es heute nicht sicher, ob ich noch nach Ost-Preußen gehe, wenigstens in der nächsten Woche. Denke Dir aber bitte nichts besonderes dabei, wenn ich es Dir endgültig mitteile. Vor allem hat es keinen Gesundheitsgrund. Aber ich habe das Gefühl, daß es besser ist, wenn ich die nächste Zeit hier bin. Schon die heute vorgefundenen Dummheiten bestätigen mir das. Ich wiederhole aber, zu besonderer Besorgnis oder vorzeitiger Rückkehr von Dir liegt kein Grund vor“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 138). Am 22.9.23 teilte er dann mit: „Reise nach Ostpreußen aufgegeben“ (a.a.O., Bl. 139).

18

Im Abschnitt „Wehrmacht“ der Lieber-Aufzeichnungen für September und Oktober 1923 ist am 1. 9. angeführt: „Seeckt weist den Vorwurf des Finanzministeriums zurück, im Ministerium seien zu viele Offiziere beschäftigt“ (BA-MA: NL v. Rabenau  40, Bl. 43). Und unter dem 17. 9. ist verzeichnet: „Hilferding will an der Reichswehr sparen, was gerade in dieser Zeit, wo die Reichswehr die einzige sichere Stütze der Reichsregierung ist, nicht gerade zweckmäßig erscheint.“ In Abschnitt „Ostfragen“, d. h. Zusammenarbeit mit der „Roten Armee“ der UdSSR, ist unter dem 25. 9. angeführt, Hilferding verlange „die Einstellung der Zahlungen in der Russenangelegenheit“ (BA-MA: NL von Rabenau 40, Bl. 33).

21. 9. Es werden Waffenbeschaffungen seitens der Kommunisten bekannt, bei denen der russische Militärattaché Petrow eine Rolle spielt. Mit dem offenen Zugriff gegen die Kommunisten will man noch warten, bis weiteres über deren Vorbereitungen bekannt ist. Seeckt ist mit den im TA getroffenen Vorbereitungen einverstanden19.

19

S. hierzu auch Dok. Nr. 83, P. C.

22. 9. Besprechung hierüber in der Reichskanzlei (Rheinbaben, Kempner, Meissner und Zweigert)20. Diese wollen Stresemann als Inhaber der vollziehenden Gewalt, die dann auf Seeckt abgetreten werden könnte, was Hasse für zweckmäßig hält. „Seeckt erklärt sich zwar einverstanden, aber nicht aus vollem Herzen.“ Seeckt bespricht sich hierüber mit Stresemann und Ebert21.

20

In den Akten der Rkei ist über diese Besprechung keine Aufzeichnung ermittelt worden.

21

Seiner Frau schrieb darüber v. Seeckt am 23. 9.: „Gestern Abend war eine lange Besprechung erst mit dem Kanzler, dann mit diesem beim Präsidenten, so daß ich erst gegen 9 Uhr Futter bekam, […]“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 140). Vgl. hierzu: Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1078.

23. 9. Eigenartigerweise ist bei Ebert Geßler für eine zivile Aufmachung des Ausnahmezustandes eingetreten mit Regierungskommissaren22. „Es war gar nicht im Bilde, in solchen entscheidenden Besprechungen ist er zu unbestimmt und unklar. Er bliebe besser weg.“

22

Zur Ernennung von Regierungskommissaren s. Anm. 25 zu Dok. Nr. 83 sowie Dok. Nr. 92.

Hergt und Graf Westarp bei Seeckt wollen Militärkanzler, da Stresemann nicht ihr Vertrauen hat. Seeckt hat sich durch sie beeinflussen lassen23. Hasse bedauert dies, es käme weniger auf die Deutschnationalen als auf den „vernünftigen Teil der Arbeiterschaft an.“ Die Sozialdemokraten gingen ins Feindlager, wenn die Sache deutschnational aufgezogen würde. Allein der Einfluß auf Bayern könne günstiger werden.

23

Über diesen Besuch schrieb v. Seeckt am 23. 9. seiner Frau: „Die nächsten Tage sind schon mit Besuchern besetzt und wer will alles kommen! Heute Hergt und Westarp. Es herrscht eine riesige Erregung und demzufolge Unsicherheit – m. E. über das Berechtigte hinaus, aber freilich die Lage spitzt sich zu, wie man sagt. Auch über die Zustände dort unten [Bayern, wo Seeckts Frau sich aufhielt] herrscht hier natürlich Angst“ (BA-MA: NL von Seeckt , Bl. 140).

[1179] 24. 9. Stresemann will bedingungslose Kapitulation in der Ruhrfrage, doch ändert er sehr bald wieder seine Ansicht. Stülpnagel24 ist der Ansicht, daß Seeckt sich mehr einsetzen müsse. Seeckt empfängt Vertreter der Deutschnationalen Arbeiterschaft, die ihn bitten, die Kanzlerschaft anzunehmen. Seeckt erklärt, sich einem loyalen Angebot nicht versagen zu wollen. Hasse ist der Ansicht, die Deutschnationalen wollten Seeckt dazu ausnutzen, um selbst an die Futterkrippe zu kommen. Seeckt dürfe als Diktatorkanzler nicht mit einer Partei gehen.

24

Oberstlt. v. Stülpnagel war Abteilungsleiter im Truppenamt.

25. 9. In diesem Sinne warnen Hasse, Schleicher und Stülpnagel Seeckt, worüber dieser „etwas pikiert“ ist, es zieht aber doch.

Minoux erläutert Seeckt sein Programm, das auf allen Gebieten riesengroß ist und Deutschland in seiner ganzen inneren Struktur verändern würde. Es bedeutet Kampf auf Leben und Tod, würde aber im Falle des Gelingens zur Gesundung Deutschlands führen. „Seeckt ist ganz benommen von dem gewaltigen Eindruck dieser Persönlichkeit25.“

25

Zu möglichen früheren Kontakten Seeckts zum Generaldirektor des Stinnes-Konzerns s. H. Meier-Welcker, Seeckt, S. 359, 375 Anm. 98. – In einem Schreiben an Stresemann fragte der langjährige Vorsitzende des Verbandes sächs. Industrieller Otto Moras den RK, ob er schon Minoux über die Beseitigung der Defizit-Wirtschaft gehört habe. Moras schlug vor, Minoux zu einer einstündigen Aussprache kommen zu lassen (22.9.23; Pol.Arch.: NL Stresemann  1). Minoux war im August 1923 mit einem eigenen Plan zur Währungsstabilisierung auf der Basis von Reichspfandbriefen mit Golddeckung hervorgetreten. Die letzten vier Absätze des Minoux-Planes, der am 23.8.23 in der DAZ, Nr. 387, veröffentlicht worden war, lauten: „Die Währungsreform ist nur der erste Schritt rückwärts von dem Abgrunde, vor dem das deutsche Volk steht, wenn nicht Zug um Zug weitere Genesungsmaßnahmen, frei von Voreingenommenheit, Eigennutz und Neid, folgen. – Dahin gehören die im weiteren Inhalt zu behandelnde Beseitigung jeglicher Zwangswirtschaft, insbesondere der Demobilmachungsbestimmungen, die Beseitigung des überflüssigen Beamtenballastes, die Gesundung der Staatsbetriebe, die unerbittlich notwendige Wiedereinführung der Arbeitszeit wie vor dem Kriege, wie aber nicht minder die Auflösung aller Syndikate, Preiskonventionen, Preiskartelle u. dgl. Natürlich werden durch jeden weiteren Schritt auf diesem Wege der Gesundung Arbeitskräfte in großer Zahl frei, deren zweckentsprechende Beschäftigung, bis sie von einer wiederaufstrebenden Wirtschaft aufgesogen sind, nicht außerachtgelassen werden darf. Dem Reiche hierfür Mittel bereitzustellen, ist daher nur ein Akt weiser Voraussicht. – Vorab hat die Schaffung wertbeständigen deutschen Geldes mit Golddeckung nur die Wirkung, daß dem Wucher Einhalt geboten, der zu geringen Entlohnung und Verarmung der breiten Volksschichten ein Ziel gesetzt wird und das Angebot in allen Waren, besonders in Lebensmitteln wieder zunimmt. Die Furcht vor der Entwertung der Mark verfliegt. Die Verschwendungssucht, zu der vielfach die Flucht aus der Papiermark den Anstoß gibt, wird zurückgedämmt. Die altbewährten Eigenschaften von Anstand und Ehrlichkeit werden ihren Weg in das deutsche Wirtschaftsleben zurückfinden. – Endlich ist die Währungsreform die erste Voraussetzung dafür, daß Deutschland in die Lage kommt, überhaupt Reparation in den kommenden Jahren auf Grund des Friedensvertrages zu leisten, und die Wiedergutmachungskommission würde gegen die ihr anvertrauten Interessen ihrer eigenen Völker handeln, wenn sie auf Grund des Artikels 248 des Friedensvertrages [Pfandhaftung zugunsten der Wiedergutmachung] die Durchführung der deutschen Währungsreform in der vorgeschlagenen Weise beanstanden wollte, statt sie sogar wohlwollend zu unterstützen“ (abgedr. bei Beusch, Währungszerfall und Währungsstabilisierung, S. 133–138). Zum Bruch zwischen Minoux und Stinnes s. G. v. Klass, Hugo Stinnes, S. 400. – Vgl. ferner u. die Lieber-Aufzeichnungen zum 4. und 24.10.23; s. a. Dok. Nr. 223, P. 3; Dok. Nr. 268, P. 6.

26. 9. Sachsen befürchtet den Einsatz bayerischer Truppen in seinem Gebiet. – Dies ist die erste Andeutung über das Ineinandergreifen der sächsischen und bayerischen Frage.

[1180] Seeckt hat eine weitere deutschnationale Abordnung abgewiesen, nachdem sie ihn erneut gedrängt hatte. Er wisse allein, was er zu tun habe26. Dies hängt damit zusammen, daß in deutschnationalen Kreisen die Auffassung herrscht, sie hätten Seeckt für sich gewonnen.

26

Es dürfte sich um einen erneuten Besuch von Vertretern des Landbundes mit Gustav Roesicke bei Seeckt gehandelt haben, von dem der General seiner Frau schrieb: „Inzwischen fand der nächtliche Besuch des Landbundes statt. Die Unterhaltung endete mit meinem: ‚Ich lasse mich nicht hetzen und brauche keinen Antrieb‘ und hatte nicht lang gedauert“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 143). – In den Tagebuch-Aufzeichnungen des damaligen Adjutanten v. Seeckts, des Oberleutnants von Selchow wird ausgeführt, aus wirtschaftlicher Zwangslage heraus, habe Stresemann den passiven Widerstand abgebrochen, Damit seien „die rechtsstehenden Landesregierungen“ vor den Kopf gestoßen worden. „Es gärt überall, die Stimme nach einem Diktator wird immer lauter! Seeckts Name wird immer öfters genannt und bald wird der Augenblick kommen müssen, an dem er aus seiner klugen Reserve heraus zur Aktivität schreiten muß, zwangsläufig. Wann ist der Moment? Noch nicht, denn erst im Moment der höchsten Gefahr muß der Diktator erstehen. – Besprechungen über Besprechungen mit den Rechtskreisen finden statt. Seeckt wird stark getrieben, er behält aber seinen kühlen Kopf. – Was geschieht, wenn die Rechtsorganisationen in Bayern jetzt losschlagen? Kampf der Reichswehr gegen die Rechtskreise? Unmöglich. Soll, wie es immer wieder von vielen Kreisen gefordert wird, soll Seeckt sich an die Spitze des Staates setzen, um dem vorzubeugen?“ (26.9.23: BA-MA: NL v. Rabenau 11, Bl. 13).

27. 9. Nachdem Bayern den Ausnahmezustand mit Kahr an der Spitze beschlossen hat, wird der Ausnahmezustand vom Reichspräsidenten über das ganze Reich verhängt. Geßler Inhaber der vollziehenden Gewalt, ohne Regierungskommissare bei den W.K.K.s.27 Seitens des Reichs wird jedoch der bayerische Ausnahmezustand nicht aufgehoben. Hierin liegt ein Grund für die alsbald sich entwickelnden Schwierigkeiten mit Lossow. Seeckt ist mit Hasse[1181] und Schleicher bei Geßler. „Er steht pikiert beiseite, warum, ist nicht recht zu erkennen.“ Er schaltet sich in allen Maßnahmen völlig aus, will nur unterrichtet werden. Zu mir sagt er: „Wenns eine Komödie wird, komme ich überhaupt nicht, wirds ein Drama, komme ich im 3. Akt28.“ Hasse glaubt, Seeckt rechne auf eine starke Rechtsregierung, mit der er sympathisiere, ihm gehe der Gedanke an den militärischen Kanzler durch den Kopf. Hasse betont nochmals, man müsse sich auf das Bürgertum und die national empfindenden Sozialisten stützen29. Doch müsse der Arzt für Deutschland ihr Vertrauen haben. Er glaubt, daß auch Severing bereit wäre, sich hierfür zur Verfügung zu stellen.

