2.145.1 (wir1p): [Reparationszahlungen]

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Die Kabinette Wirth I und II (1921/22). Band 1Bild 146III-105Bild 183-L40010Plak 002-009-026Plak 002-006-067

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[Reparationszahlungen]

Staatssekretär Schroeder: Er habe gestern zusammen mit Staatssekretär Dr. Hirsch sich mit Herrn Bradbury unterhalten1 und ihm gesagt, daß er seinen neulich geäußerten Gedanken folgendermaßen verstanden hatte: Wenn die Industrie jetzt einen kurzfristigen Kredit in Anspruch nähme, dann würden ihre späteren Warenlieferungen zur Abdeckung dieses Kredits benutzt werden, die bei diesen Warenlieferungen eingehenden Devisen also frei von der direkten Devisenerfassung2 sein. Bradbury habe die Richtigkeit dieser Auffassung ihm und dem Staatssekretär Hirsch ausdrücklich bestätigt.

1

Bericht hierüber siehe Dok. Nr. 141, Anm. 5.

2

Verbessert aus: 26%igen Ausfuhrabgabe.

Staatssekretär Dr. Hirsch: In der Besprechung mit Bradbury habe dieser ferner zum Ausdruck gebracht, daß er sich mit den Franzosen über die künftige Behandlung der Dinge nicht einig sei. Er, Bradbury, stände auf dem Standpunkt, daß die jetzt erfolgenden Zahlungen später berücksichtigt werden müßten. Dies sei bei den Franzosen schwer durchzusetzen. Als er, Bradbury, mit den französischen Mitgliedern hierüber gesprochen habe, sei das Wort „Ruhrbesetzung“ gefallen.

Reichskanzler Lord Kindersley sei in Berlin anwesend und würde auf Veranlassung von Bradbury noch einige Tage bleiben. Kindersley habe ihm, dem[395] Kanzler gesagt, daß in England eine Bereitwilligkeit zur Kreditgewährung bestände, aber nur unter der Bedingung, daß der Zahlungsplan so abgeändert werde, daß er ökonomisch tragbar sei. Kindersley ginge heute mit Mendelssohn zu Havenstein, um bei diesem folgendes anzuregen: Havenstein solle an den Gouverneur der Bank von England herantreten, damit diese die Bedingungen nenne, unter denen sie zur Gewährung von Krediten bereit sei. Die Erklärung zur Bereitwilligkeit würde dann mit der obigen Bedingung erfolgen.

Geheimrat Bücher unterstreicht die Bedeutsamkeit dieser Mitteilung. Kindersley gehöre zu der Firma Lazard Brothers, die auch in Paris und New York Häuser hätte. Er sei durch den Tod seines im Kriege gefallenen Sohnes stark antideutsch. Um so bedeutsamer sei es, wenn von ihm ein solcher Vorschlag ausginge. Er rede wahrscheinlich nicht nur für die Bank von England, sondern zugleich für das Konsortium der Mendelssohn-Kredite.

Der Reichskanzler erörtert, ob der geplante Brief an den Reichsverband der Industrie zweckmäßig jetzt abgesandt werde3. Möglicherweise würden dadurch zwei sich gegenseitig paralysierende Bewegungen hervorgerufen.

3

Das folgende, als streng vertraulich gekennzeichnete Schreiben des RK an den Präsidenten des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Bücher, vom 12.11.1921 wird, den in den Akten liegenden Empfangsbescheinigungen zufolge, Bücher, sowie abschriftlich zur Kenntnisnahme und mit der Bitte, das Schriftstück nicht in den Geschäftsgang zu geben, den StS Hirsch, von Simson, Schroeder und MinDir. Müller erst am 15.11.21 überreicht: „Unabhängig von den seit Anfang September im Gang befindlichen Erörterungen über die langfristige Kreditaktion der deutschen Industrie richte ich hierdurch an Sie die Bitte, feststellen zu wollen, ob die deutsche Industrie in der Lage und bereit sein würde, der Reichsregierung für die Abdeckung der im Januar und Februar fälligen baren Raten der Reparationszahlung einen Betrag von etwa 500 Mio Goldmark in Auslandszahlungsmitteln, insbesondere aufgrund kurzfristiger Kredite zur Verfügung zu stellen. Die Reichsregierung geht hierbei davon aus, daß die zur Abdeckung notwendigen Exportdevisen während der für diese Zahlung notwendigen Frist und unter Berücksichtigung insbesondere des Rohstoffbedarfs der betreffenden Firmen von der sonst stattfindenden bereits angeordneten oder noch anzuordnenden Pflichtablieferung von Devisen freigelassen würden. Nach vorläufiger Fühlungnahme mit der Reparationskommission besteht bei ihr die Ansicht auf Berücksichtigung dieser Voraussetzung. – Falls die Industrie zur Bereitstellung dieser Summen bereit wäre, wäre ich ferner dankbar für eine Angabe, welche Frist für die Abdeckung dieses Darlehens nach der Auffassung des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie für den obengenannten Betrag etwa in Frage kommen würde. Für eine möglichst baldige Äußerung wäre ich im Interesse des Fortschreitens der im Gange befindlichen Verhandlungen mit der Reparationskommission dankbar. gez. Wirth.“ (Stark redigierter Entwurf und die hier abgedruckte Abschrift der Ausfertigung in R 43 I/2449, Bl. 232, 238-240).

Geheimrat Bücher: Er habe sich die Antwort auf den ihm inhaltlich bereits bekannten Brief überlegt. In dieser Antwort würde er auseinandersetzen, aus welchen Gründen die Industrie über große Kredite nicht verfüge, in erster Linie infolge der Negativität der Zahlungsbilanz. Ferner würde er die Frage stellen, wie sich die Reichsregierung die Ernährung des Volkes von Mai an denke, wenn die Industrie jetzt ihr Letztes hergäbe. Weiter würde er sagen, daß die Industrie nur als ehrlicher Kaufmann handeln, also nur diskontfähige Wechsel unterschreiben könne. Die Aufnahme kurzfristiger Kredite würde die Industrie ruinieren, wenn nicht eine Stundung oder Änderung der Zahlungen des Londoner Zahlungsplanes erfolge.

Der Reichskanzler Dieser Brief könnte s. E. erst verwandt werden, wenn wir aus London Bescheid wüßten.

[396] Geheimrat Bücher hält es für notwendig, um die Kreditunfähigkeit zu erweisen, eine Kreditaufnahme nach dem Muster der Mendelssohnkredite zu versuchen4.

4

Siehe Dok. Nr. 68 Anm. 3.

Der Reichskanzler spricht sich dafür aus, zunächst die Aktion Havenstein zu betreiben. Die Aktion mit der Industrie könne nebenbei laufen.

Staatssekretär Schroeder hält es für zweckmäßig, den Brief an die Industrie sofort abzusenden und über die Antwort alsbald mit der Reparationskommission zu sprechen. Dabei müsse man ihr sagen, daß als weiterer Schritt der Regierung der Versuch Havenstein unternommen würde. Der Reparationskommission müsse unzweideutig gesagt werden, daß diese Schritte nur möglich seien, wenn eine feste Zusage auf Stundung der späteren Raten gegeben würde. Gehe die Reparationskommission von Berlin weg, ohne daß man der Öffentlichkeit mitteilen könne, daß bei den späteren Raten Rücksicht obwalten werde, so würde die Mark ins Bodenlose stürzen. Fortsetzung der Besprechung nachmittags ¾ 4 Uhr.

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