27

S. dazu Dok. Nr. 83, P. b; der Schlußabsatz des Dokuments ergibt, daß für Preußen Regierungskommissare eingesetzt worden sind. Zur Beschränkung ihrer Tätigkeit s. Dok. Nr. 92. Im Abschnitt „Innenpolitisches (außer Bayern und Sachsen)“ wird unter dem Datum 20. 9. auf eine Denkschrift des RWeMin. zur Entwicklung des Ausnahmezustandes verwiesen: „Sie besagt, durch die Aufgabe des Ruhrkampfes nach dem Kabinettswechsel Cuno-Stresemann war die Währung zusammengebrochen, die Wirtschaft gefährdet, alle umstürzlerischen und reichsfeindlichen Kräfte in voller Stärke auf den Plan getreten. Um das Reich überhaupt zusammenzuhalten, es dem Ausland gegenüber verhandlungsfähig zu machen, blieb der Reichsregierung nur der Einsatz des einzigen Machtmittels übrig, das in der Hand des Reiches selbst lag, der Reichswehr. Der militärische Ausnahmezustand war so unabweisbar Notwendigkeit geworden, daher die Verordnung über den mil. Ausnahmezustand vom 26. 9. und die Übertragung der vollziehenden Gewalt zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung an den Reichswehrminister. – Der Ausdruck vollziehende Gewalt ist in der Reichsverfassung nicht festgelegt. Er wird vom Reichswehrministerium dahin ausgelegt, daß alles, was zur Sicherheit des Reiches erforderlich war, an [!] die Machtvollkommenheit des Reichswehrministers gestellt war. Der Erlaß von Rechtsverordnungen, die Bearbeitung und der Vollzug der Gesetze fiel damit auf sein Gebiet. [Verweis auf die Zusatzverfügung vom 27. 9., die einzelnen Befehlshabern der Wehrkreise Zivilkommissare beiordnet und auf den Wortlaut der VO des RPräs.] Die Wehrkreisbefehlshaber erhalten folgende Aufgaben: Unbedingte Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, Sicherstellung der ordnungsmäßigen Fortführung der Produktion und des Verkehrs und Überwachung der Durchführung. Alle Anordnungen der Regierung politischer, verwaltungstechnischer, wirtschaftlicher und sonstiger Natur [!] – Der Reichswehrminister besetzt damit in den Wehrkreiskommandos die Exekutivorgane für das unbesetzte Gebiet. Eine Ausdehnung auf das besetzte Gebiet ist deutscherseits bei den Besatzungsbehörden nicht beantragt worden. Der militärische Ausnahmezustand hat also die Aufgabe, die Reichsautorität gegenüber den Ländern, Parteien und Interessengruppen wiederherzustellen und das wirtschaftliche Leben zu sichern. War auch die Hauptaufgabe zunächst die Wiederherstellung der Reichsautorität, so ergab sich in der Praxis sehr bald eine aktive Bestätigung der militärischen Befehlshaber auf wirtschaftlichem Gebiet, um den Nöten des täglichen Lebens gerecht zu werden“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 37–38).

28

Mit Bleistift korrigiert aus: „Wenns eine Komödie wird, komme ich im 3. Akt.“

29

Vgl. dazu o. die Eintragung unter dem 20.9.23.

W.K. IV soll einen Vorschlag für die Sanierung Sachsens machen, was eine der ersten erforderlichen Handlungen sei. Die wirtschaftlichen Maßnahmen könnten erst später einsetzen.

Lossow weigert sich, die ihm vom Reich übertragene vollziehende Gewalt zu übernehmen, da Kahr diese in Bayern habe. Darauf wird ihm befohlen, die vom Reich befohlenen Maßnahmen zu befolgen. Lossow sei allein verantwortlich30. Ein Zweifel, daß der Reichsausnahmezustand den bayerischen außer Kraft setzt und über ihm steht, könne nicht bestehen (sie bestanden aber doch!). Bussche geht als Verbindungsoffizier nach München31. Hasse erklärt dies für einen Fehler, da man mit dem Ausnahmezustand so lange gewartet habe.

30

Zum Lossow-Konflikt s. Dok. Nr. 94; 97, P. b. – Im Verhältnis Lossows zum RWeMin. und Seeckt hat es bereits im Frühjahr Spannungen gegeben. In den Lieber-Aufzeichnungen ist vermerkt, in Bayern würden nach der Ruhrbesetzung Mobilmachungsvorbereitungen „derart offen getroffen, daß die Entente davon Kenntnis erhalten muß. Seeckt gewinnt auch den Eindruck, daß Lossow in bayerischem Fahrwasser segelt und die bayerischen Belange vor die des Reichs stellt.“ Weiter heißt es in den Aufzeichnungen: „7. 4. ist Lossow zu einer Besprechung zu Seeckt befohlen. Hasse vermerkt dazu: Die Bayern seien nicht frei in ihrem Handeln. Sie könnten die vielen vaterländischen Organisationen nicht entbehren, die 51% der Waffen in Händen hätten. Lossow wird angewiesen, sich von den Organisationen keinesfalls Bedingungen für ihre Mitwirkung stellen zu lassen. Sie müssen bedingungslos gehorchen. Lossow will für die Mob.Verbände die alten bayerischen Namen. Worauf ihm Seeckt erklärt, daß allein die Nummern des Reichsheeres zu gelten hätten. Ferner lehnt Seeckt alle Wünsche auf Schaffung einer bayerischen Militärhoheit schroff ab. Hasse sagt, Lossow selbst stehe auf einem sehr verständigen Standpunkt, die große Menge seiner bayerischen Landsleute dagegen nicht. Es beginnen hier sich die Ereignisse vom November 1923 abzuzeichnen. – Während Seeckts Abwesenheit in Heidelberg hat Schleicher einen sehr scharfen Erlaß Geßlers an Lossow erwirkt, dem Seeckt nach seiner Rückkehr zustimmt.“ Unter dem 18. 5. ist eingetragen: „Vortrag bei Seeckt über die Zustände bei den Truppen im W.K.K. VII. Es machen sich dort Bestrebungen geltend für und gegen Hitler. Lossow erhält einen ‚belehrenden aber freundlich gehaltenen Brief‘ und soll sich äußern.“ Zuvor am 2. 5. hatte Lossow wegen des von Schleicher erwirkten Schreibens „seinen Rücktritt angeboten mit der Begründung, er sei von seinen Vorgesetzten zu seinem Verhalten ermuntert worden. Hasse sagt: Geßler und Seeckt hätten in dieser Beziehung ein schlechtes Gewissen, sie hätten in Bayern immer nachgegeben und nicht energisch genug die dortigen dem Staat zuwiderlaufenden Dinge bekämpft. ‚Seeckt redet sogar von seinem eigenen Rücktritt. Ich rede ihm gut zu, glaube sogar, daß sich das Schreiben Lossows sehr wirkungsvoll beantworten läßt und die ganze Lage klären wird.‘ – Lossow hat dann am 2. 6. auf dieses Schreiben gereizt geantwortet. Schleicher setzt eine sehr scharfe Antwort auf, die Seeckt absendet, obgleich Geßler die Sache mündlich erledigen will“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 5, 14, 17).

31

Gemeint ist Erich v. d. Bussche-Ippenburg, der nach der Rangliste für 1924 jedoch dann schon wieder im RWeMin. tätig war.

[1182] 28. 9. Geßler fängt an zu wackeln, er geht dauernd in den Reichstag, wo die Leute ihn „kleinreden“.

W.K. IV hat scharfe Verordnung erlassen, die von Zeigner gebilligt wird, der, die Gefahr für sich witternd, zur Reichswehr umschwenkt. „Seeckt ist heute vernünftiger, er kriegt allmählich von seinen Rechtsfreunden genug.“

Nachricht über die Ansammlung von 200 Bewaffneten unter Buchrucker bei Berlin.

29. 9. W.K. III will die Buchrucker-Angelegenheit schnellstens erledigen.

W.K. VII hat Major Hößlin32 nach Berlin entsandt, um dem Minister allein die Lage in Bayern vorzutragen. Hasse sagt, man wisse nicht, ob die Bayern demnächst unsere Feinde seien, oder wenigstens dem deutschen Unglück uninteressiert zusähen. W.K. VII wird dahin unterrichtet, daß voraussichtlich auch in Berlin ein gewisser Dreh nach rechts eintreten wird. Angesichts der schwierigen Lage mit Frankreich wird an die Reichstreue der Bayern appelliert. Lossow soll Konflikt mit Kahr vermeiden und die Heeresleitung unterrichten, ob er deren Befehle ausführen will und könne.

32

Major Hößlin war Stabsoffizier bei der 7. Division. Zu seinem Aufenthalt in Berlin s. O. Geßler, Reichspolitik in der Weimarer Zeit, S. 265.

Erwägungen über die Verlegung der Inf.-Schule aus München33. Hasse hat langes Gespräch mit Seeckt unter 4 Augen, rät ihm, selbst die vollziehende Gewalt zu übernehmen und Reichstag aufzulösen. Das Reichskabinett wird dann entweder verschwinden oder zur ausführenden Stelle für Seeckts Weisungen34. „Seeckt ist wieder vernünftig, mit Stresemann kommt er ganz gut aus.“

33

Zur Verlegung der Infanterie-Schule kam es erst nach dem 9.11.23, nachdem sich die Offiziersschüler am Hitlerputsch beteiligt hatten.

34

Vgl. hierzu die Äußerung Geßlers über ein Direktorium in der KabS. vom 30.9.23 (Dok. Nr. 94).

30. 9. W.K. III meldet, daß die Buchrucker-Leute größtenteils bereit wären, Berlin zu verlassen. Hierzu wird ihnen Geld zur Verfügung gestellt, wenn sie heute noch abfahren. Gegen das Verlangen, Buchrucker zu verhaften, erhebt Bock Gegenvorstellungen35. Schließlich entwischt Buchrucker am Nachmittage aus Berlin. Seeckt hat lange Aussprache mit Ebert.

35

Oberstleutnant Fedor von Bock war Stabschef der 3. Division. Zu seinem Verhalten in diesen Tagen s. a. Dok. Nr. 108.

Herr von Scheubner ist im Auftrage Hitlers im Ministerium wegen der stark blau-weißen Richtung der bayerischen Regierung, die sich scharf gegen den schwarz-weiß-roten Standpunkt der Nationalsozialisten richtet36. Für die Heeresleitung ist die Gegenströmung gegen den Separatismus wesentlich. Doch ist man eingenommen gegen die gehässigen Artikel im V.B.37, die Scheubner aber von sich abweist.

36

Zu Scheubner-Richter s. E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, S. 73 sowie ibid. Dok. Nr. 13, 20, 30. Vgl. Dok. Nr. 143.

37

Zum Verbot des „Völkischen Beobachters“ s. Dok. Nr. 94; 97, P. b. Hier angesprochen ist vor allem der Artikel „Die Diktatoren StresemannSeeckt“ des VB Nr. 199 vom 27.9.23, in dem die Frauen des RK und des Chefs der Heeresleitung diffamiert wurden, weil sie Jüdinnen waren.

[1183] Nachdem die bayerische Regierung den Abtransport von Gold aus der Nürnberger Reichsbank verhindert hat, soll Seeckt dem Reichspräsidenten Vortrag halten, ob wir in der Lage seien, den Abtransport zu erzwingen und nötigenfalls gegen Bayern Krieg zu führen. Hasse meint, ein Krieg mit Bayern müsse als nationales Unglück verhindert werden. Doch dürfe man nicht nach außen zeigen, daß man ihn scheut, Bayern werde dann nachgeben.

1. 10. Buchrucker-Putsch in Küstrin. Die im Fort Hahneberg und in Döberitz versammelten Anhänger Buchruckers werden vom W.K. III friedlich auseinandergebracht. Die anfängliche Aufregung des Reichspräsidenten über Küstrin legt sich, nachdem er sich von dem tadellosen Eingreifen der Reichswehr unterrichtet hat.

„Innere Lage ganz verworren. Die Anschauung, daß nur ein starker Mann, ein Soldat, helfen könne, gewinnt auch im Reichstag an Boden. Seeckt wird allgemein genannt.“

Hasse redet Scheubner weitere Betätigung im schwarz-weiß-roten Sinne gegen die bayerischen Tendenzen zu.

2. 10. Versuch eines Überfalles auf den Moabiter Block vereitelt38.

38

Diese Aktion stand im Zusammenhang mit dem Buchrucker-Putsch.

Lossow hat den V.B. nicht verboten und kündigt direkten Ungehorsam an. Hasse meint, man solle vor einem Bruch mit Bayern nichts unversucht lassen, um ihn zu verhindern. Die Schuld für einen etwaigen Zerfall Deutschlands müsse Bayern tragen. Die bayerischen Truppen seien überwiegend reichstreu, nur sei das W.K.K. VII zu stark blau-weiß. Hasse rät Seeckt, selbst nach München zu fahren, um den Bayern die Meinung zu sagen, unter Hinweis auf die französische Gefahr39. Eine Umbildung der Regierung werde den bayerischen Spuk beseitigen.

39

Nicht Seeckt, sondern Geßler versuchte, über General Kreß von Kressenstein die militärische Befehlshoheit sicherzustellen, s. dazu E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. die militärische Befehlshoheit sicherzustellen, s. dazu E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 46, 48, 54. – Zu Seeckts Haltung s. Anm. 15 zu Dok. Nr. 117. Immerhin notierte Seeckts Adjutant v. Selchow am 3.10.23 in sein Tagebuch: „In Bayern sieht es finster aus. Dort wagt scheinbar General von Lossow nicht dem Generalstaatskommissar v. Kahr entgegenzutreten. Oder paktieren dort Lossow, Kahr, Hitler, Ludendorff zusammen? Seeckt sagt mir eben, daß wir beide evtl. heute mit dem Abendzug nach München fahren! Ich denke, daß er nach der zu erwartenden Auflösung des Reichstages mit den dortigen Führern sprechen möchte! Oder was will er? – Abends. Kabinettskrise geht weiter, wir fahren nicht nach München“ (BA-MA: NL v. Rabenau  11, Bl. 14/15).

Im Reichskabinett ringen zwei Ansichten um die Lösung: Entweder Umbildung des Kabinetts ohne Sozialdemokraten oder Bildung eines Direktoriums unter Ausschluß des Reichstages40. Zu letzterer Lösung will man ein Ermächtigungsgesetz haben, wobei evtl. der Reichstag aufgelöst werden könne. „Seeckt, der für die 2. Lösung der kommende Mann ist, hält sich klugerweise ganz zurück. Man wird ihn schon rufen.“

40

Vgl. dazu o. unter dem 29. 9. sowie zur Kabinettskrise Dok. Nr. 104106.

Von deutsch-völkischer Seite wird zu einem Direktorium mit Ludendorff, Seeckt, Hitler und Graefe geraten.

3. 10. Stündlich sich ändernde politische Lage. Kabinettssitzung bis 3 Uhr morgens, wobei die Haltung der Sozialdemokratie noch nicht geklärt. Gegen[1184] Mitternacht tritt das Reichskabinett zurück. Stresemann mit Neubildung beauftragt.

4. 10. Schleicher hat in der Reichskanzlei den Vorschlag gemacht: Geßler, Minoux, Seeckt, Hepp, Fuchs. Minoux hat abgelehnt. Das Auswärtige Amt intrigiert gegen Seeckt, da er für dieses untragbar sei. Stresemann verhandelt am Abend mit Seeckt bezüglich Eintritts in das Kabinett. Hasse meint, Seeckt wird scharfe Bedingungen stellen.

Seeckt enthüllt im Ministerium die Gefallenengedenktafel, er spricht vorzüglich41. „Den Bayern werden über die sie berührenden Anklageworte die Ohren klingen.“

41

Der Text in Seeckt, Gedanken eines Soldaten, S. 35 f.

Seeckt ist wegen Küstrin ungehalten auf W.K. III, verlangt Auflösung der Arbeitskommandos42 und will die vollziehende Gewalt in Schlesien der 2. K.D. (Hasse) übertragen43.

42

Zur Auflösung der „schwarzen Reichswehr“ in Döberitz und Spandau s. Dok. Nr. 108.

43

Gemeint ist der Kommandeur der 2. Kavallerie-Division in Breslau Generalleutnant Ernst Hasse. Im Abschnitt „Wehrmacht“ ist in den Lieber-Aufzeichnungen unter dem 8. 10. angegeben: „Schlesien tritt unter die vollziehende Gewalt der 2. K.D.“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 33). Aus der VO des RWeMin. (T. 1 III) geht hervor, daß Hasse die vollziehende Gewalt in Nieder- und Oberschlesien sowie in der Südhälfte der Provinz Grenzmark innehatte. Im Einvernehmen mit dem RIM war OPräs. Zimmer zum Regierungskommissar ernannt worden. Unter den Text der VO war im Exemplar der Rkei von Kempner gesetzt worden: „DVP beteiligen!“ Am 11.10.23 notierte von Stockhausen: „Zimmer ist Sozialdemokrat“ (R 43 I/2705, Bl. 319).

5. 10. Noch keine Kabinettsbildung.

Ein Interview Seeckts geht an die Münchener Neuesten Nachrichten. Es weigert sich diese, etwas zu bringen, aus Sorge, von der bayerischen Regierung verboten zu werden44.

44

S. zum Interview Anm. 15 zu Dok. Nr. 117.

6. 10. Reichskabinett nach alter Art gebildet ohne Hilferding und Raumer. Hasse meint, in 2 Wochen müsse der Schrei nach dem starken Mann neu kommen. Nur wird dann die Lage noch schwieriger sein, da sich Bayern noch mehr vom Reich gelockert haben wird, die völkische Bewegung noch mehr anwachse. „Wir haben eine günstige Gelegenheit verpaßt.“

Auf Geßlers Verlangen beschließt das Kabinett, in Sachsen einen Reichskommissar für Zeigner einzusetzen, wenn dieser das Ansehen des Reiches erneut angreifen sollte45.

45

Das neugebildete Kabinett hat zwar die sächs. Frage am 6.10.23 auf Anregung des RWeM hin beraten, aber der hier genannte Beschluß ist dem Protokoll der Sitzung (Dok. Nr. 117) nicht zu entnehmen.

8. 10. W.K.K. IV berichtet über die unerhörten Zustände in Sachsen, das zu einer Sowjet-Republik mit schlimmstem Terror geworden sei46. Sofort nach Beendigung des Reichstages soll die Zustimmung des Kanzlers zur Durchführung[1185] einer großen militärischen Unternehmung in Sachsen eingeholt werden47, dazu auch Bayern heranziehen, doch blieb abzuwarten, ob diese „kommen würden“.

46

Im Sonderabschnitt „Sachsen“ ist in den Lieber-Aufzeichnungen ausgeführt: „Das W.K.K. IV berichtet am 7. 10., daß sich in Sachsen die proletarischen Hundertschaften unter dem Schutz der Regierung zu einem roten Heer entwickelten, das planmäßig bewaffnet würde, und zwar durch Waffen, die seitens der sächsischen und thüringischen Regierung beschlagnahmt worden seien. Wegen des bevorstehenden Kampfes beantragt das Wehrkreiskommando eine Verstärkung durch vorübergehende Einstellung von Freiwilligen“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 42).

47

Unter „Wehrmacht“ ist in den Lieber-Aufzeichnungen für September und Oktober 1923 mit dem Datum 8. 10. vermerkt: „Für den Einmarsch in Sachsen sollen die Truppen über den Etat hinaus verstärkt werden. Man muß hierzu Verpflichtungen auf 12 Jahre abschließen, unter der Zusicherung, daß die Entlassung bereits nach Erledigung der bevorstehenden Aufgabe erfolgen werde. ‚Man muß betrügen und doppelt Buch führen.‘ Doch müsse dabei die Regierung, insbesondere der Finanzminister offiziell mitmachen. 12. 10. werden Verwaltungsbestimmungen für den Einmarsch in Sachsen erlassen“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 33).

An Lossow ergeht ein sehr scharfes Schreiben, in dem ihm schärfstes Mißtrauen ausgedrückt wird wegen des nichterfolgten Zeitungsverbots. Er wird aufgefordert, für seine Person die Folgerungen zu ziehen.

10. 10. Bayern hat Truppen gegen Sachsen zur Verfügung gestellt. Doch ist Ebert mit deren Verwendung nicht einverstanden, da man nicht ein unbotmäßiges Land durch ein ebenfalls unbotmäßiges zur Ordnung führen könne.

11. 10. Hasse sagt, Geßler mache heute einen starken und kampflustigen Eindruck. Er sei sich mal der Wichtigkeit der Aufgabe als Inhaber der vollziehenden Gewalt bewußt. Trotzdem gelingt es nicht, eine Entscheidung wegen des Vorgehens in Sachsen vom Kanzler zu erreichen. Dieser ist im Reichstag zu der Verhandlung über das Ermächtigungsgesetz, das wegen Beschlußunfähigkeit nicht zustandekommt. Oldenburg ist besorgt über den Abtransport seines Batls. gegen Sachsen. Die Arbeiterschaft würde den Abtransport verhindern. Ihm wird daher geantwortet, daß der Abtransport nötigenfalls mit Waffengewalt erzwungen wird48.

48

In dieser Frage teilte der RKom. für Überwachung d. öff. Ordnung dem StSRkei abschriftlich am 15.10.23 mit: „Fernmündliche Mitteilung des Reichsverkehrsministeriums: ‚Aus Oldenburg ging folgendes Telegramm ein: Hier Gerücht, Arbeiterschaft und Eisenbahner versuchen etwaigen Abtransport von Truppen zu verhindern.‘ Zusatz des Reichswehrministeriums: Hier Maßnahme dagegen getroffen. Linien-Kommission in Münster ist verständigt“ (R 43 I/685, Bl. 138).

12. 10. Geßler unglücklich über die Lage, findet sich nicht durch. Stresemann „zieht nicht“ gegen Bayern, Ebert nicht gegen Sachsen. Die sächsische Frage müsse vor der bayerischen gelöst werden. Deshalb wird W.K.K. IV angewiesen, gegen die sächsische Regierung vorzugehen.

Die bayerische Regierung ist in Berlin vorstellig geworden, man solle von Forderungen bezüglich Lossow Abstand nehmen. Hasse meint, Vorbedingung hierfür sei ein einwandfreies Gehorchen des W.K. VII, da sonst das Ende der Reichswehr nahe gekommen sei. „Seeckt ist in allen Fragen Sachsens und Bayerns zu zurückhaltend. Er unterstützt uns und den Minister wenig. Es soll alles gut laufen, ohne daß er sich exponiert. Er wartet zu sehr auf seine Zeit. Ich fürchte, sie wird nicht kommen, wenn er nicht dafür kämpft.“

13. 10. Lossow antwortet auf Seeckts Brief. Er habe diesen als politische Angelegenheit an Kahr gegeben. Hasse sagt, man müsse auf der Forderung und Entfernung Lossows bestehen bleiben, entweder er oder Geßler und Seeckt.

Sachsen hat die Rechtsgültigkeit der Erlasse des W.K.K. IV angezweifelt49.

49

S. Schultheß 1923, S. 192 f. Es handelte sich um die angeordnete Auflösung der proletarischen Hundertschaften.

[1186] 14. 10. Auf Verlangen Eberts tritt ein sozialdemokratischer Abgeordneter als Kommissar zum WKK IV [Meier-Zwickau].

15. 10. Ebert zögert noch wegen Sachsen, ist stark beeindruckt durch Bayern. Er will, daß die Konfliktsfrage in Sachsen schärfer hervortritt, da ein akuter Grund zum Einmarsch nicht vorliege. Hasse bedauert, die Ablehnung der Beteiligung bayerischer Truppen in Sachsen, die bei dieser Gelegenheit hätten mit norddeutschen zusammengebracht werden können. Anstelle bayerischer sollen württembergische Truppen bei Hof aufmarschieren50. Seeckt ist 3 Tage zur Hochzeit Uthmanns51 von Berlin abwesend!

50

In einem Bericht aus München teilte der dortige Vertreter der RReg. StS v. Haniel am 17.10.23 mit, er verstehe, daß innerpolitische Gründe für die Differenzierung zwischen württembergischen und bayerischen Gruppen in dieser Frage maßgebend gewesen seien. Doch hätte der Einsatz eines kleinen Kontingents einer bayerischen Truppe dort einen guten Eindruck gemacht und dazu beigetragen, die Einheit innerhalb der Reichswehr und ihre unpolitische Stellung zu betonen. Nun bestehe die Gefahr, daß der Zusammenhang zur übrigen Reichswehr gelockert und der Gedanke eines eigenen bayerischen Truppenverbandes gefördert werde. v. Knilling war verstimmt: „Anläßlich eines Gesprächs über die Lage in Sachsen und Thüringen bemerkte der Ministerpräsident mit deutlicher Empfindlichkeit, daß zu dem militärischen Eingreifen in Sachsen zwar badische und württembergische Truppen, hingegen keine aus dem benachbarten Bayern verwendet werden sollen“ (R 43 I/2233, Bl. 495). S. a. Anm. 17 zu Dok. Nr. 151.

51

Bruno v. Uthmann war Adjutant bei v. Seeckt gewesen.

16. 10. Preger, der vom Urlaub aus Bayern zurückkehrt, rät zu friedlicher Auseinandersetzung. Er entschuldigt Lossows Verhalten mit der Nichtaufhebung des bayerischen Ausnahmezustandes durch das Reich. Während erneuten Vortrags bei Ebert betr. Sachsen kommt die Nachricht über eine wilde Rede des sächsischen kommunistischen Minister Böttcher. Damit ist Möglichkeit zum Eingreifen gegeben W.K.K. IV wird angewiesen, an die sächsische Regierung ein entsprechendes Ultimatum zu stellen52.

52

Im Abschnitt „Sachsen“ der Lieber-Aufzeichnungen ist notiert: „Am 13. 10. verlangt der sächsische Minister Böttcher die sofortige Bewaffnung des Proletariats […], worauf das W.K.K. IV der sächsischen Regierung ein Ultimatum stellt […]. Gegen dieses wendet sich Zeigner im sächsischen Landtag […]. Er macht hierin Angaben über die sogenannte Schwarze Reichswehr und andere mil. Angelegenheiten, die als Landesverrat angesehen werden müssen […]. Der Reichswehrminister befiehlt darauf den Aufmarsch der bereitgestellten Truppen an der sächsischen Grenze […]. Gleichzeitig erläßt Gen. Müller einen Aufruf an die sächsische Bevölkerung […]“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 42–43). Die im Zitat angezeigten Auslassungen beziehen sich auf Zeitungsverweisungen und mit Blaustift geschriebene Ziffern, die wahrscheinlich Hinweise auf Quellenbelege für von Rabenau bedeuteten.

17. 10. Da Zeigner im Landtag bekanntgibt, er wolle das Ultimatum nicht beantworten, da er dem Präsidenten und dem Reichstag [!], nicht aber dem W.K.K. IV verantwortlich sei, gehen die Befehle zur Versammlung der gegen Sachsen bereitzustellenden Truppen heraus53.

53

Unter dem Stichwort „Wehrmacht“ enthalten die Lieber-Aufzeichnungen für den 17.10.23 die Notiz: „Operationsbefehl für den Einmarsch in Sachsen: Das W.K.K. IV hat mit den ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln verfassungsmäßige und geordnete Verhältnisse im Freistaat Sachsen wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten. Aufmarsch in 3 Gruppen um Dresden, Leipzig und Hof. W.K.K. IV soll ferner ein Übergreifen von Unruhen auf Thüringen verhindern und dazu Ohrdruff mit Truppen belegen“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 44).

Geßler fährt nach Augsburg, um persönlich Lossow zum Rücktritt zu bewegen. Sein Versuch scheitert, da Lossow nicht erscheint.

[1187] Die D.A.Z. Nr. 486 greift heute [und] in den folgenden Tagen Seeckt und Hasse wegen Lossow an: Ebert wird sich nicht so leicht wie die verantwortungslosen Ratgeber entschließen, einen Konflikt mit Bayern heraufzubeschwören. Wenn ein unausführbarer Befehl nicht ausgeführt worden ist, so ist nicht der Untergebene, sondern der Vorgesetzte, der ihn erteilt hat, für den entstandenen Schaden verantwortlich zu machen. Ferner Nr. 487: v. Seeckt gegen Lossow. Er enthält eine Darstellung bezüglich des V.B.s und bezüglich des Versuchs Geßlers, Lossow in Augsburg zu sprechen. Die bayerische Regierung habe erklärt, den Dienstverkehr mit dem Reichswehrminister abzubrechen. Die D.A.Z. schließt: War es nötig, den Vorfall mit dem V.B. gleich so auf die Spitze zu treiben, daß daraus ein politischer und mil. Konflikt entstehen mußte? Ferner spricht die D.A.Z. in Nr. 481 von der Angelegenheit, die sich gegenwärtig anscheinend in den Händen politisch Ungeschulter befinde.

18. 10. Zeigner will einlenken, nachdem er erfahren hat, daß Reichspräsident, Kanzler und Minister hinter dem Ultimatum des W.K.K. IV stehen. Trotzdem ist Ebert mit der von Seeckt vorgeschlagenen sofortigen Heranführung der Truppen einverstanden, um die verfassungsmäßigen Zustände und Ordnung in Sachsen wiederherzustellen. Zeigner hat am selben Tag eine landesverräterische Rede gehalten, in der er alle ihm amtlich bekannten militärischen Dinge aufdeckt und Nollet herbeiwünscht54. Aus den Wehrkreisen II und [!] bis VI und der 2. K.D. werden 3 Gruppen gebildet, bei Dresden, Leipzig und Hof, zum konzentrischen Einmarsch. Bayerische Truppen bleiben in Reserve.

54

Zu Zeigners Rede s. Schultheß 1923, S. 197; Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1201 a. – Die Tätigkeit der IMKK unter General Nollet war nach der Besetzung des Ruhrgebiets eingestellt worden, da die dt. Stellen den frz. und belg. Kommissionsangehörigen das Kontrollrecht für die Dauer der Besetzung absprachen. Seit Anfang Oktober drängte die Botschafterkonferenz darauf, daß deutscherseits die ungehinderte Beteiligung frz. und belg. Offiziere an Kontrollreisen der IMKK sichergestellt werde. Diese Problematik zog sich bis zum Ende des zweiten Kabinetts Stresemann hin, da auch England auf Wiederaufnahme der Kontrolltätigkeit mit der Begründung bestand, in Deutschland gebe es 800 000 Bewaffnete (Pol.Arch.: Büro RM 28). StS von Maltzan teilte am 15.11.23 den dt. Vertretungen in Paris, Rom und London mit, Nollet beabsichtige, Komplikationen dadurch heraufzubeschwören, daß er solchen Offizieren Kontrollaufträge erteile, die schlecht mit deutschen Stellen zusammenarbeiten. Aus ihren Fahrten in das sächsisch-thüringische Exekutionsgebiet sei die Sorge entstanden, daß sie dort Spionage zugunsten der Radikalen treiben würden. Ministerialdirektor von Schubert teilte der deutschen Botschaft in London am 17.11.23 mit: „In der Kontrollfrage gibt es für uns aus innerpolitischen Gründen kein Zurück. Wir sind zur Zeit mehr denn je genötigt, auf die Gefühle der Reichswehr als der einzigen verläßlichen Stütze einer ordnungsmäßigen Regierung Rücksicht zu nehmen, und es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als die ablehnende Haltung gegen die Kontrolle im allgemeinen, die sich auf Grund der Entwicklung bei der Reichswehr herausgebildet hat, solange wie es irgend geht, mit diplomatischen Mitteln zu verteidigen. Der Schwerpunkt dieser diplomatischen Entwicklung liegt in London, und ihr Ergebnis ist umso bedeutsamer, als Frankreich die Kontrollfrage zum Angelpunkt seiner Gesamtpolitik gegenüber Deutschland zu machen bestrebt scheint“ (Pol.Arch.: Büro RM 30, Bd. 3). S. dazu ausführlich M. Salewski, Entwaffnung und Militärkontrolle in Deutschland, S. 223 ff.

Ebert und Seeckt wollen bezüglich Lossows nicht warten. Wenn Lossow den Abschied nicht von sich aus erbittet, solle er verabschiedet werden.

19. 1055 An Lossow ergeht das offizielle Kündigungsschreiben ab. Begründung:[1188] Mangelnder Wille, die Interessen des Reiches, insbesondere des Heeres, als höchster Führer in Bayern zu wahren. Geßler enthebt Lossow vom Dienst und ernennt Kreß vorläufig zum Nachfolger. Bayern wird um Namhaftmachung eines neuen Landeskommandanten ersucht. Diese Schreiben sollen durch Kurier am 20. mittags56 in München übergeben werden.

55

Unter dem gleichen Datum wird im Abschnitt „Innenpolitisches außer Bayern und Sachsen“ ausgeführt, die Befehlshaber seien auf die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln verwiesen worden. „Gerade der Soldat soll eine ausgleichende Mittlerrolle zwischen den landwirtschaftlichen Produzenten und den Verbrauchern übernehmen. Auch soll dem Aufkäuferunwesen entgegengetreten werden. Für den einzelnen Betrieb komme es darauf an, sich so einzustellen, daß seine Rentabilität erhalten bleibe“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 39).

56

Mit Bleistift korrigiert aus: „möglichst“.

Hasse schiebt die Angriffe auf Seeckt in der D.A.Z. auf Stinnes, dem Seeckt zu mächtig geworden ist.

20. 10. Seeckt legt im Schreiben an die Wehrkreise die Angelegenheit Lossow dar. […] Das Vorgehen gegen den V.B. wird dadurch begründet57, daß dieser versucht hat, durch politische und persönliche Verleumdung das Vertrauen des Offizierskorps zu den obersten militärischen Führern der Reichswehr zu untergraben und daß er geheime Ausbildungsangelegenheiten veröffentlicht. Als Bayern den V.B. nicht verboten hat, habe dies der Reichswehrminister getan. Am 20. 10. […] hat übrigens Geßler das Wiedererscheinen des V.B. gestattet58. Seeckt spricht die bayerischen Offiziere des Ministeriums und veranlaßt sie, seine Auffassung an ihre Truppenteile in Bayern weiterzugeben, da diese über die Folge bezüglich der Reichseinheit nicht unterrichtet seien.

57

So als Bleistiftkorrektur statt ursprünglich „begünstigt“.

58

Zur Wiederzulassung des VB s. Dok. Nr. 179.

[…]

W.K.K. IV veröffentlicht in einem Aufruf sein Vorgehen gegen Zeigner. Hasse meint, die Stellung der Regierung in der bayerischen Frage wird durch das Vorgehen in Sachsen gestärkt. An einzelnen Stellen werden von Kommunisten Transportschwierigkeiten gemacht, die durch scharfes Auftreten und Verhaftung von Hetzern beseitigt werden59.

59

Über den „Einsatz des Bahnschutzes vom 19. bis 30. Oktober 1923“ ging der Rkei am 13.11.23 ein Bericht des RVM zu. Darin wurde ausgeführt, daß seit 19. 10. auf Anforderung des RWeM verschärfte Bahnbewachung für die Reichsbahnstrecken durchgeführt worden sei, die für den Transport der Reichswehr nach Sachsen benutzt worden waren. Wegen der Mitteilung des RWeM, es sei beabsichtigt, die Transporte zu stören, „wurden 900 Mann örtlicher Bahnschutz bereitgestellt, die binnen kürzester Frist von den Reichsbahndirektionen zur Verfügung gestellt wurden, aber nicht eingesetzt zu werden brauchten.“ Für die Verwendung im Bahnschutz hätten sich etwa 3500 Mann zur Verfügung gestellt. „Es dürfte dem überraschenden Einsatz und den regelmäßigen Kontrollfahrten der Bahnschutzzüge wesentlich mit zuzuschreiben sein, daß die Absichten der KPD, wie sie im nachfolgenden Befehl zum Ausdruck kamen, nicht ausgeführt wurden: ‚17. Oktober 1923. – Parole Anton – An die Kampfgebietsleitungen. – Nach den neuesten Meldungen werden jetzt Truppenverschiebungen vorgenommen, das muß sofort mit allen Mitteln unterbunden werden (Sprengungen, Entgleisungen und dergl.) mit den brutalsten Mitteln. Es sind auf dem schnellsten Wege sämtliche Hundertschaften, sowie unsere Eisenbahner zu benachrichtigen. Sprengmittel, soweit noch nicht hergestellt, müssen sofort durch Wumbo angefordert werden‘.“ Störungen durch Sabotageakte und Verkehrsunterbrechungen wurden aus den Direktionsbezirken Altona, Dresden, Oppeln mitgeteilt. Da eine Meldung vorgelegen habe, die Elbbrücke in Riesa solle gesprengt werden, sei diese durch Bahnschutz, Reichswehr und Schutzpolizei gesichert worden (R 43 I/2708, Bl. 189–191).

21. 10. Bayern nimmt die Truppen als Treuhänder des Deutschen Reichs in Pflicht, bis die Differenz mit dem Reich beseitigt ist. Hasse hält damit den Abfall Bayerns für „wahrscheinlich vollzogen“ und befürchtet, es werde in feste[1189] Zugehörigkeit nicht mehr zurückkehren. Aufruf der Reichsregierung wegen dieses Verfassungsbruches. Ferner erläßt Seeckt einen Aufruf an alle Wehrkreise und die einzelnen bayerischen Truppenteile […], in dem er die 7. Div. feierlichst auffordert, ihrem dem Reich geleisteten Eid treu zu bleiben und sich seinen Befehlen bedingungslos zu fügen60. „Der Reichstreue aller anderen Teile des Heeres halte ich mich heute und stets für versichert.“ Die Absicht, beide Erlasse durch Flugzeug über Bayern abwerfen zu lassen, wird auf Grund von Erklärungen des bayerischen Gesandten schließlich aufgegeben.

60

Schon am 19.10.23 hatte Oberleutnant v. Selchow, der Adjutant Seeckts in seinem Tagebuch notiert: „Lossow kann gegen Kahr scheinbar nichts ausrichten. Oder will er nicht? Ein Offizier vom R.W.M. wird nach Augsburg geschickt zum nächstältesten bayer. General, dem klargemacht wird, daß das Verhalten Lossows seinen Abschied zur Folge hätte. – Als Lossow nicht nachgibt, kommt sein Abschied heraus. Bayern nimmt diesen nicht an und erklärt Lossow weiterhin als den rechtmäßigen Landeskommandanten. Befehle vom R.W.M. behauptet Bayern nicht mehr anzunehmen. – Was bedeutet das? – Die bayer. Reichswehr macht sich selbständig. Bruch der Verfassung. Verleitung der Truppen zum Meineid, der Eid erfolgte auf die Reichsverfassung“ (BA-MA: NL von Rabenau  11, Bl. 15). S. a. u. Anm. 61.

Die von Seeckt gewünschte Auflösung der Inf.Schule wird von der Reichsregierung zurückgestellt, worüber Seeckt empört ist wegen dieses Eingriffes in seine Befugnisse. Dagegen lehnt er eine Beeinflussung der bayerischen Offiziere und der beim Wachregiment befindlichen Truppenteile ab, da damit Kahrs Vorgehen legitimiert würde.

Wegen eines neuen Angriffs in der D.A.Z. Nr. 489 wird das Verbot der D.A.Z. erwogen. Die D.A.Z. schiebt die gesamte Schuld in der Bayern-Frage der Reichsregierung zu. Es handele sich nicht um einen Konflikt Bayerns mit dem Reich, sondern um einen solchen der bayerischen gegen die jetzige Reichsregierung. Der Aufmarsch in Sachsen ist beendet.

22. 10. Die Operationen in Sachsen beginnen. W.K.K. IV muß mehrfach zu schnellerem Vorgehen aufgefordert werden. Bayern hat die Truppen auf sich verpflichten lassen, erklärt dies aber für keinen Eidbruch. Lossow erläßt am Abend aus Nürnberg einen Funkspruch an die Reichswehr an verschiedenen Standorten, D.A.Z. Nr. 492, in dem er sein Verhalten rechtfertigt. Man müsse sich hinter die bayerische Regierung stellen, damit diese nicht von der marxistischen Berliner Regierung unschädlich gemacht werde61.

61

Vgl. hierzu Dok. Nr. 174. Im Akt „Politisches“ des Kommandos der Landespolizei Ansbach ist der Funkspruch als von München ausgegangen mit dem Datum 22.10.23 notiert. „An alle deutschgesinnten Funkstellen. Inhalt: General von Lossow verwahrt sich gegen einen Aufruf des Chefs der Heeresleitung an das Reichsheer“ (BA-MA: NL von Rabenau  41). Unter der Rubrik „Bayern“ ist in den Lieber-Aufzeichnungen festgehalten: „Nachdem Lossow seiner Stellung als Div.Kdr. enthoben ist, ernennt ihn die bayerische Regierung zu ihrem Landeskommandanten und nimmt die 7. Div. in Pflicht. Seeckt gibt darauf am 23. 10. einen Befehl an die Wehrkreise und bayerischen Truppenteile, in dem er den Schritt der bayerischen Regierung als einen gegen die Verfassung gerichteten Eingriff in die mil. Kommandogewalt bezeichnet. Wer dieser Anordnung der bayerischen Regierung entspreche, bricht seinen dem Reiche geleisteten Eid und macht sich des mil. Ungehorsams schuldig. Seeckt fordert dann die 7. Div. auf, ihrem dem Reich geleisteten Eid treuzubleiben und sich seinen Befehlen bedingungslos zu fügen. Der Reichstreue aller anderen Teile des Heeres hält sich Seeckt für vergewissert. […] Anschließend wird der Presse verboten, über den Konflikt mit Bayern zu berichten. […] Gleichzeitig verbietet Seeckt jeglichen dienstlichen Verkehr mit der 7. Div. […] Am 22. 10. hat Lossow eine längere Aussprache mit Hitler, deren Inhalt […] nicht bekannt [!], sowie mit Oberst Seißer“ (BA-MA: NL v. Rabenau 40, Bl. 40–41).

[1190] Die bayerischen Offiziere des Ministeriums bleiben im Dienst.

23. 10. Tieschowitz und Hanneken berichten über nichteinheitliche Stimmung in München62. Auf Anregung Ernst Hasses (Breslau) erläßt Berendt63 in der Presse eine Loyalitätserklärung für Seeckt, DAZ Nr. 493, im Namen der Kommandeure der 1.–6. Div. und 1.–3. K.D. Hasse64 meint, diese Erklärung sei nötig, um Seeckts Position zu stützen, da die ihm wohlgesinnten Kreise anfangen ungeduldig zu werden.

62

Generalmajor Hans Tieschowitz von Tischowa war Kommandant der Infanterieschule in München; Hauptmann Hermann v. Hanneken gehörte dem Stab des Infanterieführers der 7. Division an.

63

Ernst v. Hasse war als Generalleutnant Kommandeur der 2. Kavalleriedivision (Schlesien); General Hans v. Berendt befehligte das Gruppenkommando 1.

64

Hier ist der Chef des Truppenamts im RWeMin. gemeint.

Seeckt unterrichtet Ebert, daß sich die Nationalen, auf ihn hörenden Kreise nur noch wenige Tage halten lassen. Infolge des Vorgehens gegen Bayern und beeinflußt durch die Presse, stellt man sich vielfach gegen Seeckt. Hasse meint, es würde vielleicht doch noch zu einem Direktorium kommen mit Seeckt als Kanzler oder Reichswehrminister und Inhaber der vollziehenden Gewalt. Letztere Lösung zieht Hasse vor, da es wichtig sei, Seeckt bei seiner diffizilen Person von Soldaten weiter betreuen zu lassen. Auch sei nach außen der Zivilkanzler besser. Es fehle aber eine als Kanzler geeignete Persönlichkeit, da der allein in Betracht kommende Wiedfeldt als Botschafter in Washington nicht sofort verfügbar sei65. Seeckt müsse unverzüglich zur Tat kommen, wenn er nicht wolle, daß die nationalen Kreise sich gegen ihn wenden. Hasse gründet diese Ansicht auf Meinungen aus den Wehrkreisen. Noch mehr als bisher könne man Seeckt nicht zureden.

65

Wiedfeldt hatte Anfang Oktober in Berlin Gespräche wegen des deutsch-amerikanischen Handelsvertrags geführt und war in dieser Zeit auch zu einer Unterredung mit Minoux und Seeckt zusammengetroffen.

W.K.K. IV will die kommunistischen sächsischen Minister festnehmen.

24. 10. Kommunistische Unruhen in Hamburg mit erheblichen blutigen Verlusten der Polizei. Einige Kriegsschiffe laufen in Hamburg ein.

Die Frage der Absetzung der sächsischen Regierung ist noch ungeregelt. Auch sind die kommunistischen Minister noch nicht verhaftet. Die Presse behauptet auf Veranlassung der Minister66 Zeigner (Sollmann). Die in Sachsen eingerückten Truppen sollen in Bayern verwandt werden.

66

Mit Bleistift korrigiert in: „des Ministerpräsidenten“.

Die bayerische Regierung deckt Lossows Funkspruch nicht67. Also keine einheitliche Stimmung in Bayern. Seeckt erklärt Stresemann, daß es so nicht weiterginge68. Stresemann habe eingesehen, daß Seeckt ihn selbst hiermit gemeint habe. Seeckt habe hierauf Stresemann angeboten69, die Regierung selbst in die Hand zu nehmen. Er denke sie sich mit Minoux, Geßler und[1191] Hendrich70, sowie Stegerwald als Vizekanzler71. Hasse soll Wiedfeldt72 sondieren, ob er bereit sei, das Auswärtige Amt zu übernehmen, doch lehnt dieser ab. Auch mit Minoux, der aus Partenkirchen herbeigeholt wird, kommt es zu keiner Einigung, nachdem in einer längeren Unterredung Seeckt festgestellt hat, daß auch dieser ganz im bayerischen Fahrwasser segele73.

67

Zum Funkspruch Lossows s. Schultheß 1923, S. 201; Dok. Nr. 174.

68

Der Terminkalender weist aus, daß Seeckt am 24.10.23 um 12 Uhr mit Stresemann sprach; für 12.30 Uhr war eine Unterredung des RK mit dem RPräs. eingetragen worden (BA: NL von Stockhausen  15).

69

Mit Bleistift korrigiert aus: „angewiesen“.

70

Gemeint sein dürfte der Siemens-Generaldirektor Henrich.

71

Adam Stegerwald war Vorsitzender der Christlichen Gewerkschaften.

72

Mit Bleistift korrigiert aus „Winterfeld“.

73

Auf diese Unterredung mit Minoux bezieht sich wahrscheinlich die Mitteilung in den Erinnerungen des Seeckt-Adjutanten v. Selchow, der Chef der Heeresleitung habe „einen Generaldirektor von Stinnes nach zweistündiger Aussprache, ‚weil er nur schäumenden Wein, und nicht einen Tropfen Wasser untermischt hat‘“, entlassen (BA-MA: NL von Rabenau  11, Bl. 27).

25. 10. Preger berichtet aus München, Bayern erstrebe keine Loslösung vom Reich, sondern nur größere Selbständigkeit bei den Finanzen, keine Änderung der mil. Unterstellung. Hergt erklärt Seeckt, die Deutschnationalen würden nicht in eine Regierung Stresemann eintreten, doch lasse sich das ins Wanken geratene Vertrauen zu Seeckt wiederherstellen.

26. 10. Geßler verlangt ultimativ vom Reichskabinett die Absetzung der sächsischen Regierung.

Seeckt ist jetzt bereit, selbst ein Kabinett zu bilden74. Hasse ist immer noch für Wiedfeldt. Man solle bis zu dessen Eintreffen Seeckt zum Vizekanzler ernennen und mit der vorläufigen Kabinettsbildung betrauen. Rußland wird gegen ein rechtsradikales Deutschland sich stellen.

74

Zu Seeckts politischen Vorstellungen s. Anhang Nr. 2 und 3.

27. 10. Das Reichskabinett beschließt eine Anfrage an Bayern, ob es bereit sei, die Militärhoheit des Reichs anzuerkennen, damit es nicht zum offiziellen Bruch kommt, da dann Stresemann nicht zurücktreten könne75.

75

S. hierzu Dok. Nr. 186, wo jedoch eine derart weitreichende Haltung aus dem Protokoll nicht zu ersehen ist.

Stresemann hebt die sächsische Regierung laut Kabinettsbeschluß auf und setzt den früheren76 Reichsjustizminister Heinze als Regierungskommissar ein.

76

Mit Bleistift korrigiert aus „fraglichen“.

Das W.K.K. IV hat gefangengesetzte politische Beamte wieder freigelassen, was nicht im Sinne Seeckts ist.

Stülpnagel drängt Seeckt beim Vortrag zum aktiven Vorgehen in der Regierungsfrage. „Eine Rechtsrevolution wird sonst über uns hinwegfegen.“ Der sächsische Landtag wird durch W.K.K. IV vertagt. Reinhardt und Seeckt „freunden sich an“77.

77

Zu dem gespannten Verhältnis zwischen Seeckt und General Reinhardt s. die Einleitung zu „Das Kabinett Müller I“, S. XIX f. Vgl. aber auch u. unter dem 19.11.23.

30. 10. Stresemann gibt Sachsen gegenüber nach, wo eine neue sozialdemokratische Regierung ohne Kommunisten gebildet wird. Scharfe sozialdemokratische Angriffe im Vorwärts gegen den Reichswehrminister, der den Vorwärts verbieten möchte, was jedoch schließlich auf Veranlassung Eberts unterbleibt. Es besteht die Möglichkeit eines militärischen Konflikts mit der Regierung,[1192] falls Stresemann die Zurücknahme der bisherigen mil. Maßnahmen in Sachsen fordern sollte78.

78

Im Abschnitt „Sachsen“ der Lieber-Aufzeichnungen ist notiert: „Gen. Müller berichtet am 30. Seeckt persönlich […] Müller sagt, er habe es sich zur Pflicht gemacht, alles zu vermeiden, was die Reichswehr in Konflikt mit der Landesverfassung und dem Landtag bringen könne. Er sagt weiter, er habe sein Abschiedsgesuch für den Fall bereitgehalten, daß die Reichsregierung nicht gegen Zeigner eingeschritten wäre. – Am 31. 10. wird in Sachsen eine neue wiederum sozialdemokratische Regierung, allerdings ohne Kommunisten, gebildet, womit die Tätigkeit Heinzes schnell ihr Ende erreicht. Um die Monatswende Oktober–November ist die Aktion der Wehrmacht in Sachsen noch im vollen Gange“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 43).

Aus Nordbayern kommt die Nachricht vom Aufmarsch illegaler Freikorps an der thüringischen Grenze, auf sie habe weder die bayerische Regierung noch das W.K.K. VII irgendwelchen Einfluß.

Möhl will mit Bayern vermitteln79.

79

General Arnold Ritter von Möhl war Kommandeur des Gruppenkommandos 2, dem die 7. Division unterstand.

31. 10. Wegen des neuen Kurses der Reichsregierung in Sachsen hat Gen. Müller sein Abschiedsgesuch eingereicht80. Hasse meint, Stresemann müsse fort, sonst komme die Reichswehr zwischen zwei Revolutionen. Geßler will aus dem Kabinett ausscheiden, was dessen Fall zur Folge haben dürfte. Der Landbund (Kriegsheim) droht mit Vormarsch der Verbände auf Thüringen aus Bayern, worauf ihm eröffnet wird, es würde dann auf die Freikorps geschossen werden81. Sollte Seeckt zur Regierung kommen, so müsse die Frage der illegalen Verbände sofort geregelt werden. Auch glaubt Hasse, daß Bayern sich unter Opferung Lossows fügen werde.

80

Das Abschiedsgesuch kann nicht angenommen worden sein, da Müller bis zu seinem Tod bei einer Artillerieübung im Jahr 1927 an der Spitze der 4. Division stand.

81

Bezeichnend für diese Situation erscheint der Inhalt eines Schreibens, das vom Mecklenburg-Strelitzer Landbund an Seeckt am 30.10.23 gerichtet und von diesem am 31.10.23 abgezeichnet worden ist. Darin wurde Seeckt aufgefordert, nach der Reorganisation der Reichswehr, die „gleichwertig“ an der Stelle des alten Heeres stehe, „noch größeres“ zu leisten. „Mit zahlreichen Deutschen aller Gaue wissen wir, daß Euer Exzellenz der Mann sind, uns aus Not und Elend zu führen, sobald Euer Exzellenz die Zeit für gekommen erachten. Das Schwert wird gutmachen, was die Feder verdorben hat. – Ein schwerer Kummer verdunkelt noch unsere Hoffnungen: der Streit mit Bayern! – Wir bitten dringend, alle Kraft dafür einzusetzen, daß dieser verhängnisvolle Zwist zu einem guten Ende geführt wird, damit die Reichseinheit erhalten bleibt. – Vereinigung von Seeckt und Kahr, das ist der glühendste Wunsch aller deutschen Patrioten!“ (BA-MA: NL von Seeckt  179, Bl. 85).

[…]

1. 11. Seeckt ist bedenklich, wegen des Ehrhardt-Unternehmens in Nordbayern. Er glaubt, daß die gesamte Lage durch die Bildung einer nationalen Regierung ohne Sozialdemokraten sich von selbst regeln wird. Er will baldige Operation gegen Thüringen als besten Gegenschutz gegen die Absichten der Ehrhardt-Leute entsprechend einem Vorschlag Reinhardts.

3. 11. Preger bringt die „unrichtige Nachricht“, Bayern wolle auch mit der 7. Div. angreifen, falls nicht innerhalb 48 Stunden eine nationale Regierung gebildet sei82. Ebert verlangt darauf sofortigen Aufmarsch gegen Bayern, was Seeckt ablehnt, weil „wir nicht dazu in der Lage seien, sowohl nach Zahl wie Stimmung unserer Truppen.“ Letzteres hat zu einem sehr bedauerlichen[1193] Zwiespalt zwischen Seeckt und Ebert geführt. Die Folgen würden schwerwiegend sein. Geßler stehe mit seinen Sympathien auf Seiten des Präsidenten. Dies ist der Anlaß, weshalb Seeckt in der am Nachmittag stattfindenden Befehlshaberbesprechung so ungehalten ist, in der er dies Zerwürfnis naturgemäß nicht schildern kann. Siehe hierzu die Mitteilung von Tschischwitz und die nicht ganz zutreffende Schlußfolgerung daraus83.

82

S. dazu auch Dok. Nr. 217.

83

Die genannte Mitteilung wurde nicht ermittelt. Generalleutnant Erich von Tschischwitz war Kommandeur der 2. Division in Stettin.

Mit dem Aufmarsch gegen Thüringen ist Ebert einverstanden. Ebert will nun zur Verstärkung der Truppe einen Aufruf erlassen, durch den er insbesondere die Linksleute gewinnen will.

Seißer ist bei Seeckt und stellt den Aufmarsch in Nordbayern als harmlos hin, es stehe bayerische thüringischer Polizei gegenüber, dahinter etwa 1000 Mann Ehrhardt-Leute84.

84

Zu Seißers Reise nach Berlin s. E. Deuerlein, Der Hitlerputsch, Dok. Nr. 79.

6. 11. Beginn der Operation gegen Thüringen unter Führung von Paul Hasse85. Gotha besetzt. Der thüringische Ministerpräsident ist bei Geßler, um sich wegen dieses Vorgehens über Reinhardt zu beschweren. Er erhält vom Minister eine schriftliche Erklärung, daß die Truppen dazu bestimmt seien, nötigenfalls über die Grenze dringende nordbayerische Banden abzuwehren. Vorher müßten natürlich die unsicheren Elemente und die proletarischen Hundertschaften im Rücken der Truppe beseitigt werden86.

85

Generalleutnant Paul Hasse war Kommandeur der 3. Kavalleriedivision in Kassel. Über die politische Lage in Thüringen hat am 6. 11. die dortige Abteilung der Reichszentrale für Heimatdienst aus Erfurt mitgeteilt, zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten beständen ernste Konflikte. „Was die allgemeine Stimmung in Thüringen anbetrifft, so muß festgestellt werden, daß in der Arbeiterschaft sowie auch in weiten bürgerlichen Kreisen starke Beunruhigung durch die Nachrichten aus Bayern besteht. Man befürchtet ernstlich von dort aus Angriffe. – Bis jetzt ist es im Bezirke der Landesabteilung Thüringen gegenüber anderen Teilen Deutschlands verhältnismäßig ruhig, doch gleicht diese Ruhe sehr der vor einem Gewitter. Diese Stimmung ist weniger auf politische als wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen. Der Kampf dreht sich hier nicht mehr um politische Fragen, sondern um das tägliche Brot“ (R 43 I/2314, Bl. 177–179).

86

S. dazu Anm. 1 zu Thür.StMin. an RK, 8.11.23 (Dok. Nr. 230). In einem Schreiben an MinPräs. Frölich führte der RWeM am 6.11.23 aus: „Der Auftrag des General Reinhardt lautet dahin, Thüringen auch gegen jeden Einfall von Banden von auswärts zu schützen, […]. Ich bin der Überzeugung, daß Schutzpolizei und Reichswehr zu dieser Aufgabe völlig genügen, daß daneben aber bewaffnete Organisationen unmöglich sind, weil sie eine Gefahr für die Bevölkerung und die Truppe bilden. Ich wäre dankbar, wenn dem General Reinhardt, bzw. dem örtlichen Truppenkommandeur, General Hasse, jede Unterstützung zur Lösung seiner Aufgabe geleistet würde“ („Der militärische Ausnahmezustand in Thüringen“; R 43 I/2314, Bl. 234).

Frölich will darauf die Kommunisten aus seiner Regierung entfernen, wozu er Material vom Reichswehrministerium haben will.

7. 11. Hasse87 muß Ebert beruhigen. Dieser glaubt sich überall88 übergangen und verlangt Einsatz der in Thüringen einrückenden Truppen in Bayern. Hasse macht ihm dieselben Ausführungen wie gestern dem thüringischen Präsidenten, worauf Ebert sich beruhigt. Vorher hat Hasse mit Geßler über den gleichen Punkt eine scharfe Auseinandersetzung gehabt.

87

Gemeint ist Generalmajor Otto Hasse, der Chef des Truppenamts.

88

Mit Bleistift gestrichen.

[1194] 9. 11. Zu den Vorgängen in München bemerkt Hasse: „Die vielfach umlaufenden Redereien von einem neuen bedeutungsvollen 9. Nov. sind wahr geworden.“ Er gibt dann die Vorgänge in der Nacht vom 8. zum 9. wieder, sowie, daß in der Berliner nächtlichen Kabinettssitzung die vollziehende Gewalt mit unbeschränkten Vollmachten an den Oberbefehlshaber Seeckt übergeht, der gesamte Verkehr nach Bayern gesperrt wird89. Er ist über dieses Ende Ludendorffs aufs tiefste bekümmert90. Die gesamte Lage hat sich durch die Münchener Vorgänge günstig entwickelt. Seeckt hat die nötigen Vollmachten und gedenkt sie auch auszunutzen91. Die Differenz mit W.K.K. VII und Bayern könne nunmehr beseitigt werden. Stresemann müsse zunächst bleiben, da man ihn nicht unter bayerischem Druck beseitigen könne92.

89

S. auch Dok. Nr. 232.

90

Der Adjutant Seeckts, v. Selchow, kommentierte das Scheitern des Hitler-Putsches in seinem Tagebuch am 9.11.23: „Es ist scharf geschossen worden. Es hat Tote und Verwundete gegeben. Hitler und Ludendorff sind festgesetzt. Ist das nicht Tragik, daß ein General Ludendorff von Feldgrauen festgesetzt werden muß? Ist es nicht ein Jammer um soviel verpuffte nationale Kraft“ (BA-MA: NL von Rabenau  11, Bl. 16 f.).

91

In der „Lieber-Aufzeichnungen“ wird im Abschnitt „Bayern“ auf einen Befehl des Wehrkreiskommandos vom 9.11.23 hingewiesen, „Seeckt habe die Diktatur auf gesetzlichem Wege im Reich übernommen, nur seine Befehle gelten“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 57).

92

Zu den Aktionen der Offiziere im RWeMin. gegenüber Stresemann s. u. unter „Innenpolitisches“.

10. 11. Geßler ist in der Behandlung Bayerns zum Teil anderer Ansicht als Seeckt. Er will sich nicht mit Bayern einigen, verurteilt Kahr und Lossow. Geßler besitzt offenbar Material, daß beider Ziel das gleiche gewesen sei, wie das Hitlers und Ludendorffs und daß nur eine Rivalität der Führer zum Kampf in München geführt habe93. Hasse hält dagegen eine baldige Beseitigung des Konflikts mit Bayern für erforderlich mit Rücksicht auf die vielfach bayernfreundliche Stimmung in Norddeutschland, doch darf man sich von Bayern nichts vorschreiben lassen. Kahr hat Seeckt telegrafisch für die angebotene Hilfe gedankt, die aber nicht ihm, sondern Lossow zur Verfügung stand94. Kahr macht eine Einigung von der Errichtung einer ihm zusagenden95 nationalen Diktatur abhängig. Hieran müsse vielleicht das Einlenken scheitern. Ludendorff befinde sich in einer Art Ehrenhaft.

93

In den „Lieber-Aufzeichnungen“ wird auf Lossows Aussage während des Hitler-Prozesses 1923 verwiesen: „Es geht daraus hervor, daß Lossow von Berlin aus über die Bestrebungen, ein Direktorium zu bilden, unterrichtet war. Es sollte rechtsgerichtet, national und mit diktatorischer Vollmacht ausgestattet sein, mit einem Mann an der Spitze, der im In- und Ausland Geltung habe. Bildung nach § 48 der Reichsverfassung. Lossow nennt auch einige hierfür in Frage kommende Persönlichkeiten wie Wiedfeldt, Minoux u. a. Um ein solches Direktorium im Reich herbeizuführen, sei er mit Kahr in der bekannten Weise in Bayern vorgegangen“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 57).

94

Im Abschnitt „Persönliches“ wird unter dem 9.11.23 in den „Lieber-Aufzeichnungen“ mitgeteilt: „Reinhardt beantragt über Möhl, Lossow wieder den Befehl über die 7. Div. von Reichswegen zu übertragen wegen seines Verhaltens beim Münchener Putsch“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 64).

95

Mit Bleistift korrigiert aus: „zustehenden“.

11. 11. Unklarheit in Bayern. Man wird möglicherweise Truppen hinschicken müssen zur Unterstützung von W.K.K. VII. Auflösung der Inf.[1195] Schule96. Seeckt hat bei Stresemann und Ebert beanstandet, daß Stresemann in Sachen Mil. Hoheit Bayern Zugeständnisse gemacht hat. Ebert mit Seeckt einverstanden.

96

Über das Verhalten der Offiziere und Fähnriche der Infanterieschule in München am 8./9. 23 geben die „Lieber-Aufzeichnungen“ unter der Rubrik „Persönliches“ mit dem Datum 12. 12. den Inhalt eines Erlasses Seeckts wieder: „Er erklärt, der ungeheuerliche Vorgang, daß einige Leutnants und Fähnriche es versucht hätten, im Namen des Gen. Ludendorff gegebene Befehle zu befolgen, stelle dem inneren Wert der Schulzucht ein hartes Zeugnis aus. Er zwingt ihn, das gesamte Stammoffizierkorps anderweit zu verwenden, soweit die einzelnen überhaupt im Dienst belassen werden könnten. Wir Kommandeure haben noch nicht verstanden, unsere jungen Offiziere und unseren Offiziersnachwuchs auch nur in den elementarsten Grundsätzen der Disziplin zu unterweisen. Während die 7. Div. felsenfest hinter ihrem Führer stand, obgleich sie der Verführung ausgesetzt war, zerflatterte wie Spreu im Winde die Treue der Inf.-Schule. Das Verhalten der Inf.-Schule am 8./9. 11. ist ein Fleck auf die Ehre der jungen Armee“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 64). Das Verhalten Seeckts gegenüber der Infanterieschule hat auch v. Selchow, der ehem. Adjutant des Chefs der Heeresleitung, in seinen Erinnerungen behandelt: „Daß die Inf.Schule in München am 9. Nov. 1923 gemeutert hatte, stand beim General fest. Er verlangte denn auch – und setzte es gegen erheblichen Bayrischen und Regierungswiderstand durch, daß die Inf.Schule von München fortgelegt wurde. Sie kam auf den Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen, wo natürlich erst Unterkunft für die Fähnriche und den Lehrapparat geschaffen werden mußte. – Endlich war es so weit und der Chef der Heeresleitung fuhr dienstlich nach Ohrdruf. Dort war die gesamte Inf.Schule in der Reitbahn angetreten. Unter ‚Stillgestanden‘ beschäftigte sich Seeckt in einer sicher 20 Minuten langen Ansprache mit den Münchener Vorgängen, sprach von Disziplinlosigkeit, Ungehorsam, stellte ihnen preußische Art entgegen und ließ erst nach Schluß der Ansprache rühren. Dann machte er kurz kehrt, sprach mit keinem Mann ein Wort, setzte sich in sein wartendes Auto und fuhr zur Bahnstation. – Nur unterwegs schüttelte sich mein General und sagte brummend etwas vor sich hin: Wenig schöne Geschichte, scheußlich gewesen. Wenn unser junger Nachwuchs nicht dabeigewesen wäre, könnte man verzweifeln. Aber Gehorsam und Disziplin gilt vor allem“ (BA-MA: NL von Rabenau 11, Bl. 21).

12. 11. Kahr und Lossow werden in bayerischer Öffentlichkeit angefeindet. In Thüringen treten die kommunistischen Minister zurück. W.K.K. IV erhält die Weisung, die sächsische Polizei zu sanieren, damit Truppen alsbald fortgezogen werden können97.

97

Bereits am 3. 11. hatte General Müller den sächs. Polizeioberst Schützinger vom Dienst suspendiert, da wegen dessen Einstellung eine reibungslose Zusammenarbeit nicht zu erwarten sei. Am 6. und 20.11.23 wurden weitere Polizeiangehörige und Regierungskommissare des Dienstes enthoben. Dazu teilte General Müller der Staatspolizeiverwaltung am 20. 11. u. a. mit, daß er den Auftrag für die Aufstellung von Hilfspolizei erhalten habe. Zur Sanierung der sächsischen Polizei sei die Sicherstellung ihrer überparteilichen Haltung erforderlich. „Die Herbeiführung der Überparteilichkeit kann nur gelingen, wenn alle Führer die Gewähr bieten, daß sie selbst unter Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit jeden Parteieinfluß ausschließen und in ihrem Befehlsbereich verhindern.“ Dagegen erhob das sächs. Innenministerium am 26.11.23 Protest, daß es sich bei den Entlassenen mit einer Ausnahme um Angehörige der SPD gehandelt habe, gegen die bisher kein Anlaß zur Beanstandung ihrer Diensttätigkeit vorgelegen habe. Gegen Beamte anderer Parteien sei nicht vorgegangen worden. Am 17. und 19.11.23 protestierte die sächs. Regierung außerdem gegen die Einrichtung der Hilfspolizei, da dies mit der Verordnung des RPräs. über den militärischen Ausnahmezustand nicht in Übereinstimmung zu bringen sei. Am 19.11.23 teilte das Wehrkreiskommando IV dem sächs. FinMin. mit, auf Befehl des RWeMin. solle in Sachsen in Anlehnung an Teile der Staatspolizei eine Hilfspolizei aufgestellt werden. In Dresden würden für 400 Mann Unterkünfte benötigt, und dafür würden die Räume der Forsteinrichtungsanstalt vorgeschlagen. Am 24. 11. wies der sächs. FM Heldt mit Verweis auf die ablehnende Haltung der sächs. Regierung gegenüber dieser Hilfspolizei die Raumforderung zurück. General Müller beschlagnahmte darauf das beanspruchte Quartier (R 43 I/2309, Bl. 365–374).

13. 11. Versuch Möhls mit Lossow zu vermitteln. Doch hat er wenig erreicht.

[1196] 16. 11. Seeckt verlangt trotz dieser Vermittlung von Lossow bedingungslose Unterordnung, also nicht die Bedingung, daß Stresemann zurücktreten müsse. Seeckt macht in der Antwort an Möhl Lossow erneut der Vorwurf der Disziplinzerstörung, der Erzeugung unerträglicher Rechtsunsicherheit durch Begünstigung von Ludendorff, Ehrhardt und Roßbach. […]

19. 11. Reinhardt beschwert sich, daß die vollziehende Gewalt in Thüringen der 3. K.D. übertragen ist. Hasse glaubt, Reinhardt sei deshalb pikiert, weil er nunmehr durch Vorgehen gegen Links sich in den Rechtskreisen nicht rehabilitieren könne. […]

In Berlin wird die Frage der Einsetzung eines Regierungskommissars in Thüringen erwogen, da die zurückgetretene Regierung nicht gut dessen Funktionen übernehmen kann. Im Tagebuch [Hasses] tritt in den nächsten Tagen die bayerische Frage völlig in den Hintergrund. Die Hauptangelegenheit in dieser Zeit war die Neubildung der Reichsregierung.

26. 11. Leeb wird für Berchem Chef W.K.K. VII98, doch will letzterer zunächst noch politischer Berater bei Kahr bleiben, was abgelehnt wird.

98

Oberstleutnant Wilhelm Ritter von Leeb war Stabschef der 2. Division in Stettin; Oberstleutnant Freiherr von Berchem gehörte in gleicher Funktion zur 7. Division.

[…]

Innenpolitisches.

Im Mittelpunkt der Erörterungen und Erwägungen steht die Neubildung der Regierung. Stresemann hat nicht nur das Vertrauen der Wehrmacht verloren (Sachsen), sondern auch seine Stellung beim Reichspräsidenten. Sein Rücktritt ist daher nur eine Frage von Tagen. Allerdings auch abhängig von seiner Gewandtheit, den Reichstag zu behandeln. Vielerseits, insbesondere auch beim Reichspräsidenten wird die Bildung eines kleinen Kabinetts mit Seeckt ernstlich erörtert. Man findet nur hierfür, wie bisher, keine zum Kanzler geeignete Persönlichkeit. Als dann nach mißlungenen Versuchen mehrerer anderer das Kabinett Marx zustande kommt, ist man im Ministerium doch stark betroffen. Vor allem wohl auch darüber, daß sich Seeckt versagt habe. Um vielleicht nicht als Kanzler aber doch wenigstens in einer leitenden Stellung unter Beibehalt der vollziehenden Gewalt an der Regierung sich zu beteiligen. Man gewinnt aus Hasse den Eindruck, daß in den entscheidenden Stunden ein Personalzerwürfnis zwischen Ebert und Seeckt vorgelegen hat, das eine Aussprache verhinderte. Ferner auch, daß Seeckt nach seinen Erfahrungen in den letzten Wochen wohl davor zurückschreckte, mit Politikern zusammenzuarbeiten und die vollziehende Gewalt irgendwelchem parlamentarischen Einfluß zu unterziehen.

1. 11. Seeckt tritt für baldige Bildung einer nationalen Regierung ohne Sozialdemokraten ein und will hierfür durch Schleicher auch Groener gewinnen99. Geßler ist wegen der Lage sehr niedergeschlagen. Groener stellt sich den Gedanken Seeckts zwar zur Verfügung, glaubt aber, daß man Ebert nicht gewinnen[1197] könne, falls man die Sozialdemokratie ausscheiden wolle. Letztere scheidet am 2. aus der Reichsregierung aus, so daß die Umbildung des Kabinetts Stresemann akut geworden ist.

99

Zu Groeners Bestreben, Hindenburg in dieser Phase für polit. Handlungen zu gewinnen, s. R. Phelps, Aus den Groener Dokumenten, III: Bayern und Reich, in: Deutsche Rundschau Nr. 9, S. 735 ff.

Am 2. 11. hält Hasse die […] Ansprache an die Offiziere des Ministeriums, in der er Vertrauen zu Seeckts Führung fordert […].

3. 11. Seeckt versucht zu flicken und hofft auf Mitgehen der Deutschnationalen und der Landwirtschaft, was jedoch zweifelhaft ist. Geßler solle jedenfalls bleiben.

4. 11. Geßler ist sehr unglücklich über den Ausgang der gestrigen Unterredung Ebert-Seeckt […] wegen Bayern. Geßler glaubt, Seeckt hätte nicht so klar seine Ansicht sagen dürfen, daß Truppen gegen die 7. Div. nicht eingesetzt werden dürften. Andererseits hat sich Ebert heute zu Seeckts Auffassung hierüber bekannt und stimmt ihm auch bei zu Seeckts Ausführungen bezüglich der politischen Leitung des Reiches. Auch er hält ein Kabinett Stresemann nicht mehr für möglich. Seeckt als Kanzler hält Ebert zwar für möglich, aber mit Rücksicht auf die Außenpolitik nicht für erwünscht. Auch möchte er Seeckt nicht als Führer des Heeres entbehren, da ein geeigneter Nachfolger fehle. Er beauftragt Seeckt, bei Wiedfeldt in Washington anzufragen, ob er Kanzler werden wolle100. Ebert hat Geßler erklärt, er erstrebe zwar legale Wege zur Gesundung Deutschlands, er wird sich aber nicht besinnen, sich auf andere Weise für die Rettung Deutschlands einzusetzen, wenn die Verfassung oder Deutschlands Zukunft auf dem Spiele stehe101.

100

S. Anhang Nr. 5.

101

Seeckt hat an diesem Tag einen Aufruf an die Reichswehr erlassen: „In diesen Tagen schwerster Not unseres Vaterlandes sind die Augen weiter Volkskreise auf die Reichswehr gerichtet. Freund und Feind beschäftigen sich gespannt mit der Frage, ob die Wehrmacht die jetzige Probe bestehen wird als unbedingt zuverlässiges Instrument in der Hand ihrer Führer. Nur harte nüchterne Arbeit gibt uns die Möglichkeit zum Weiterleben. Diese können wir aber nur auf dem Boden von Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der Bürgerkrieg ein. Die Ehre des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern im Gehorsam. Seeckt warnt dann vor denen, die Zwietracht in die Reihen der Reichswehr zu tragen versuchen, und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten säen. Eine, in sich einige und gehorsame Reichswehr ist unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate. Eine Reichswehr, in die der Spaltpilz der Politik gedrungen ist, wird in der Stunde der Gefahr zerbrechen“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 63; Ursachen und Folgen V, Dok. Nr. 1160).

5. 11. Schleicher erklärt Stresemann, er habe durch die Behandlung der sächsischen Frage das Vertrauen der Truppe verloren102. Seeckt hat ferner[1198] einem Beauftragten Stresemanns erklärt, daß er dem Kanzler die Fähigkeit absprechen müsse, die verfahrene Regierungskarre aus dem Dreck zu fahren. Stresemann besitze kein Vertrauen mehr. Stresemann ruft darauf nachts um ½ 3 Uhr bei Ebert an, um ihm mitzuteilen, Seeckt habe die Forderung seines sofortigen Rücktritts gestellt. Darauf sind Seeckt und Geßler bei Stresemann, um diese Ansicht richtigzustellen103. Alle Vorgänge sind nun an demselben Tage bereits in der Fraktion der Deutschen Volkspartei bekannt104. Kardorff erklärt dort, wenn Seeckt tatsächlich diese Äußerung getan hat, dann müsse Stresemann sich fragen, ob er noch bleiben dürfe. Lersner ist von Seeckt ermächtigt zu erklären, was er Stresemann mitgeteilt habe. Stresemann erklärt dann in der Sitzung, Seeckt habe ihm als seine politische Auffassung erklärt, die erste Aufgabe sei, die Rechtsradikalen abzufangen. Dies könne unblutig geschehen, wenn ein Kabinett auf anderer Basis gebildet würde. Seeckt hat aber bestätigt, daß diese Auffassung des Chefs der Heeresleitung nichts mit der Stellung der Reichswehr zu tun habe und auf seinen Tagesbefehl verwiesen […]105. Man sieht hieraus, welchen Einfluß Seeckts Persönlichkeit auf die Kabinettsbildung bereits ausübt. Er führt aber zu einer erheblichen Verschärfung des Gegensatzes Stresemann-Seeckt.

102

Zu der Diskussion innerhalb der DVP um das Eingreifen Stresemanns in die Tätigkeit Heinzes als RegKom. s. Anm. 3 zu Dok. Nr. 206. Zum Verhalten Schleichers in dieser Frage s. Anm. 2 zu Dok. Nr. 251. Im Zusammenhang mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen in der sächs. Angelegenheit ließ Stresemann durch seinen Sekretär H. Bernhard dem sächs. LT-Abg. der DVP Rudolf Schneider am 5.12.23 eine Niederschrift über die Entwicklung der Dinge zusenden. „Sie werden gebeten, diese Darstellung als Unterlage zu benutzen und namentlich allen Auffassungen entschieden entgegen zu treten, die auf die Behauptung hinauslaufen, daß der Reichskommissar Dr. Heinze in seiner Tätigkeit durch eine ‚falsche Einstellung des Reichskanzlers Dr. Stresemann, der ihm nicht die nötigen Vollmachten gegeben habe und ihn in dem entscheidenden Augenblicke in die Arme gefallen sei‘, behindert wurde. – Außerdem darf ich annehmen, daß auch Ihnen die Äußerung schon zu Ohren gekommen ist, daß ein Teil der Schuld an dem Mißerfolg der Aktion des Reichskommissars Dr. Heinze auf die ‚linkseingestellte Fraktion der Deutschen Volkspartei im sächsischen Landtage und ihrer Führung, vor allem Herrn Dr. Kaiser, Dresden‘ zuzumessen sei.“ Von der LT-Fraktion werde erwartet, daß sie sich mit dieser Frage beschäftige und das Ergebnis berichte. „Wie hier bekannt geworden ist, sind die von hier kurz skizzierten falschen Mitteilungen über die Entwicklung der Dinge anscheinend auch von militärischer Seite verbreitet worden. Herr Dr. Stresemann wird Veranlassung nehmen, hier sich Aufklärung zu verschaffen und für den Fall, daß die Mitteilungen sich bewahrheiten, wird er gegen die Verbreiter dieser Gerüchte auch entschieden vorgehen“ (Pol.Arch.: NL Stresemann  5).

103

Zu diesen Vorgängen hatte Oberstleutnant v. Selchow, Seeckts Adjutant, am 5.11.23 in seinem Tagebuch aufgezeichnet: „Stresemann verliert die Nerven. – Stresemanns Legationssekretär, Dr. Ehlers, war gestern hier, er kam abends, inoffiziell. Er bat Seeckt, ihm seine Ansicht über Bleiben und Nichtbleiben des Kanzlers zu sagen. Stresemann wisse von dieser Aussprache und hätte ihr zugestimmt! Welch absurde Idee! Seeckt sprach sich ungefähr dahingehend aus, daß er ein Bleiben nicht mehr für angebracht halte, da sich alle Rechtsparteien bis zu den Volksparteilern gegen den Kanzler ausgesprochen hätten! Die ganze Aussprache war eine rein private und auf die Frage von Ehlers, wie weit er davon Gebrauch machen könne, antwortete Seeckt, das könne er halten, wie er wolle, denn Stresemann wisse ja von der Aussprache und hätte ihn hergeschickt! – In der Nacht ruft Stresemann den R.P. Ebert an und teilte ihm mit, daß Seeckt soeben ihn angerufen habe, er habe innerhalb von 24 Stunden abzudanken oder es passiere etwas!! In dieser Zeit hat Seeckt geschlafen! – Ebert erklärte, daß er das nicht glauben könne, worauf Stresemann es nochmals wiederholt. – Was bezweckt Stresemann mit dieser Lügentaktik? Wieder versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen, und lädt diesmal die Schuld auf Seeckt, wohl um einen Keil in das gute Einvernehmen zwischen Ebert und Seeckt zu tragen! – Er versucht, die Reichswehr zu mißkreditieren (Putsch?) und Seeckts Stellung zu schwächen, um die seinige zu stärken. Schlimmes ist verhütet durch die ruhige Art Eberts. In einer sehr scharfen Auseinandersetzung zwischen Stresemann und Seeckt bei Ebert ist nun die Sache geklärt! – Wie klug von Seeckt, sich mit Ebert gut zu stehen! – Abends ist Lersner bei Seeckt und erzählt ihm von der Abendsitzung der DVP. In dieser hätte Stresemann erklärt, daß sogar Seeckt ihm sein Vertrauen ausgesprochen habe, an ein Gehen sei nicht zu denken“ (BA-MA: NL von Rabenau  11, Bl. 15 f.).

104

Bei dieser Aufzeichnung dürfte sich Lieber im wesentlichen auf „Vermächtnis I“, S. 198 f. gestützt haben. Vgl. hierzu außerdem ibid., S. 232 f.

105

Verweis auf „Vermächtnis I“, S. 199 f.

Hasse vermerkt 8. 11. Stresemanns Bestrebungen, Seeckt zu beseitigen, womit er allerdings kein Glück haben wird. Gen. v. Berendt hat darauf Seeckt erklärt, daß Reichswehr wird sich seine Beseitigung nicht gefallen lassen. Vielleicht[1199] beruhe diese Erklärung auf der Animosität mancher Generale gegen Reinhardt, die diesen nicht als Seeckts Nachfolger wünschen.

9. 11. vermerkt Hasse, Stresemann müsse zunächst bleiben, damit es nicht schiene, als würde er durch die Vorgänge in Bayern beseitigt106.

106

S. a. v. Seeckts Aufruf an die Reichswehr in: Schultheß 1923, S. 214.

10. 11. Für die Regierungsbildung wird die Preußenfrage wichtig. Seeckt bekämpft das sozialdemokratische Übergewicht in der Preußenregierung und bekämpft auch Severings Richtlinien für die Durchführung des Ausnahmezustandes mit der Forderung stärkerer Mitwirkung der zivilen Verwaltung. Geßler ist gegenteiliger Ansicht. Im Auftrage Eberts telegrafiert Seeckt an Wiedfeldt. Beide sind sich einig, daß Stresemann in irgendeiner Form beseitigt werden müsse. Hasse befürchtet dabei, einen starken Einfluß der Rechtskreise auf eine nationale Diktatur, ist aber trotzdem der Ansicht, daß Seeckt bei den Sozialdemokraten eine sehr gute Position habe.

Rückkehr des Kronprinzen. Man erörtert die Möglichkeit, daß in Schlesien die Rechtsleute ihn für ihre Zwecke alsbald mit Beschlag belegen könnten.

11. 11. Der Berliner Buchdrucker-Streik verhindert die Herstellung von Banknoten. Seeckt greift persönlich durch eine Verordnung ein, nachdem der Zivilkommissar beim W.K.K. III107 die vom letzteren beabsichtigte Verordnung nicht gegengezeichnet hat108. Seeckt hat auch Ebert auf diese Geld- und Ernährungsfrage aufmerksam gemacht. Er muß mit Verordnungen eingreifen, die wertbeständiges Geld schaffen und zwar soll dies von Provinzen und Gemeinden ausgegeben werden. Er ruft hiermit den Widerspruch des Finanzministers hervor. […] Der Finanzminister beschwert sich am 13. über diesen Erlaß Seeckts, wird aber von Ebert abgewiesen. Hasse glaubt, der Finanzminister habe, ähnlich wie Geßler in anderen Fällen, Seeckts Vorgehen als ein Übergehen seiner109 Person aufgefaßt.

107

Gemeint ist Polizeipräsident Richter in Berlin; vgl. Dok. Nr. 83, P. b.

108

S. Schultheß 1923, S. 216.

109

Mit Bleistift korrigiert aus: „ihrer“.

14. 11. Seeckt erläßt eine Verfügung über Volksspeisung und Schließung von Schlemmerlokalen110. Geßler wird als Kanzler genannt. Der Reichslandbund[1200] drängt Seeckt zum Handeln. In der Reichsdruckerei wird nach Seeckts Erlaß durchgegriffen111.

110

In dieser Verfügung vom 13.11.23, deren Richtigkeit von v. Schleicher gezeichnet wurde, war auf die allgemeine Notlage, insbesondere in der Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoff, verwiesen worden. Frauen und Kinder sollten im Winter in beheizbaren Räumen verköstigt und untergebracht werden. „Die Beschaffung von geeigneten Räumlichkeiten dürfte in vielen Fällen auf Schwierigkeiten stoßen und nicht ohne Anwendung von Zwangsmaßnahmen möglich sein. Ich ersuche die Herren Militärbefehlshaber, hierbei von folgendem Grundsatz auszugehen: Für Luxus, Schlemmerei und kostspielige Lustbarkeiten ist im Deutschland von heute kein Raum. Alle Gaststätten und Etablissements, die diesen Tendenzen dienen (sogen. Schlemmerlokale, Likörstuben, Tanzpaläste pp.), sind in erster Linie geeignet, ihre Räumlichkeiten und Kücheneinrichtungen der Fürsorge für die notleidende Bevölkerung, in Gestalt von Volksküchen, Volksspeiseanstalten, Wärmehallen, Übernachtungsräumen, zur Verfügung zu stellen.“ Den Inhaber dieser Unternehmungen sei die Möglichkeit zu geben, die entsprechende Umstellung mit eigenen Mitteln und Personal vorzunehmen, sonst seien die erforderlichen Räumlichkeiten zu beschlagnahmen. „Ich bitte, hier ganz energisch vorzugehen und erforderlichenfalls vor Härten nicht zurückzuschrecken. Die Erhaltung der Volksgesundheit ist lebenswichtig, die Erhaltung derartiger Betriebe aber nicht“ (R 43 I/2702, Bl. 5).

111

Zum Einsatz in der Reichsdruckerei gelangte die Technische Nothilfe vom 12.11.23 bis zum 15.11.23. Neben 196 Angehörigen der Reichsdruckerei, die sich nicht am Streik beteiligten, arbeiteten insgesamt 550 Angehörige der TeNo, von denen einige anschließend von der Reichsdruckerei übernommen wurden. „Es wurden vorzugsweise Banknoten, Rentengeld, Postfreimarken und einige amtliche Drucksachen hergestellt. – Bei der Vielseitigkeit des Reichsdruckereibetriebes war die Technische Nothilfe vor eine sehr schwierige Aufgabe gestellt worden. Trotzdem gelang es ihr mit Hilfe der hiesigen Beamtenschaft, den Betrieb aufrechtzuerhalten und die Leistungsfähigkeit von Stunde zu Stunde zu steigern. Die Zusammenarbeit der Nothelfer, die fleißig und willig sind, mit der Belegschaft und den Beamten der Reichsdruckerei ging ohne jede Reibung vonstatten. Neben der geleisteten wichtigen Arbeit ist der moralische Eindruck, den das Beispiel der Technischen Nothilfe auf die Streikenden machte und diese schon nach wenigen Tagen zur Wiederaufnahme der Arbeit veranlaßte, besonders hervorzuheben. Somit ist der baldige Zusammenbruch des Streiks in der Reichsdruckerei zu einem großen Teil der tatkräftigen Unterstützung durch die Technische Nothilfe zu verdanken“ (Direktion der Reichsdruckerei an die Hauptstelle der Technischen Nothilfe im Reichsinnenministerium, 17.11.23; R 43 I/722, Bl. 27). Für den Einsatz der TeNo dankten am 19.11.23 der Befehlshaber im WKK III, Generalleutnant v. Horn, und der RPM Höfle am 7.12.23 (R 43 I/721, Bl. 180 u. 181).

15. 11. Reichstagsauflösung? Man nimmt an, daß Ebert sie Stresemann nicht bewilligen wird. Es wird ein Kabinett Heinze mit Seeckt als Reichswehrminister genannt112.

112

Zur Stellung Heinzes in der DVP s. Vermächtnis I, S. 225.

16. 11. Scholz Reichskanzler? Stresemann hat seine Partei dadurch gewonnen, daß er sich als Außenminister für unentbehrlich erklärt hat. Schwierigkeiten der Rentenmark, von der 100 Millionen als Arbeitslosenunterstützung ins Rheinland gegeben werden mußten113.

113

S. Dok. Nr. 265.

17. 11. Wiedfeldt hat abgelehnt114. Ebert will nunmehr Albert als Kanzler115, wozu Seeckt Stellung nehmen muß. Ebert denkt dabei an Abbau des Ausnahmezustandes in Preußen, wo er nicht erforderlich sei. Damit sei Seeckts Stellung erschüttert, der im Gegenteil auf einen Abbau der Preußischen sozialdemokratischen Regierung abziele116.

114

S. Anhang Nr. 6.

115

Zur Vorbereitung der Bildung des neuen Kabinetts s. Einleitung zu „Die Kabinette Marx I/II“.

116

Im Abschnitt „Ausnahmezustand“ ist unter dem 12.11.23 in den Lieber-Aufzeichnungen angegeben: „Seeckt lehnt es Severing gegenüber ab, Richtlinien für die Handhabung des Ausnahmezustandes herauszugeben, dies geschieht erst Ende Dezember“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 58).

18. 11. Hierüber scharfe Auseinandersetzung Seeckt-Ebert, der den Ausnahmezustand nur für Sachsen, Thüringen und Ostpreußen bestehen lassen will. Er ist auch stark gegen Loßberg117 eingestellt. Seeckt hat ihm scharf widersprochen, ohne daß eine Einigung erzielt ist. Doch scheint es ihm gelungen zu sein, den Präsidenten zu überzeugen, daß er und Seeckt die entscheidenden Männer sind. Hasse und Seeckt „zerbrechen sich den Kopf nach einem anderen Mann, finden aber keinen118.“

117

General Friedrich von Loßberg war Befehlshaber im Wehrkreis VI, der den Raum von Hannover bis Münster umfaßte.

118

Vgl. hierzu auch den Auszug aus einem Brief Seeckts an seine Schwester, in: H. Meier-Welcker, Seeckt, S. 411.

[1201] Wegen dieser Auseinandersetzung sind Seeckt und Ebert die nächsten 10 Tage [!] kaum119 zusammengekommen.

119

Mit Bleistift korrigiert aus: „nicht“.

19. 11. Seeckt verhandelt mit Männern aus der Wirtschaft, deren Ansicht für seine Erlasse gehört wird. Geßler ist niedergedrückt über diese Lage und über Seeckt. Stresemann erreicht die Zustimmung seiner Partei und sagt in seiner Rede […] bezüglich Seeckts, er sei der Ansicht, daß ein mil. Befehl (V.B.) ausgeführt werden müsse, ganz abgesehen von dem Einzelfall, daß der V.B. gegen Seeckt eine wüste Hetze entfaltet habe.

20. 11. Seeckt ist mit Geßler bei Stresemann […]. Offenbar ist die von Stresemann im Reichstag [am 22. 11.] abgegebene Erklärung besprochen worden. Hasse vermerkt Strömung bei Ebert, die vollziehende Gewalt wieder Geßler zu geben. Seeckt sei aber so in den Vordergrund getreten, daß dies eine schwere Niederlage bedeuten würde, die ohne gewaltige Erschütterung nicht abgehen könne.

Die Rede Stresemanns im Reichstag wird von den Kommunisten verhindert120.

120

Zum Verhalten der Abgeordneten der KPD s. RT-Bd. 361, S. 12175  ff.

21. 11. Nachdem Albert abgelehnt hat, Kanzler zu werden, sagt Hasse, nunmehr müsse Seeckt Kanzler werden, obgleich dies „in vieler Richtung ungünstig wäre“. Stresemann will, um sich zu halten, sogar den gesamten Ausnahmezustand aufheben, doch hält Hasse dies für unmöglich, wenn Geßler und Seeckt festbleiben121.

121

Am folgenden Tag schrieb Seeckt seiner Frau: „Gestern hätten wir auch gar nichts voneinander gehabt, ich habe einen so besetzten Tag noch nicht gehabt als diesen Bußtag, wo keinerlei laufende Vorträge stattfanden, aber jeder mich frei glaubte. Ich weiß nicht, wie viel Menschen bei mir waren; jedenfalls um 9 Uhr nach dem Essen der letzte, zweimal mein Minister […]“ (BA-NA: NL von Seeckt  223, Bl. 144).

22. 11. Wegen des bevorstehenden Sturzes Stresemanns wird mit Seeckt dessen Nachfolge besprochen. Seeckt war heute wieder endlich beim Reichspräsidenten, hat sich mit ihm aber bezüglich seiner Stellung zu einer anderen Regierung nicht geeinigt122. Insbesondere hat Seeckt Eberts Wunsch abgelehnt,[1202] die vollziehende Gewalt wieder an einen parlamentarisch verantwortlichen Minister abzugeben. Dies sei bei Seeckts jetziger Stellung unmöglich. Andererseits will Ebert Seeckt nicht als Reichswehrminister haben. Hasse glaubt, daß kein Kabinett bestehen könne ohne Seeckt und die hinter ihm stehende Macht der Reichswehr. Es bliebe also nur ein kleines vom Reichstag unabhängiges Kabinett mit hervorragender Stellung Seeckts.

122

Am 22.11.23 schrieb Seeckt seiner Frau, er habe am Vortage mit Stresemann eine Unterredung gehabt. „Heute soll er glänzend gesprochen haben [vgl. RT-Bd. 361 ], aber man prophezeit ihm doch den parlamentarischen Tod für morgen. Doch wer weiß? Ich komme eben vom Reichspräsidenten, der auch schon an einem neuen Kabinett arbeitet. Wir kamen nicht friedlich auseinander und wer weiß, ob Du mich bei Deiner Rückkehr nicht am Ende als Arbeitslosen vorfindest. Ich bin ihm zu mächtig geworden. Das ist sicher, und er möchte mich rechtzeitig abfangen, nicht etwa beseitigen, aber niederdrücken. Nun – das muß man dann einmal sehen. Heute Abend soll ich bei Rheinbaben mit einigen Politikastern zusammen sein, […]“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 144). In den Lieber-Aufzeichnungen wird im Abschnitt „Ausnahmezustand“ ein Schreiben Eberts an Seeckt unter dem 22. 11. angeführt: „Einige Anordnung der Mil. Befehlshaber veranlassen den Reichspräsidenten, die Grundlagen für die Handhabung des Ausnahmezustandes festzulegen. Die Übertragung der vollziehenden Gewalt umfaßt nicht das Recht, Gesetze des Reiches oder der Länder aufzuheben oder zu ändern. Der Inhaber der vollziehenden Gewalt beschränkt zwar die Machtbefugnisse der Minister in ihrer Verwaltungstätigkeit, eine Grenze seiner Befugnisse liege in der Tätigkeit der Regierungen als Träger der staatlichen Hoheit und Leiter der Politik des Staates. Er darf daher nicht in die Regierungsgewalt des Reiches oder eines Landes eingreifen. Beamte dürfe er nicht entlassen, wohl aber gegen sie einschreiten“ (BA-MA: NL von Rabenau 40, Bl. 59). Ferner steht im Abschnitt „Andere innenpolitische Fragen“: „Bei der Besprechung mit Ebert hat es sich anscheinend darum gehandelt, ob Seeckt die vollziehende Gewalt wieder genommen werden soll, sowie um Seeckts Stellung in der zukünftigen Regierung“ (ibid., Bl. 61).

Da Albert trotz seiner Ablehnung in erster Linie in Frage kommt, sollen Seeckt und Albert zusammengebracht werden. Dies geschieht am 24. 3. [!] Seeckt und Albert stellen bereits eine Ministerliste auf, als ihnen bekannt wird, daß die bürgerlichen Parteien Albert ablehnen.

Es ist also festzustellen, daß am 23. 11. Seeckt offenbar bereit war, in ein Kabinett Albert in irgendeiner Form einzutreten. […]

Mit der Reichsbank entstehen Schwierigkeiten wegen der Annahme des von Seeckt geschaffenen Notgeldes123.

123

S. dazu Dok. Nr. 272. Hierzu ist auch die Notiz der „Lieber-Aufzeichnungen“ im Abschnitt „Westfragen“ mit dem Datum 28. 11. zu nehmen: „Seeckt empfängt Vertreter aller Parteien aus dem besetzten Gebiet, darunter Adenauer und Louis Hagen. Sie beschweren sich über die Weigerung der Reichsbank, Notgeld der Städte und Industrie anzunehmen, und weisen auf die dann unausbleibliche Hungersnot hin“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 53).

Im Reichstag verteidigt Geßler den Ausnahmezustand so geschickt, daß dieser seiner Beibehaltung zustimmt. Die Regierung Stresemann tritt wegen Ablehnung des Vertrauensantrages zurück124. Hasse hofft, daß wir zu einer Regierung kommen, wie wir sie wünschen, „ohne Seeckt kann sie nicht sein“.

124

Seiner Frau schrieb Seeckt am 24.11.23: „Gestern ein etwas unruhiger Tag, wie Du Dir denken wirst, bis wir gegen 8 Schluß mit Str. machten. Ob etwas besseres kommt? Noch ist nichts entschieden“ (BA-MA: NL von Seeckt  223, Bl. 145).

24. 11. Viele Kanzlerkandidaten treten auf, keiner wendet sich an Seeckt. In der Reichskanzlei glaubt man nicht, daß Ebert Seeckt berufen würde. Hasse glaubt trotzdem, daß Seeckt nötigenfalls doch einspringen müsse.

Große Sorge bereitet die Geldfrage für die Durchführung des Ausnahmezustandes. Es ist nötig, die eingeführten Goldpreise zu senken, da die Gefahr einer Hungersnot besteht und eine Festlegung der Papiermark immer noch nicht möglich ist125.

125

S. hierzu Dok. Nr. 272.

25. 11. Jarres versucht die Kabinettsbildung und verhandelt mit Seeckt. Geßler als Kanzler genannt, Hasse hält ihn für unfähig hierzu126.

126

S. hierzu und zum folgenden die Einleitung zu „Die Kabinette Marx I/II“.

26. 11. Albert versucht, Kabinett zu bilden, verhandelt mit Seeckt, dem er aber die vollziehende Gewalt nehmen will, was Seeckt ablehnt. Abends sind die Führer der Rechtsparteien Hergt und Scholz bei Seeckt.

27. 11. Stegerwald genannt, mit dem Seeckt einverstanden wäre.

29. 11. Marx als Kanzler genannt. Er greift Seeckts Stellung nicht an. Hasse bemerkt, bei den Rechten ginge das Vertrauen zur Führerschaft Seeckts zurück. „Sie erwarteten mehr Aktivität von ihm, die ja zweifellos größer sein könnte. Ich bin nicht enttäuscht, da ich nicht mehr erwartete.“ Auch auf verschiedene[1203] Offiziere des Ministeriums, insbesondere auf Stülpnagel, muß Seeckts Verhalten deprimierend gewirkt haben127.

127

Im Abschnitt „Persönliches“ enthalten die Lieber-Aufzeichnungen mit dem Datum 22. 11. die Notiz: „Stülpnagel ist durch Seeckts Verhalten so niedergeschlagen, daß Hasse um ihn in Sorge ist. Stülpnagel hat Seeckt privatim ‚politisch Feuer gemacht‘ (4. 12.)“ (BA-MA: NL von Rabenau  40, Bl. 55).

30. 11. Marx hat sich mit Seeckt geeinigt, ohne ihn kommt eben kein Kabinett zustande. Die Rechtskreise versuchen nunmehr durch Offiziere des Ministeriums und durch Generale Einfluß auf Seeckt zu gewinnen. […]

Hasse bezeichnet das Kabinett Marx als keinen Erfolg aber auch keinen Rückschritt. Das Ziel bleibe die Wehrhaftmachung Deutschlands auch bei diesem nicht nach Wunsch ausgefallenen Kabinett.

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